Islamistische Truppen rücken vor Kurden mobilisieren zum Überlebenskampf im Nordosten SyriensIslamistische Truppen rücken vor Kurden mobilisieren zum Überlebenskampf im Nordosten Syriens
Während die neue Führung in Damaskus ihre Macht mit Gewalt ausdehnt, geraten die kurdischen Gebiete östlich des Euphrat ins Visier eines erneuten dschihadistischen Angriffs.
Im Nordosten Syriens hat sich innerhalb weniger Tage eine Lage entwickelt, die an die dunkelsten Kapitel des vergangenen Jahrzehnts erinnert. Kurdische Kräfte mobilisieren ihre Bevölkerung, rufen zur vollständigen Verteidigung auf und warnen vor einem drohenden Massaker. Aus Damaskus rücken bewaffnete Verbände vor, begleitet von islamistischen Milizen und sunnitischen Stammeskämpfern.
Îlham Ehmed, eine der führenden politischen Vertreterinnen der kurdischen Selbstverwaltung in Nord und Ostsyrien, spricht offen von einem Kampf ums Überleben. Sollte die neue Regierung versuchen, in die kurdischen Gebiete einzudringen, werde man in einen Zustand des totalen Widerstands eintreten. Die Bevölkerung sei bereits mobilisiert.
Die Warnung kommt nicht aus dem Nichts. In den vergangenen Tagen überschritten Regierungstruppen den Euphrat und begannen eine rasche militärische Ausdehnung nach Nordosten. Was offiziell als Wiederherstellung staatlicher Einheit bezeichnet wird, wird vor Ort als gewaltsame Unterwerfung erlebt.
Zwei Systeme die nicht zusammenpassen
Seit dem Machtwechsel in Damaskus im Dezember 2024 existieren in Syrien zwei grundlegend unterschiedliche politische Ordnungen nebeneinander. Im Westen regiert Präsident Ahmed al Sharaa, früher bekannt als Julani, mit einer sunnitisch islamistischen Führung, gestützt von der Türkei sowie finanziell unterstützt durch Katar und Saudi Arabien.
Im Osten hingegen besteht weiterhin die kurdisch geführte Selbstverwaltung. Sie ist säkular, westlich orientiert und entstand aus dem gemeinsamen Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Ihre militärische Schutzmacht bilden die Syrischen Demokratischen Kräfte, die jahrelang gemeinsam mit den USA gegen den IS gekämpft hatten.
Ein dauerhaftes Nebeneinander war nie realistisch. Die neue Führung in Damaskus strebt einen zentralisierten Staat an. Autonomie, Föderalismus oder ethnische Selbstverwaltung haben darin keinen Platz.
Was diese Konfrontation bislang verhinderte, war eine faktische amerikanische Schutzgarantie. Mit deren schrittweisem Rückzug fiel die letzte strategische Barriere.
Der Vormarsch beginnt
Vergangene Woche setzten sich Regierungseinheiten über den Euphrat hinweg. Militärisch war der Vorstoß überraschend, politisch jedoch absehbar. Innerhalb kürzester Zeit fielen die überwiegend arabischen Provinzen Raqqa und Deir ez Zor. Lokale Einheiten, die bislang mit den Kurden kooperierten, wechselten die Seite.
Besonders schwer wiegt der Verlust der Öl und Gasfelder von Deir ez Zor. Mit ihnen sichert sich Damaskus wirtschaftliche Macht und entzieht der kurdischen Verwaltung eine zentrale Einnahmequelle.
Nun stehen die islamistischen Kräfte an der Grenze der mehrheitlich kurdischen Provinz Hasakeh. Dort wurde die Generalmobilisierung ausgerufen. Gleichzeitig wird die symbolträchtige Stadt Kobanî von zwei Seiten eingeschlossen. Die türkische Grenze bildet die dritte verschlossene Front.
Für viele Kurden ist Kobanî mehr als ein Ort. Die Stadt wurde 2014 zum Symbol des Widerstands gegen den Islamischen Staat. Ihr Fall würde weit über militärische Bedeutung hinausgehen.
Berichte über schwere Verbrechen
Die Angst der Bevölkerung speist sich nicht aus Gerüchten, sondern aus Bildern. In sozialen Netzwerken kursieren Videos, die Gräueltaten zeigen. Misshandlung von Gefangenen. Schändung von Leichen. Gewalt gegen Frauen. Versuche von Enthauptungen.
Diese Aufnahmen stammen von den Angreifern selbst. Sie werden verbreitet, weil sie stolz darauf sind.
Îlham Ehmed spricht offen davon, dass sich viele Frauen in den kurdischen Gebieten in akuter Lebensgefahr sehen. Die Täter tragen nun Uniformen der neuen syrischen Armee, doch ihre Ideologie erinnere erschreckend an den Islamischen Staat.
Die Kurden werfen Damaskus vor, ehemalige IS Kämpfer in neue Strukturen integriert zu haben. Viele der Milizen seien unter türkischer Anleitung neu formiert worden, ideologisch geschult und gezielt gegen Kurden aufgehetzt.
Für die Menschen vor Ort verschwimmen die Unterschiede zwischen früherem Terror und heutiger Staatsmacht zunehmend.
Ruf nach internationaler Hilfe
Die kurdische Führung appelliert verzweifelt an die internationale Gemeinschaft. Es gehe nicht um politische Anerkennung, sondern um Schutz vor Angriffen. Ehmed bestätigte, dass es Gespräche mit israelischen Akteuren gebe und man Unterstützung annehme, unabhängig davon, woher sie komme.
Diese Aussage unterstreicht die Dramatik der Lage. Die Kurden wissen, dass sie allein militärisch kaum bestehen können. Gegen reguläre Truppen, Panzer und Artillerie fehlt es ihnen an Luftabwehr, schwerem Gerät und internationaler Rückendeckung.
Gleichzeitig ist ihre Geschichte geprägt von genau solchen Momenten. Immer wieder wurden sie geopfert, sobald geopolitische Interessen wechselten.
Eine bekannte Tragödie droht sich zu wiederholen
Der Vormarsch der neuen syrischen Führung folgt einer klaren Logik. Die Wiederherstellung territorialer Kontrolle. Die Ausschaltung alternativer Machtzentren. Die vollständige Unterwerfung des Nordostens.
Doch der Preis könnte hoch sein.
Die kurdischen Gebiete beherbergen hunderttausende Binnenvertriebene, ehemalige IS Gefangene, Frauenlager, Kinder ohne Perspektive. Ein militärischer Zusammenbruch würde ein humanitäres Desaster auslösen.
Noch ist nicht entschieden, ob Damaskus diesen Vormarsch ohne Massaker durchsetzen kann. Die jüngsten Berichte lassen Zweifel aufkommen.
Für die Kurden ist klar. Sie haben diesen Kampf schon einmal geführt. Gegen den IS. Mit westlicher Unterstützung. Und mit hohen Verlusten.
Nun stehen sie erneut vor bewaffneten Islamisten. Nur diesmal tragen diese das Siegel einer international anerkannten Regierung.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By VOA - https://www.voanews.com/a/us-backed-forces-targeting-final-islamic-state-enclave-syria/4375483.html, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77395774
Samstag, 24 Januar 2026