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Der 7. Oktober machte aus Übungen bitteren Ernst

Der 7. Oktober machte aus Übungen bitteren Ernst


Israels Krankenhäuser waren auf Raketen und viele Verletzte vorbereitet. Doch eine neue Studie zeigt, dass selbst jahrelanges Training an Grenzen stößt, wenn plötzlich auch Personal, Verkehrswege und Kommunikation Teil des Krieges werden.

Der 7. Oktober machte aus Übungen bitteren Ernst
Bildnachweis: Eman / Quelle

Am Morgen des 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen tat das Samson Assuta Ashdod University Medical Center zunächst genau das, was seine Mitarbeiter unzählige Male geübt hatten. Raketen wurden auf den Süden Israels abgefeuert, innerhalb kurzer Zeit musste mit zahlreichen Verletzten gerechnet werden, und die Notaufnahme stellte auf den vorbereiteten Katastrophenbetrieb um.

Dann zeigte sich, dass dieser Tag mit keiner Übung vergleichbar war.

Verwundete mit Schussverletzungen, Verbrennungen und Verletzungen durch Explosionen erreichten das Krankenhaus, während auch Aschdod weiter unter Raketenbeschuss stand. Rettungswagen kamen nicht überall zu den Verletzten. Verkehrswege waren gefährlich. Mitarbeiter wussten zeitweise kaum, was außerhalb des Krankenhauses geschah. Manche erhielten gleichzeitig einen Einberufungsbefehl der Armee und den Ruf ihres Krankenhauses. Andere mussten entscheiden, ob sie ihre Familien in einer Situation verlassen konnten, in der niemand wusste, wie weit die Terroristen vorgedrungen waren.

Eine im Juli 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung rekonstruiert nun anhand der Erfahrungen von Mitarbeitern, was an diesem Tag funktionierte und was versagte. Die Studie mit dem Titel „Wartime Mass Casualty Incident Plan Operation: Staff Experiences from a Civilian Hospital in Southern IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen on October 7, 2023“ erschien in der Fachzeitschrift „Disaster Medicine and Public Health Preparedness“. Sie basiert auf ausführlichen Interviews mit 19 Mitarbeitern der Notaufnahme, die während des HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen Angriffs im Einsatz waren. Die Fachpublikation bestätigt, dass es sich um eine qualitative Untersuchung handelt. Ihre Stärke liegt deshalb nicht in statistischen Hochrechnungen, sondern in der detaillierten Analyse tatsächlicher Abläufe während eines außergewöhnlichen Kriegstages.

Die wichtigste Erkenntnis ist bemerkenswert: Nicht modernste Technik allein hielt das Krankenhaus arbeitsfähig. Entscheidend war, dass Ärzte, Pflegekräfte und weitere Beschäftigte ihre Aufgaben durch regelmäßige Übungen so gut kannten, dass sie unter extremem Druck nicht erst nach einem Plan suchen mussten. Die Forscher beschreiben eine ausgeprägte Kultur regelmäßiger Übungen für Massenanfälle von Verletzten als einen der entscheidenden Gründe dafür, dass Versorgung und Patientenfluss aufrechterhalten werden konnten.

Hinzu kam etwas, das am 7. Oktober buchstäblich über Leben und Tod entscheiden konnte: Die Notaufnahme in Aschdod ist gegen Raketen geschützt. Ärzte und Pflegekräfte mussten ihre Patienten nicht verlassen und während jedes Alarms Schutzräume aufsuchen. Die Behandlung konnte weitergehen. Nach Einschätzung der Forscher stärkte das nicht nur den Arbeitsablauf, sondern auch die Moral des Personals.

Niemand hatte den Verlust israelischen Territoriums eingeplant

Gerade weil das Krankenhaus vorbereitet war, sind die Schwachstellen der Planung besonders lehrreich.

Professor Adam Rose von der Hebräischen Universität JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen formuliert eine der zentralen Erkenntnisse der Untersuchung: Israelische Planer hatten zwar Krieg, Raketenbeschuss und einen Massenanfall von Verwundeten geübt. Sie hatten jedoch nicht mit einer Situation gerechnet, in der Israel zeitweise die Kontrolle über Teile seines eigenen Staatsgebietes verlieren würde.

Genau das unterschied den 7. Oktober von vielen bekannten Terroranschlägen in westlichen Großstädten. Bei den Anschlägen von London, Paris oder anderen Städten konnten Krankenhäuser grundsätzlich davon ausgehen, dass Polizei und Rettungsdienste weiterhin Zugang zum Einsatzgebiet besaßen und staatliche Kontrolle bestand. Am 7. Oktober wurden dagegen mehrere israelische Gemeinden von Terroristen überrannt. Rettungskräfte konnten manche Orte nicht sicher erreichen. Die Angriffe dauerten viele Stunden an und betrafen gleichzeitig zahlreiche Schauplätze. Die Studie wertet diese Bedingungen deshalb eher als Merkmale eines großflächigen bewaffneten Angriffs denn als klassischen einzelnen Terroranschlag.

Die Folge war eine Informationskrise.

Mitarbeiter der Notaufnahme wussten teilweise nicht, wie viele Verwundete unterwegs waren, aus welchen Gebieten sie kamen und welche Straßen überhaupt passierbar waren. Informationen erreichten sie über Soldaten, Rettungskräfte, Patienten und sogar über Videos in sozialen Netzwerken. Das war in diesem Moment notwendig, kann aber kein dauerhaftes System für ein Land im Krieg sein.

Rose fordert deshalb einen fest eingerichteten Informationsmechanismus, an dem Krankenhäuser, Rettungsdienste, Armee und staatliche Stellen beteiligt sind. Solche Kommunikationswege müssten nicht nur auf Papier existieren, sondern bereits während Übungen getestet werden.

Auch die Personalplanung offenbarte einen Konflikt, den ein gewöhnlicher Katastrophenplan kaum lösen kann. Beschäftigte des Krankenhauses waren zugleich ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen. Einige wurden sowohl von der Armee als auch vom Krankenhaus benötigt. Andere Mitarbeiter konnten ihren Arbeitsplatz nicht erreichen oder wollten ihre Familien angesichts der unmittelbaren Gefahr nicht allein lassen. Selbst Verwaltungsmitarbeiter, die auf den ersten Blick keine medizinische Schlüsselrolle besitzen, fehlten plötzlich. Dadurch entstanden Schwierigkeiten bei der Registrierung von Patienten.

Ein Krankenhaus funktioniert eben nicht nur mit Chirurgen und Intensivmedizinern. Es braucht Registrierung, Transport, Reinigung, Verwaltung, Technik, Laborpersonal und funktionierende Kommunikationswege. Fällt das gesamte Umfeld aus, geraten auch Bereiche unter Druck, die in einer Übung nebensächlich erscheinen.

Ein weiterer Plan erwies sich als praktisch nicht durchführbar. Weniger schwer verletzte Patienten sollten aus der Notaufnahme in andere Teile des Krankenhauses verlegt werden, um Platz zu schaffen. Doch diese Bereiche verfügten nicht über denselben Schutz gegen Raketen. Patienten aus einem geschützten Bereich in einen ungeschützten zu bringen, hätte sie einer neuen Gefahr ausgesetzt.

Das ist eine jener Erkenntnisse, die auf dem Papier banal erscheinen und im Krieg plötzlich entscheidend werden. Ein Ausweichbereich hilft nicht, wenn er selbst zum Risiko wird.

Manche Kliniken waren voll, andere hatten noch Platz

Vielleicht überraschender ist eine andere Feststellung. Während einige israelische Krankenhäuser an diesem Tag mit großen Zahlen von Verwundeten kämpften, glaubten Mitarbeiter der Notaufnahme in Aschdod, noch zusätzliche Patienten sicher behandeln zu können.

Das verweist auf ein Problem oberhalb der einzelnen Klinik. Selbst ein hervorragend vorbereitetes Krankenhaus kann die Verteilung von Verwundeten nicht allein organisieren. Dafür braucht es eine zentrale Stelle, die in Echtzeit weiß, welche Klinik wie viele Patienten aufnehmen kann und wohin Rettungsdienste fahren sollen.

Rose nennt genau dies als eine der wichtigsten Verbesserungen: Eine zentrale Instanz müsse steuern, welche Verwundeten wann in welches Krankenhaus gebracht werden. Dadurch könne verhindert werden, dass eine Klinik an ihre Grenzen gerät, während eine andere noch Behandlungskapazitäten besitzt.

Das Forschungsteam kommt dennoch zu einem positiven Gesamturteil über die Reaktion von Assuta Ashdod. Die geschützte Notaufnahme und die regelmäßig wiederholten Katastrophenübungen hätten sich als zwei wesentliche Stärken erwiesen. Viele kleinere und mittlere Probleme seien sichtbar geworden, das Krankenhaus selbst aber arbeitsfähig geblieben.

Die Studie der Hebräischen Universität und ihrer Partner bestätigt diese Einschätzung. Die Forscher identifizierten drei große Themenfelder: die Sicherheit und Mobilisierung des Personals, die Unvorhersehbarkeit eines lang andauernden Angriffs sowie den Mangel an verlässlichen Informationen. Gleichzeitig half das regelmäßige Training dabei, die medizinische Versorgung unter extremem Stress aufrechtzuerhalten.

Besonders eindringlich wird die Studie dort, wo aus organisatorischen Fragen menschliche Erfahrungen werden.

Dr. Debra West leitete die Notaufnahme am 7. Oktober. In ihrer Erinnerung blieb eine hochschwangere Frau, die kurz vor der Entbindung von Mitarbeitern des Magen David Adom in die geschützte Notaufnahme gebracht wurde. Ein kleines Kind hielt sich an ihrer Trage fest, ein weiteres wurde von einem Rettungssanitäter getragen. West erinnert sich vor allem an die Angst in den Gesichtern der Mutter und ihrer Kinder.

Noch heute, berichtet sie, erinnere sie sich an die Stimmen von Verwundeten, die Angehörige oder Kameraden verloren hatten. Solche Aussagen machen sichtbar, dass Katastrophenvorsorge nicht allein aus Bettenzahlen, Notstromaggregaten und Operationsplänen besteht. Ärzte und Pflegekräfte behandeln Menschen, während sie gleichzeitig selbst begreifen müssen, dass ihr Land angegriffen wird und möglicherweise ihre eigenen Familien bedroht sind.

Am Morgen hatte West zunächst noch angenommen, Israel erlebe einen weiteren schweren Raketenangriff. Erst Bilder und Videos, die bereits über Telegram verbreitet wurden, ließen sie erkennen, dass Terroristen in israelische Orte eingedrungen waren. In diesem Augenblick sei klar geworden, dass es nicht um einen gewöhnlichen Raketenbeschuss, sondern um Krieg ging.

Genau darin liegt die eigentliche Lehre dieser Untersuchung.

Israel hatte für einen Notfall trainiert. Doch der 7. Oktober griff nicht nur Menschen und Orte an. Er griff gleichzeitig die Voraussetzungen an, auf denen ein Notfallplan beruht: sichere Straßen, erreichbares Personal, funktionierende Kommunikation, staatliche Kontrolle und eine klare Vorstellung davon, wo die Gefahr beginnt und endet.

Die Forscher halten diese Erfahrungen deshalb ausdrücklich auch für andere Staaten für bedeutsam. Der Krieg in der Ukraine und der 7. Oktober hätten gezeigt, dass moderne Kriege zivile Gesundheitssysteme unmittelbar erfassen können. Krankenhäuser müssen sich dann nicht nur darauf vorbereiten, viele Verletzte zu behandeln. Sie müssen selbst unter Angriff weiterarbeiten können.

Für Europa ist das eine unbequeme Botschaft. Viele Staaten diskutieren inzwischen wieder über Zivilschutz, militärische Bedrohungen und Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastruktur. Krankenhäuser gehören dazu. Eine Klinik, deren Notaufnahme während eines Raketenalarms geräumt werden muss, deren Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze nicht erreichen oder die keine gesicherten Informationen über eintreffende Verwundete erhält, kann selbst mit ausgezeichneten Ärzten schnell an Grenzen geraten.

Israel hat diese Lektion nicht in einer Übung gelernt.

Es hat sie am 7. Oktober unter Feuer gelernt.




Autor: Redaktion
Samstag, 08 August 2026

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