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COGAT-Umfrage: Fast 80 Prozent der Gaza-Bewohner suchen Informationen zur Ausreise

COGAT-Umfrage: Fast 80 Prozent der Gaza-Bewohner suchen Informationen zur Ausreise


Eine neue Erhebung zeigt, wie tief Hoffnungslosigkeit und Misstrauen im Gazastreifen geworden sind. Viele Menschen fragen nicht zuerst nach Politik, sondern nach einem Weg hinaus.

COGAT-Umfrage: Fast 80 Prozent der Gaza-Bewohner suchen Informationen zur Ausreise
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Eine interne Erhebung der israelischen Koordinierungsbehörde COGAT legt nahe, wie groß die Verzweiflung im Gazastreifen inzwischen ist. Nach den der „Jerusalem Post“ vorliegenden Ergebnissen interessierten sich fast 80 Prozent der Befragten für Informationen über Möglichkeiten, Gaza über Rafah oder Kerem Schalom in Richtung eines Drittlandes zu verlassen. Nur 17,5 Prozent wollten zusätzliche Informationen zu Lebensmitteln und humanitärer Hilfe, rund 2,5 Prozent zu medizinischen Fragen. Diese Zahlen sind politisch heikel, menschlich erschütternd und sicher methodisch sorgfältig zu behandeln. Sie sind keine Volksabstimmung über die Zukunft Gazas, aber sie geben einen deutlichen Hinweis darauf, wie viele Menschen in Gaza offenbar nicht mehr an eine schnelle Rückkehr zu einem normalen Leben unter den bestehenden Bedingungen glauben.

Der Befund passt zu einer Entwicklung, die sich schon länger abzeichnet. Bereits frühere Umfragen zeigten eine wachsende Bereitschaft vieler Gaza-Bewohner, das Gebiet zu verlassen, sofern es dafür einen sicheren, legalen und von Aufnahmeländern getragenen Weg gibt. Das Palestinian Center for Policy and Survey Research kam im Mai 2025 zu dem Ergebnis, dass 49 Prozent der Befragten in Gaza bereit wären, Israel um Hilfe bei einer Ausreise in Drittstaaten zu bitten; Reuters berichtete zugleich, dass viele Palästinenser eine Ausreise aus Sorge ablehnen, dies könne als Aufgabe ihrer Heimat verstanden werden. Genau diese Spannung macht das Thema so schwierig: Zwischen freiwilliger Ausreise aus Not und dem politisch aufgeladenen Vorwurf einer Vertreibung liegt eine schmale Linie, die seriös benannt werden muss.

Aus israelischer Sicht liegt der zentrale Punkt jedoch anders: Solange Hamas ihre Waffen nicht abgibt und ihre Herrschaft über Gaza nicht beendet, bleibt jeder Wiederaufbau brüchig. Die neue COGAT-Erhebung wurde hochrangigen israelischen Stellen vorgelegt und dort als Hinweis verstanden, dass ein erheblicher Teil der Zivilbevölkerung vor allem nach Auswegen sucht, während die Perspektive auf langfristigen Wiederaufbau unklar bleibt. Die „Jerusalem Post“ berichtet, dass Hamas weiterhin eine Entwaffnung verweigert, obwohl diese als zentrale Bedingung in dem von US-Präsident Donald Trump vorgelegten Plan und in Überlegungen für die Nachkriegsordnung gilt. Wer die Frage der Ausreise allein als israelisches Anliegen beschreibt, greift deshalb zu kurz. Für viele Menschen in Gaza dürfte sie auch Ausdruck einer bitteren Realität sein: Sie leben in Trümmern, unter einer Terrororganisation, ohne verlässliche politische Zukunft und mit kaum greifbarer Aussicht auf ein ziviles Leben.

Seit Beginn des Krieges nach dem Massaker vom 7. Oktober haben laut dem Bericht mehr als 44.000 Menschen Gaza über Rafah und Kerem Schalom verlassen, darunter medizinische Patienten und Personen mit Visa für Drittstaaten. Etwa 2.500 Personen seien seit der Wiederöffnung des Rafah-Übergangs im Februar im Rahmen der Waffenruhe-Regelung ausgereist. COGAT verwies zudem auf humanitäre Lieferungen: Zwischen dem 10. und 14. Mai seien 30.000 Hilfslastwagen in den Gazastreifen gelangt, darunter Motoröl für UN-Einrichtungen sowie mehr als 440 Tonnen medizinische Ausrüstung, einschließlich Medikamenten und Lieferungen der WHO. Auch rund 130 Gaza-Bewohner seien über Kerem Schalom nach Jordanien evakuiert worden.

Gleichzeitig darf man die Aussagekraft der Erhebung nicht überdehnen. Israelische Sicherheitskreise räumten laut Bericht selbst ein, dass manche Befragte die Frage möglicherweise nicht vollständig verstanden hätten oder aus Angst nicht offen antworteten. Gerade in Gaza, wo Hamas seit Jahren politische Kontrolle, Einschüchterung und Gewalt miteinander verbindet, ist freie Meinungsäußerung kein normaler Zustand. Deshalb ist die Zahl von fast 80 Prozent nicht als endgültige Wahrheit zu lesen, sondern als alarmierendes Signal aus einem zerstörten und politisch gefangenen Raum. Frühere Erhebungen kamen niedriger aus, zeigten aber dieselbe Richtung: 2025 berichtete die „Jerusalem Post“ über eine Gallup-International-Umfrage, nach der eine Mehrheit der Gaza-Bewohner bei Gelegenheit zumindest eine Form von Ausreise oder vorübergehender Verlegung erwägen würde.

Für Israel ist der Befund dennoch von erheblicher Bedeutung. Er widerspricht der einfachen Erzählung, alle Menschen in Gaza seien vor allem Teil eines kollektiven politischen Widerstands gegen Israel. Viele wollen offenbar zuerst Sicherheit, Zukunft, Versorgung und die Möglichkeit, ihre Kinder aus einem zerstörten Kriegsraum herauszubringen. Genau diese Menschen verschwinden in der internationalen Debatte oft hinter Parolen, hinter Bildern von Trümmern und hinter der politischen Deutung anderer. Wer wirklich über humanitäre Verantwortung spricht, muss auch ihre Handlungsfreiheit ernst nehmen. Dazu gehört das Recht, bleiben zu können. Es gehört aber ebenso das Recht, freiwillig gehen zu dürfen, wenn Drittstaaten Aufnahme ermöglichen und der Vorgang kontrolliert, sicher und ohne Zwang erfolgt.

Der eigentliche Skandal liegt darin, dass Hamas den Gazastreifen in eine Lage geführt hat, in der Ausreise für viele Menschen plausibler erscheint als Wiederaufbau. Eine Terrororganisation, die den Krieg aus zivilen Räumen heraus führt, Hilfsstrukturen politisch beeinflusst und jede Nachkriegsordnung ohne eigene Entmachtung blockiert, hält nicht nur Israel im Konflikt fest. Sie hält auch die eigene Bevölkerung fest. Die COGAT-Zahlen sind deshalb nicht nur eine Nachricht über mögliche Migration. Sie sind eine Nachricht über den Zerfall von Vertrauen, über die Folgen der Hamas-Herrschaft und über die Frage, ob die Welt den Menschen in Gaza eine echte Zukunft anbietet oder sie weiter als politische Statisten in einem endlosen Konflikt behandelt.




Autor: Redaktion
Dienstag, 19 Mai 2026

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