Hamas wollte Zeit kaufen: Gal Hirsch über einen Plan, der Israel jahrelang zermürben sollteHamas wollte Zeit kaufen: Gal Hirsch über einen Plan, der Israel jahrelang zermürben sollte
Zehn Jahre Geiselhaft als strategische Waffe. Was wie eine absurde Vorstellung klingt, war nach Einschätzung des israelischen Geiselkoordinators Gal Hirsch Teil eines kalkulierten Plans der Hamas. Sein Bericht offenbart, wie Terror zur langfristigen Kriegsführung wurde.
Als Gal Hirsch wenige Tage nach dem 7. Oktober 2023 von Premierminister Benjamin Netanjahu zum nationalen Koordinator für Entführte und Vermisste ernannt wurde, war ihm eines sofort klar: Dies würde kein Einsatz von Wochen oder Monaten werden. Was er damals noch nicht wusste, war die Dimension der Strategie, mit der die Hamas arbeitete. Heute sagt Hirsch offen, dass die Terrororganisation plante, israelische Geiseln bis zu zehn Jahre festzuhalten lebend oder tot als dauerhaften Hebel gegen den Staat Israel.
Hirsch, Brigadegeneral der Reserve, beschreibt diese Einschätzung nicht als Spekulation, sondern als Ergebnis interner Analysen. Sein eigenes Zeitgefühl sei anfangs deutlich kürzer gewesen, räumt er ein. Er habe mit mehreren Jahren gerechnet, vielleicht vier. Doch je tiefer die Erkenntnisse aus Geheimdienstmaterial, Verhören und operativen Informationen wurden, desto klarer wurde das Muster: Die Hamas wollte keinen schnellen Deal. Sie wollte Abnutzung.
Die Geiseln sollten kein Mittel zur Verhandlung sein, sondern ein langfristiges Druckinstrument. Ein offenes Trauma, das Israel politisch, gesellschaftlich und moralisch über Jahre hinweg lähmen sollte. Jede Familie, jede Demonstration, jede innenpolitische Debatte war Teil dieser Rechnung.
Hirsch beschreibt die Geiseln als bewusst eingesetztes strategisches Kapital. Die Hamas habe gewusst, dass Israel niemals aufhören würde zu suchen. Genau darin lag aus Sicht der Terrororganisation der Nutzen. Permanente Spannung. Permanente Unsicherheit. Permanente Selbstzerreißprobe.
Der Koordinator schildert, dass es im Laufe des Krieges immer wieder konkrete Vorbereitungen für verdeckte Befreiungsoperationen gegeben habe. Teilweise lagen präzise Ortsinformationen vor, teilweise standen Einsatzkräfte bereit. Doch viele dieser Missionen wurden gestoppt. Nicht aus Mangel an Mut, sondern aus Verantwortung.
Wenn Zweifel an der Erfolgschance bestanden, wurden Einsätze gestrichen. Wenn die Rettung einer Geisel das Leben anderer gefährdet hätte, wurde verzichtet. In mindestens einem Fall, so Hirsch, kam eine Geisel bei einem misslungenen Versuch ums Leben. Dieses Wissen habe jede weitere Entscheidung überschattet.
Die Vorstellung, militärisch alles lösen zu können, weist Hirsch entschieden zurück. Acht Geiseln konnten durch Einsätze gerettet werden. Die überwiegende Mehrheit kam nur durch Verhandlungen zurück viele zu spät.
Die Nacht, in der die sterblichen Überreste von Ran Gvili identifiziert wurden, markierte für Hirsch einen emotionalen Wendepunkt. Nach 843 Tagen konnte erstmals gesagt werden, dass kein ungeklärtes Schicksal mehr offen war. Er selbst informierte den Premierminister mitten in einer Sitzung. Seine Worte waren schlicht: Mission erfüllt. Doch von Erleichterung könne keine Rede sein. Zu viele kamen tot zurück.
Hirsch schildert diese Phase als Mischung aus operativer Routine und persönlicher Belastung. Er war Ansprechpartner für Familien, für Militär, für Regierung und internationale Partner zugleich. Anfangs ohne Team, ohne Infrastruktur, ohne Systeme. Er baute binnen Stunden ein Netzwerk aus Veteranen der Sicherheitsdienste auf. Am Ende arbeiteten rund 2000 Menschen direkt oder indirekt am Geiselmechanismus.
Die Hamas habe parallel zur Geiselpolitik weitere Ziele verfolgt. Zeit gewinnen für den Wiederaufbau militärischer Strukturen. Förderung von Gewalt in Judäa und Samaria. Anstachelung von Anschlägen im Ausland. Und gezielte psychologische Kriegsführung gegen die israelische Gesellschaft.
Besonders schmerzhaft sei für ihn gewesen, mitzuerleben, wie Propaganda gezielt familiäre Verzweiflung nutzte. Proteste seien legitim, betont Hirsch, doch die Hamas habe genau diese Emotionen einkalkuliert, um Israel innerlich zu schwächen.
Zur Rolle internationaler Vermittler äußert sich Hirsch nüchtern. Die Vereinigten Staaten seien entscheidend gewesen, sagt er. Ohne Washington hätte es keinen funktionierenden Rahmen gegeben. Katar und Ägypten hingegen seien keine neutralen Akteure gewesen, sondern Staaten mit eigenen Interessen in Gaza. Mal hätten sie Druck ausgeübt, mal nicht. Am Ende habe die Hamas gelernt, auch Vermittler auszumanövrieren.
Besonders deutlich wird Hirsch, wenn es um die Frage geht, ob Israel durch größere Zugeständnisse mehr Leben hätte retten können. Seine Antwort ist klar: Nein. Die Hamas habe nie ernsthaft auf ein schnelles Ende hingearbeitet. Verhandlungen seien für sie ein Werkzeug gewesen, um Zeit zu kaufen.
Ein besonders weitreichender Vorschlag blieb folgenlos. Hirsch hatte 2024 öffentlich angeregt, Hamas-Führer Yahya Sinwar freies Geleit zu gewähren im Gegenzug für vollständige Entmilitarisierung, Rückgabe aller Geiseln und ein Ende des Krieges. Politisch ließ sich dafür kein internationaler Rahmen schaffen. Heute ist Sinwar tot. Das Grundproblem jedoch besteht fort.
Für die Zukunft fordert Hirsch eine dauerhafte nationale Struktur für Entführungsfälle. Nicht erst reagieren, wenn es zu spät ist. Prävention, Abschreckung und klare staatliche Regeln müssten bereits in Friedenszeiten existieren. Terrororganisationen müssten wissen, dass Entführungen keinen strategischen Gewinn bringen.
Am Ende bleibt bei ihm kein Gefühl des Sieges. Nur eine schwere Bilanz. Viele Familien bekamen ihre Angehörigen zurück in Särgen. Die Aufgabe sei erfüllt, sagt er, doch der Preis werde Israel noch lange begleiten.
Die Geiseln waren für die Hamas kein Nebenschauplatz. Sie waren Teil eines Plans, der auf Jahre angelegt war. Dass dieser Plan nicht vollständig aufging, ist kein Zufall sondern das Ergebnis eines Staates, der trotz innerer Wunden nicht aufgehört hat zu handeln.
Autor: Redaktion
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Sonntag, 01 Februar 2026