Soleimanis Schatten verblasst: Warum Irans Stellvertreterarmeen versagt haben

Soleimanis Schatten verblasst: Warum Irans Stellvertreterarmeen versagt haben


Teherans einst so schlagkräftiges Machtmodell ist an seiner eigenen Realität gescheitert – und offenbar nicht mehr zur gemeinsamen Front fähig

Soleimanis Schatten verblasst: Warum Irans Stellvertreterarmeen versagt haben
By Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=119050719

Die islamische Republik Iran setzte über Jahrzehnte auf drei Säulen zur Machtsicherung und Expansion im Nahen Osten: das Atomprogramm, das Arsenal ballistischer Raketen – und ein Netzwerk aus politischen und militärischen Stellvertreterorganisationen. Letzteres galt als besonders wirksam. Es war das Projekt von Qassem Soleimani, dem legendären Kommandeur der Quds-Brigaden, der die Idee perfektionierte, dass sich Staaten durch kontrollierte „Deep States“ von innen heraus dominieren lassen. Doch das Modell zeigt in den aktuellen Konflikten eklatante Risse – und möglicherweise das Ende eines lange erfolgreichen Systems.

In den letzten zwölf Tagen des Iran-IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen-Krieges hat sich gezeigt, wie begrenzt Irans militärische Optionen geworden sind. Teile des Atomprogramms wurden bei israelischen Luftschlägen beschädigt, auch Raketenbasen litten. Doch es ist der dritte Pfeiler – die Proxies –, der Iran in besonderer Weise im Stich lässt. Und das liegt nicht an militärischer Schwäche, sondern an einem strategischen Denkfehler, der nun offen zutage tritt.

Der Irrtum im Herzen der Strategie

Soleimanis Plan war einfach und – auf dem Papier – genial: In fragilen oder autoritär geführten Staaten sollten schlagkräftige Organisationen etabliert oder übernommen werden, die militärisch und politisch operieren können – jedoch vollständig an Teheran gebunden bleiben. Diese Strukturen – vom Libanon über GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen bis nach Syrien, Irak und Jemen – sollten mehr Einfluss als die jeweiligen Regierungen erhalten, aber nicht autonom handeln. Der Iran wollte auf diese Weise eine Art Schattenmacht etablieren, die bei Bedarf schlagartig und koordiniert handeln kann – auch gegen Israel.

Und jahrelang funktionierte das Modell: Die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen zwang Israel 2000 zum Rückzug aus dem Libanon, HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen übernahm Gaza, schiitische MilizenSchiitenmilizen: Irans bewaffnete Netzwerke im Nahen OstenSchiitenmilizen sind bewaffnete Gruppen mit schiitischem Hintergrund, die besonders im Irak und in Syrien aktiv sind. Viele von ihnen werden vom Iran unterstützt, ausgebildet oder politisch beeinflusst und gehören zum regionalen Netzwerk der Quds-Einheit und der Revolutionsgarden.Mehr lesen dominierten den Irak nach dem Zerfall der ISIS, in Syrien hielten iranische Kämpfer Assad an der Macht, und im Jemen kontrollierten die HuthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen-Milizen die Hauptstadt Sanaa. Alles schien nach Plan zu verlaufen.

Bis zum 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen.

Wenn Loyalitäten kollidieren

Die Terrorangriffe der Hamas auf Israel am 7. Oktober kamen ohne Rücksprache mit Teheran – so zumindest der aktuelle Erkenntnisstand. Hamas nutzte iranisches Know-how und Waffen, aber entschied selbstständig über Zeit und Form des Angriffs. Die Erwartung: Die anderen Iran-nahen Gruppen würden folgen.

Doch genau das geschah nicht. Die Reaktionen der Proxies waren zögerlich, unkoordiniert, bruchstückhaft. Keine gemeinsame Strategie, keine echte Allianz, kein einheitliches Kommando. Stattdessen: einzelne Angriffe, symbolische Drohgebärden, leere Drohnenstarts – ohne entscheidende Wirkung. Israel konnte jeden Gegner einzeln ins Visier nehmen und zuschlagen.

Spätestens nach dem israelischen Vergeltungsschlag auf iranisches Territorium vor zwei Wochen erwartete man ein Aufbegehren. Ein Zeichen der Vergeltung. Einen Schulterschluss. Doch nichts davon trat ein.

Der Moment der Wahrheit

Weder Hisbollah noch die schiitischen Milizen im Irak noch die Huthis in Jemen griffen militärisch ernsthaft ein. Warum? Weil sie längst eigene Interessen, Vermögen, Machtzentren entwickelt haben – und nicht bereit sind, diese auf dem Altar iranischer Ideologie zu opfern. Der Libanon steht wirtschaftlich am Abgrund, die Bevölkerung hat keine Geduld mehr mit Kriegen „für Iran“. Selbst in den Reihen der schiitischen Amal-Bewegung wuchs der Widerstand gegen einen neuen Krieg mit Israel. Im Irak war es der einflussreiche Moqtada al-Sadr, der zum Rückzug mahnte – aus Kalkül, nicht aus Solidarität.

Soleimanis großer Fehler war die Annahme, dass religiöse oder ideologische Bindungen stärker seien als lokale Interessen. Dass Hisbollah, Hamas, Huthis und Co. wie Glieder eines einzigen Körpers funktionieren würden – mit Teheran als Kopf. Doch im Ernstfall handelten sie wie souveräne Akteure – oder wie Unternehmen, die ihre Investitionen nicht gefährden wollten.

Der Vergleich mit früheren historischen Allianzen drängt sich auf: Die sozialistischen Parteien Europas wollten 1914 gemeinsam den Krieg verhindern – und marschierten dann jeweils für ihre Nationalstaaten. Die kommunistische Welt zerbrach nicht an äußeren Feinden, sondern an innerem Nationalismus. Auch Irans schiitische Internationale scheint an Grenzen gestoßen, die nicht militärischer, sondern struktureller Natur sind.

Eine Allianz ohne Zentrum

Das bedeutet nicht, dass Irans Stellvertreternetzwerk zerstört ist. Die Hisbollah bleibt eine Macht im Libanon, Hamas hat Gaza trotz immenser Verluste nicht völlig verloren, die Huthis kontrollieren weiter weite Teile Jemens. Aber sie alle verfolgen längst ihre eigenen Ziele – und handeln taktisch, nicht im Gleichschritt mit Iran. Die Idee eines schlagkräftigen, disziplinierten „Gegen-NATO“, geführt aus Teheran, ist in der Realität nicht umsetzbar. Sie scheitert an Egoismus, Politik, Machtkalkül – und daran, dass nicht jede Gruppe bereit ist, für den Iran den eigenen Untergang zu riskieren.

Was bleibt, ist ein Machtverlust durch Enttäuschung. Denn der Moment, in dem Iran das volle Potenzial seiner Allianzen hätte abrufen können – der Moment, in dem das Gleichgewicht im Nahen Osten hätte kippen können –, wurde nicht genutzt. Und er wird in dieser Form vielleicht nicht wiederkommen.




Autor: Bernd Geiger
Sonntag, 29 Juni 2025

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