Fünf von sechs Anlagen stehen still: Israels Wasserkrise trifft die Landwirtschaft

Fünf von sechs Anlagen stehen still: Israels Wasserkrise trifft die Landwirtschaft


Israels Haushalte sollen weiter mit Wasser versorgt werden. Doch die ungewöhnliche Trübung des Mittelmeers legt fast die gesamte Entsalzung lahm – im Negev drohen hohe Ernteausfälle.

Fünf von sechs Anlagen stehen still: Israels Wasserkrise trifft die Landwirtschaft
Bildnachweis: Pixabay / Symbolbild

IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen erlebt einen der ungewöhnlichsten Zwischenfälle seiner modernen Wasserversorgung. Am Dienstag waren erneut fünf der sechs großen Meerwasserentsalzungsanlagen an der Mittelmeerküste außer Betrieb. Nachdem einige Anlagen während der Nacht wieder hochgefahren worden waren, zwang eine erneute Zunahme der Trübung des Meerwassers zur nächsten Abschaltung. Für Privathaushalte besteht nach Angaben der Wasserbehörde derzeit keine Gefahr einer flächendeckenden Unterbrechung. Die Folgen treffen jedoch bereits die Landwirtschaft im Süden des Landes mit voller Wucht.

Betroffen sind die Anlagen Aschkelon, Aschdod, Palmachim sowie Sorek A und Sorek B. Die Anlage in Hadera arbeitete während der Krise weiter. Am Dienstag wurde außerdem versucht, einen Teil der Anlage in Palmachim trotz der schwierigen Wasserbedingungen wieder in Betrieb zu nehmen. Der Betreiber der Anlage in Hadera bezeichnete das Geschehen gegenüber Ynet als in seinem Umfang beispiellos: Noch nie seien fünf große Entsalzungsanlagen gleichzeitig ausgefallen.

Die wahrscheinlichste Ursache liegt nicht in einem technischen Angriff. Befürchtungen über einen Cyberangriff waren bereits am Montag zurückgewiesen worden. Untersuchungen des Israel Oceanographic and Limnological Research Institute deuten vielmehr auf eine ungewöhnliche Blüte von Mikroalgen im Bereich des Nildeltas hin. Satellitenbilder zeigen große Algenvorkommen vor der ägyptischen Küste. Meeresströmungen haben Teile davon offenbar nach Norden entlang der israelischen Mittelmeerküste transportiert. Auffällig ist, dass zuerst das südlich gelegene Werk in Aschkelon Probleme bekam und danach weiter nördlich gelegene Anlagen betroffen waren.

Das Problem ist nicht allein die sichtbare Trübung. Die winzigen Algen können teilweise die vorgeschalteten Filter überwinden und sich auf den empfindlichen Membranen der Anlagen ablagern. Diese Membranen bilden das Herzstück der Umkehrosmose, mit der Salz und andere Bestandteile aus dem Meerwasser entfernt werden. Werden sie stark belastet, müssen die Anlagen gedrosselt oder abgeschaltet und die Systeme gereinigt werden. Ein Weiterbetrieb unter ungeeigneten Bedingungen könnte die Technik beschädigen oder die Wasserqualität gefährden.

Haushalte werden geschützt – die Landwirtschaft zahlt den Preis

Für die Bevölkerung gibt die Wasserbehörde bislang Entwarnung. Das Wasser aus den Leitungen sei sicher, und es gebe keine Aufforderung, Trinkwasser zu lagern. Kommunen wurden jedoch angewiesen, die Bewässerung öffentlicher Grünanlagen zu reduzieren. In einzelnen Städten und Gemeinden baten die Behörden Einwohner zudem, auf das Bewässern privater Gärten, das Füllen von Schwimmbecken und andere nicht notwendige Verwendungen zu verzichten. Lokale Druckabfälle oder kurzfristige Störungen können nicht ausgeschlossen werden.

Dass die Versorgung der Haushalte bislang stabil gehalten werden kann, liegt an den Reserven des israelischen Wassersystems. Die nationale Wassergesellschaft Mekorot erhöhte die Entnahme aus dem See Genezareth bis an die derzeit mögliche Grenze. Gleichzeitig wurden ältere Brunnen und Wasserquellen reaktiviert, um fehlende Mengen aus den Entsalzungsanlagen zumindest teilweise auszugleichen. Das zeigt die Widerstandskraft eines Systems, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde – aber auch seine Grenzen. Nach zwei niederschlagsarmen Wintern liegt der Wasserstand des Sees Genezareth unter der roten Warnlinie. Eine dauerhafte Kompensation der ausgefallenen Entsalzung über natürliche Reserven ist daher keine Lösung.

Israel ist heute in außergewöhnlichem Maße von künstlich erzeugtem Wasser abhängig. Die sechs großen Anlagen produzieren zusammen rund 800 Millionen Kubikmeter jährlich. Dazu kommen große Mengen aufbereiteten Abwassers und Brackwassers, insbesondere für die Landwirtschaft. Die Entsalzung hat Israel von den früher regelmäßig wiederkehrenden Wasserkrisen weitgehend unabhängig gemacht und ermöglicht inzwischen sogar, entsalztes Mittelmeerwasser in den See Genezareth zu leiten.

Genau diese Stärke wird bei einem gleichzeitigen Ausfall mehrerer Anlagen jedoch zur empfindlichen Stelle des Systems.

Besonders dramatisch ist die Situation in der Region Pithat Nitzana nahe der ägyptischen Grenze. Dort wurde die Versorgung der Landwirtschaft mit Frischwasser stark eingeschränkt beziehungsweise zeitweise gestoppt. Nach Angaben des Regionalrats Ramat Negev stehen rund 20.000 Dunam Gemüseanbauflächen unter unmittelbarem Druck. Die örtlichen Landwirte warnen, dass bereits ein Tag ohne ausreichende Bewässerung erhebliche Schäden verursachen könne. Bei längerer Unterbrechung könnten Teile der Ernte vollständig verloren gehen.

Das Problem kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. In der Region werden unter anderem Tomaten und andere Gemüsearten angebaut, die in den kommenden Wochen auf den israelischen Markt gelangen sollen. Vertreter der Landwirtschaft warnen deshalb nicht nur vor Verlusten für einzelne Betriebe, sondern auch vor Folgen für Lebensmittelversorgung und Preise. Die Organisationen der Landwirte forderten die Regierung zu einem dringenden Eingreifen und zu einem möglichen Entschädigungsmodell für betroffene Höfe auf.

Wie lange die Krise anhält, lässt sich noch nicht exakt vorhersagen. Der Betreiber des Entsalzungswerks Hadera geht davon aus, dass sich die Lage innerhalb von ein bis zwei Tagen normalisieren könnte. Entscheidend ist, wie schnell die Algenkonzentration im Meer zurückgeht und die verschmutzten Membranen gereinigt werden können. Die Anlagen werden deshalb jeweils dann wieder angefahren, wenn die Wasserqualität dies zulässt.

Die Warnung kam nicht völlig überraschend

Der ungewöhnliche Zwischenfall wirft dennoch längerfristige Fragen auf. Denn Probleme durch verschmutztes oder stark getrübtes Meerwasser sind der israelischen Wasserwirtschaft nicht unbekannt. Ein Bericht des Staatskontrolleurs stellte fest, dass zwischen 2007 und 2023 insgesamt 14 Verschmutzungsereignisse zur Unterbrechung der Produktion in Entsalzungsanlagen führten. Darunter befanden sich mikrobielle Verunreinigungen, Öl- und Kraftstoffverschmutzungen sowie Ereignisse mit starker Wassertrübung. Der Bericht verwies außerdem auf die Notwendigkeit, sich besser auf Algen, invasive Arten und Veränderungen der Meerwasserqualität vorzubereiten.

Das bedeutet nicht, dass sich ein Ereignis dieser Größenordnung hätte verhindern lassen. Eine gleichzeitig über weite Teile der Küste ziehende Mikroalgenblüte ist außergewöhnlich. Sie zeigt jedoch, weshalb ein Land, das einen großen Teil seines Trinkwassers aus dem Meer gewinnt, nicht allein ausreichende Produktionskapazitäten braucht. Ebenso wichtig sind geografisch verteilte Anlagen, Reserven, alternative Wasserquellen und Systeme, die auch bei Veränderungen der Meerwasserqualität funktionieren.

Israel plant bereits einen weiteren Ausbau. Eine zusätzliche Entsalzungsanlage in Westgaliläa soll 2027 in Betrieb gehen und jährlich weitere rund 100 Millionen Kubikmeter liefern. Langfristig soll die Entsalzungskapazität mit dem Wachstum der Bevölkerung weiter erheblich steigen.

Der aktuelle Zwischenfall ist deshalb kein Zusammenbruch der israelischen Wasserversorgung. Die Haushalte erhalten weiterhin Wasser, Mekorot kann Reserven mobilisieren und die Anlagen sollen schrittweise wieder anlaufen. Doch die Krise zeigt innerhalb weniger Stunden, wie wichtig eine Infrastruktur geworden ist, die im Alltag kaum jemand wahrnimmt.

Israel hat aus chronischem Wassermangel eine technologische Erfolgsgeschichte gemacht. Nun muss diese Erfolgsgeschichte beweisen, dass sie auch einem Ereignis standhält, bei dem nicht eine einzelne Anlage ausfällt, sondern nahezu die gesamte Mittelmeerküste gleichzeitig betroffen ist.

Für die Menschen zu Hause bedeutet das derzeit vor allem: Wasser bewusst verwenden, aber nicht in Panik geraten.

Für viele Landwirte im Negev geht es dagegen bereits um ihre Ernte und ihre wirtschaftliche Existenz.




Autor: Redaktion
Mittwoch, 02 September 2026

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