Hamas gibt die Regierung ab und behält die MachtHamas gibt die Regierung ab und behält die Macht
Während eine Technokratenverwaltung offiziell Gaza übernehmen soll, setzt die Hamas Loyalisten in Clans, Lagern und Nachbarschaftskomitees ein. Hilfe, Schlichtung und örtliche Verwaltung werden zu Werkzeugen eines neuen Schattenstaates.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen bereitet keinen wirklichen Machtverzicht vor. Sie verändert lediglich die Form ihrer Herrschaft.
Während internationale Vermittler auf eine Übergabe der Verwaltung an ein palästinensisches Technokratenkomitee hoffen, arbeitet die Terrororganisation nach einem Bericht des israelischen Senders KAN daran, ihre Kontrolle tiefer in die gesellschaftlichen Strukturen des Gazastreifens einzubauen. Vertraute Personen sollen an die Spitze von Clans, Nachbarschaftskomitees, Flüchtlingslagern und Zeltsiedlungen gelangen. So könnte die Hamas ihre Ministerien formal abgeben und trotzdem bestimmen, wer Hilfe erhält, wer örtliche Konflikte löst und wer Informationen über die Bevölkerung sammelt.
Die Organisation scheint aus den vergangenen Kriegsjahren eine klare Lehre gezogen zu haben: Sichtbare Regierungsgebäude, offizielle Ämter und bekannte Führungspersonen sind angreifbar. Ein Netz aus Familienvertretern, sogenannten Muchtaren, Hilfskomitees und örtlichen Verwaltern ist dagegen schwerer zu erkennen und noch schwerer zu entwaffnen.
Genau dieses Netz soll nun ausgebaut werden.
Loyalität gegen Lebensmittel, Schutz und Einfluss
KAN beruft sich auf palästinensische Sicherheitsvertreter, die einen verstärkten Versuch der Hamas beobachten, nahestehende Personen in führende Stellungen innerhalb der Clans und Viertelvertretungen zu bringen. Dies geschehe sowohl durch Wahlen in Familienräten als auch durch die Ernennung örtlicher Verwalter. Besonders betroffen seien Flüchtlingslager und die provisorischen Zeltsiedlungen der Vertriebenen.
Die Hamas bietet kooperationsbereiten Familien nach diesen Angaben konkrete Vorteile. Sie hilft bei der Beilegung innerfamiliärer Streitigkeiten, ermöglicht bevorzugten Zugang zu humanitärer Hilfe und gewährt weitere Privilegien. Was nach sozialer Unterstützung klingt, schafft politische Abhängigkeit: Wer Lebensmittel, Schutz, Schlichtung oder Zugang zu Dienstleistungen kontrolliert, besitzt Macht über Menschen, die kaum andere Möglichkeiten haben.
In den Lagern sollen sogenannte Schutz- und Hilfsgemeinschaften entstanden sein. Ihre Komitees kümmern sich offiziell um Versorgung und Alltagsprobleme. Zugleich berichten Mitglieder nach den vorliegenden Informationen an die Hamas und überwachen, was innerhalb der Lager geschieht. Die Terrororganisation nutzt damit die Not der Vertriebenen, um ihre eigenen Beobachtungs- und Kontrollstrukturen wiederherzustellen.
Die Angaben stammen aus Sicherheitskreisen und lassen sich unter den Bedingungen im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen nicht in allen Einzelheiten unabhängig überprüfen. Das Gesamtbild passt jedoch zu der Machtübergabe, die Hamas selbst angekündigt hat. Anfang Juli löste sie ihre sogenannte Regierungskommission auf und erklärte sich bereit, die formale Verwaltung an das Nationale Komitee für die Verwaltung Gazas unter Ali Shaath zu übergeben. Gleichzeitig sollten die von Hamas eingesetzten Beschäftigten in den Ministerien weiterarbeiten. Auch Sicherheits- und Polizeiaufgaben in den von ihr kontrollierten Teilen Gazas blieben zunächst in ihren Händen.
Mit anderen Worten: Das Schild an der Tür kann ausgetauscht werden, während dieselben Menschen im Gebäude bleiben.
Israels Außenminister Gideon Sa’ar bezeichnete die angekündigte Übergabe deshalb als Versuch, die Entwaffnung der Hamas zu verhindern. Solange die Terrororganisation ihre Waffen behalte, werde jede zivile Verwaltung unter ihrem Druck arbeiten. Auch der von US-Präsident Donald Trump eingesetzte internationale Friedensrat erklärte, man werde Hamas nicht nach ihren Versprechen, sondern nach ihren tatsächlichen Handlungen beurteilen.
Die neuen Informationen über Clans und örtliche Komitees zeigen, wie berechtigt diese Skepsis ist.
Die Regierung verschwindet, der Schattenstaat bleibt
Clans besitzen im Gazastreifen erheblichen gesellschaftlichen Einfluss. Sie vermitteln Streitigkeiten, organisieren Schutz, stellen örtliche Ansprechpartner und können das Verhalten ganzer Familienverbände beeinflussen. Während des Krieges gewannen manche Familien an Bedeutung, weil staatliche Strukturen zusammenbrachen und die Hamas ihre Kontrolle nicht überall offen ausüben konnte.
Nun versucht die Terrororganisation offenbar, diese zwischenzeitlich gewachsene Eigenständigkeit wieder einzufangen. Loyalisten sollen die Clans von innen führen. Andere Familien werden durch Vorteile gebunden oder durch die Gefahr bestraft, den Zugang zu Hilfe und Schutz zu verlieren. Das ist keine freiwillige gesellschaftliche Unterstützung. Es ist Herrschaft durch Abhängigkeit.
Besonders deutlich wurde diese Methode vor geplanten Protesten gegen die Hamas. Teilnehmern soll angedroht worden sein, Leistungen zu verlieren oder aus Lagern ausgeschlossen zu werden. KAN hatte bereits Ende Juni über Einschüchterungsversuche gegen Organisatoren einer größeren Anti-Hamas-Kundgebung berichtet.
Wer gegen die Terrororganisation demonstriert, riskiert demnach nicht nur eine Festnahme oder körperliche Gewalt. Er kann auch seine Unterkunft, seine Versorgung und seinen Platz in einer Gemeinschaft verlieren. In einer zerstörten Region wird humanitäre Not so zum politischen Disziplinierungsmittel.
Auch Wirtschaftsverbände wie die Handelskammer sollen weiterhin eng unter dem Einfluss der Hamas stehen. Damit erstreckt sich ihre Macht nicht nur auf bewaffnete Einheiten und örtliche Sicherheitskräfte, sondern auch auf Handel, Genehmigungen, Versorgung und wirtschaftliche Beziehungen.
Das geplante Technokratenkomitee müsste unter diesen Bedingungen eine Verwaltung übernehmen, deren Beschäftigte, lokale Ansprechpartner, Sicherheitskräfte und Versorgungswege teilweise weiterhin von der Hamas abhängig sind. Es bekäme möglicherweise die Verantwortung, aber nicht die wirkliche Macht.
Genau darin liegt die Gefahr für jeden internationalen Wiederaufbauplan. Milliarden für Wohnraum, Versorgung, Schulen und Infrastruktur könnten durch Strukturen fließen, die Hamas vorher personell besetzt hat. Die Terrororganisation müsste dann nicht auf jedem offiziellen Dokument erscheinen. Es würde genügen, wenn ihre Leute entscheiden, wer Zugang erhält, welche Familie bevorzugt wird und welche Kritik Folgen hat.
Hamas könnte sich international als zurückgetreten darstellen und zugleich vor Ort stärker werden.
Die Ernennung Khalil al-Hayyas zum neuen obersten Führer der Organisation unterstreicht diese Richtung. Seine Wahl wurde von Beobachtern als Zeichen verstanden, dass Hamas am bewaffneten Kampf, an der Ablehnung einer Entwaffnung und an ihren Beziehungen zum iranischen Machtbereich festhalten will. Ein wirklicher politischer Neuanfang sieht anders aus.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ein Technokratenkomitee seine Arbeit aufnimmt. Entscheidend ist, wer die Waffen besitzt, wer die örtlichen Funktionäre kontrolliert, wer Hilfsgüter verteilt und wer Menschen bestrafen kann.
Solange diese Macht bei der Hamas bleibt, ist die angebliche Übergabe eine Täuschung.
IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen kann keiner Lösung zustimmen, bei der die Terrororganisation ihre Ministertitel verliert, aber ihre bewaffneten Männer, Informanten, Familiennetzwerke und wirtschaftlichen Hebel behält. Eine Verwaltung, die unter der Aufsicht der Hamas arbeitet, ist keine Alternative zur Hamas. Sie ist ihr ziviles Schutzschild.
Die Menschen im Gazastreifen brauchen eine Ordnung, in der Hilfe nicht von politischer Loyalität abhängt, Protest nicht zum Verlust der Unterkunft führt und bewaffnete Islamisten nicht im Hintergrund jede örtliche Entscheidung kontrollieren. Dazu genügt keine neue Behörde mit einem neuen Namen.
Hamas muss entwaffnet, aus Sicherheitsstrukturen entfernt und von der Verteilung internationaler Hilfe ausgeschlossen werden. Andernfalls wird aus dem angekündigten Machtwechsel nur eine Neuverpackung derselben Herrschaft.
Die Terrororganisation räumt dann vielleicht den Regierungssitz. Gaza verlässt sie damit noch lange nicht.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 22 Juli 2026