Mehrheit der Israelis zweifelt am Erfolg von Geiselbefreiung und Hamas-ZerschlagungMehrheit der Israelis zweifelt am Erfolg von Geiselbefreiung und Hamas-Zerschlagung
Eine neue Umfrage zeigt, wie tief die Skepsis in Israels Gesellschaft sitzt – trotz ungebrochener Entschlossenheit der Armee

IDF
Während die israelische Armee weiter im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen vorrückt, zeigen aktuelle Zahlen, dass viele Israelis nicht mehr an die vollständige Erfüllung der Kriegsziele glauben. Operation „Gideons Streitwagen“, benannt nach dem biblischen Krieger, hat bislang nicht die Hoffnung in der Bevölkerung geweckt, die man sich nach dem Schock des 7. Oktober vielleicht gewünscht hätte. Im Gegenteil: Die emotionale Distanz zwischen dem Ziel und der Erwartung wächst.
Eine neue Umfrage des IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen Democracy Institute (IDI), veröffentlicht am Freitag, bringt diese Ernüchterung mit Zahlen auf den Punkt. Nur 37 Prozent der Israelis glauben noch daran, dass die Geiseln lebend zurückkehren. Gerade einmal 38,5 Prozent sind der Ansicht, die Armee werde HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen besiegen und deren Herrschaft in Gaza beenden. Ein alarmierender Stimmungswert – gerade für eine Gesellschaft, die sich seit Monaten in einem Krieg der Notwendigkeit wähnt, nicht der Wahl.
Noch deutlicher wird das Misstrauen beim Blick auf die arabisch-israelischen Befragten. Nur 27,5 Prozent von ihnen glauben an eine Rückkehr der Geiseln, 31 Prozent an eine Niederlage der Hamas. Bei jüdischen Israelis liegt der Glaube an diese Ziele immerhin höher – doch selbst dort spricht die Mehrheit von einer nüchternen Einschätzung: 39 Prozent trauen der Armee die Geiselbefreiung zu, 40 Prozent das Ende der Hamas-Herrschaft.
Das größte Gefälle zeigt sich erwartungsgemäß entlang parteipolitischer Linien. Wähler der Religiösen-ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen-Partei glauben mit 65 Prozent an die Rückkehr der Geiseln, ebenso viele an einen Sieg über Hamas. Bei den Wählern der oppositionellen Arbeitspartei, heute „Die Demokraten“, sind es gerade einmal 7 Prozent. Selbst in den Reihen von Netanjahus eigener Likud-Partei zeigen sich tiefe Zweifel: Nur 27 Prozent glauben an eine Rückkehr der Geiseln, lediglich 31 Prozent an einen militärischen Erfolg gegen Hamas.
Es ist ein Stimmungsbild voller Kontraste – zwischen Wunsch und Realität, zwischen Loyalität und ernüchterter Analyse. Es zeigt eine Gesellschaft, die kämpft, aber sich auch fragt, ob sie den Preis für einen Sieg bezahlt, den viele nicht mehr kommen sehen.
Geteilte Sicht auf Trump – Hoffnungsträger oder verlorene Wette?
Auch der Blick auf Israels wichtigsten Verbündeten zeigt ein gewandeltes Stimmungsbild. Gefragt nach dem Stellenwert, den US-Präsident Donald Trump Israels SicherheitStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen beimisst, antworten 47 Prozent, sie sei ihm „in hohem oder sehr hohem Maß“ wichtig. Fast ebenso viele – 46 Prozent – glauben das Gegenteil. Noch im November 2024 hatten 63 Prozent das Vertrauen, Trump werde sich mit voller Überzeugung hinter Israel stellen.
Hat sich etwas an seiner Haltung geändert? Oder haben sich die Erwartungen der Israelis gewandelt? Es ist ein subtiler Bruch im Vertrauensverhältnis, der viel über das wachsende Gefühl politischer Einsamkeit verrät. Selbst die engsten Freunde in Washington scheinen vielen Israelis heute weiter weg als je zuvor.
Humanitäre Hilfe für Gaza – eine Frage des Gewissens oder der Strategie?
Die Frage nach humanitärer Hilfe für Gaza spaltet ebenfalls. 54 Prozent sprechen sich dagegen aus, die Hilfslieferungen zu erhöhen – nur 38 Prozent befürworten mehr Hilfe. Unter arabischen Israelis fordern mehr als drei Viertel eine Aufstockung, während unter jüdischen Israelis nicht einmal ein Drittel diese Meinung teilt.
Auf der linken Seite des politischen Spektrums zeigt sich ein völlig anderes Bild: 75 Prozent der linken jüdischen Israelis sprechen sich für mehr Hilfe aus, im Zentrum sind es 42 Prozent, auf der Rechten nur 17 Prozent. Es ist nicht nur ein Streit um Kisten mit Nahrungsmitteln – es ist ein Spiegelbild der tieferen Debatte über Verantwortung, Menschlichkeit und politische Wirksamkeit.
Knapp die Hälfte der Befragten findet, eine internationale Organisation solle für die Verteilung der Hilfsgüter zuständig sein. Ein Viertel spricht sich für die israelische Armee oder eine staatliche Behörde aus. Nur kleine Gruppen sehen die Verantwortung bei der Palästinensischen Autonomiebehörde (9 Prozent) oder bei privaten Firmen (8 Prozent). Die jüdischen Befragten tendieren klar zu internationaler oder israelischer Kontrolle – arabische IsraelisArabische Israelis: Bürger Israels zwischen Zugehörigkeit und KonfliktArabische Israelis sind Bürger des Staates Israel mit arabischer Herkunft, darunter Muslime, Christen, Drusen und Beduinen. Sie besitzen israelische Staatsbürgerrechte, sind politisch vertreten und leben zugleich in einer komplexen Identitätslage.Mehr lesen wünschen sich eher palästinensische oder neutrale Akteure.
Flugstreichungen nach Israel: Sicherheitslage oder politische Botschaft?
Auch bei der aktuellen Welle von Flugstreichungen internationaler Airlines zeigt sich ein differenziertes Meinungsbild: Rund 60 Prozent der Befragten – sowohl jüdische als auch arabische Israelis – führen die Absagen auf die objektive Sicherheitslage zurück. Etwas mehr als ein Viertel sieht darin hingegen eine Reaktion auf Israels Vorgehen im Gazastreifen.
Bemerkenswert: Auf der politischen Linken glauben 69 Prozent, dass es an der Sicherheitslage liegt, im Zentrum 62 Prozent, auf der Rechten 58 Prozent. Selbst wer Israels Gaza-Politik kritisiert, sieht offenbar in der konkreten Bedrohung die Ursache – nicht in moralischer Ablehnung.
Israel kämpft nicht nur an der Front – sondern auch um Vertrauen, Glauben und Sinn. Die Umfrageergebnisse offenbaren keine Kapitulation, sondern einen Realismus, der mit dem Überlebenswillen des Landes ringt. Die Bevölkerung steht weiter hinter der Armee, aber sie verlangt Antworten: Wie lange noch? Zu welchem Preis? Und mit welchem Ausgang?
Was bleibt, ist ein wachsendes Gefühl von Isolation. Doch gerade in dieser Lage zeigt sich, was israelische Resilienz ausmacht: Nicht der naive Glaube an einfache Lösungen – sondern das Durchhalten trotz Zweifel. Auch Gideon, der Namensgeber der Operation, trat einst mit wenigen Männern gegen eine übermächtige Armee an. Nicht aus Übermut – sondern aus Prinzip.
Autor: Redaktion
Freitag, 06 Juni 2025