Türkei baut Macht aus, Israel warnt vor direkter KonfrontationTürkei baut Macht aus, Israel warnt vor direkter Konfrontation
Ankara dominiert zunehmend Syrien, baut neue Militärbündnisse auf, unterstützt Hamas und drängt im östlichen Mittelmeer vor. Israels früherer Sicherheitsberater Meir Ben Shabbat warnt vor einem wachsenden Risiko einer direkten Konfrontation.

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Die Türkei entwickelt sich für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zunehmend von einem schwierigen Nachbarn zu einer strategischen Herausforderung. Meir Ben Shabbat, früherer Leiter des israelischen Nationalen Sicherheitsrates und einer der Architekten der Abraham Abkommen, warnt davor, die Veränderungen in Syrien und den wachsenden Einfluss Ankaras zu unterschätzen. Frieden und politische Vereinbarungen seien weiterhin erstrebenswert, doch Israel dürfe dafür weder sicherheitsrelevante Positionen aufgeben noch seine Verteidigung auf Vereinbarungen stützen, die sich mit einem Regierungswechsel jederzeit wieder erledigen könnten.
Ben Shabbat, der heute das Misgav Institute for National Security and ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen Strategy leitet, gehört seit Monaten zu den israelischen Stimmen, die vor einer immer selbstbewussteren Regionalpolitik der Türkei warnen. Das Institut beschreibt Recep Tayyip Erdogans Politik als Kombination aus militärischer Macht, diplomatischem Einfluss und dem Versuch, Ankara als zentrale Ordnungsmacht in mehreren Konfliktgebieten des Nahen Ostens zu etablieren. Besonders problematisch aus israelischer Sicht seien dabei Erdogans Beziehungen zur Muslimbruderschaft und zur HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen.
Im Mittelpunkt der aktuellen Warnung steht Syrien. Nach dem Zusammenbruch des Assad Regimes und dem Rückzug der iranischen Militärpräsenz ist dort ein Machtvakuum entstanden, das Ankara nach Ben Shabbats Einschätzung systematisch nutzt. Die Türkei beteiligt sich an der Finanzierung und Ausbildung einer neuen syrischen Armee, baut wirtschaftliche und infrastrukturelle Beziehungen aus und gewinnt damit direkten Einfluss in einem Staat an Israels Nordostgrenze.
Besonders skeptisch beurteilt Ben Shabbat den syrischen Präsidenten Ahmed al Sharaa. Er warnt davor, dessen verändertes Auftreten automatisch als ideologischen Wandel zu interpretieren. Al Sharaa stammt aus dem jihadistischen Milieu, kämpfte selbst in extremistischen Strukturen und gelangte mit Unterstützung einer islamistischen Basis sowie mit türkischer Rückendeckung an die Macht. Dass er heute im Anzug vor internationalen Staatschefs auftritt, sei für Ben Shabbat noch kein Beweis dafür, dass frühere ideologische Überzeugungen verschwunden seien.
Seine Warnung richtet sich deshalb auch gegen die Versuchung, israelische Sicherheitspositionen gegen diplomatische Zusagen einzutauschen. Israel dürfe seine militärische Bewegungsfreiheit in Syrien nicht aufgrund eines Abkommens beschneiden, dessen langfristige Belastbarkeit niemand garantieren könne. Für Ben Shabbat gilt dasselbe Prinzip auch im Libanon: Vereinbarungen können sich ändern, geografische und militärische Realitäten dagegen bleiben.
Diese Vorsicht ist aus israelischer Sicht nicht theoretisch. Syrien war jahrzehntelang Teil jener militärischen Bedrohungsachse, die von Iran über Damaskus bis zur HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen im Libanon reichte. Der Sturz Assads hat diese Struktur schwer getroffen. Doch ein iranisches Vakuum ist nicht automatisch ein israelischer Gewinn, wenn es stattdessen von einer Türkei gefüllt wird, deren Regierung Israel offen feindselig gegenübersteht.
Genau hier liegt die größere strategische Veränderung.
Die Türkei beschränkt ihren Einfluss längst nicht mehr auf Syrien. Ben Shabbat verweist auf das neue Verteidigungsabkommen zwischen der Türkei, Saudi Arabien und Pakistan. Dieses Bündnis soll gegenseitige Verteidigung und größere sicherheitspolitische Unabhängigkeit von Washington ermöglichen. Ankara erhält dadurch die Chance, innerhalb eines neuen sunnitischen Machtblocks eine führende militärische und diplomatische Rolle einzunehmen.
Für Israel ist das besonders sensibel, weil die beteiligten Staaten sehr unterschiedliche Beziehungen zu JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen besitzen. Saudi Arabien war über Jahre ein möglicher Kandidat für eine weitere Normalisierung mit Israel. Pakistan unterhält dagegen keine diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem. Die Türkei wiederum besitzt zwar weiterhin offizielle Beziehungen zu Israel, verfolgt unter Erdogan jedoch einen zunehmend konfrontativen Kurs. Israels Außenministerium führt die Türkei weiterhin als Staat mit diplomatischen Beziehungen, doch die politische Realität ist erheblich angespannter.
Hinzu kommt das östliche Mittelmeer. Erdogans sogenannte Blaue Heimat Doktrin sieht die Türkei als dominante Seemacht in einem großen Teil der Region. Dabei überschneiden sich türkische Ansprüche mit israelischen Interessen und mit den Beziehungen Jerusalems zu Griechenland und Zypern. Gasfelder, Energieinfrastruktur, Seewege und künftige Handelsachsen machen das Mittelmeer längst zu einem sicherheitspolitischen Raum.
Ben Shabbat sieht deshalb eine dauerhafte Reibungsfläche zwischen Ankara und Jerusalem.
Dazu kommt die Hamas.
Die Türkei unterhält seit Jahren enge Beziehungen zur Terrororganisation und zu deren Führung. Ben Shabbat bewertet diese Unterstützung als einen weiteren Bestandteil der türkischen Regionalstrategie. Bereits im März hatte er davor gewarnt, dass Ankara der Hamas politische und logistische Rückendeckung verschaffe und damit internationale Bemühungen erschwere, die Organisation zu isolieren.
Auch andere israelische Sicherheitsexperten schlagen inzwischen ähnliche Töne an. Avner Golov, früher selbst leitender Mitarbeiter des israelischen Nationalen Sicherheitsrates, bezeichnete die Türkei im Juli nicht als klassischen Feind, wohl aber als Rivalen, der offen gegen israelische Interessen arbeite. Er verwies dabei ebenfalls auf türkische Verbindungen zur Muslimbruderschaft, auf die Zusammenarbeit mit Katar, auf den wachsenden Einfluss in Syrien und auf die politische Kampagne gegen Israel im Westen.
Besonders brisant ist deshalb die Diskussion in Washington über eine mögliche Rückkehr der Türkei zum F35 Programm. Ankara war wegen des Kaufs des russischen S400 Flugabwehrsystems aus dem Programm ausgeschlossen worden. Inzwischen wird in den Vereinigten Staaten erneut über eine Lieferung der modernsten amerikanischen Kampfflugzeuge an die Türkei gesprochen. In Israel sorgt das für erhebliche Unruhe, weil die qualitative militärische ÜberlegenheitSicherheitsdoktrin Israels: Abschreckung, Frühwarnung und ÜberlebenDie Sicherheitsdoktrin Israels beschreibt die Grundsätze, mit denen der Staat seine Existenz schützt. Klassisch beruht sie auf Abschreckung, Frühwarnung und schneller militärischer Entscheidung, später ergänzt durch Verteidigungssysteme.Mehr lesen des Landes zu den Grundpfeilern seiner Sicherheitsstrategie gehört.
Damit verändert sich die Rechnung für Jerusalem.
Die Türkei ist nicht Iran. Genau davor warnt auch Ben Shabbat ausdrücklich, die beiden Staaten einfach gleichzusetzen. Ankara verfolgt andere Interessen, ist NATO Mitglied, verfügt über eine große konventionelle Armee und ist wirtschaftlich sowie diplomatisch viel stärker in westliche Strukturen eingebunden. Gerade deshalb wäre eine falsche Strategie gefährlich. Israel kann mit der Türkei nicht so umgehen wie mit dem iranischen Regime.
Aber auch das Gegenteil wäre ein Fehler.
Nur weil Ankara diplomatische Beziehungen zu Jerusalem aufrechterhält, bedeutet das nicht, dass sich die strategischen Interessen beider Staaten annähern. Vieles deutet derzeit in die entgegengesetzte Richtung.
Die Türkei erweitert ihren Einfluss in Syrien. Sie vertieft militärische Bündnisse. Sie verfolgt eigene Ansprüche im Mittelmeer. Sie unterstützt Hamas. Sie führt politische und juristische Kampagnen gegen Israel. Gleichzeitig könnte ihre militärische Stärke durch neue westliche Waffensysteme weiter wachsen.
Jeder einzelne dieser Punkte wäre für sich beherrschbar.
Zusammen ergeben sie jedoch ein Muster.
Erdogans Türkei versucht, den politischen Raum auszufüllen, den Iran durch seine militärischen Niederlagen und den Verlust des Assad Regimes teilweise räumen musste. Das bedeutet nicht, dass Ankara Teheran ersetzt. Es bedeutet aber, dass Israel nach der Schwächung einer Bedrohung nicht automatisch eine ruhigere Region erhält.
Möglicherweise entsteht lediglich eine andere Form strategischer Konkurrenz.
Gerade deshalb ist Ben Shabbats Warnung vor voreiligen Friedensvereinbarungen relevant. Israel soll nach seiner Auffassung jede echte Chance auf Frieden nutzen. Aber Frieden darf nicht bedeuten, konkrete militärische Vorteile gegen politische Versprechen einzutauschen.
Denn eine Regierung kann wechseln.
Ein Vertrag kann gebrochen werden.
Eine Armee bleibt.
Und eine Türkei, die ihren Einfluss von Syrien über das Mittelmeer bis in neue sunnitische Militärbündnisse ausweitet, ist für Israel längst keine Randfrage mehr.
Die entscheidende Herausforderung für Jerusalem besteht deshalb darin, eine direkte Konfrontation mit Ankara zu vermeiden, ohne die Entwicklung schönzureden.
Israel braucht keinen neuen Krieg mit der Türkei.
Es darf aber auch nicht so handeln, als könne ein solcher Konflikt grundsätzlich ausgeschlossen werden.
Autor: Redaktion
Dienstag, 11 August 2026