Winter und Haddad bringen Netanyahus Lager in Bedrängnis

Winter und Haddad bringen Netanyahus Lager in Bedrängnis


Ofer Winter tritt mit dem arabisch-israelischen Aktivisten Yoseph Haddad zur Knesset-Wahl an. Im Umfeld Netanyahus wächst die Sorge, dass eine neue rechte Liste ausgerechnet dem eigenen Lager entscheidende Stimmen kosten könnte.

Winter und Haddad bringen Netanyahus Lager in Bedrängnis
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Noch bevor Ofer Winters neue Partei ihren ersten Wahlkampf richtig begonnen hat, ist der Streit innerhalb des israelischen rechten Lagers offen ausgebrochen. Yair Netanyahu, Sohn von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, attackierte die neu gegründete Partei „Amcha Yisrael“ und insbesondere deren Nummer zwei, den bekannten arabisch-israelischen Aktivisten Yoseph Haddad. Sein Vorwurf ist nicht, dass Winter und Haddad politisch links stünden. Im Gegenteil: Gerade weil sie sich eindeutig rechts positionieren, könnten sie nach seiner Einschätzung Stimmen abziehen, die Benjamin Netanyahu am Ende zur Regierungsbildung fehlen.

Winter hatte „Amcha Yisrael“ am Dienstag in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen offiziell vorgestellt. Der frühere Brigadegeneral und ehemalige Kommandeur der Givati-Brigade tritt mit einer Liste an, auf der neben Haddad unter anderem ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen, Angehörige von Terroropfern und Gefallenen, Vertreter israelischer Grenzgemeinden sowie die frühere stellvertretende Jerusalemer Bürgermeisterin Fleur Hassan-Nahoum stehen. Winter erklärte ausdrücklich, seine Partei gehöre zum rechten Lager und strebe eine möglichst breite rechte Regierung mit zionistischen Partnern an.

In zentralen Fragen lässt Winter wenig Raum für Missverständnisse. Er lehnt die Gründung eines palästinensischen Staates ab, fordert eine grundlegende Veränderung der israelischen Sicherheitsdoktrin und vertritt die Auffassung, dass ein Gegner, der IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen angreift, dafür auch territoriale Konsequenzen tragen müsse. Seine politische Botschaft richtet sich besonders an Israelis, die nach dem 7. Oktober nicht mehr bereit sind, zur früheren Politik der Eindämmung und des Hinnehmens begrenzter Bedrohungen zurückzukehren.

Haddad bringt der neuen Partei ein zusätzliches Profil. Der arabische Israeli diente in der Golani-Brigade, wurde im Libanonkrieg 2006 schwer verwundet und gehört seit Jahren zu den international bekanntesten Verteidigern Israels in der öffentlichen Debatte. Nun will er diesen Kampf nach eigenen Worten in der Politik fortsetzen. Er kündigte an, Israels nächster Minister für öffentliche Diplomatie und zugleich der erste arabische Israeli im Sicherheitskabinett werden zu wollen.

Für die politische Rechte ist diese Kombination attraktiv, für den Likud aber möglicherweise gefährlich.

Yair Netanyahu warnt vor Stimmenverlusten rechts der Mitte

Yair Netanyahu formulierte seine Warnung ungewöhnlich scharf. Sollte „Amcha Yisrael“ allein antreten, gebe es nach seiner Darstellung drei mögliche Szenarien, und alle könnten Benjamin Netanyahu die Regierungsmehrheit kosten.

Scheitere Winters Partei an der Sperrklausel, würden rechte Stimmen verloren gehen. Überschreite sie die Hürde, ziehe dafür aber genügend Stimmen von Bezalel Smotrichs Religiös-Zionistischer Partei ab, könnte diese aus der Knesset fallen. Und sollten sowohl Winter als auch Smotrich unterhalb der Sperrklausel bleiben, wäre der Schaden für das rechte Lager entsprechend größer. Yair Netanyahu behauptete deshalb, ein Alleingang Winters könne letztlich einer Regierung unter Gadi Eisenkot den Weg ebnen.

Seine mathematische Gewissheit ist politische Zuspitzung und keine gesicherte Prognose. Das zugrunde liegende Problem ist jedoch real. Israels Wahlsystem bestraft politische Lager erheblich, wenn mehrere kleinere Parteien knapp unter der Sperrklausel bleiben. Die für diese Parteien abgegebenen Stimmen werden bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Gerade bei einem engen Rennen zwischen zwei politischen Blöcken können wenige Prozentpunkte darüber entscheiden, wer anschließend überhaupt eine Mehrheit von 61 Knessetmandaten erreichen kann.

Genau dieses Risiko beschäftigt den Likud bereits seit Wochen. Noch bevor Winter seine Partei offiziell vorstellte, berichteten israelische Medien über Sorgen führender Likud-Vertreter, eine gemeinsame Liste von Winter und Haddad könne Stimmen innerhalb des rechten Lagers aufteilen. Einige Likud-Politiker sollen Netanyahu deshalb gedrängt haben, Haddad einen reservierten Platz auf der Likud-Liste anzubieten. Dazu kam es nicht. Haddad entschied sich für Winter.

Interessant ist dabei, dass Winter keineswegs aus einem traditionell Netanyahu-feindlichen politischen Milieu kommt. Das Verhältnis zwischen beiden ist komplizierter. Die Jerusalem Post berichtet unter Berufung auf Channel 13, Netanyahu habe Winter in den ersten Monaten nach dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen mehrfach getroffen und sich dessen Vorstellungen für das militärische Vorgehen im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen angehört. Heute soll man im Umfeld des Ministerpräsidenten Winter dagegen als eine der ernsthaften Gefahren für den Wahlausgang betrachten. Diese Angaben beruhen auf Medienberichten und sind nicht als offizielle Darstellung des Likud bestätigt.

Darin liegt eine der bemerkenswertesten Entwicklungen dieses Wahlkampfes: Der Streit verläuft nicht mehr ausschließlich zwischen Regierung und Opposition. Er findet zunehmend innerhalb jener politischen Lager statt, die sich in den zentralen Sicherheitsfragen teilweise deutlich näher stehen.

Die Umfragen erklären die Nervosität

Die Nervosität kommt nicht aus dem Nichts. Aktuelle Umfragen zeigen ein für Netanyahu schwieriges Bild.

Eine am Montag veröffentlichte Umfrage von Channel 12 sah Gadi Eisenkots Partei Yashar mit 24 Mandaten knapp vor dem Likud mit 22. Naftali Bennetts B'Yachad erreichte 15 Sitze. Für das derzeitige Koalitionslager ergaben sich zusammen lediglich 50 Mandate, während die zionistischen Oppositionsparteien auf 59 kamen und arabische Parteien weitere elf Sitze erhielten. In einem Szenario mit Winters neuer Partei sank das derzeitige Regierungsbündnis sogar auf 49 Mandate.

Andere Institute kommen zu teilweise deutlich anderen Ergebnissen. Eine i24NEWS-Umfrage aus der vergangenen Woche sah das heutige Koalitionslager beispielsweise bei 58 Sitzen und damit wesentlich näher an einer Mehrheit. Umfragen sind Momentaufnahmen und keine Wahlergebnisse. Gerade die großen Unterschiede zeigen, wie offen der Ausgang derzeit ist.

Für kleine Parteien ist die entscheidende Frage deshalb nicht nur, wie viele Menschen grundsätzlich mit ihren Positionen sympathisieren. Sie müssen die Sperrklausel tatsächlich überwinden.

Eine Channel-12-Erhebung vom 18. August sah eine Partei unter Winter noch unter dieser Hürde. Das war allerdings vor der offiziellen Vorstellung der Liste und vor der Bekanntgabe, dass Haddad auf Platz zwei kandidiert. Ob diese Kombination genügend zusätzliche Wähler mobilisieren kann, werden erst die kommenden Umfragen zeigen.

Für Israel ist die Entstehung einer neuen rechten Partei dennoch politisch interessant. Winter versucht, einen Teil der Bevölkerung anzusprechen, der sich nach dem 7. Oktober nicht nur personelle Veränderungen wünscht, sondern einen Bruch mit früheren sicherheitspolitischen Vorstellungen. Haddad wiederum verkörpert etwas, das im Ausland häufig übersehen wird: Ein arabischer Israeli kann sich ausdrücklich mit dem jüdischen Staat identifizieren, in der IDF dienen, die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen bekämpfen und gleichzeitig politische Repräsentation für arabische IsraelisArabische Israelis: Bürger Israels zwischen Zugehörigkeit und KonfliktArabische Israelis sind Bürger des Staates Israel mit arabischer Herkunft, darunter Muslime, Christen, Drusen und Beduinen. Sie besitzen israelische Staatsbürgerrechte, sind politisch vertreten und leben zugleich in einer komplexen Identitätslage.Mehr lesen einfordern.

Haddad attackierte bei der Vorstellung der Partei auch die bestehenden arabischen Parteien scharf. Diese verträten nach seiner Ansicht zu häufig Gaza, Jenin oder Ramallah, statt sich um die Interessen arabischer Bürger Israels zu kümmern. Er wolle ihnen eine ausdrücklich israelische Alternative entgegensetzen.

Gerade diese Zusammensetzung könnte „Amcha Yisrael“ von anderen kleinen Rechtsparteien unterscheiden. Ob daraus tatsächlich eine parlamentarische Kraft wird, steht jedoch vollkommen offen.

Der Konflikt um Winter zeigt damit bereits vor der Wahl ein grundlegendes Dilemma des israelischen Parteiensystems. Politische Vielfalt kann neue Ideen und Persönlichkeiten hervorbringen. Gleichzeitig können mehrere ideologisch ähnliche Parteien sich gegenseitig so viele Stimmen nehmen, dass am Ende ein gegnerisches Lager profitiert.

Yair Netanyahus Attacke auf Winter und Haddad ist deshalb vor allem ein Zeichen dafür, dass der Likud diese Gefahr ernst nimmt. Noch ist „Amcha Yisrael“ eine neue Partei ohne einen einzigen Knessetsitz. Doch allein die Möglichkeit, dass sie genügend Wähler rechts des Likud anzieht, hat genügt, um einen öffentlichen Kampf um jede Stimme zu eröffnen.

Bis zur Wahl wird deshalb nicht nur darüber gestritten werden, wer Israel führen soll. Im rechten Lager geht es zunehmend auch darum, wie viele Parteien sich den gleichen Wählerraum überhaupt leisten können.




Autor: Redaktion
Donnerstag, 27 August 2026

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