Die verlorenen Stunden des 7. Oktober: Netanjahus Zeitplan legt neue Lücken offen

Die verlorenen Stunden des 7. Oktober: Netanjahus Zeitplan legt neue Lücken offen


Netanjahus Büro nennt erstmals genaue Uhrzeiten. Sie entkräften den Vorwurf völliger Untätigkeit, legen aber zugleich eine brisante Lücke bis 09:55 Uhr offen.

Die verlorenen Stunden des 7. Oktober: Netanjahus Zeitplan legt neue Lücken offen
Bildnachweis: The White House / Quelle

Fast drei Jahre nach dem Massaker der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen veröffentlicht das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erstmals einen detaillierten Ablauf seiner ersten Stunden an jenem Morgen. Die Chronologie sollte nach Darstellung seines Büros Berichte korrigieren, die ein falsches Bild vom Handeln des Regierungschefs gezeichnet hätten. Doch die nun genannten Uhrzeiten lösen die Debatte nicht auf. Sie zeigen vielmehr zwei Dinge gleichzeitig: Netanjahu reagierte bereits kurz nach Beginn des Angriffs, doch die erste umfassende Lagebesprechung mit der gesamten Spitze des israelischen Sicherheitsapparates begann erst um 09:55 Uhr, rund dreieinhalb Stunden nachdem Terroristen der Hamas die Grenze durchbrochen und israelische Ortschaften überfallen hatten.

Genau darin liegt die Brisanz der Veröffentlichung. Die Behauptung, Netanjahu habe während dieser Stunden schlicht nichts getan, hält der nun vorgelegten Chronologie nicht stand. Gleichzeitig bleibt die Frage, weshalb in einer Katastrophe dieses Ausmaßes so viel Zeit verging, bevor Ministerpräsident, Verteidigungsminister, Generalstabschef sowie die Spitzen von Mossad und Schin Bet gemeinsam die Lage bewerteten.

Nach Angaben des Ministerpräsidentenbüros wurde Netanjahu um 06:29 Uhr von seinem damaligen Militärsekretär Avi Gil erstmals darüber informiert, dass ein Angriff aus dem GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen begonnen hatte. Um 06:44 Uhr folgte eine zweite Unterrichtung. Netanjahu fragte demnach, weshalb in den zuvor übermittelten Geheimdienstinformationen nichts auf einen solchen Angriff hingedeutet habe. Außerdem verlangte er eine Prüfung, ob eine umfassende Mobilisierung der ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen notwendig sei und ob die Führung der Hamas gezielt ausgeschaltet werden könne.

Damit war der Regierungschef früh in das Geschehen eingebunden. Doch während die Terroristen immer tiefer nach IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen vordrangen, kam es offenbar nicht unmittelbar zu einem direkten Austausch mit Generalstabschef Herzi Halevi. KAN berichtete am Donnerstag, Netanjahu habe erst gegen 09:45 Uhr mit Halevi gesprochen. Nach Angaben des Senders hatte er auch nach den beiden frühen Telefonaten nicht verlangt, mit dem Generalstabschef verbunden zu werden. Die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post bestätigte die KAN Angaben in ihrer Berichterstattung.

Um 07:30 Uhr verließ Netanjahu nach Darstellung seines Büros seine Residenz in Richtung Kirya, dem militärischen Hauptquartier in Tel Aviv. Während der Fahrt sprach er mit dem damaligen Verteidigungsminister Joav Gallant. Dieser habe erklärt, dass noch kein klares Lagebild vorliege. Netanjahu ordnete daraufhin an, eine von ihm geleitete Sicherheitsbesprechung im unterirdischen Kommandozentrum vorzubereiten.

Bei der Ankunftszeit gibt es bereits eine erste Abweichung. Das Ministerpräsidentenbüro nennt ungefähr 08:00 Uhr, Aufzeichnungen des Schin Bet dagegen 08:22 Uhr. Zwischen 08:30 und 09:30 Uhr erhielt Netanjahu nach Angaben seines Büros fortlaufend Geheimdienstinformationen und Berichte aus dem Kampfgebiet über seinen militärischen Stab. Um 08:40 Uhr versammelte Gallant Halevi und den damaligen Schin Bet Chef Ronen Bar, um das Lagebild für die spätere Besprechung mit Netanjahu vorzubereiten.

Das Papier von 05:15 Uhr erreichte Netanjahus Umfeld erst um 09:47 Uhr

Noch schwerer wiegt die Frage nach dem Informationsfluss des Schin Bet. Um 09:47 Uhr erhielt Netanjahus Militärsekretär laut der veröffentlichten Chronologie erstmals das Dokument einer Lagebewertung, die Ronen Bar bereits um 05:15 Uhr durchgeführt hatte. Zwischen dieser Bewertung und dem dokumentierten Eingang beim militärischen Umfeld des Ministerpräsidenten lagen damit mehr als viereinhalb Stunden.

Das bedeutet nicht, dass dieses Dokument eine konkrete Warnung vor dem bevorstehenden Großangriff enthielt oder dass sein früherer Eingang das Massaker verhindert hätte. Genau das lässt sich aus der neuen Veröffentlichung nicht ableiten. Die Verzögerung selbst ist jedoch erheblich.

Ynet hatte bereits zuvor über einen weiteren bemerkenswerten Vorgang berichtet. Demnach wies Ronen Bar um 05:15 Uhr an, Netanjahus Militärsekretär über die Sicherheitslage zu informieren. Diese Nachricht erreichte Avi Gil jedoch nicht. Ein mit den Vorgängen vertrauter Vertreter sagte dem Blatt, die Anweisung sei innerhalb des Schin Bet angesichts der damaligen Belastung nicht weitergegeben worden. Die jetzt veröffentlichte Chronologie fügt diesem bekannten Vorgang einen entscheidenden Zeitpunkt hinzu: Das entsprechende Lagepapier erreichte Netanjahus militärisches Umfeld demnach erst um 09:47 Uhr.

Acht Minuten später, um 09:55 Uhr, begann nach Angaben des Ministerpräsidentenbüros die umfassende Sicherheitsbesprechung. Anwesend waren Netanjahu, Gallant, Halevi, der Mossad Chef, der Schin Bet Chef, der Leiter des Nationalen Sicherheitsrates und der Chef der Operationsabteilung der Armee.

Netanjahu ordnete dort nach Darstellung seines Büros an, die Grenze zum Gazastreifen vollständig abzuriegeln, um weitere Infiltrationen zu verhindern und die Verschleppung weiterer Israelis nach Gaza zu stoppen. Zudem habe er die Empfehlung der Armee für eine begrenzte Mobilisierung der Reservisten zurückgewiesen und eine umfassende Einberufung verlangt. Gleichzeitig ordnete er die Vorbereitung auf einen Krieg und eine mögliche Eskalation an der Nordfront an.

Dieser Punkt gehört ebenso zur vollständigen Geschichte wie die vorausgegangene Verzögerung. Als die gesamte Sicherheitsführung schließlich gemeinsam beriet, verlangte Netanjahu nach Darstellung seines Büros eine weitergehende Mobilisierung als die Armee zunächst vorgeschlagen hatte. Wer die Ereignisse des 7. Oktober seriös aufarbeiten will, kann diesen Teil ebenso wenig ignorieren wie die Frage, warum die gemeinsame Runde erst um 09:55 Uhr zustande kam.

Zu diesem Zeitpunkt dauerte der Angriff bereits seit Stunden an. Terroristen waren in israelische Gemeinden eingedrungen, Menschen wurden ermordet und Geiseln nach Gaza verschleppt. Der Staat kämpfte vielerorts noch darum, überhaupt ein verlässliches Bild davon zu gewinnen, was im Süden geschah.

Die neue Chronologie beantwortet Fragen und schafft neue

Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch. Bereits im April 2024 musste Netanjahu nach einem Gerichtsverfahren seinen Terminkalender vom 7. Oktober veröffentlichen. Dieser vermittelte für die ersten Stunden ein wesentlich allgemeineres Bild und sprach von einer Folge von Beratungen in der Kirya. Konkrete Uhrzeiten für zahlreiche Gespräche und Entscheidungen fehlten. Die jetzt veröffentlichte Chronologie ist erheblich detaillierter und bestätigt erstmals offiziell den Zeitpunkt 09:55 Uhr für die große gemeinsame Sicherheitsrunde.

Damit lässt sich die Veröffentlichung weder als vollständige Entlastung Netanjahus noch als Beweis seiner alleinigen Verantwortung lesen. Sie zeigt vielmehr ein System, in dem mehrere entscheidende Ebenen an diesem Morgen nicht schnell genug zusammenfanden.

Auch die Abläufe innerhalb der Armee werfen Fragen auf. Frühere Veröffentlichungen aus Haevis Terminkalender zeigten etwa, dass wichtige direkte Gespräche mit hochrangigen Kommandeuren ebenfalls erst mit Verzögerung dokumentiert wurden. Die Katastrophe des 7. Oktober lässt sich deshalb nicht auf eine einzige Person, eine einzige Behörde oder eine einzige Fehlentscheidung reduzieren.

Die Verantwortung für Planung und Durchführung des Massakers liegt bei der Hamas und den Terroristen, die an diesem Morgen nach Israel eindrangen. Eine Untersuchung des israelischen Versagens verändert daran nichts. Sie muss vielmehr beantworten, weshalb ein Land mit hochentwickelten Streitkräften und Nachrichtendiensten die Warnzeichen vor dem Angriff falsch bewertete, weshalb Informationen nicht rechtzeitig weitergegeben wurden und weshalb die politische und militärische Führung Stunden benötigte, um zu einem gemeinsamen Lagebild zu gelangen.

Die jetzt veröffentlichten Uhrzeiten machen diese Fragen konkreter. Netanjahu war nicht untätig. Er wurde um 06:29 Uhr informiert, stellte kurz darauf Fragen nach Reservisten und einem Schlag gegen die Hamas Führung, fuhr zur Kirya und erhielt laufende Berichte. Gleichzeitig kam der direkte Kontakt zum Generalstabschef offenbar erst Stunden später zustande, ein wichtiges Schin Bet Dokument erreichte sein militärisches Umfeld erst um 09:47 Uhr und die erste große gemeinsame Sicherheitsrunde begann um 09:55 Uhr.

Das sind keine politischen Schlagworte. Es sind Zeitangaben, die nun zum großen Teil aus der Veröffentlichung des Ministerpräsidentenbüros selbst stammen. Gerade deshalb werden sie bei jeder ernsthaften Aufarbeitung des 7. Oktober eine Rolle spielen müssen.




Autor: Redaktion
Donnerstag, 03 September 2026

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