Aufstand im ultraorthodoxen Lager: Drei neue Parteien greifen das alte Machtgefüge an

Aufstand im ultraorthodoxen Lager: Drei neue Parteien greifen das alte Machtgefüge an


Schas und Vereinigtes Thora Judentum konnten jahrzehntelang auf verlässliche Wähler bauen. Vor der Wahl 2026 wächst jedoch der Widerstand, besonders unter Berufstätigen, Wehrdienstbefürwortern und enttäuschten jungen Ultraorthodoxen.

Aufstand im ultraorthodoxen Lager: Drei neue Parteien greifen das alte Machtgefüge an
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Eine politische Gewissheit Israels beginnt zu wanken. Jahrzehntelang konnten Schas und Vereinigtes Thora Judentum davon ausgehen, dass die ultraorthodoxe Bevölkerung ihre Stimmen weitgehend geschlossen den etablierten Parteien gibt. Kandidaten wurden nicht in offenen Vorwahlen bestimmt, grundlegende personelle Veränderungen blieben selten, und die Autorität der Rabbiner sorgte dafür, dass innerer Unmut am Wahltag nur begrenzte Folgen hatte.

Vor der Wahl 2026 ist diese Sicherheit verschwunden.

Nach einem ausführlichen Bericht von N12 entstehen gleich drei neue politische Projekte, die sich ausdrücklich an Menschen wenden, die sich von den traditionellen ultraorthodoxen Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Hinzu kommt ein Name, der Schas Vorsitzenden Aryeh Deri besonders beunruhigen dürfte: Eli Yishai, der Schas selbst 14 Jahre lang führte, prüft offenbar ernsthaft ein politisches Comeback.

Hinter dieser Entwicklung steckt mehr als der übliche Streit zwischen Politikern. Innerhalb der ultraorthodoxen Gesellschaft wächst eine Gruppe, die religiös leben will, gleichzeitig aber arbeiten, studieren, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und unter bestimmten Voraussetzungen auch Wehrdienst oder Zivildienst akzeptieren möchte.

Diese Menschen verschwinden nicht aus der ultraorthodoxen Gesellschaft. Aber sie beginnen sich zu fragen, warum ausgerechnet Parteien für sie sprechen sollen, deren politische Schwerpunkte ihre Lebenswirklichkeit immer weniger widerspiegeln.

Der Wehrdienst verändert die politische Landschaft

Der wichtigste Auslöser ist die ungelöste Frage des Wehrdienstes.

Die derzeitige rechte Regierung galt bei vielen ultraorthodoxen Wählern anfangs als Wunschkoalition. Schas und Vereinigtes Thora Judentum verfügten über erheblichen politischen Einfluss. In den Koalitionsvereinbarungen standen finanzielle Zusagen, Vorhaben im Bildungsbereich und vor allem eine gesetzliche Lösung für die Befreiung ultraorthodoxer Männer vom Wehrdienst.

Vier Jahre später fällt die Bilanz für viele Anhänger ernüchternd aus.

Das zentrale Versprechen wurde nicht eingelöst. Junge Männer gelten inzwischen teilweise als Wehrdienstverweigerer, Familien fürchten wirtschaftliche Sanktionen, und mögliche Haftbefehle haben aus einer abstrakten politischen Debatte eine konkrete persönliche Sorge gemacht.

Damit trifft die Krise die traditionellen Parteien an einem empfindlichen Punkt.

Bislang funktionierte ihre Mobilisierung nach einem einfachen Muster: Die rabbinische Autorität entschied, welcher Partei die Stimme gegeben werden sollte, und große Teile der Gemeinschaft folgten. Der Wahlkampf wurde nicht nur als politische Entscheidung dargestellt, sondern teilweise als religiöse Verpflichtung.

Nun berichten Beteiligte gegenüber N12 von Menschen, die erstmals offen darüber nachdenken, überhaupt nicht zur Wahl zu gehen. Andere erklären, dass sie zwar weiterhin ihren Rabbinern zuhören, aber nicht mehr automatisch der politischen Linie Aryeh Deris folgen wollen.

Noch grundsätzlicher ist der Streit innerhalb jener wachsenden Gruppe ultraorthodoxer Israelis, die berufstätig sind.

Viele von ihnen bestreiten nicht den besonderen Stellenwert des Thora Studiums. Die neuen politischen Initiativen formulieren vielmehr eine Unterscheidung, die im traditionellen Parteiengefüge lange kaum Platz hatte: Wer tatsächlich dauerhaft und ernsthaft in einer Jeschiwa studiert, soll weiter lernen können. Wer dies jedoch nicht tut, soll die Möglichkeit erhalten, einen für ultraorthodoxe Lebensführung geeigneten Wehrdienst zu leisten, anschließend zu arbeiten und am wirtschaftlichen Leben des Landes teilzunehmen.

Das ist keine Forderung nach Aufgabe religiöser Identität.

Im Gegenteil. Vertreter dieses Milieus verlangen Strukturen, in die ein ultraorthodoxer junger Mann als Ultraorthodoxer eintreten und als Ultraorthodoxer wieder herauskommen kann.

Darin liegt die politische Sprengkraft.

Die neuen Parteien greifen nicht das ultraorthodoxe Leben an. Sie behaupten, dessen bisherige politische Vertreter seien nicht länger in der Lage, die Vielfalt dieser Gesellschaft abzubilden.

Drei Parteien und ein alter Rivale

Eine der neuen Formationen ist die Bewegung Achi unter Rabbi Chaim Yosef David Abargel aus Netivot. Abargel hat Einrichtungen seines Umfeldes in das staatlich ultraorthodoxe Bildungssystem überführt und spricht offen über eine Beteiligung am Wehrdienst für diejenigen, die nicht tatsächlich dauerhaft Thora studieren.

Seine politischen Möglichkeiten werden allerdings durch schwerwiegende Vorwürfe belastet. N12 hatte zuvor über Frauen berichtet, die Abargel sexuelle Belästigung vorwerfen. Außerdem soll aus seinem Umfeld Druck ausgeübt worden sein, damit Betroffene nicht öffentlich sprechen. Dabei handelt es sich um Vorwürfe, nicht um eine gerichtliche Feststellung. Nach Einschätzung des aktuellen N12 Berichtes könnten sie dazu führen, dass Abargels politischer Einfluss weitgehend auf seine bestehende Anhängerschaft in Netivot begrenzt bleibt.

Ein völlig anderes Modell verfolgt die Partei Hakahal.

Sie will ausgerechnet etwas in die ultraorthodoxe Parteienlandschaft bringen, das dort traditionell kaum existiert: echte Vorwahlen. Die Initiative um Shalom Elvin aus Bnei Brak verspricht, Kandidaten nicht durch bestehende Machtzentren oder religiöse Höfe bestimmen zu lassen. Die Mitglieder beziehungsweise Wähler sollen entscheiden, wer sie vertritt.

Das ist für ultraorthodoxe Parteiverhältnisse beinahe revolutionär.

Am weitesten entwickelt erscheint nach Darstellung von N12 derzeit jedoch die Partei Hatzibur Haharedi, die ultraorthodoxe Öffentlichkeit, unter Moti Leitner. Sie verfügt bereits über ein organisiertes Budget, wirbt mit Plakaten und konzentriert sich bewusst auf alltägliche kommunale Fragen.

Statt ausschließlich über Wehrdienst, Koalitionen und religiöse Grundsatzfragen zu sprechen, geht es beispielsweise um Wohnqualität, Infrastruktur und die Probleme ultraorthodoxer Stadtviertel.

Leitners Botschaft lautet sinngemäß: Seine Partei wolle die Menschen nicht erziehen, sondern sich um Probleme kümmern, die in der bisherigen politischen Prioritätenliste zu kurz kämen.

Gerade das könnte gefährlich für die alten Parteien werden.

Denn ein beträchtlicher Teil der ultraorthodoxen Bevölkerung lebt längst nicht mehr ausschließlich innerhalb der traditionellen gesellschaftlichen Strukturen. Es gibt Rechtsanwälte, Beschäftigte der Technologiebranche, Akademiker, Unternehmer und Menschen, die staatlich ultraorthodoxe Schulen für ihre Kinder bevorzugen.

Sie bleiben religiös, werden aber gleichzeitig immer stärker Teil des israelischen Alltags.

Für sie kann ein Politiker wie Yitzhak Goldknopf, Moshe Gafni oder Aryeh Deri zunehmend wie Vertreter eines politischen Systems wirken, das ihre Lebenswirklichkeit nicht vollständig abbildet.

Und dann ist da Eli Yishai.

Der frühere Schas Vorsitzende verhandelt laut N12 inzwischen ernsthaft mit Hatzibur Haharedi. Allein seine Beteiligung könnte aus einem politischen Experiment eine Bedrohung für Schas machen.

Yishai ist kein unbekannter Außenseiter. Er führte Schas 14 Jahre lang und übernahm die Partei während Deris Gefängniszeit. Sein späterer Versuch, mit der Partei Yachad eine eigene politische Kraft aufzubauen, scheiterte zwar an der Sperrklausel. Doch sein Name besitzt besonders unter sephardischen und traditionellen Wählern weiterhin Gewicht.

Interne Erhebungen, auf die sich der N12 Bericht bezieht, sehen die neuen ultraorthodoxen Formationen derzeit zusammen bei etwa zweieinhalb Mandaten. Das würde für den Einzug in die Knesset nicht reichen.

Mit Yishai könnte sich diese Rechnung jedoch verändern.

Er könnte Menschen erreichen, denen Schas in der Wehrdienstfrage inzwischen zu kompromisslos erscheint, ebenso traditionelle Wähler, die sich mit der heutigen Parteiführung nicht mehr identifizieren.

Für Deri wäre das gefährlicher als jede einzelne neue Kleinpartei.

Schas befindet sich ohnehin in einem schwierigen Spannungsfeld. Auf der einen Seite stehen streng ultraorthodoxe Jeschiwa Familien, für die eine umfassende Befreiung vom Wehrdienst zentrale Bedeutung besitzt. Auf der anderen Seite gibt es traditionelle Schas Wähler, deren Kinder in der Armee dienen und die immer weniger Verständnis dafür haben, warum eine vollständige Ausnahme für andere Teile der Gesellschaft politisch oberste Priorität haben soll.

Jede Entscheidung kann einen Teil dieser Wählerschaft verärgern.

Auch Vereinigtes Thora Judentum besitzt nicht mehr dieselbe Sicherheit wie früher. Hinzu kommt eine Änderung bei der Organisation des Wahltages. Nach dem N12 Bericht dürfen Mitglieder von Wahlausschüssen aufgrund einer Entscheidung von Richter Noam Sohlberg nicht mehr laufend Informationen darüber an Parteizentralen weitergeben, welche einzelnen Wahlberechtigten bereits abgestimmt haben.

Für die hoch organisierte ultraorthodoxe Wahlmobilisierung könnte das erhebliche Folgen haben. Bislang wussten Parteiapparate teilweise sehr genau, welche Familien oder Mitglieder einer Gemeinschaft bereits an der Urne gewesen waren. Wer fehlte, konnte angerufen und zur Stimmabgabe bewegt werden.

Fällt dieses Instrument weg, wird sich zeigen, wie groß die freiwillige Bindung tatsächlich noch ist.

Die entscheidende Frage der Wahl 2026 lautet deshalb nicht nur, wie viele Mandate Schas oder Vereinigtes Thora Judentum erhalten.

Es geht um etwas Grundsätzlicheres.

Erstmals seit langer Zeit steht die Behauptung auf dem Prüfstand, dass die etablierte ultraorthodoxe Führung praktisch automatisch für die gesamte Gemeinschaft sprechen kann.

Noch sind die neuen Parteien klein. Zwei oder zweieinhalb Mandate auf dem Papier verändern keine Regierung. Eine zersplitterte Konkurrenz kann sogar dazu führen, dass Zehntausende Stimmen unter der Sperrklausel verloren gehen.

Doch politische Veränderungen beginnen selten mit einer Mehrheit.

Sie beginnen damit, dass Menschen, die jahrzehntelang glaubten, keine Alternative zu besitzen, plötzlich feststellen, dass andere dieselben Fragen stellen.

Wie soll ein ultraorthodoxer Familienvater seinen Lebensunterhalt verdienen? Was geschieht mit einem jungen Mann, der nicht mehr ernsthaft in der Jeschiwa studiert? Kann Wehrdienst mit religiösem Leben vereinbar sein? Wer entscheidet über Kandidaten? Und warum sollten dieselben Politiker Jahrzehnte lang automatisch Anspruch auf dieselben Stimmen besitzen?

Genau diese Fragen machen die neuen Parteien für das alte Establishment gefährlich.

Nicht weil sie schon heute mächtig sind.

Sondern weil sie zeigen, dass der politische Gehorsam, auf dem diese Macht über Jahrzehnte beruhte, nicht mehr selbstverständlich ist.




Autor: Redaktion
Dienstag, 11 August 2026

haOlam unterstützen

haOlam ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage