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Mordwelle in Israels arabischen Städten: 151 Tote und kaum aufgeklärte Fälle

Mordwelle in Israels arabischen Städten: 151 Tote und kaum aufgeklärte Fälle


Zwei weitere Männer wurden in arabischen Städten Israels ermordet. Die Polizei spricht von verwischten Spuren, doch die eigentliche Frage ist bitterer: Warum kommen Schutz, Ermittlungen und Abschreckung immer wieder zu spät?

Mordwelle in Israels arabischen Städten: 151 Tote und kaum aufgeklärte Fälle
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Zwei Männer wurden am Sonntagmorgen innerhalb einer Stunde ermordet. In Deir Hanna nahe Sachnin starb der etwa 50 Jahre alte Mohammed Khalaila durch Schüsse. In Umm al-Fahm wurde Mohammed Kassab, ein Mann in seinen Dreißigern, getötet. Nach ersten Ermittlungen soll der Mord in Umm al-Fahm mit einer Blutrache zusammenhängen. In beiden Fällen wurden mutmaßliche Fluchtfahrzeuge verbrannt gefunden. Die Polizei begann Ermittlungen, erklärte aber zugleich, am Tatort in Umm al-Fahm seien Spuren verwischt, der Ort gereinigt und Beweise beseitigt worden.

Das ist eine Erklärung. Aber keine Antwort.

Denn wer in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen in diesen Monaten auf die Mordzahlen in der arabischen Gesellschaft blickt, sieht nicht mehr einzelne Verbrechen, sondern ein nationales Versagen. 151 Menschen aus der arabischen Gesellschaft wurden nach Ynet seit Beginn des Jahres ermordet. Nur 15 Fälle seien aufgeklärt. Das bedeutet: Die meisten Familien bleiben nicht nur mit einem Toten zurück, sondern auch mit dem Wissen, dass die Täter sehr wahrscheinlich weiter draußen sind. In den Straßen, in den Nachbarschaften, in denselben Städten, in denen Kinder zur Schule gehen, Hochzeiten gefeiert werden und Menschen versuchen, ein normales Leben zu führen.

Dass ein Tatort manipuliert wird, ist schwerwiegend. Niemand darf Beweise verschwinden lassen, niemand darf Ermittlungen behindern. Aber wenn Vertreter der arabischen Gesellschaft fragen, warum die Polizei nicht schneller vor Ort war, ist das keine Ausrede für Kriminelle. Es ist eine berechtigte Frage an den Staat. Wenn ein Tatort gewaschen werden kann, wenn Fahrzeuge angezündet werden, wenn Täter entkommen und Waffen verschwinden, dann zeigt das auch: Die kriminellen Netzwerke rechnen nicht ernsthaft mit einer sofortigen, überwältigenden Reaktion.

Genau hier liegt das Problem. Der Staat Israel schützt seine Bürger nicht gleich gut, wenn arabische Familien seit Jahren erleben, dass Mordserien mit Sitzungen, Erklärungen und neuen Schlagworten beantwortet werden, während die Zahl der Toten weiter steigt. Arabische IsraelisArabische Israelis: Bürger Israels zwischen Zugehörigkeit und KonfliktArabische Israelis sind Bürger des Staates Israel mit arabischer Herkunft, darunter Muslime, Christen, Drusen und Beduinen. Sie besitzen israelische Staatsbürgerrechte, sind politisch vertreten und leben zugleich in einer komplexen Identitätslage.Mehr lesen sind Bürger dieses Landes. Sie zahlen Steuern, schicken ihre Kinder in Schulen, arbeiten in Krankenhäusern, Unternehmen, Universitäten und Städten. Sie haben denselben Anspruch auf Sicherheit wie jede Familie in Tel Aviv, Netanja, Beerscheva oder JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen.

Wenn Mord zur Gewohnheit wird, verliert der Staat Autorität

Die Gewalt in arabischen Städten und Ortschaften ist längst nicht mehr nur ein Polizeithema. Sie ist ein Angriff auf staatliche Ordnung. Kriminelle Organisationen kontrollieren Geldflüsse, bedrohen Unternehmer, erpressen Familien, beschaffen Waffen, setzen Sprengsätze ein und entscheiden in manchen Straßen faktisch darüber, wer Angst haben muss. Wo der Staat nicht sichtbar genug ist, entsteht ein anderes System. Eines aus Clans, Schulden, Rache, illegalen Waffen und Schweigen.

Das trifft zuerst die arabische Gesellschaft selbst. Mütter begraben Söhne. Kinder sehen Väter sterben. Geschäftsleute zahlen Schutzgeld. Jugendliche wachsen in Orten auf, in denen die Macht der Waffe oft näher wirkt als die Macht des Rechts. Wer darüber spricht, muss klar bleiben: Die Täter sind Kriminelle. Die Verantwortung für Mord tragen die Mörder. Aber der Staat trägt Verantwortung dafür, ob er ihnen Räume lässt, ob er Waffenströme stoppt, ob er Familien schützt und ob er Ermittlungen so führt, dass Täter nicht davon ausgehen können, davonzukommen.

Jafar Farah vom Mossawa Center kritisierte in einem Ynet-Interview scharf, dass die Polizei in arabischen Gemeinden zu spät reagiere. Wenn ein Jude in Netanja ermordet werde, sehe man sofort Polizeikräfte und Beteiligung, sagte er sinngemäß. In arabischen Ortschaften dagegen verzögere sich die Reaktion. Man muss solche Vorwürfe nicht ungeprüft übernehmen, aber man muss sie ernst nehmen. Denn sie kommen nicht aus einem politischen Luxusstreit, sondern aus einer Gesellschaft, die ihre Toten zählt.

Auch die Zahlen stützen das Gefühl der Vernachlässigung. Times of Israel berichtete, ein Watchdog habe festgestellt, dass die Polizei in diesem Jahr nur rund zwölf Prozent der Mordfälle in arabischen Gemeinden aufgeklärt habe. Im vergangenen Jahr wurden demnach 252 Menschen in arabischen Gemeinden unter kriminellen Umständen getötet, das schlimmste Jahr seit Beginn entsprechender Erfassungen.

Die Polizei weist den Eindruck zurück, sie nehme die Krise nicht ernst. Polizeikommissar Danny Levy erklärte in den vergangenen Tagen, der Kampf gegen Kriminalität, besonders in der arabischen Gesellschaft, sei eine nationale Aufgabe höchster Priorität. Die Polizei verweist auf Sonderbesprechungen, verstärkten Druck auf kriminelle Organisationen und den Einsatz besonderer Einheiten. Doch für die Familien der Opfer zählen am Ende nicht Pressemitteilungen, sondern Verhaftungen, Anklagen, Verurteilungen und die spürbare Rückkehr von Sicherheit.

Der Shin Bet kann die Polizei nicht ersetzen

Vor diesem Hintergrund plant die Regierung, den Inlandsgeheimdienst Shin Bet in einem begrenzten Bereich einzubinden. Nach Berichten sollen Mittel aus einem Fünfjahresprogramm für die arabische Gesellschaft umgeleitet werden, damit der Shin Bet gegen Waffenschmuggel und illegale Waffenströme vorgeht. Times of Israel berichtet, es gehe nicht darum, dass der Shin Bet die normale Polizeiarbeit übernimmt, sondern um Waffenhandel und Schmuggel, weil ein Teil davon auch in Bereiche mit Terrorbezug hineinreiche.

Das kann sinnvoll sein, wenn es präzise begrenzt bleibt. Illegale Waffen sind einer der Motoren dieser Mordwelle. Wenn Gewehre, Pistolen, Sprengsätze und Munition leichter verfügbar sind als das Vertrauen in den Staat, wird jeder Konflikt tödlicher. Doch der Shin Bet darf nicht als bequeme Auslagerung eines Polizeiversagens missbraucht werden. Der Geheimdienst ist für nationale Sicherheit zuständig. Mord, Erpressung, Schutzgeld, Clanstrukturen und kriminelle Kontrolle über Gemeinden bleiben Aufgabe von Polizei, Justiz, Staatsanwaltschaft und Regierung.

Israel braucht keine kosmetische Zuständigkeitsverschiebung. Es braucht eine echte nationale Strategie. Dazu gehören schnelle Tatortabsicherung, bessere Ermittlungsgruppen, Schutzprogramme für Zeugen, konsequente Finanzermittlungen gegen kriminelle Organisationen, Kontrolle illegaler Waffen, mehr Polizeipräsenz in gefährdeten Städten, Kooperation mit arabischen Kommunen und ein politischer Wille, der nicht nach jeder Mordserie kurz aufflammt und dann wieder verschwindet.

Es braucht auch Ehrlichkeit gegenüber der arabischen Gesellschaft selbst. Wer Beweise vernichtet, wer schweigt, wer Tätern Schutz gibt oder Rachelogik rechtfertigt, macht sich zum Teil des Problems. Aber diese Wahrheit entlastet den Staat nicht. Ein funktionierender Staat darf nicht darauf warten, dass eingeschüchterte Bürger ein kriminelles System allein aufbrechen. Gerade dort, wo Angst herrscht, muss der Staat stärker sein.

Die Mordwelle in der arabischen Gesellschaft ist kein Randthema. Sie betrifft Israels SicherheitStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen, Israels Rechtsstaat und Israels moralischen Anspruch gegenüber allen Bürgern. Ein Staat, der Terrororganisationen bekämpft, iranische Bedrohungen abwehrt und seine Grenzen schützt, darf im Inneren nicht zulassen, dass ganze Gemeinden das Vertrauen in die Polizei verlieren. Sicherheit beginnt nicht erst an der Grenze. Sie beginnt vor der Haustür.

Am Ende bleiben zwei Namen von diesem Morgen: Mohammed Khalaila und Mohammed Kassab. Zwei weitere Tote in einer Statistik, die viel zu schnell wächst. Zwei Familien, die nun Antworten brauchen. Und ein Staat, der sich nicht länger hinter Formulierungen verstecken darf. Wenn Tatorte gewaschen werden, müssen Täter verfolgt werden. Wenn Beweise verschwinden, müssen Netzwerke zerschlagen werden. Wenn 151 Menschen getötet werden und nur 15 Fälle aufgeklärt sind, reicht kein Appell mehr.

Israel schuldet seinen arabischen Bürgern mehr als Bedauern. Es schuldet ihnen Schutz.

Thematische Einordnung



Autor: Redaktion
Sonntag, 05 Juli 2026

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