Islamisten im Gegenangriff: Wie Katar-nahe Netzwerke offen zur Frontstellung gegen die Emirate aufrufenIslamisten im Gegenangriff: Wie Katar-nahe Netzwerke offen zur Frontstellung gegen die Emirate aufrufen
Der offene Aufruf zur Mobilisierung gegen die Vereinigten Arabischen Emirate markiert einen neuen Eskalationspunkt im innerarabischen Machtkampf. Was als ideologischer Streit beginnt, offenbart ein dichtes Geflecht aus politischem Islam, katarischer Einflussnahme und einer wachsenden internationalen Gegenbewegung.
Die jüngsten Angriffe führender Vertreter der Muslimbruderschaft auf die Vereinigten Arabischen Emirate sind weder spontan noch emotional getrieben. Sie sind strategisch, kalkuliert und tief in einem ideologischen Konflikt verwurzelt, der seit Jahren die politische Ordnung der arabischen Welt prägt. Auslöser ist die klare Absicht der US Regierung unter Donald Trump, zentrale Ableger der Muslimbruderschaft in Ägypten, Jordanien und dem Libanon als Terrororganisationen einzustufen. Für die Bruderschaft und ihre internationalen Netzwerke wäre dies ein Einschnitt historischen Ausmaßes.
Die Muslimbruderschaft versteht sich seit ihrer Gründung 1928 nicht nur als religiöse Bewegung, sondern als politisches Projekt mit globalem Anspruch. Ihr Ziel war nie bloß gesellschaftliche Reform, sondern langfristig die Errichtung eines islamistischen Herrschaftssystems. Über Jahrzehnte entwickelte sie dafür eine Doppelstrategie. Nach außen präsentierte sie sich moderat, sozial engagiert und dialogbereit. Nach innen propagierte sie ein geschlossenes Weltbild, das Demokratie nur als Mittel zum Zweck betrachtet.
Genau dieses Modell gerät nun unter Druck. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben die Bruderschaft bereits 2014 als Terrororganisation eingestuft und mehr als 80 ihr nahestehende Gruppen verboten. Diese Entscheidung war damals international umstritten, wurde jedoch von Abu Dhabi stets mit Verweis auf ideologische Nähe zu Gewalt, auf Unterwanderungsstrategien und auf belegte Verbindungen zu terroristischen Akteuren verteidigt. Heute, mehr als ein Jahrzehnt später, schließen sich immer mehr Staaten dieser Sichtweise an.
Im Zentrum der aktuellen Eskalation steht Essam Talima, ein langjähriger Funktionär der Muslimbruderschaft, früheres Mitglied ihres politischen Arms in Ägypten und enger Vertrauter des verstorbenen Ideologen Yusuf al-Qaradawi. Talima ist zugleich Mitglied der International Union of Muslim Scholars, die 2004 von al-Qaradawi gegründet wurde und bis heute als ideologisches Sprachrohr Katars fungiert. Diese Union tritt nicht als neutrale Gelehrtengemeinschaft auf, sondern als politischer Akteur, der regelmäßig antiwestliche, antisemitische und extremistische Positionen verbreitet.
In einem ausführlichen Artikel forderte Talima die Gründung einer sogenannten internationalen Union der Opfer der Emirate. Seine Argumentation folgt einem klaren Muster. Die Emirate würden systematisch islamische Bewegungen bekämpfen, Europa gegen Muslime aufhetzen, autoritäre Regime unterstützen und mit Israel kooperieren. Fast jede größere Krise der arabischen Welt wird Abu Dhabi angelastet. Sudan, Ägypten, Libyen, Tunesien, Jemen. Die Emirate erscheinen in dieser Darstellung als allgegenwärtiger Strippenzieher.
Auffällig ist, dass Talima dabei kaum konkrete Belege liefert, sondern mit moralischer Totalanklage arbeitet. Die Emirate würden sich stets auf die Seite der Feinde der Muslime stellen. Diese Sprache ist ideologisch aufgeladen und dient der Mobilisierung. Sie knüpft bewusst an klassische Narrative des politischen Islam an, in denen die Welt in Gläubige und Verräter, in Unterdrückte und Verschwörer geteilt wird.
Nur einen Tag später schloss sich Mohammed al-Saghir, Mitglied des Führungsgremiums der IUMS und früherer Abgeordneter während der kurzen Herrschaft der Muslimbruderschaft in Ägypten 2013, dieser Initiative öffentlich an. Er rief zur breiten Beteiligung auf und machte deutlich, dass es sich nicht um einen symbolischen Akt handelt, sondern um den Beginn einer koordinierten Kampagne. Diese schnelle Unterstützung zeigt, dass der Vorstoß abgestimmt war.
Der Zorn dieser Akteure richtet sich konkret gegen die Rolle der Emirate in Washington und Europa. Abu Dhabi betreibt seit Jahren intensive diplomatische und sicherheitspolitische Aufklärung über die Strukturen der Muslimbruderschaft. Moscheen, Vereine und sogenannte Wohlfahrtsorganisationen werden auf ihre ideologischen Hintergründe geprüft. In mehreren europäischen Ländern führten diese Hinweise zu Ermittlungen, Schließungen und neuen Gesetzesinitiativen. Für die Bruderschaft ist das existenzbedrohend, denn ihre Stärke liegt gerade in der Nutzung offener Gesellschaften.
Die emiratische Presse reagierte auf Trumps Ankündigung mit ungewöhnlicher Klarheit. Leitartikel bezeichneten die Muslimbruderschaft offen als ideologische Mutter moderner Terrororganisationen. Genannt wurden Al-Qaida, der sogenannte Islamische Staat, Al-Shabaab und weitere Gruppen. Diese Einschätzung stützt sich auf ideologische Kontinuitäten, auf Schriften führender Bruderschaftstheoretiker und auf historische Verbindungen zwischen Kadern.
Besonders deutlich wurde diese Linie in Kommentaren, die darauf verwiesen, dass führende Attentäter und Dschihadisten aus dem ideologischen Umfeld der Muslimbruderschaft hervorgingen. Die Organisation habe Gewalt nie grundsätzlich abgelehnt, sondern sie lediglich strategisch eingesetzt. Wo Machtübernahme möglich schien, habe man den parlamentarischen Weg gewählt. Wo sie blockiert war, habe man Radikalisierung zugelassen oder gefördert.
In diesem Kontext wird auch die Rolle Katars sichtbar. Doha bietet seit Jahren führenden Ideologen der Muslimbruderschaft Schutz, Plattformen und finanzielle Unterstützung. Der Sender Al Jazeera spielte eine zentrale Rolle bei der Verbreitung ihrer Narrative während des Arabischen Frühlings. Die IUMS ist Teil dieser Infrastruktur. Sie verleiht politischen Positionen religiöse Legitimation und tarnt Ideologie als Theologie.
Für Israel ist diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung. Die Muslimbruderschaft bildet die ideologische Grundlage der Hamas. Wer ihre Netzwerke schwächt, trifft auch die geistige Basis des bewaffneten Antisemitismus. Dass Talima die Emirate explizit wegen ihrer Nähe zu Israel angreift, bestätigt diese Verbindung. Die Ablehnung Israels ist kein Nebenaspekt, sondern integraler Bestandteil dieser Ideologie.
Am Ende offenbart die Eskalation eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Der politische Islam verliert an Rückhalt, an Schutzräumen und an internationaler Akzeptanz. Die aggressive Rhetorik ist Ausdruck von Defensive, nicht von Stärke. Die Emirate stehen für einen anderen Weg. Staatliche Souveränität, religiöse Kontrolle, Kooperation mit dem Westen und offene Beziehungen zu Israel.
Der Konflikt ist damit nicht beigelegt, sondern tritt in eine neue Phase ein. Doch eines ist klar. Die offene Mobilisierung gegen die Emirate zeigt, wie sehr sich die Fronten verhärtet haben. Und sie zeigt, dass der politische Islam nicht kampflos bereit ist, Einfluss und Deutungshoheit aufzugeben.
Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: By Dorar TV - YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=aGe3qlafnPY – View/save archived versions on archive.org and archive.today (0:23), CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=91948505
Donnerstag, 15 Januar 2026