Iran verliert sein Druckmittel und weitet den Kampf auf den Golf ausIran verliert sein Druckmittel und weitet den Kampf auf den Golf aus
Teheran droht, weitere Schifffahrtsrouten zu schließen, während seine Kontrolle über Hormus sichtbar bröckelt. Stunden später wurde ein Tanker fast 100 Kilometer vor Katars Küste von mehreren Projektilen getroffen. Zugleich erreichten die Angriffe auf Handelsschiffe den höchsten Wochenwert seit Kriegsbeginn.

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Iran versucht, den Persischen Golf wieder zu einem wirksamen Druckmittel gegen die USA und die WeltwirtschaftStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen zu machen. Mohammad-Reza Naqdi, Berater des Kommandeurs der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen, kündigte an, Teheran werde weitere aus iranischer Sicht „illegale“ Schifffahrtsrouten in der Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen schließen. Gemeint sind vor allem südliche Passagen nahe der omanischen Küste, die Schiffe nutzen, um den von Iran bedrohten nördlichen Teil der Meerenge zu umgehen. Naqdi behauptete zugleich, Hormus sei geschlossen und stehe vollständig unter Kontrolle der Islamischen Republik. Die tatsächlichen Verkehrsdaten zeichnen ein anderes Bild: Öl fließt weiterhin in großem Umfang aus der Region, alternative Exportwege haben stark an Bedeutung gewonnen und selbst durch Hormus werden trotz iranischer Angriffe weiter Millionen Barrel täglich transportiert.
Wenige Stunden nach der iranischen Drohung ereignete sich jedoch ein ungewöhnlicher Angriff weit westlich der Meerenge. Ein Tanker meldete am Mittwochabend, etwa 51 Seemeilen, rund 94 Kilometer, nördlich der katarischen Stadt Madinat ash Shamal von mehreren Projektilen getroffen worden zu sein. Die britische Seefahrtsbehörde UKMTO bestätigte den Angriff und meldete mehrere Opfer, machte zunächst jedoch keine Angaben darüber, ob Menschen getötet oder verletzt wurden. Auch der Name des Schiffes und die Herkunft der Projektile wurden von UKMTO zunächst nicht veröffentlicht. Eine unabhängige Zuweisung des Angriffs an Iran liegt deshalb bislang nicht vor. Der Ort ist dennoch bemerkenswert: Die meisten Angriffe der vergangenen Wochen konzentrierten sich auf Hormus und den Golf von Oman. Der neue Angriff erfolgte hunderte Kilometer weiter westlich und damit in einem Gebiet, in dem Tanker bislang deutlich weniger gefährdet waren.
Das verändert die strategische Lage. Wenn Schiffe den iranischen Druck in Hormus umgehen können, verliert Teheran einen erheblichen Teil seines wichtigsten wirtschaftlichen Hebels. Wenn jedoch auch die Ausweichrouten im eigentlichen Persischen Golf unsicher werden, steigt der Preis für die gesamte Region. Katar, Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate wären dann nicht mehr nur vom Engpass Hormus betroffen. Die Unsicherheit würde in jene Seegebiete hineinreichen, über die ihre Tanker zunächst überhaupt erst zur Meerenge gelangen.
Zwölf Angriffe in einer Woche, aber das Öl fließt weiter
Die Eskalation ist bereits messbar. Nach Reuters-Auswertungen ereigneten sich zwischen dem 28. September und dem 5. Oktober mindestens zwölf Angriffe, Angriffsversuche oder schwere Belästigungen gegen Öl- und Gastanker im Umfeld von Hormus. Das ist der höchste Wochenwert seit Beginn des Krieges am 28. Februar. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation der Vereinten Nationen hatte bis zum 6. Oktober allein seit Ende September mindestens neun bestätigte Zwischenfälle registriert. Mehrere Schiffe wurden beschädigt. Bereits im September gab es Tote und Verletzte unter Seeleuten.
Zu den iranischen Methoden gehören dabei nicht nur direkte Treffer. Das von den USA geführte maritime Informationszentrum berichtet über Drohnenflüge über Handelsschiffen, Verfolgungen, aggressive Funkkontakte und Drohungen gegen Besatzungen. Schiffe haben nach solchen Warnungen ihre Fahrt abgebrochen oder gewendet. Das Ziel ist erkennbar: Selbst dort, wo Iran ein Schiff nicht versenkt, steigen Versicherungsprämien, Charterkosten und das Risiko für Reedereien und Besatzungen.
Trotzdem funktioniert Teherans wirtschaftliche Erpressung immer schlechter. haOlam hatte bereits Anfang Oktober berichtet, dass sich der Ölfluss aus der Golfregion überraschend stark erholt hat. Neue Daten zeigen nun das widersprüchliche Bild noch deutlicher. Am 6. Oktober passierten nur sieben größere Frachtschiffe die Straße von Hormus, so wenige wie seit mehr als zwei Monaten nicht mehr. Der Rohölfluss durch die Meerenge sank auf etwa 10,1 Millionen Barrel täglich und lag damit rund 26 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Gleichzeitig stiegen die Exporte über den Golf von Oman, das Rote Meer und andere Routen auf etwa 6,7 Millionen Barrel pro Tag. Zusammengenommen liegen die Rohölexporte aus der Region damit wieder ungefähr auf dem Niveau vor dem Krieg.
Noch Ende September hatte Kpler einen Sieben-Tage-Durchschnitt von rund 18,3 Millionen Barrel täglich für die regionalen Rohölexporte gemessen. An 14 Tagen des Monats lagen die Mengen sogar über dem Vorkriegsniveau. Saudi-Arabien nutzt seine Ost-West-Pipeline zum Roten Meer stärker, die Emirate verfügen über die Leitung nach Fujairah außerhalb von Hormus, und Tanker arbeiten zunehmend mit Umladungen und veränderten Routen. Die USA sichern zugleich einen Teil des Verkehrs militärisch ab.
Genau deshalb ist die Behauptung der Revolutionsgarden, Iran habe Hormus vollständig unter Kontrolle, nur schwer mit den tatsächlichen Warenströmen vereinbar. Teheran kann den Verkehr gefährlicher, teurer und unberechenbarer machen. Eine dauerhafte vollständige Blockade hat es bislang jedoch nicht durchgesetzt.
Je weniger die Blockade wirkt, desto aggressiver wird Teheran
Das ist für die iranische Führung ein strategisches Problem. Die Drohung mit Hormus gehörte jahrzehntelang zu den stärksten Karten des Regimes. Rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und LNG-Handels passiert normalerweise diese Region. Schon die Aussicht auf eine Sperrung konnte Märkte bewegen und westliche Regierungen unter Druck setzen. Wenn Produzenten, Reedereien und die US-Marine lernen, einen immer größeren Teil dieses Drucks zu umgehen, verliert die Drohung ihren Wert.
Die derzeitige Reaktion Teherans deutet darauf hin, dass das Regime genau diesen Verlust erkennt. Statt eine funktionierende Blockade zu verwalten, versucht es offenbar, die Kosten der Umgehung zu erhöhen. Naqdis Ankündigung, weitere Routen zu schließen, passt dazu. Ebenso passt dazu die außergewöhnliche Häufung von Angriffen auf Handelsschiffe. Der Angriff vor Katar zeigt, welches Eskalationspotenzial daraus entsteht, selbst solange die Täterschaft im konkreten Fall noch ungeklärt ist.
Für den Weltmarkt bedeutet das eine paradoxe Situation. Es fehlt derzeit nicht in erster Linie an Rohöl. Das Problem sind Transport, Sicherheit und Kosten. Brent-Rohöl stieg am Donnerstag wieder deutlich über 100 Dollar je Barrel. Tankerversicherungen und Frachtraten liegen weit über früheren Niveaus. Schiffe benötigen militärische Begleitung oder kompliziertere Routen. Gleichzeitig bleiben Raffineriekapazitäten und bestimmte Ölprodukte knapp. Iran kann den weltweiten Ölstrom also nicht stoppen, aber weiterhin teuer machen.
Für Washington entsteht daraus ebenfalls eine schwierige Rechnung. Die amerikanische Strategie hat Teherans Kontrolle über Hormus sichtbar geschwächt. CENTCOM erklärte bereits im Sommer, hunderte Handelsschiffe und hunderte Millionen Barrel Öl durch die Meerenge begleitet zu haben. Gleichzeitig griffen US-Streitkräfte iranische Radarstellungen, Raketenanlagen, Drohnenstandorte, kleine Kampfschiffe und andere maritime Fähigkeiten an. Noch Anfang September zerstörte CENTCOM drei iranische Tanker, nachdem die Revolutionsgarden Raketen auf zwei amerikanische Kriegsschiffe abgefeuert hatten.
Damit hat sich der Konflikt zu einem Kreislauf entwickelt. Iran greift Schiffe an, die USA zerstören iranische Fähigkeiten, der Verkehr findet neue Wege und Teheran versucht anschließend, auch diese Wege unsicher zu machen.
haOlam hat diese Entwicklung seit Wochen verfolgt. Anfang September passierten trotz iranischer Drohungen wieder große Ölmengen die Meerenge. Anfang Oktober lagen die regionalen Exporte bereits nahe am Vorkriegsniveau. Die aktuelle Eskalation widerlegt diese Entwicklung nicht. Sie erklärt vielmehr, warum Teheran nun versucht, seinen Einfluss über Hormus hinaus auszudehnen.
Das Regime verliert sein stärkstes wirtschaftliches Druckmittel.
Also versucht es, das gesamte Seegebiet zum Druckmittel zu machen.
Der Tanker vor Katar zeigt, wie gefährlich dieser nächste Schritt werden kann. Sollte sich bestätigen, dass iranische Kräfte oder iranisch gesteuerte Akteure hinter Angriffen weit außerhalb der Straße von Hormus stehen, wäre das keine bloße Fortsetzung der bisherigen Blockadestrategie mehr. Es wäre der Versuch, den sicheren Schiffsverkehr im gesamten Persischen Golf unter Vorbehalt Teherans zu stellen.
Genau deshalb ist die Entwicklung trotz wieder steigender Ölexporte keine Entwarnung.
Iran kann Hormus offenbar nicht mehr zuverlässig schließen.
Aber das Regime besitzt weiterhin genügend Raketen, Drohnen und maritime Fähigkeiten, um dafür zu sorgen, dass die Welt den Preis für diesen Kontrollverlust zahlt.
Autor: Redaktion
Freitag, 09 Oktober 2026