Antisemitismus vergiftet die Türkei – der Fall Robbie Williams zeigt, wie weit der Hass schon reichtAntisemitismus vergiftet die Türkei – der Fall Robbie Williams zeigt, wie weit der Hass schon reicht
Ein Konzert wurde abgesagt, weil ein Künstler einmal in Israel gesungen hat. Doch hinter der Hetze gegen Robbie Williams steht mehr als nur ein Shitstorm – sie ist das Symptom eines Landes, dessen Präsident seit Jahren den Hass auf Juden und Israel zur Staatsräson gemacht hat.

By Kevin Payravi - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=156035476
Der britische Popstar Robbie Williams wollte in Istanbul auftreten. Ein Routinekonzert, Teil einer Europatournee. Doch wenige Tage vor dem Auftritt wurde alles abgesagt – offiziell wegen „Sicherheitsbedenken“, tatsächlich wegen antisemitischer HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen. In den türkischen sozialen Netzwerken tobte ein Sturm: Williams sei ein „ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“, ein „Freund Israels“, ein „Feind des palästinensischen Volkes“. Es genügte, dass er vor zwei Jahren in Tel Aviv aufgetreten war – und dass seine Ehefrau jüdische Wurzeln hat.
Die Kampagne gegen ihn war keine spontane Wut, sondern das Ergebnis jahrelanger ideologischer Vorbereitung. Denn in der Türkei ist der AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen längst kein Tabu mehr – er wird von ganz oben befeuert. Präsident Recep Tayyip ErdoÄŸan hat es über Jahrzehnte geschafft, Ressentiments gegen Juden und IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen in den politischen Mainstream zu tragen.
Schon als Bürgermeister von Istanbul sprach ErdoÄŸan über „die zionistische Gefahr“. Später, als Staatschef, wiederholte er immer wieder das uralte antisemitische Motiv vom „jüdischen Einfluss“ auf Medien, Wirtschaft und Politik. Im GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Konflikt beschuldigte er Israel, „Völkermord an Kindern“ zu begehen, nannte Premierminister Benjamin Netanjahu einen „Terroristen“ und behauptete, der jüdische Staat wolle „Mekka und Medina besetzen“. Diese Rhetorik, früher Randextremismus, ist heute türkische Regierungslinie.
Was ErdoÄŸan damit erreicht hat, zeigt sich jetzt: Ein Popmusiker wird in der Türkei zur Zielscheibe, weil er nichts weiter getan hat, als in Israel zu singen. Nicht einmal politische Aussagen waren nötig – allein die Erinnerung an seine Auftritte genügte. Die Einschüchterung wirkt. Veranstalter sprechen hinter vorgehaltener Hand von einem „Klima der Angst“. Internationale Künstler meiden Istanbul, weil sie nicht Ziel antisemitischer Kampagnen werden wollen.
Die türkischen Medien, größtenteils staatlich kontrolliert, spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie verbreiten Bilder, in denen israelische Soldaten dämonisiert und israelische Bürger pauschal als „Mörder“ bezeichnet werden. In Online-Netzwerken werden Juden als „fremde Macht“ dargestellt, die die Weltpolitik steuern – Verschwörungstheorien, die einst in rechtsextremen Zirkeln kursierten, finden heute Eingang in die öffentliche Berichterstattung.
Der Fall Robbie Williams ist damit mehr als ein Kulturereignis – er ist ein Spiegel der türkischen Gesellschaft im Jahr 2025. Ein Land, in dem sich die Balance zwischen Religion, Politik und Freiheit endgültig verschoben hat. Wo einst Künstler, Intellektuelle und Journalisten für Offenheit standen, herrschen heute Angst und Zensur. Wer sich nicht dem staatlich erwünschten Narrativ anschließt, wird zum Feind.
Dabei ist der Widerspruch grotesk: ErdoÄŸan selbst sucht regelmäßig den Schulterschluss mit westlichen Regierungen, präsentiert sich als Verteidiger der Menschenrechte für die Palästinenser – während er gleichzeitig die jüdische Minderheit im eigenen Land zum Schweigen zwingt. Die wenigen jüdischen Gemeinden in Istanbul und Izmir leben heute unter permanentem Polizeischutz, Rabbiner äußern sich nur anonym, und antisemitische Vorfälle nehmen jährlich zu.
In diesem Klima konnte die Hetze gegen Williams überhaupt erst gedeihen. Sie war nicht die Ursache – sie war die Folge. Folge einer Politik, die jahrzehntelang Hass gesät hat. Folge einer Gesellschaft, in der „Zionist“ längst kein politischer Begriff mehr ist, sondern ein Schimpfwort.
Robbie Williams wird in Israel mit offenen Armen empfangen. In der Türkei wird er beschimpft, weil er dort gesungen hat. Das sagt alles über den Zustand eines Landes, das sich zunehmend von der zivilisierten Welt entfernt. ErdoÄŸan hat es geschafft, den alten europäischen Antisemitismus in islamistischem Gewand wiederzubeleben – und er verkauft ihn erfolgreich als moralische Haltung.
Doch eines bleibt klar: Wer in der Türkei als „Zionist“ diffamiert wird, steht auf der richtigen Seite der Geschichte. Robbie Williams hat kein politisches Statement gebraucht, um Haltung zu zeigen – sein Schweigen war stärker als alle Parolen.
Autor: Redaktion
Sonntag, 05 Oktober 2025