Sa’ar macht Diplomatie zur zweiten Front: Mehr Botschaften in Jerusalem, Konfrontation mit London

Sa’ar macht Diplomatie zur zweiten Front: Mehr Botschaften in Jerusalem, Konfrontation mit London


Israels Außenminister Gideon Sa’ar behandelt Diplomatie inzwischen ausdrücklich als Teil der nationalen Sicherheit. Während der internationale Druck auf Israel wächst, ziehen weitere Staaten mit ihren Botschaften nach Jerusalem. Gegen Großbritannien setzt Jerusalem zugleich auf offene Gegenmaßnahmen, bei Iran bleibt die rote Linie unverändert.

Sa’ar macht Diplomatie zur zweiten Front: Mehr Botschaften in Jerusalem, Konfrontation mit London
Bildnachweis: DHSgov / Quelle

IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen kämpft nicht nur an seinen Grenzen. Außenminister Gideon Sa’ar sieht inzwischen auch die diplomatische Auseinandersetzung um Israels Legitimität, seine internationale Bewegungsfreiheit und JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen als zweite Front.

In einem ausführlichen Interview mit derJerusalem Postbeschreibt Sa’ar eine Strategie, die auf den ersten Blick kaum zu der häufig beschworenen internationalen Isolation Israels passt: Während westliche Staaten Sanktionen verhängen, UN-Gremien Israel regelmäßig unter Druck setzen und der Krieg seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 tiefe diplomatische Spuren hinterlassen hat, wächst gleichzeitig die Zahl der Staaten, die Jerusalem auch diplomatisch als Israels Hauptstadt behandeln.

Als Sa’ar vor knapp zwei Jahren sein Amt übernahm, gab es nach seinen Angaben etwa halb so viele Botschaften in Jerusalem wie heute. Anfang September eröffnete Nauru dort seine Botschaft und wurde damit zum neunten Staat mit einer diplomatischen Vertretung in der israelischen Hauptstadt.

Im Oktober soll Kolumbien folgen und Nummer zehn werden.

Der Schritt ist politisch besonders bemerkenswert. Unter dem früheren Präsidenten Gustavo Petro waren die Beziehungen zwischen Kolumbien und Israel auf einen Tiefpunkt gefallen. Nach dem Regierungswechsel zu Präsident Abelardo de la Espriella wurden die vollen diplomatischen Beziehungen wiederhergestellt. Bereits im August bestätigte das israelische Außenministerium dessen Entscheidung, die kolumbianische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen.

Auch mit der Demokratischen Republik Kongo gibt es nach Angaben Sa’ars bereits eine Verständigung über die Eröffnung einer Botschaft in Jerusalem, wenn auch bislang ohne festgelegten Termin. Kongos Präsident Félix Tshisekedi war erst Anfang September zu Gesprächen in Jerusalem.

Für Sa’ar geht es dabei um weit mehr als Gebäude und Diplomatenadressen. Die Frage, welche Staaten ihre Botschaften in Jerusalem unterhalten, ist für ihn Teil des politischen Streits um die historische und staatliche Legitimität Israels. Jerusalem war Zentrum jüdischer Staatlichkeit lange bevor der moderne Staat Israel gegründet wurde und ist heute die Hauptstadt des Landes.

Sa’ars Schlussfolgerung ist pragmatisch: Israel könne nicht erwarten, dass andere Staaten von selbst Entscheidungen in seinem Interesse treffen. Beziehungen müssten langfristig aufgebaut, politische Kontakte gepflegt und israelische Interessen ausdrücklich eingefordert werden.

London zeigt die andere Seite dieser Strategie

Wie hart dieser Ansatz werden kann, zeigt derzeit das Verhältnis zu Großbritannien.

Sa’ar bezeichnet die Beziehungen zur britischen Labour-Regierung inzwischen als auf einem „beispiellosen Tiefpunkt“. Auslöser waren unter anderem britische Maßnahmen gegen israelische Aktivitäten in Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen. London kündigte Anfang September ein Importverbot für Waren aus israelischen Siedlungen sowie weitere Sanktionen gegen Personen und Unternehmen an, die nach britischer Darstellung Siedlungsaktivitäten unterstützen.

Israel reagierte ungewöhnlich scharf.

Sa’ar kündigte die Schließung des britischen Konsulats in Jerusalem an. Britische Vertreter wurden zudem aus bestimmten Aktivitäten im Zusammenhang mit GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen und der Palästinensischen Autonomiebehörde ausgeschlossen, britische Ausbildungsprogramme für palästinensische Sicherheitskräfte beendet und mehreren britischen Personen die Einreise verweigert.

haOlam hatte bereits Anfang September über die Auseinandersetzung berichtet. Bemerkenswert war damals auch die Haltung Washingtons: Die Trump-Regierung schloss sich den britischen Sanktionen nicht an, verhinderte sie jedoch ebenfalls nicht.

Sa’ar verteidigt die israelischen Gegenmaßnahmen ausdrücklich. Seine Botschaft lautet: Staaten, die aus Sicht Jerusalems einseitig gegen Israel vorgehen, sollen damit rechnen müssen, dass ihre eigenen politischen Möglichkeiten gegenüber Israel eingeschränkt werden.

Das ist ein deutlicher Bruch mit einer Diplomatie, die auf Kritik vor allem mit Erklärungen reagiert.

Israel versucht stattdessen, politische Kosten zu erzeugen.

Dabei weiß Sa’ar allerdings auch, dass Regierungen wechseln. Er verweist auf die Kritik der britischen Konservativen und von Reform UK an Teilen der Labour-Politik. Die gegenwärtige Krise mit London betrachtet er deshalb nicht zwangsläufig als dauerhaften Bruch zwischen beiden Staaten.

Bei Iran endet Diplomatie an einer klaren Grenze

Noch deutlicher formuliert Sa’ar Israels Interessen gegenüber Iran.

Trotz zahlreicher Gespräche des iranischen Außenministers Abbas Araghchi am Rande der UN-Generalversammlung hält Sa’ar die Islamische Republik diplomatisch nicht für gestärkt. Gleichzeitig behauptet er ausdrücklich nicht, Teheran sei isoliert. Internationale Politik sei von Interessen geprägt, weshalb Staaten auch mit Regierungen reden, die sie bekämpfen oder sanktionieren.

Das gilt inzwischen auch wieder für Washington und Teheran.

Für Israel besitzt die Diplomatie jedoch eine Grenze, die Sa’ar unverändert zieht: Iran darf keine Atomwaffen bekommen.

Israel werde dieses Ziel notfalls auch durch eigenes Handeln sichern, erklärte der Außenminister. Diese Position gewinnt zusätzliches Gewicht, weil Großbritannien noch Anfang September seine Iran-Sanktionen erheblich verschärfte. Die britische Regierung verweist unter anderem auf mehr als 400 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran und erklärte, Iran sei der einzige Staat ohne Atomwaffen, der Uran auf diesem Niveau anreichere.

Sa’ars diplomatische Offensive beschränkt sich zugleich nicht auf traditionelle Partner. Lateinamerika hat das Außenministerium für 2026 ausdrücklich zu einem Schwerpunkt erklärt. Israel baut dort Beziehungen neu auf oder vertieft sie, während es parallel seine Präsenz in Afrika und bei kleineren Staaten im Pazifik erweitert.

Auch gegenüber europäischen Parteien, zu denen Israel traditionell Abstand hielt, prüft Sa’ar neue Gesprächskanäle. Nach einer Rede des österreichischen FPÖ-Chefs Herbert Kickl erklärte er sich zu einem Dialog bereit, betonte allerdings ausdrücklich, dass Gespräche noch keine Normalisierung der Beziehungen bedeuteten. Die historische Belastung und Israels Vorbehalte gegenüber der FPÖ seien damit nicht verschwunden.

Genau darin zeigt sich der Kern seiner Strategie.

Israel soll nach Sa’ars Vorstellung nicht darauf warten, wie andere Staaten über Jerusalem entscheiden, welche politischen Bewegungen Regierungen bilden oder welche Narrative sich international durchsetzen. Das Außenministerium soll Kontakte vorher aufbauen, Verbündete suchen und dort reagieren, wo israelische Interessen angegriffen werden.

Seit dem 7. Oktober hat Israel erfahren, dass militärische Erfolge allein keine politische Handlungsfreiheit garantieren. Wirtschaftlicher Druck, internationale Gerichtsverfahren, Sanktionen und Kampagnen gegen Israels Legitimität können strategische Folgen haben, selbst wenn die IDF militärische Bedrohungen zurückdrängt.

Sa’ars Ansatz folgt daraus einer einfachen Logik: Die militärische Front entscheidet darüber, ob Israel seine Feinde abwehren kann. Die diplomatische Front entscheidet mit darüber, welchen Handlungsspielraum Israel dafür behält.

Dass ausgerechnet während einer Phase außergewöhnlich starken internationalen Drucks weitere Staaten Botschaften nach Jerusalem verlegen, passt nicht zum Bild eines vollständig isolierten Israel.

Es zeigt vielmehr ein widersprüchliches internationales Umfeld: Während einige westliche Regierungen den Druck auf Jerusalem erhöhen, vertieft Israel andernorts seine Beziehungen und gewinnt neue diplomatische Anerkennung für seine Hauptstadt.

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Autor: Redaktion
Samstag, 26 September 2026

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