Schin Bet und Mossad gegen Channel 12: Bericht über Netanjahu-Flug soll Leben gefährdet habenSchin Bet und Mossad gegen Channel 12: Bericht über Netanjahu-Flug soll Leben gefährdet haben
Channel 12 meldete Netanjahus geheimen Besuch in Abu Dhabi, während sein Flugzeug laut Sicherheitsdiensten noch außerhalb Israels war. Der Sender bestreitet eine Gefährdung doch die veröffentlichten Uhrzeiten werfen Fragen auf.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Israels Inlandsgeheimdienst Schin Bet hat beim obersten Militärzensor Beschwerde gegen Channel 12 eingereicht. Der Vorwurf wiegt schwer: Der Sender habe den geheimen Besuch von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu einem Zeitpunkt öffentlich gemacht, als sich dessen Flugzeug noch weit außerhalb Israels befand. Dadurch seien der Ministerpräsident, seine Delegation und eingesetzte Sicherheitskräfte gefährdet worden. Auch der Mossad spricht nach Angaben des Büros des Ministerpräsidenten von einer „ernsten Sicherheitsbedrohung“.
Im Mittelpunkt steht eine Differenz von weniger als einer Stunde, die sicherheitspolitisch entscheidend sein kann. Nach Angaben von Schin Bet und Ministerpräsidentenamt wurde der Bericht am Sonntagabend um 21.38 Uhr ausgestrahlt. Netanjahus Flugzeug landete demnach erst um 22.27 Uhr in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Damit lagen zwischen Veröffentlichung und Landung 49 Minuten. Der Schin Bet erklärte, die Bekanntgabe des Besuchs in dieser Phase habe die Sicherheit des Ministerpräsidenten, der Operation und der Kräfte vor Ort gefährdet. Zudem seien durch die Art der Berichterstattung Einsatzmethoden offengelegt worden, was auch zukünftige Operationen riskanter machen könne.
Channel 12 widerspricht dieser Darstellung. Gegenüber Walla erklärte der Sender, der Beitrag sei nicht zu Beginn der Nachrichtensendung ausgestrahlt worden, sondern erst „gegen 22 Uhr“, als sich Netanjahus Flugzeug bereits in Israel befunden habe. Deshalb habe zu keinem Zeitpunkt Lebensgefahr bestanden. Außerdem betrachtet der Sender den geheimen Besuch als politische Nachricht und nicht als Angelegenheit, die grundsätzlich der Militärzensur unterliege.
Doch gerade die veröffentlichten Zeitangaben machen diese Verteidigung erklärungsbedürftig. Der eigene N12-Artikel über den Besuch trägt eine Veröffentlichungszeit von 21.41 Uhr und wurde um 22.03 Uhr aktualisiert. Die Sicherheitsbehörden geben die Landung dagegen mit 22.27 Uhr an. Sollte diese Zeit stimmen, befand sich das Flugzeug bei der Veröffentlichung des Online-Berichts noch in der Luft. Das allein entscheidet noch nicht, welches konkrete Material der Zensur vorgelegt werden musste oder ob tatsächlich strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt. Es zeigt aber, warum der Vorgang nun offiziell untersucht wird.
Besonders ungewöhnlich ist, mit welcher Deutlichkeit gleich zwei israelische Sicherheitsdienste den Vorgang bewerten. Der Mossad erklärte nach Angaben des Ministerpräsidentenamtes, die Veröffentlichung habe eine ernsthafte Bedrohung für den Ministerpräsidenten und seine Delegation dargestellt und müsse als schwerwiegender Vorfall behandelt werden, der der Sicherheit IsraelsStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen geschadet habe. Der Schin Bet fordert, die Angelegenheit gegenüber Channel 12 vollständig aufzuklären.
Zur Delegation gehörten nach der inzwischen veröffentlichten Liste nicht nur Netanjahu und seine Frau Sara. Mitgereist waren auch der Mossad-Chef, der Leiter des Nationalen Sicherheitsrates, Netanjahus Militärsekretär Generalmajor Guy Markizano, der Leiter der Schin-Bet-Sicherheitsabteilung sowie Flug- und Sicherheitspersonal. Damit ging es nicht lediglich um den Schutz eines Politikers, sondern um eine hochrangig besetzte israelische Delegation auf einer zuvor geheim gehaltenen Mission.
Ein geheimer Besuch mit politischem Sprengstoff
Netanjahu war am Sonntag nach Abu Dhabi gereist und hatte dort den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, getroffen. Der Besuch war zuvor nicht angekündigt worden. Reuters berichtete, beide Seiten hätten über die bilateralen Beziehungen und regionale Herausforderungen gesprochen; insbesondere Iran steht derzeit im Zentrum der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit.
Daneben besitzt das Treffen innenpolitische Brisanz. AP berichtete unter Berufung auf informierte Kreise, Netanjahu habe bin Zayed gebeten, einen Bericht zurückzuweisen, wonach der Emirate-Präsident ihn vor dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 persönlich gewarnt habe. Netanjahus Büro bestreitet diese Darstellung einer persönlichen Warnung seit Beginn entschieden. Aus Abu Dhabi kamen zuletzt ebenfalls Aussagen, wonach derartige Sicherheitsinformationen über die zuständigen Nachrichtendienstkanäle und nicht auf Ebene der Staatschefs ausgetauscht würden.
haOlam hat diese widersprüchliche Vorgeschichte bereits ausführlich dokumentiert. Zunächst hatte Haaretz von einer angeblichen persönlichen Warnung bin Zayeds berichtet. Später widersprach ein offizieller Vertreter der Emirate dieser Darstellung indirekt und erklärte, entsprechende Informationen würden institutionell zwischen den Sicherheitsdiensten ausgetauscht. Gleichzeitig existieren frühere Berichte über Warnungen aus den Emiraten, Ägypten und anderen Kanälen vor einer möglichen Hamas-Eskalation. Die zentrale Frage, welche Informationen Netanjahu persönlich erreichten, ist bis heute politisch umkämpft.
Gerade deshalb hatte Channel 12 ein erhebliches journalistisches Interesse daran, den geheimen Besuch zu melden. Das entbindet ein Medium allerdings nicht von Sicherheitsauflagen, wenn die Veröffentlichung laufende Schutzmaßnahmen oder Bewegungen einer hochrangigen Delegation offenlegen kann.
Umgekehrt darf die Berufung auf nationale Sicherheit auch nicht automatisch jede politisch brisante Veröffentlichung kriminalisieren. Genau deshalb existiert die Militärzensur als formelles Verfahren und genau deshalb muss nun geklärt werden, welche Informationen Channel 12 wann kannte, was zur Veröffentlichung freigegeben oder untersagt worden war und zu welchem Zeitpunkt sich Netanjahus Flugzeug tatsächlich wo befand.
Die entscheidende Frage lautet damit nicht, ob Channel 12 über den Besuch berichten durfte.
Die entscheidende Frage lautet:Durfte der Sender es zu diesem Zeitpunkt tun?
Sollte die Darstellung von Schin Bet und Mossad zutreffen, wäre die Sache erheblich schwerwiegender als ein gewöhnlicher Streit zwischen Regierung und Medien. Dann wäre eine laufende geheime Reise öffentlich geworden, während sich der Ministerpräsident, führende Sicherheitsvertreter und ihre Schutzkräfte noch außerhalb des Landes befanden.
Channel 12 bestreitet genau das.
Die veröffentlichten Uhrzeiten passen bislang allerdings nur schwer zusammen.
Und deshalb gehört dieser Vorgang aufgeklärt – nicht als weitere Episode im israelischen Medienkrieg, sondern als konkrete Frage der Sicherheit eines Ministerpräsidenten und der Grenzen verantwortungsvoller Berichterstattung.
Autor: Redaktion
Dienstag, 29 September 2026