Erdogan hofiert den Papst – und instrumentalisiert die „Palästina-Frage“Erdogan hofiert den Papst – und instrumentalisiert die „Palästina-Frage“
Ankara inszeniert sich als moralische Instanz, während die Türkei selbst autoritäre Politik betreibt, Terrorgruppen duldet und internationale Spannungen anfeuert. Erdogans Lob für den Papst ist weniger Friedensbotschaft als geopolitische Inszenierung.

Der Besuch von Papst Leo in Ankara war von Beginn an mehr politische Bühne als religiöse Geste. Und niemand nutzte diese Bühne entschlossener als der türkische Präsident Recep Tayyip ErdoÄŸan. In seiner Ansprache im Präsidentenbibliothek-Komplex lobte er die angeblich „klare und kluge Haltung“ des Papstes zur palästinensischen Frage – ein Satz, der präzise in jene Erzählung passt, die Erdogan seit Jahren kultiviert: die Türkei als moralische Führungsmacht der muslimischen Welt, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen als Hauptgegner, der Westen als weiches Ziel für politische Schuldzuweisungen.
Bereits der Rahmen des Treffens deutete an, wohin die Reise gehen würde. Erdogan griff auf altbekannte Forderungen zurück: ein „sofortiges“ Zwei-Staaten-Modell entlang der Linien von 1967, die Bewahrung des historischen Status von JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, Unterstützung für die palästinensische Sache. Dass diese Positionen seit Jahrzehnten in sämtlichen internationalen Foren wiederholt werden, ohne dass Ankara selbst einen praktischen Beitrag zu De-Eskalation oder Stabilität geleistet hätte, wird bewusst ausgeblendet. Der politische Nutzen liegt anderswo: Der Präsident stellt sich als Verteidiger eines Volkes dar, das er rhetorisch instrumentalisiert, während er gleichzeitig mit Akteuren kooperiert, die die Region destabilisieren – und die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen offen als legitime Gesprächspartner behandelt.
Der Papst wiederum versucht diplomatische Balance. Seine Appelle zu Frieden und Dialog, sei es in der Ukraine, im Nahen Osten oder in Afrika, sind Ausdruck einer religiösen Rolle, die nicht direkt politische Partei ergreifen soll. Dennoch nutzt Erdogan die moralische Autorität des Papstes gezielt für seine eigenen Zwecke. Er bindet dessen vorsichtige Formulierungen sofort in seine ideologische Erzählung ein und präsentiert sie der Welt als Bestätigung seiner Linie.
Die Spitze der Inszenierung liegt in dem Satz: „Unsere Schuld gegenüber dem palästinensischen Volk ist Gerechtigkeit.“ Doch genau hier liegt die Ironie. Die Türkei fordert Gerechtigkeit für andere, während sie im eigenen Staat Journalisten einsperrt, Minderheiten unterdrückt, die Justiz entmachtet und militärisch in Syrien und im Nordirak agiert. Auch die enge Zusammenarbeit mit Aktivisten, die der Hamas nahestehen, widerspricht jeder Behauptung, man setze auf Frieden oder Ausgleich. Wer Gerechtigkeit fordert, müsste zuerst zu Hause beginnen.
Auch der Hinweis auf Jerusalem zeigt die Widersprüchlichkeit der türkischen Position. Während Israel nach dem 7. Oktober mit dem größten Massaker an Juden seit der ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen konfrontiert war, instrumentalisiert Erdogan die Stadt politisch, ohne die Realität der israelischen Sicherheitslage zu berücksichtigen. Für ihn ist Jerusalem Symbol, nicht Verantwortung.
Dass der Papst im September Präsident Isaac Herzog im Vatikan empfing und dort über die Lage im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen sprach, erwähnt Erdogan nur oberflächlich. Denn dieser Teil passt nicht in die Erzählung der Türkei, Israel sei isoliert oder delegitimiert. In Wahrheit führt Jerusalem Gespräche mit internationalen Akteuren – inklusive des Heiligen Stuhls –, während die Türkei lautstark Kritik übt, ohne den Preis des Terrors mitzutragen.
Erdogans scharfe Rhetorik hat wenig mit Humanität zu tun, aber viel mit geopolitischen Ambitionen. Die Türkei will sich als zentrale Stimme der muslimischen Welt inszenieren und nutzt jede Bühne, um Israel zu delegitimieren. Der Papst dient hier als moralischer Verstärker, auch wenn seine eigenen Aussagen wesentlich differenzierter sind als Erdogans Verdrehungen.
Israel kennt dieses Muster seit langem. Und gerade deshalb bleibt entscheidend, sich von solchen politischen Inszenierungen nicht beeindrucken zu lassen. Die Region braucht keine großen Gesten, sondern realistische Politik – und einen klaren Blick darauf, wer Stabilität fördert und wer sie unterminiert.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 27 November 2025