Nach dem Tod von Papst Franziskus: Warum Israel schweigt – und dieses Schweigen nicht herzlos ist

Nach dem Tod von Papst Franziskus: Warum Israel schweigt – und dieses Schweigen nicht herzlos ist


Kein offizielles Beileid von Premierminister oder Außenminister – hinter der Zurückhaltung steckt kein Zynismus, sondern tiefes Unverständnis über die Worte des Papstes zur Lage in Israel

Nach dem Tod von Papst Franziskus: Warum Israel schweigt – und dieses Schweigen nicht herzlos ist
Von Conferencia Episcopal Española - JMJ Lisboa 2023 papa Francisco 5, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=142844333

Die Welt verneigt sich vor einem verstorbenen Papst – IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen schweigt. Seit der Todesnachricht von Papst Franziskus gaben Staatsoberhäupter weltweit ihre Trauer kund. Auch politische Rivalen, auch säkulare Führer erkannten die Größe dieses Moments. Doch aus JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen kamen kaum offizielle Worte. Kein Statement des Premierministers. Keine Reaktion des Außenministeriums – zumindest keine, die nicht gleich wieder gelöscht wurde. Nur Präsident Herzog fand diplomatische Worte der Würde.

Was nach außen wie Kälte wirkt, ist in Wahrheit Ausdruck einer tiefen inneren Zerrissenheit. Denn der Verstorbene war nicht nur ein geistlicher Führer von über einer Milliarde Menschen – er war zuletzt auch ein lautstarker Kritiker Israels, der in einem Moment äußerster nationaler Verletzlichkeit schwere Vorwürfe erhob.

Als jüdische Familien in Israel noch um die Ermordeten des 7. Oktober trauerten, als Kleinkinder als Geiseln in Gaza7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen festgehalten wurden, als das ganze Land im Schock erstarrt war – da sagte Papst Franziskus, Israel führe „keinen Krieg“, sondern betreibe „Grausamkeit“. Er sprach von „Kindern, die mit Maschinengewehren niedergemäht“ würden. Er sprach von „genozidähnlichen“ Zuständen in Gaza. Worte, die in Israel Wunden rissen, keine Brücken bauten.

Viele Israelis, darunter auch ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen-Überlebende, konnten nicht fassen, dass ausgerechnet der Papst – eine moralische Instanz – in einem so komplexen und emotionalen Moment derart einseitig sprach. Wer so spricht, stellt sich nicht nur gegen Israels Regierung, sondern gegen ein traumatisiertes Volk, das um sein Überleben ringt.

Es geht nicht um einen politischen Disput. Es geht um Würde. Um die Frage, wie viel ein jüdisches Leben im moralischen Urteil der Welt wiegt. Wenn 1.200 Menschen in Israel an einem Tag ermordet werden – Babys, Mütter, Holocaustüberlebende –, und das Oberhaupt der katholischen Kirche dennoch Israel als Täter brandmarkt, darf man dann von Israel erwarten, zur Tagesordnung überzugehen?

Dennoch ist das Schweigen Israels kein Zeichen von Hass oder Rache. Es ist ein stilles, schweres Zeichen: So tief sitzen die Verletzungen. Die gelöschten Social-Media-Posts zeigen, dass es durchaus den Wunsch nach einem würdigen, wenn auch zurückhaltenden Abschied gab – doch selbst dieser wurde intern infrage gestellt. Kein Hass, sondern Schmerz.

Natürlich hat auch Raphael Schutz, Israels ehemaliger Botschafter beim Vatikan, recht, wenn er sagt: Der Papst war nicht nur ein Staatsmann, sondern auch spirituelles Oberhaupt für ein Fünftel der Menschheit. Und ja – aus diplomatischer Sicht hätte ein stilles Zeichen der Anteilnahme womöglich eine Brücke gebaut.

Aber manchmal ist Diplomatie nicht alles. Manchmal muss das moralische Gewicht der eigenen Trauer berücksichtigt werden. Israel hat den 7. Oktober nicht vergessen – und kann nicht so tun, als wären die Monate danach ohne Bedeutung.

Die Welt wird sehen, ob Israel Delegierte zur Beerdigung entsendet. Es wäre ein starkes Zeichen der Größe. Aber selbst wenn es bei der Zurückhaltung bleibt: Dieses Schweigen ist nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit – sondern ein stilles, aufrichtiges Ringen um Anstand und Selbstachtung.




Autor: Redaktion
Dienstag, 22 April 2025

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