Israels neuer Verbündeter? Warum Syriens Annäherung die Türkei in Panik versetzt

Israels neuer Verbündeter? Warum Syriens Annäherung die Türkei in Panik versetzt


Der neue syrische Präsident Ahmed al-Sharaa flirtet mit den Abraham-Abkommen – nicht aus Liebe zu Israel, sondern aus strategischem Kalkül. Die Folge: Ein tektonischer Riss in der türkischen Nahost-Strategie.

Israels neuer Verbündeter? Warum Syriens Annäherung die Türkei in Panik versetzt
By Presidency of the Syrian Arab Republic - Presidency of the Syrian Arab Republic, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=168238485

Was sich derzeit in Damaskus abspielt, könnte die geopolitische Ordnung des Nahen Ostens nachhaltig verändern. Der neue syrische Präsident Ahmed al-Sharaa, Nachfolger des gestürzten Diktators Bashar al-Assad, hat hinter den Kulissen erste Schritte unternommen, um sich IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen anzunähern – und womöglich einem erweiterten Abraham-AbkommenAbraham-Abkommen: Israels Durchbruch in der arabischen WeltDie Abraham-Abkommen sind Normalisierungsvereinbarungen zwischen Israel und mehreren arabischen beziehungsweise muslimisch geprägten Staaten. Sie begannen 2020 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain.Mehr lesen beizutreten. Der Grund ist dabei weniger ein ideologischer Wandel, sondern ein eiskalter Machtpoker gegen die Türkei.

Während Recep Tayyip ErdoÄŸan weiter mit aller Härte versucht, Israel international zu isolieren und moralisch zu delegitimieren, könnte ausgerechnet ein Land, das jahrzehntelang eng mit der „Achse des WiderstandsAchse des Widerstands: Irans Terrornetzwerk gegen Israel„Achse des Widerstands“ ist die Eigenbezeichnung eines von Iran unterstützten Netzwerks aus Terrororganisationen und Milizen. Dazu zählen unter anderem Hisbollah, Hamas, Islamischer Dschihad, Huthi und proiranische Milizen im Irak und in Syrien. Das Netzwerk bedroht Israel mit Raketen, Drohnen, Terroranschlägen und Stellvertreterkrieg.Mehr lesen“ verbandelt war, plötzlich auf die Seite Israels kippen. Für Ankara ist das ein strategischer Albtraum – und für Israel ein unverhoffter Hebel in einem sich neu ordnenden Mittleren Osten.

Der wahre Grund hinter Syriens Kurswechsel

„Sharaa ist kein ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen, und er macht diesen Schritt nicht aus ideologischer Überzeugung“, sagt der Nahost-Analyst Dr. Hay Eytan Cohen Yanarocak vom Moshe-Dayan-Zentrum der Universität Tel Aviv. „Er will sich schlicht aus der Umklammerung der Türkei lösen.“

Nach dem Sturz Assads 2024 hatte die Türkei in Syrien schnell an Einfluss gewonnen. Türkischer Geheimdienst, Infrastrukturprojekte, gezielte Personalpolitik – Ankara nutzte das Machtvakuum im Norden Syriens konsequent aus. Viele Minister der neuen syrischen Regierung haben in der Türkei studiert, manche besitzen sogar die türkische Staatsbürgerschaft. Der türkische Einfluss war nicht nur sichtbar, sondern strukturell verankert.

Doch Sharaa scheint erkannt zu haben, dass dieser Weg in eine neue Abhängigkeit führt. Die türkische Einflussnahme wurde zunehmend als kolonial empfunden – als Versuch, Syrien aus dem Schatten Assads in den Schatten ErdoÄŸans zu führen. Die Reaktion: eine vorsichtige, aber deutliche Hinwendung Richtung JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen.

Israel als Türöffner in die arabische Welt

Die Annäherung an Israel dient Sharaa nicht nur als Gegengewicht zur Türkei, sondern auch als Schlüssel zur arabischen Welt. Ein Beitritt zu den Abraham-Abkommen könnte wirtschaftliche Hilfe und politische Anerkennung durch die GolfstaatenStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen bringen – insbesondere aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien, die Syrien unter Assad lange Zeit gemieden hatten.

Gleichzeitig hoffen viele in Damaskus, dass dieser Schritt auch internationale Sanktionen lockern könnte. Der Wiederaufbau Syriens ist dringend nötig – und ohne Zugang zu westlichem Kapital und Investitionen aus dem Golf faktisch unmöglich.

Israel wiederum gewinnt durch diese Bewegung eine neue strategische Tiefe. Ein befriedetes Syrien mit pragmatischer Regierung würde nicht nur den iranischen Einfluss weiter zurückdrängen, sondern auch die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen im Libanon schwächen. Jerusalem hat kein Interesse an einem pro-israelischen Syrien – aber an einem Syrien, das nicht mehr zur iranischen Raketenbasis wird.

Warum die Türkei jetzt nervös wird

ErdoÄŸan sieht das anders. Für ihn ist jedes Nahostland, das sich Israel nähert, ein diplomatischer Rückschlag. Insbesondere Syrien – das Ankara nach dem Assad-Sturz als Satellitenstaat betrachtete – darf nicht in das israelische Lager abdriften. Schon jetzt tobt in der Türkei eine hitzige Debatte über die Syrien-Politik: War das Engagement im Norden wirklich sinnvoll, wenn Damaskus nun einen eigenen Kurs wählt?

Yanarocak bringt es auf den Punkt: „Ein Abkommen zwischen Israel und Syrien untergräbt ErdoÄŸans gesamte Strategie.“ Es isoliert die Türkei nicht nur von der arabischen Welt, sondern lässt sie in einem neuen Nahen Osten alt aussehen – als Macht, die sich in Ideologie verbeißt, während andere Staaten auf Pragmatismus und Partnerschaft setzen.

Denn die Türkei ist – trotz aller Rhetorik – keineswegs unglücklich über die iranische Niederlage im letzten Krieg. Im Gegenteil: Die Schwächung Teherans durch Israel spielt Ankara in die Hände. Nun aber gerät sie zwischen die Fronten: Einerseits profitieren, andererseits verhindern wollen, dass Israel zu viel Einfluss gewinnt.

Syrien als neuer Brennpunkt im Schattenkrieg

Die kommenden Monate werden zeigen, ob Sharaa seinen Kurs hält – oder ob Ankara Druckmittel findet, um ihn zurückzuziehen. Der Kampf um Syriens künftige Ausrichtung wird zu einem verdeckten StellvertreterkriegStellvertreterkrieg: Irans indirekter Krieg gegen IsraelEin Stellvertreterkrieg ist ein Konflikt, in dem ein Staat oder Akteur andere bewaffnete Gruppen unterstützt, um eigene Ziele zu verfolgen, ohne selbst vollständig offen Krieg zu führen. Im Nahen Osten nutzt Iran dieses Modell besonders gegen Israel.Mehr lesen zwischen Israel und der Türkei. Und das auf einem Terrain, das einst als unrettbar verloren galt.

Ein offizielles Abkommen zwischen Damaskus und Jerusalem wäre ein geopolitisches Erdbeben. Noch ist es nicht so weit. Doch allein die ernsthafte Diskussion darüber zeigt, wie dramatisch sich der Mittlere Osten wandelt. Wer gestern noch Feind war, könnte morgen Partner sein. Und wer heute noch Einfluss hat, könnte ihn über Nacht verlieren.

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Autor: Redaktion
Donnerstag, 03 Juli 2025

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