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„Ich bin Zionistin“ und wurde zur Staatsfeindin erklärt

„Ich bin Zionistin“ und wurde zur Staatsfeindin erklärt


Ein einziger Satz reicht aus, um eine türkische Muslimin zur Zielscheibe von Hass, Todesdrohungen und staatlicher Verfolgung zu machen. Der Fall der Studentin Türkü Avci zeigt, wie offen Antisemitismus und politische Repression in der Türkei inzwischen ineinandergreifen.

„Ich bin Zionistin“ und wurde zur Staatsfeindin erklärt

Ein Satz. Mehr war nicht nötig. „Ja, natürlich bin ich Zionistin.“

Mit diesen Worten hat die türkische Muslimin Türkü Avci ihr bisheriges Leben faktisch verloren. Innerhalb weniger Stunden wurde aus einer Journalistikstudentin an der Hebrew University of Jerusalem eine Zielscheibe. Heute spricht Avci von einem Haftbefehl, von systematischen Todesdrohungen, von einer Hetzjagd, die sie und ihre Familie aus dem Alltag gerissen hat.

Der Auslöser war banal und gerade deshalb entlarvend. In einem Straßeninterview eines israelischen Influencers antwortete Avci offen auf die Frage, ob sie als türkische Muslimin Zionistin sei. Das Video verbreitete sich rasant in türkischen Medien und sozialen Netzwerken. Was folgte, war kein Shitstorm. Es war eine koordinierte politische Eskalation.

Binnen 48 Stunden kursierten tausende Kommentare, in denen ihre Verhaftung, ihre Ermordung und eine Untersuchung durch den türkischen Geheimdienst gefordert wurden. Journalisten staatlicher Medien wie TRT verbreiteten persönliche Daten ihrer Eltern, inklusive Ausweisinformationen. Boulevardblätter konstruierten Verschwörungserzählungen, in denen Avci zur angeblichen israelischen Agentin erklärt wurde.

Dann kam der entscheidende Punkt. Avci erfuhr, dass in der Türkei ein Haftbefehl gegen sie vorliege. Weder sie noch ihr Anwalt haben Einblick in die Akte. Kein Aktenzeichen, keine Begründung. Nur der Hinweis, dass es sich offenbar um einen Vorgang der Staatssicherheit handle. Für Avci bedeutet das faktisch: Rückkehr ausgeschlossen. Kontakt zur türkischen Botschaft unmöglich. Lebensgefahr bei Einreise.

Was hier sichtbar wird, ist kein Einzelfall. Es ist ein System. Ein Staat, in dem Loyalität zu Israel, ja selbst das Wort Zionismus, als krimineller Akt behandelt wird. Ein Staat, in dem soziale Medien und regierungsnahe Journalisten als Vorfeldinstrumente der Einschüchterung funktionieren. Und ein Staat, in dem Antisemitismus nicht nur geduldet, sondern politisch nutzbar gemacht wird.

Besonders perfide ist die Dimension der Sippenhaft. Avcis Eltern mussten ihren Aufenthaltsort wechseln, erhielten Drohungen, obwohl sie mit der Aussage ihrer Tochter nichts zu tun haben. Genau diese Strategie ist bekannt: maximaler Druck über das private Umfeld, um Abweichung zu bestrafen.

Avci selbst lebt inzwischen in existenzieller Unsicherheit. Ihr Studentenvisum erlaubt keine Arbeit, ihre privaten Förderer zogen sich nach dem 7. Oktober zurück, sie ist faktisch mittellos. Ab März steht ihr Visaablauf bevor. Politisches Asyl in Israel ist eine Option, aber ein langer, unsicherer Weg.

Und dennoch ist ihre Haltung bemerkenswert klar. Sie spricht nicht von Reue. Sie spricht von Klarheit. Israel habe sie nie ausgegrenzt, sagt sie. Sie habe in jüdischen, religiösen und säkularen Haushalten gelebt, Diskriminierung nicht erlebt. In der Türkei hingegen reiche ein einziges Wort, um zur Verräterin erklärt zu werden.

Der Fall Avci ist ein Spiegel. Er zeigt, wie sehr sich die Türkei unter ErdoÄŸan von rechtsstaatlichen Prinzipien entfernt hat. Wie Antisemitismus „legal“ geworden ist, wie Israelhass zur Eintrittskarte in die öffentliche Loyalität wurde. Und er zeigt, wie gefährlich es inzwischen ist, sich offen zu Israel zu bekennen selbst als Muslimin.

Was hier geschieht, ist keine Meinungsdebatte. Es ist politische Verfolgung. Und sie richtet sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen jeden, der sich weigert, den vorgegebenen Hass zu reproduzieren.


Autor: Redaktion
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Mittwoch, 21 Januar 2026

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