Jerusalem setzt Alpha-Strahlung gegen einen der tödlichsten Hirntumoren ein

Jerusalem setzt Alpha-Strahlung gegen einen der tödlichsten Hirntumoren ein


Wenn ein Glioblastom zurückkehrt, bleiben Patienten oft nur noch wenige Möglichkeiten. In Jerusalem wird nun eine israelische Technologie direkt im Tumor eingesetzt, die Krebszellen mit hochwirksamer Alpha-Strahlung treffen soll.

Jerusalem setzt Alpha-Strahlung gegen einen der tödlichsten Hirntumoren ein
Bildnachweis: OSD Deputy Secretary of Defense / Quelle

Es ist eine dieser medizinischen Nachrichten, bei denen jedes große Wort fehl am Platz wäre. Niemand kann derzeit von Heilung sprechen. Niemand weiß nach einem einzigen israelischen Patienten, wie wirksam die neue Methode langfristig sein wird. Und trotzdem ist das, was Ärzte am Hadassah-Universitätsklinikum in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen getan haben, bemerkenswert.

Ein 77 Jahre alter Mann mit einem erneut aufgetretenen Glioblastom wurde mit einer neuen Form der Alpha-Strahlentherapie behandelt. Der aggressive Hirntumor war nach vorheriger Behandlung zurückgekehrt. Für Patienten in dieser Situation werden die Möglichkeiten schnell knapp. Genau hier soll die in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen entwickelte Alpha-DaRT-Technologie ansetzen.

Dabei handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Bestrahlung von außen. Winzige Strahlenquellen werden direkt in den Tumor eingebracht. Sie setzen Alpha-Teilchen frei, deren Wirkung räumlich stark begrenzt ist. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: möglichst viel zerstörerische Energie dort freizusetzen, wo sich die Krebszellen befinden, und das empfindliche gesunde Hirngewebe wenige Millimeter daneben möglichst zu schonen.

Gerade im Gehirn ist diese Präzision entscheidend. Bei einem Tumor in der Leber oder Haut ist gesundes Gewebe ebenfalls kostbar. Im Gehirn können bereits kleine zusätzliche Schäden Sprache, Bewegung, Gedächtnis oder Persönlichkeit eines Menschen verändern. Eine Therapie, die ihre Strahlung auf einen eng begrenzten Bereich konzentrieren kann, ist deshalb besonders interessant.

Die Ärzte in Hadassah gingen bei diesem Patienten noch einen Schritt weiter. Um einen größeren Tumor möglichst vollständig abzudecken, brachten sie die Alpha-DaRT-Quellen über zwei verschiedene Zugangswege gleichzeitig ein. Nach Angaben des Krankenhauses wurde ein solches Verfahren mit zwei Zugängen weltweit erstmals angewandt. Das ist der eigentliche medizinische Weltpremieren-Aspekt des Eingriffs.

Wichtig ist diese Präzisierung auch journalistisch: Der Patient in Jerusalem war nicht der erste Mensch weltweit, dessen wiederkehrendes Glioblastom mit Alpha DaRT behandelt wurde. Der weltweit erste Patient wurde bereits Ende 2025 im Rahmen einer US-Studie am James Cancer Hospital der Ohio State University behandelt. Hadassah behandelte im Juni 2026 den ersten Patienten in Israel und zugleich den ersten außerhalb der Vereinigten Staaten. Weltweit neu war in Jerusalem nun die Anwendung der Methode über zwei Zugangswege.

Wenn der Tumor zurückkehrt, wird die Zeit zum Gegner

Das Glioblastom gehört zu den aggressivsten bösartigen Hirntumoren bei Erwachsenen. Selbst nach Operation, Bestrahlung und medikamentöser Behandlung kehrt die Erkrankung bei der großen Mehrheit der Patienten zurück. Hadassah nennt für Israel etwa 150 bis 250 Neuerkrankungen pro Jahr. Die mittlere Überlebenszeit nach der Diagnose liegt nach Angaben des Krankenhauses bei ungefähr 15 bis 16 Monaten, nur etwa zehn Prozent der Patienten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch.

Hinter solchen Zahlen verschwinden leicht die Menschen. Für Betroffene bedeutet ein Rückfall nicht einfach, dass „der Krebs wieder da ist“. Häufig bedeutet er, dass Operationen bereits durchgeführt wurden, gesundes Gewebe geschont werden muss und weitere Bestrahlungen nur begrenzt möglich sind. Gleichzeitig wächst ein Tumor weiter, der kaum Zeit lässt.

Genau deshalb interessieren sich Neuroonkologen für Verfahren, die lokal wirken können.

Bei Alpha DaRT werden kleine Quellen so positioniert, dass Alpha-Teilchen innerhalb des Tumorgewebes freigesetzt werden. Die Behandlung wird mithilfe jener Navigationssysteme geplant, mit denen Neurochirurgen ohnehin millimetergenau Biopsien und andere Eingriffe durchführen. Professor Yigal Shoshan, der die Behandlung in Hadassah leitete, beschreibt gerade diese Verbindung als einen wichtigen Vorteil: Die neue Technik musste nicht um ein völlig neues chirurgisches Verfahren herum aufgebaut werden, sondern konnte in vorhandene neurochirurgische Navigationssysteme integriert werden.

Bei dem 77-Jährigen wurde zunächst Gewebe entnommen, um den aktiven Tumor zu bestätigen. Anschließend konnten die Strahlenquellen mit demselben Navigationssystem gezielt in das Tumorgewebe eingebracht werden. Damit soll eine umfangreiche erneute Gehirnoperation vermieden werden können. Nach Angaben von Alpha Tau verlief der Eingriff ohne unerwartete Komplikationen.

Hinter der Methode steht Alpha Tau Medical, ein israelisches Unternehmen, das die Alpha-DaRT-Technologie entwickelt. Die Anwendung bei Hirntumoren entstand in Zusammenarbeit mit Hadassah und dessen Sharett-Institut für Onkologie. Der Eingriff ist deshalb nicht plötzlich aus einer guten Idee entstanden. Vorausgegangen sind Laborversuche, vorklinische Untersuchungen, Versuche an größeren Tiermodellen, die Entwicklung spezieller Applikatoren und die Anpassung an neurochirurgische Navigationssysteme.

Drei Patienten sind Hoffnung, aber noch kein Beweis

Besonders aufmerksam verfolgt werden derzeit Ergebnisse aus den Vereinigten Staaten. In der dortigen REGAIN-Studie wurden zunächst drei Patienten mit erneutem Glioblastom behandelt. Nach Unternehmensangaben wurde bei allen drei zunächst eine lokale Kontrolle der Erkrankung beobachtet. Bei zwei Patienten waren auf späteren MRT-Aufnahmen keine kontrastmittelaufnehmenden Tumorläsionen mehr nachweisbar, beim dritten wurde eine stabile Erkrankung mit Tumorverkleinerung beschrieben. Bei einem Patienten trat eine schwere Nebenwirkung dritten Grades auf, die nach Steroidbehandlung wieder zurückging.

Das klingt beeindruckend.

Aber drei Patienten sind keine Antwort auf die Frage, ob hier tatsächlich eine neue wirksame Therapie für Glioblastome entsteht.

Frühe klinische Studien sollen zunächst zeigen, ob eine Behandlung technisch machbar und ausreichend sicher ist. Erst mit mehr Patienten, längerer Beobachtungszeit und weiteren Studien lässt sich beurteilen, ob die Methode das Leben tatsächlich verlängert, Rückfälle dauerhaft kontrolliert oder gegenüber bestehenden Behandlungen einen Vorteil bietet. Die laufende US-Studie ist auf zehn Patienten ausgelegt.

Genau diese Zurückhaltung betonen auch die Mediziner in Jerusalem. Der aktuelle Schritt soll zunächst Sicherheit und Durchführbarkeit untersuchen. Erst danach kann die klinische Wirksamkeit systematisch weiter geprüft werden. Hadassah sieht zugleich die Möglichkeit, Alpha DaRT später auch bei bestimmten Hirnmetastasen zu untersuchen, insbesondere wenn bisherige stereotaktische Verfahren keine ausreichende Kontrolle erreichen.

Interessant ist außerdem ein Effekt, der bislang vor allem aus vorklinischen Untersuchungen bekannt ist. Die lokale Alpha-Bestrahlung könnte möglicherweise zusätzlich eine Immunreaktion gegen Tumorzellen auslösen, auch außerhalb des unmittelbar behandelten Bereichs. Ob dieser Effekt beim Menschen klinisch relevant wird, ist noch offen und Gegenstand weiterer Forschung.

Gerade darin liegt die richtige Einordnung dieser Nachricht.

Hadassah hat kein Heilmittel gegen Glioblastom gefunden. Alpha DaRT ist keine etablierte Standardtherapie für Hirntumoren. Und ein erfolgreicher Eingriff bei einem einzelnen Patienten kann nicht vorhersagen, was Monate oder Jahre später geschieht.

Aber Medizin bewegt sich bei Krankheiten wie dem Glioblastom selten mit einem einzigen großen Durchbruch vorwärts. Sie bewegt sich in kleinen Schritten: ein Experiment, das funktioniert. Eine Technik, die sicher genug erscheint, um einen Menschen zu behandeln. Drei Patienten mit ermutigenden Ergebnissen. Ein Verfahren, das verbessert wird. Ein weiterer Patient. Eine größere Studie.

In Jerusalem ist nun ein solcher Schritt gelungen.

Und für Menschen, deren Tumor nach Operation, Bestrahlung und Medikamenten erneut wächst, ist schon die Aussicht auf einen neuen wissenschaftlich ernst zu nehmenden Weg mehr als eine technische Randnotiz.

Es ist noch keine Antwort.

Aber möglicherweise beginnt hier eine.




Autor: Redaktion
Donnerstag, 20 August 2026

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