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25 Jahre nach Sbarro: Jordanien liefert die Terroristin bis heute nicht aus

25 Jahre nach Sbarro: Jordanien liefert die Terroristin bis heute nicht aus


Ahlam Tamimi führte einen Hamas-Selbstmordattentäter ins volle Zentrum Jerusalems. 16 Menschen starben, darunter Kinder. Das FBI setzt fünf Millionen Dollar auf sie aus, doch die verurteilte Terroristin lebt weiter frei in Jordanien.

25 Jahre nach Sbarro: Jordanien liefert die Terroristin bis heute nicht aus
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Am 9. August 2001 gingen Familien, Jugendliche und Touristen durch das Zentrum Jerusalems. Die Sommerferien näherten sich ihrem Ende, Cafés und Restaurants waren voll. In der Sbarro-Pizzeria an der Kreuzung von Jaffa Road und King George Street saßen zahlreiche Familien mit ihren Kindern. Für Ahlam Tamimi war genau das ein Grund, diesen Ort auszuwählen.

Die damals 21 Jahre alte jordanische Journalismusstudentin gehörte zur HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen. Gemeinsam mit dem Selbstmordattentäter Izzedine Suheil al-Masri kam sie aus Ramallah nach JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Masri trug einen Gitarrenkoffer. Darin befanden sich etwa zehn Kilogramm Sprengstoff und Nägel, die bei der Explosion möglichst viele Menschen zerfetzen sollten. Niemand am Kontrollpunkt erkannte, was sich in dem scheinbar harmlosen Gepäckstück befand.

Gegen 14 Uhr betrat Masri die dicht besuchte Pizzeria und zündete die Bombe. Zu den Getöteten gehörten die 15 Jahre alte Malki Roth und ihre 16 Jahre alte Freundin Michal Raziel. Fünf Angehörige der Familie Schijveschuurder starben gemeinsam, die Eltern und drei ihrer Kinder. Die schwangere Shoshana Yehudit Greenbaum wurde ebenfalls ermordet. Chana Nachenberg wurde so schwer verletzt, dass sie beinahe 22 Jahre im Koma lag. Sie starb am 1. Juni 2023 an den Folgen ihrer Verletzungen. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf 16. Das FBI nennt heute drei amerikanische Staatsbürger unter den Toten und rund 122 Verletzte.
Tamimi hatte die Bombe nicht selbst gezündet. Ihre Rolle war deshalb jedoch keineswegs nebensächlich. Nach den amerikanischen Ermittlungsunterlagen führte sie den Attentäter in das Zentrum Jerusalems und wies ihn an, den Sprengsatz dort oder an einem anderen Ort zu zünden, falls sich dort noch mehr Opfer treffen ließen. Später erklärte sie selbst, bei der Suche nach einem geeigneten Anschlagsort besonders darauf geachtet zu haben, wo sich viele Kinder aufhielten.

Es gehört zu den unerträglichsten Einzelheiten dieses Verbrechens, dass Tamimi ihre Beteiligung nie bereute.

16 Mal lebenslang, acht Jahre später wieder frei

Israelische Sicherheitskräfte fassten Tamimi. Im Jahr 2003 wurde sie wegen ihrer Beteiligung an dem Anschlag zu 16 aufeinanderfolgenden lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Nach den Angaben des US-Justizministeriums bekannte sie sich schuldig.

Eigentlich hätte damit klar sein müssen, wo eine Frau den Rest ihres Lebens verbringt, die einen Selbstmordattentäter zu Familien und Kindern geführt hatte.

Doch im Oktober 2011 wurde Tamimi freigelassen.

Sie gehörte zu den 1.027 palästinensischen Gefangenen, die IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen im Austausch für den von der Hamas fünf Jahre lang gefangen gehaltenen israelischen Soldaten Gilad Schalit freigab. Unter den Freigelassenen befand sich auch Yahya Sinwar, der später zu einem der führenden Köpfe der Hamas wurde und als maßgeblicher Planer des Massakers vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen gilt.

Die Entscheidung gehört rückblickend zu den bittersten israelischen Erfahrungen mit Gefangenenaustauschen. Israel brachte einen eigenen Soldaten nach Hause, zahlte dafür jedoch einen Preis, dessen Folgen Jahre später noch immer sichtbar sind. Terroristen, die wegen schwerster Verbrechen verurteilt worden waren, erhielten ihre Freiheit zurück. Manche kehrten zum Terror zurück. Andere wurden zu Symbolfiguren.

Tamimi wurde nach ihrer Freilassung nicht nach GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen oder Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen gebracht, sondern nach Jordanien. Zunächst flog sie nach Ägypten, wo Hamas-Funktionär Khaled Maschal sie empfing. Auch in Jordanien wurde sie nicht wie eine verurteilte Mörderin behandelt. Sie erhielt einen öffentlichen Empfang und später eine eigene Fernsehsendung, über die sie ein arabischsprachiges Publikum weit über Jordanien hinaus erreichte.

Während die Familien der Ermordeten mit den Folgen des Anschlags weiterleben mussten, konnte eine seiner Verantwortlichen ein öffentliches Leben führen.

Für Arnold und Frimet Roth wurde die Freilassung zu einer zweiten Wunde. Ihre Tochter Malki war 15 Jahre alt, musikalisch, engagiert in einer Jugendbewegung und kümmerte sich intensiv um Menschen mit Behinderungen. Besonders eng war ihre Beziehung zu ihrer schwer behinderten jüngeren Schwester Haya. Nach Malkis Ermordung gründeten ihre Eltern die Malki Foundation, die israelische Familien mit behinderten Kindern unterstützt.

Die Familie entschied sich damit gegen das Vergessen. Doch ihr Kampf richtet sich längst nicht mehr nur gegen die Hamas. Seit Jahren kämpfen die Roths auch gegen politische Untätigkeit in Israel, Jordanien und den Vereinigten Staaten.

Amerika sucht sie, Jordanien lässt sie frei

Für die Vereinigten Staaten besitzt der Fall eine zusätzliche Dimension, weil amerikanische Staatsbürger unter den Opfern waren.

Am 15. Juli 2013 erhob die amerikanische Justiz unter Verschluss strafrechtliche Vorwürfe gegen Tamimi. Ein Bundesgericht in Washington erließ einen Haftbefehl. Im März 2017 wurden die Unterlagen öffentlich gemacht. Seitdem steht Tamimi auf der Liste der meistgesuchten Terroristen des FBI. Die Vereinigten Staaten werfen ihr unter anderem eine Verschwörung zum Einsatz einer Massenvernichtungswaffe gegen amerikanische Staatsbürger im Ausland mit Todesfolge vor.

Das FBI führt sie auch heute, im August 2026, weiterhin als gesuchte Terroristin.

Das amerikanische Programm Rewards for Justice bietet bis zu fünf Millionen Dollar für Informationen, die zu ihrer Festnahme oder Verurteilung führen. Auf der aktuellen Fahndungsseite des FBI steht unmissverständlich, dass Tamimi als bewaffnet und gefährlich betrachtet werden soll.

Man weiß allerdings sehr wohl, in welchem Land sie sich aufhält.

Das Problem ist nicht, sie irgendwo in einem unzugänglichen Terrorgebiet zu finden. Das Problem ist Jordanien.

Amman verweigert ihre Auslieferung. Jordanische Gerichte vertraten die Auffassung, dass die Verfassung eine Auslieferung jordanischer Staatsbürger nicht zulasse. Hinzu kam ein Streit über die Gültigkeit des Auslieferungsvertrages zwischen den Vereinigten Staaten und Jordanien. Washington betrachtet den Vertrag ausdrücklich als gültig und weiterhin in Kraft. Bereits das amerikanische Außenministerium hielt fest, dass die USA die Auslieferung Tamimis verlangt haben und Jordanien sie nicht vollzog.

Damit entsteht eine kaum erträgliche Situation: Jordanien ist ein enger Partner der Vereinigten Staaten, erhält umfangreiche amerikanische Unterstützung und arbeitet mit westlichen Staaten im Kampf gegen Terrorismus zusammen. Gleichzeitig befindet sich dort eine vom FBI gesuchte Hamas-Terroristin, auf deren Ergreifung Washington fünf Millionen Dollar ausgesetzt hat.

25 Jahre nach dem Sbarro-Anschlag ist sie noch immer nicht vor einem amerikanischen Gericht erschienen.

Das ist kein bürokratisches Detail und kein jahrzehntealter Rechtsstreit, den man irgendwann zu den Akten legen kann. Drei amerikanische Staatsbürger starben nach heutiger Zählung an den Folgen des Anschlags. Die Vereinigten Staaten haben Tamimi angeklagt. Ein Haftbefehl existiert. Das FBI sucht sie. Trotzdem bleibt die politische Konsequenz aus.

Jordanien muss sich deshalb die Frage gefallen lassen, welchen Wert die gemeinsame Bekämpfung des Terrorismus besitzt, wenn sie endet, sobald eine Täterin im eigenen Land lebt.

Auch Israel kann sich der eigenen Verantwortung für diese Situation nicht entziehen. Tamimi befand sich bereits dort, wo eine verurteilte Terroristin hingehörte, in einem israelischen Gefängnis. Sie war zu 16 lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Israel ließ sie 2011 selbst frei.

Arnold und Frimet Roth versuchten damals verzweifelt, ihre Entlassung zu verhindern. Sie schrieben Eingaben und warnten davor, Tamimi auf die Liste der freizulassenden Terroristen zu setzen. Ohne Erfolg. Arnold Roth bezeichnet die Schalit-Vereinbarung bis heute als Katastrophe und macht keinen Hehl aus seiner Verbitterung gegenüber Benjamin Netanyahu, unter dessen Regierung das Abkommen geschlossen wurde.

Diese Kritik ist schmerzhaft, aber sie gehört zur Geschichte. Pro Israel zu sein bedeutet nicht, jede Entscheidung einer israelischen Regierung nachträglich zu verteidigen. Gerade ein Staat, der seine Bürger vor Terror schützen muss, ist verpflichtet, aus Entscheidungen zu lernen, deren Folgen später weitere Menschenleben kosten.

Der Fall Sinwar hat diese Wahrheit auf grausamste Weise gezeigt.

Ein Vierteljahrhundert und noch immer keine Gerechtigkeit

Der Sbarro-Anschlag liegt inzwischen ein Vierteljahrhundert zurück. Für eine Familie, die ein Kind verloren hat, ist das keine historische Zahl.

Malki Roth wäre heute 40 Jahre alt.

Sie könnte eine eigene Familie haben. Sie könnte weiterhin Musik machen, arbeiten, ihre Schwester Haya begleiten oder selbst Kinder großziehen. All diese Möglichkeiten endeten am 9. August 2001 in einer Pizzeria in Jerusalem, weil Hamas-Terroristen einen Ort suchten, an dem sie möglichst viele Juden töten konnten.

Ahlam Tamimi bekam dagegen eine Zukunft.

Sie heiratete. Sie trat öffentlich auf. Sie sprach über den Anschlag. Sie lebte in Jordanien. Und während amerikanische Behörden erklären, sie weiterhin vor Gericht bringen zu wollen, zählen ihre Opferfamilien ein weiteres Jahr ohne Gerechtigkeit.

Das ist der eigentliche Skandal dieses 25. Jahrestages.

Nicht, dass ein alter Terrorfall erneut in Erinnerung gerufen wird. Sondern dass die Täterin bekannt ist, dass ihr Aufenthaltsland bekannt ist, dass ein Haftbefehl existiert, dass Millionen für ihre Ergreifung ausgesetzt sind und trotzdem nichts geschieht.

Arnold und Frimet Roth verlangen keine Rache. Sie verlangen, dass eine wegen eines Massenmordes verurteilte Terroristin nicht dauerhaft über dem Recht steht.

Nach 25 Jahren sollte diese Forderung selbstverständlich sein.

Solange Jordanien Ahlam Tamimi nicht ausliefert und Washington diesen Zustand hinnimmt, bleibt das Versprechen, Terroristen überall auf der Welt zur Verantwortung zu ziehen, unvollständig. Für die Familie Roth ist das keine diplomatische Frage. Es ist eine offene Rechnung, die seit dem 9. August 2001 besteht.

Die Erinnerung an Sbarro verlangt deshalb mehr als Kränze, Jahrestage und Worte über die Opfer. Sie verlangt Konsequenz.

16 Menschen starben. Eine der Verantwortlichen läuft frei herum.

25 Jahre sind mehr als genug.




Autor: Redaktion
Samstag, 08 August 2026

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