298 Seiten gegen das Schweigen: Bericht dokumentiert sexualisierte Hamas-Gewalt am 7. Oktober298 Seiten gegen das Schweigen: Bericht dokumentiert sexualisierte Hamas-Gewalt am 7. Oktober
Eine israelische Zivilkommission dokumentiert sexualisierte Gewalt der Hamas am 7. Oktober und in Geiselhaft. Der Bericht macht aus bestrittenem Leid eine rechtlich verwertbare Akte.

Bildnachweis: Symbolbild
Es gibt Verbrechen, die nicht nur durch ihre Tat wirken, sondern durch das Schweigen danach. Genau darum ist der neue Bericht der israelischen Civil Commission so wichtig. Er dokumentiert nicht nur, was HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terroristen und ihre Mitwirkenden am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und später in der Gefangenschaft von Geiseln angerichtet haben sollen. Er dokumentiert auch, wie schwer sich Teile der internationalen Öffentlichkeit, manche Frauenrechtsmilieus und viele politische Stimmen damit taten, israelische Opfer überhaupt als Opfer anzuerkennen.
Der Bericht trägt den Titel „Silenced No More“. Schon dieser Titel ist eine Anklage. Nicht gegen Israel. Nicht gegen die Opfer. Sondern gegen jene bequeme internationale Kälte, die nach dem Massaker noch fragen wollte, ob das Leid israelischer Frauen, Männer und Kinder wirklich in das eigene Weltbild passt. Die Kommission kommt nach zwei Jahren Arbeit zu einem klaren Ergebnis: Sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt sei nicht bloße Begleiterscheinung des Angriffs gewesen, sondern ein systematischer, weit verbreiteter und wesentlicher Bestandteil der Terrorstrategie.
Die Zahlen zeigen, weshalb dieser Bericht nicht als politisches Papier abgetan werden kann. Die Kommission wertete nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Fotos und Videosequenzen aus, sichtete mehr als 1.800 Stunden visuelles Material und stützte sich auf über 430 Aussagen und Interviews mit Überlebenden, früheren Geiseln, Augenzeugen, Ersthelfern, medizinischem Personal, Familienangehörigen und Fachleuten. Es geht um Opfer aus Israel und um Menschen aus zahlreichen weiteren Staaten. Der Terror traf nicht nur eine Nation. Er traf eine ganze Vorstellung davon, dass Zivilisten, Familien, Körper und Würde im Krieg nicht zum Freiwild werden dürfen.
An der Spitze dieser Arbeit steht Dr. Cochav Elkayam-Levy, Juristin, Menschenrechtsexpertin und Mitgründerin der Kommission. Für sie und ihr Team war die Aufgabe keine akademische Übung. Sie bedeutete, Material zu sehen, das viele Menschen nicht aushalten konnten. Sie bedeutete, Aussagen zu sichern, bevor sie verlorengingen. Sie bedeutete auch, den Opfern eine Stimme zu geben, die selbst nicht mehr sprechen können.
Gerade das ist entscheidend. Viele der Opfer sexualisierter Gewalt am 7. Oktober wurden ermordet. Andere überlebten schwer traumatisiert. Frühere Geiseln berichten von Kontrollverlust, Erniedrigung und Gewalt in Gefangenschaft. Wer solche Aussagen vorschnell relativiert, verlangt von Opfern etwas Unmenschliches: Sie sollen erst beweisen, dass ihr Leid politisch genehm ist.
Der digitale Terror nach der Tat
Ein besonders erschütternder Teil des Berichts betrifft den Einsatz sozialer Medien. Nach Darstellung der Kommission waren Fotos, Videos und Livestreams nicht nur zufällige Begleitprodukte des Angriffs. Sie waren Teil der Wirkung. Hamas-Terroristen filmten, verbreiteten und nutzten digitale Plattformen, um Leid zu verlängern. Die Gewalt endete damit nicht am Tatort. Sie wanderte auf Bildschirme, in Familienchats, in soziale Netzwerke, in die Telefone von Angehörigen.
Damit veränderte sich die Reichweite des Terrors. Wer nicht physisch anwesend war, konnte trotzdem getroffen werden. Angehörige erfuhren teils über umlaufende Bilder und Videos von der Gewalt gegen ihre Familien. Die Kommission beschreibt damit eine moderne Form des Terrors, in der das Handy zur Verlängerung der Waffe wird. Nicht nur der Körper des Opfers sollte zerstört werden, sondern auch das Sicherheitsgefühl der Familie, der Gemeinschaft und des ganzen Landes.
Das ist keine Nebensache. Es ist ein Angriff auf die Grundordnung menschlicher Bindungen. Familien sollten nicht nur Menschen verlieren. Sie sollten zusehen, mit der Ungewissheit leben, in digitalen Bruchstücken nach Wahrheit suchen und dabei immer wieder verletzt werden. Wer diese Dimension nicht versteht, versteht den 7. Oktober nicht.
Hier liegt auch der Punkt, an dem jede Debatte über Israels Reaktion ehrlich werden muss. Welcher Staat der Welt würde seinen Bürgern sagen, sie müssten nach einem solchen Angriff auf Schutz verzichten? Welcher Staat würde nach Morden, Verschleppungen, sexualisierter Gewalt, brennenden Häusern und digital verbreiteter Erniedrigung erklären, man dürfe die Täterstrukturen nicht zerschlagen, weil das politisch unbequem sei? Wer Israel dieses Recht abspricht, sollte dieselbe Frage an sein eigenes Land richten: Würde er akzeptieren, dass seine Familie, seine Wohnung, seine Stadt und seine Kinder solchen Tätern ausgeliefert bleiben?
Israel hat nicht nur ein Recht auf Selbstverteidigung. Israel hat gegenüber seinen Bürgern eine Pflicht dazu. Diese Pflicht endet nicht dort, wo internationale Empörung beginnt. Sie endet auch nicht, wenn Täter ihre Opfer durch PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen unsichtbar machen wollen.
Das Versagen derer, die sonst immer sprechen
Der Bericht ist auch deshalb so schwerwiegend, weil er eine zweite Verletzung sichtbar macht: das Wegsehen danach. Elkayam-Levy berichtet, wie sie kurz nach dem Massaker vor internationalen Gremien auf die Hinweise sexualisierter Gewalt aufmerksam machte und nicht die erwartete Solidarität fand. Stattdessen stand Israel vielerorts sofort selbst auf der Anklagebank. Die Opfer wurden übertönt von Parolen. Die Sprache der Menschenrechte wurde selektiv.
Das ist kein kleiner Fehler. Es ist ein moralischer Zusammenbruch. Frauenrechte, Menschenrechte und Völkerrecht verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie an der Grenze zu Israel plötzlich unter Vorbehalt stehen. Wer sexualisierte Gewalt nur dann empört verurteilt, wenn die Opfer politisch passen, verteidigt keine universellen Werte. Er verwaltet eine Ideologie.
Die Hamas bestreitet entsprechende Vorwürfe. Genau deshalb ist Dokumentation so wichtig. Nicht Rache, nicht Gerücht, nicht Schlagwort, sondern Beweissicherung. Die Kommission will eine Grundlage schaffen, die vor Gerichten, in Archiven, in der Forschung und in der historischen Erinnerung Bestand haben kann. Sie benennt Muster, ordnet Material, schützt soweit möglich die Würde der Opfer und versucht, aus zerstückelten digitalen Spuren ein belastbares Gesamtbild zu formen.
Die internationale Rechtsordnung hat für solche Verbrechen klare Begriffe: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schwere sexualisierte Gewalt in Konflikten. Die Kommission geht in ihrer rechtlichen Bewertung noch weiter und spricht von schwersten Verbrechen unter internationalem Recht. Ob und wie Gerichte diese Einordnung übernehmen, wird sich zeigen müssen. Aber der Bericht setzt einen Maßstab: Diese Taten dürfen nicht im Lärm politischer Lagerkämpfe verschwinden.
Für Israel bleibt der 7. Oktober eine offene Wunde. Für die Geiseln und ihre Familien ist er keine Vergangenheit. Für die Überlebenden ist er kein Kapitel in einem Bericht, sondern ein Leben danach. Der Wert von „Silenced No More“ liegt deshalb nicht nur in seinen Seitenzahlen, Quellen und juristischen Kategorien. Sein Wert liegt darin, dass er den Opfern das zurückgibt, was ihnen zuerst genommen wurde: Anerkennung.
Die Welt muss diesen Bericht nicht lesen, um Israel zu lieben. Sie muss ihn lesen, wenn sie ihre eigenen Maßstäbe ernst nimmt. Wer gegen sexualisierte Gewalt in Kriegen spricht, darf am 7. Oktober nicht verstummen. Wer Menschenrechte verteidigt, darf israelische Opfer nicht ausklammern. Und wer verlangt, Israel solle sich nach einem solchen Angriff zurückhalten, muss erklären, welchem anderen Staat er denselben Verzicht auf Schutz zumuten würde.
Der Bericht beendet das Schweigen nicht allein. Aber er macht es schwerer, weiterzuschweigen.
https://www.un.org/sexualviolenceinconflict/wp-content/uploads/2024/03/report/mission-report-official-visit-of-the-office-of-the-srsg-svc-to-israel-and-the-occupied-west-bank-29-january-14-february-2024/20240304-Israel-oWB-CRSV-report.pdf
Autor: Redaktion
Sonntag, 21 Juni 2026