Nach Terror und Massakern: Golan-Drusen wenden sich Israel zuNach Terror und Massakern: Golan-Drusen wenden sich Israel zu
Jahrzehntelang galt für viele Drusen auf den Golanhöhen Syrien als Heimat. Der Hisbollah-Angriff auf Majdal Shams und das Blutbad von Sweida haben diese Bindung erschüttert. Immer mehr entscheiden sich für Israel.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Auf den Golanhöhen vollzieht sich ein gesellschaftlicher Wandel, der noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Viele der rund 29.000 Drusen in Majdal Shams, Mas'ada, Ein Qiniyye und Buq'ata hielten über Jahrzehnte an ihrer syrischen Identität fest. Die israelische Staatsbürgerschaft, die ihnen seit 1981 offensteht, wurde von der großen Mehrheit abgelehnt. Heute beantragen sie Tausende.
Der Wendepunkt lässt sich nicht auf eine politische Kampagne oder wirtschaftliche Vorteile reduzieren. Zwei Gewalterfahrungen haben die Frage nach Zugehörigkeit und Sicherheit neu gestellt: der Raketenangriff der HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terrororganisation auf Majdal Shams am 27. Juli 2024 und das Massaker im syrischen Sweida ein Jahr später.
In Majdal Shams schlug eine iranische Falaq-1-Rakete auf einem Fußballplatz ein. Zwölf drusische Kinder und Jugendliche wurden getötet, Dutzende Menschen verletzt. Die IDF machte die Hisbollah eindeutig für den Angriff verantwortlich. Für eine Gemeinschaft, die lange enge emotionale Bindungen nach Syrien und in die arabische Welt gepflegt hatte, war dies ein tiefer Einschnitt.
Noch schwerer wog für viele offenbar, was ein Jahr später in Sweida geschah.
Als Syrien seine Drusen nicht schützte, griff Israel ein
Im Juli 2025 eskalierten Auseinandersetzungen zwischen Drusen und Beduinen in der südsyrischen Provinz Sweida zu tagelanger sektiererischer Gewalt. Regierungstruppen von Präsident Ahmed al-Sharaa rückten offiziell ein, um die Lage zu stabilisieren, wurden jedoch schwerer Übergriffe gegen die drusische Bevölkerung beschuldigt.
Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden während der Kämpfe mehr als 2.000 Menschen getötet, darunter 789 drusische Zivilisten. Eine Untersuchungskommission der syrischen Regierung dokumentierte 1.760 Tote. Berichte und Videos zeigten mutmaßliche Hinrichtungen und Misshandlungen von Drusen durch Kräfte, die der neuen Führung in Damaskus zugerechnet wurden.
Für viele Drusen war damit die Vorstellung zerbrochen, das neue Syrien könne nach dem Sturz Bashar al-Assads zu einer sicheren Heimat werden.
IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen reagierte anders. Nachdem drusische Israelis ihre Regierung zum Eingreifen aufgefordert hatten, griff die israelische Luftwaffe syrische Truppen und militärische Ziele in Südsyrien sowie Damaskus an. JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen erklärte ausdrücklich, die Drusen schützen und verhindern zu wollen, dass feindliche Kräfte in die drusischen Gebiete eindringen.
Damit entstand ein Kontrast, der heute die Identitätsdebatte prägt: In Syrien wurden Drusen getötet und verfolgt, während Israel militärische Macht einsetzte, um weiteren Angriffen auf sie entgegenzutreten.
Qasem Sabbagh aus Majdal Shams bringt den Wandel gegenüber der Times of Israel auf einen einfachen Punkt: In Syrien sei die Hoffnung für ihn gestorben. „Hier in Israel wird meine Familie respektiert, und hier will ich sein.“
Solche Aussagen wären in Majdal Shams früher politisch höchst ungewöhnlich gewesen. Jahrzehntelang galt die Annahme der israelischen Staatsbürgerschaft in Teilen der Gesellschaft beinahe als Verrat. Familien lebten auf beiden Seiten der Grenze, Studenten gingen nach Damaskus, Hochzeiten verbanden die Gemeinden miteinander und landwirtschaftliche Produkte wurden nach Syrien verkauft.
Hinzu kam Angst. Wer sich offen Israel zuwandte, musste früher befürchten, dass Angehörige auf syrischer Seite dafür einen Preis zahlen könnten. Viele gingen außerdem davon aus, dass die Golanhöhen eines Tages wieder unter syrische Herrschaft kommen würden.
Diese Erwartung verliert zunehmend ihre politische Bedeutung.
Die Zahlen sind außergewöhnlich: Zwischen 2022 und 2024 beantragten jährlich etwa 500 bis 600 Golan-Drusen die israelische Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2025 sprang die Zahl auf 3.750 Anträge. Nach Daten des israelischen Innenministeriums waren im März 2026 bereits rund 40 Prozent der Drusen in den vier Orten israelische Staatsbürger.
Allein zwischen 2020 und Anfang 2026 stellten insgesamt 6.779 Menschen entsprechende Anträge.
Das bedeutet nicht, dass ihre drusische Identität oder die familiären Verbindungen nach Syrien verschwinden. Im Gegenteil: Viele hoffen weiterhin darauf, Verwandte jenseits der Grenze wieder frei besuchen zu können. Verändert hat sich vielmehr die Vorstellung davon, unter welchem Staat sie ihre eigene Zukunft sehen.
Die Hoffnung auf Wiedervereinigung bedeutet für immer weniger Menschen eine Rückkehr unter die Herrschaft von Damaskus.
Israel wird vom früheren Gegner zum Schutzstaat
Diese Entwicklung reicht inzwischen über die Golanhöhen hinaus. Auch in Sweida selbst haben sich die politischen Vorstellungen verändert. Der einflussreiche drusische Geistliche Hikmat al-Hijri erklärte im August, die Drusen seien ein „untrennbarer Teil“ Israels, lobte Israel als Rechts- und Institutionenstaat und stellte das Recht Sweidas auf Selbstbestimmung in den Mittelpunkt.
Seine Position repräsentiert nicht alle syrischen oder Golan-Drusen. Gerade deshalb ist bemerkenswert, dass solche Äußerungen heute überhaupt offen ausgesprochen werden. Noch vor wenigen Jahren wären israelische Fahnen bei drusischen Demonstrationen in Syrien kaum denkbar gewesen. Inzwischen wurden sie in Sweida öffentlich gezeigt.
haOlam berichtete bereits im August 2025 über Demonstrationen in Sweida, bei denen israelische Fahnen getragen und Israel um Unterstützung gebeten wurde. Was damals wie eine außergewöhnliche Reaktion auf unmittelbare Todesangst wirkte, entwickelt sich inzwischen zu einer längerfristigen politischen Verschiebung.
Auch auf den Golanhöhen geht es längst um mehr als einen Pass. Nach Aussagen von Bewohnern melden sich zunehmend junge Golan-Drusen freiwillig für die IDF und die israelische Polizei. In der übrigen drusischen Gemeinschaft Israels ist der Dienst in den Streitkräften seit Jahrzehnten fest verankert. Rund 150.000 Drusen leben in Galiläa und anderen Teilen Israels und haben sich längst als Teil des Staates etabliert.
Der Unterschied zu den Golanhöhen wird damit kleiner.
Dieser Wandel besitzt auch eine bittere Vorgeschichte. Adham Safadi, dessen elfjährige Tochter Venes beim Hisbollah-Angriff auf den Fußballplatz getötet wurde, war als Sanitäter selbst kurz nach dem Einschlag am Tatort. Er fand dort seine eigene Tochter zwischen zwei ebenfalls getöteten Mädchen und behandelte anschließend andere Verwundete.
Für Familien wie seine ist die politische Debatte deshalb keine abstrakte Frage über Grenzen und historische Identitäten. Es geht darum, wer ihre Kinder tatsächlich schützt.
Israel war nach dem Angriff von Majdal Shams der Staat, der die Verantwortlichen der Hisbollah verfolgte. Als die Drusen in Sweida ein Jahr später bedroht wurden, war es erneut Israel, das militärisch eingriff.
Das bedeutet nicht, dass jahrzehntelange Bindungen an Syrien über Nacht verschwinden. Identität lässt sich nicht per Regierungserklärung ändern. Aber sie verändert sich durch Erfahrung.
Genau das geschieht auf den Golanhöhen.
Die Hisbollah-Terrororganisation, die mit iranischen Waffen zwölf drusische Kinder tötete, und die Gewaltexzesse im neuen Syrien haben mehr zur Entfremdung der Golan-Drusen von Damaskus beigetragen als Jahrzehnte israelischer Politik es vermochten.
Israel musste ihnen nicht erklären, wer sie schützt.
Die Ereignisse haben es ihnen gezeigt.
Autor: Redaktion
Montag, 14 September 2026