Nach Sichtung von „NAZA“: IDF widerspricht Kernvorwürfen zu Gaza, KI und OpferzahlenNach Sichtung von „NAZA“: IDF widerspricht Kernvorwürfen zu Gaza, KI und Opferzahlen
Der preisgekrönte Dokumentarfilm „NAZA“ wirft Israel systematische Tötung von Zivilisten und einen missbräuchlichen Einsatz künstlicher Intelligenz vor. Jetzt hat die IDF den Film selbst gesehen und veröffentlicht erstmals eine detaillierte Erwiderung. Dabei geht es um angeblich erlaubte Opferzahlen von bis zu 500 Zivilisten, das System „Lavender“ und die Aussagekraft der 24 anonymen Zeugen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Der Streit über den GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Dokumentarfilm „NAZA“ hat eine neue Grundlage. Israels Streitkräfte haben den Film inzwischen vollständig gesehen und am Donnerstag eine ausführliche Antwort veröffentlicht, in der sie zentrale Aussagen des Werkes einzeln zurückweisen. Anders als unmittelbar nach der Premiere in Venedig reagiert die Armee damit nicht mehr nur auf Medienberichte, Ausschnitte und öffentliche Aussagen der Regisseure, sondern auf den Film selbst.
haOlam berichtete bereits Mitte September über „NAZA“. Damals hatte der Film von Yuval Abraham und Rachel Szor bei den Filmfestspielen von Venedig den Spezialpreis der Jury erhalten. Die Produktion stützt sich auf Aussagen von 24 anonymisierten Personen, die nach Angaben der Filmemacher in israelischen Militär- oder Nachrichtendiensteinheiten tätig waren. Gesichter und Stimmen wurden unkenntlich gemacht. Produziert wurde der Film vom britischen Guardian gemeinsam mit JW Films.
Bereits damals wies die IDF die erhobenen Vorwürfe zurück. Sie erklärte jedoch zugleich, die Filmemacher hätten ihr die konkreten Anschuldigungen vor Veröffentlichung nicht zur Stellungnahme vorgelegt und auch keinen Zugang zum vollständigen Film ermöglicht. Damit blieb ein offensichtliches Problem: Die Armee sollte Behauptungen beantworten, deren vollständige Darstellung sie nach eigenen Angaben gar nicht kannte.
Das hat sich nun geändert.
Nach der Sichtung spricht die IDF von einer verzerrten und irreführenden Darstellung ihres Systems zur Ermittlung, Planung und Genehmigung militärischer Ziele. Besonders deutlich widerspricht sie drei Kernaussagen: den angeblich akzeptierten extrem hohen zivilen Opferzahlen, einer automatisierten Zielauswahl durch künstliche Intelligenz und der Darstellung, die anonymen Geheimdienstmitarbeiter könnten aus eigener Kenntnis den gesamten Ablauf einer Angriffsentscheidung beurteilen.
500 zivile Tote für ein Ziel? IDF bestreitet die Darstellung
Einer der schwersten Vorwürfe in „NAZA“ lautet, für einen Angriff auf ein einzelnes HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Ziel sei eine erwartete Zahl von bis zu 500 zivilen Todesopfern akzeptiert worden. Der Film behandelt außerdem angebliche Größenordnungen von bis zu 200 Zivilisten bei hochrangigen Hamas-Terroristen und bis zu 20 bei rangniedrigeren Mitgliedern.
Die IDF weist diese Darstellung ausdrücklich zurück. Nach ihrer Stellungnahme wurde im Gazastreifen kein Angriff geplant, genehmigt oder ausgeführt, bei dem 500 zivile Todesopfer oder eine auch nur annähernd vergleichbare Zahl erwartet worden seien. Auch einen Genehmigungswert von 200 erwarteten zivilen Opfern für den Angriff auf ein militärisches Ziel habe es nicht gegeben.
Nach Darstellung der Armee liegt dem Film an dieser Stelle ein grundlegendes Missverständnis interner Abläufe zugrunde. Bestimmte Zahlen können darüber entscheiden, auf welcher Befehlsebene eine Operation genehmigt werden muss. Eine höhere erwartete Gefährdung von Zivilisten kann also dazu führen, dass ein höherrangiger Kommandeur entscheiden muss. Daraus folgt nach Angaben der IDF jedoch gerade nicht, dass diese Zahl ziviler Opfer damit automatisch erlaubt wäre.
Für jeden Angriff müsse zusätzlich individuell geprüft werden, ob der erwartete zivile Schaden im Verhältnis zum konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil verhältnismäßig sei. Genau diese Prüfung gehört zu den Grundsätzen des humanitären Völkerrechts.
Damit stehen zwei unterschiedliche Darstellungen gegeneinander. Der Film präsentiert interne Zahlen als Beleg dafür, wie viele zivile Tote bei bestimmten Zielkategorien akzeptiert worden seien. Die IDF erklärt, der Film verwechsle Zuständigkeitsschwellen innerhalb der Befehlskette mit einer Freigabe ziviler Opfer.
Ähnlich grundsätzlich ist der Streit um „Lavender“.
Das System wurde bereits während des Gazakrieges international als Beispiel für den Einsatz künstlicher Intelligenz durch IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen bekannt. „NAZA“ vermittelt den Eindruck, automatisierte Systeme hätten zehntausende Menschen identifiziert und damit faktisch zur Tötung ausgewählt.
Nach Darstellung der IDF ist das falsch. „Lavender“ sei keine Liste bereits genehmigter Angriffsziele. Es handele sich um ein Datenbanksystem, das unterschiedliche Nachrichtendienstinformationen zusammenführt und Analysten dabei unterstützt, Informationen über Mitglieder von Terrororganisationen wie Hamas miteinander abzugleichen.
Dass eine Person in dieser Datenbank erfasst werde, bedeute weder, dass sie automatisch als militärisches Ziel gelte, noch dass ein Angriff auf sie genehmigt sei. Über die Einstufung eines Menschen oder Objekts als militärisches Ziel müssten menschliche Analysten entscheiden. Anschließend folge ein weiterer Prozess aus operativer Planung, Prüfung möglicher ziviler Schäden, rechtlicher Beratung und militärischer Genehmigung. Die endgültige Entscheidung treffe ein verantwortlicher Kommandeur.
Künstliche Intelligenz könne nach Angaben der IDF weder selbstständig einen Menschen zum Angriffsziel erklären noch einen Angriff genehmigen.
Der entscheidende Streit betrifft die 24 anonymen Zeugen
Die vielleicht wichtigste neue Antwort der IDF betrifft jedoch nicht eine bestimmte Zahl oder ein bestimmtes Computersystem, sondern die Grundlage des gesamten Films.
„NAZA“ gewinnt seine Wirkung daraus, dass die Anschuldigungen nicht von externen Aktivisten stammen sollen, sondern von Menschen aus dem israelischen Sicherheitsapparat selbst. Die Filmemacher präsentieren ihre 24 anonymen Gesprächspartner als Insider eines Systems, das zivile Opfer berechnet und militärische Ziele vorbereitet.
Nach Sichtung des Films bestreitet die IDF nun nicht mehr nur, dass die Identität und genaue Funktion dieser Personen von außen überprüft werden können. Sie argumentiert vielmehr, dass die im Film beschriebenen Tätigkeiten überwiegend auf einer frühen Stufe der Nachrichtengewinnung und Zielermittlung lagen.
Das ist entscheidend.
Ein Geheimdienstanalyst kann beispielsweise feststellen, dass sich in einem bestimmten Gebiet eine bestimmte Zahl von Menschen aufhält. Diese erste Einschätzung muss jedoch nicht der Zahl entsprechen, die später der endgültigen Angriffsentscheidung zugrunde liegt. Nach Angaben der Armee können anschließend weitere Informationen eingeholt werden. Der Zeitpunkt eines Angriffs kann verändert werden. Eine andere Munition kann gewählt werden. Ein Ziel kann räumlich enger gefasst oder ein Angriff vollständig abgesagt werden. Nach Evakuierungswarnungen kann erneut geprüft werden, wie viele Zivilisten tatsächlich noch anwesend sind.
An dieser späteren Phase seien operative Planer, Fachleute für die Verringerung ziviler Schäden, Militärjuristen und verantwortliche Kommandeure beteiligt. Genau diese Teile des Entscheidungsprozesses seien den im Film auftretenden Nachrichtendienstmitarbeitern aufgrund ihrer jeweiligen Funktion nicht zwangsläufig bekannt gewesen.
Die IDF wirft „NAZA“ deshalb vor, Aussagen über einzelne frühe Arbeitsschritte so zusammenzuschneiden, dass beim Zuschauer der Eindruck entstehe, die Zeugen könnten über die endgültige Genehmigung und Durchführung eines Angriffs sprechen.
Das bedeutet nicht, dass anonyme Quellen grundsätzlich unglaubwürdig sind. Gerade in Militär und Geheimdiensten sind Informanten häufig auf Schutz angewiesen. Bei derart schweren Anschuldigungen wird jedoch entscheidend, was eine Quelle tatsächlich selbst gesehen hat, welche Funktion sie innehatte und ob ihre Schlussfolgerungen über den eigenen Verantwortungsbereich hinausreichen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die IDF erklärt, der Film nenne bei mehreren besonders schweren Behauptungen weder konkrete Angriffsziele noch Datum, Ort oder überprüfbare Opferzahlen. Dadurch ließen sich zentrale Aussagen nicht anhand eines bestimmten Einsatzes überprüfen.
Die Filmemacher vertreten die gegenteilige Position. Der Guardian, der den Film selbst produziert hat, erklärt, die Aussagen seien über einen langen Zeitraum recherchiert und überprüft worden. Abraham und Szor sehen die Zeugenaussagen als Beleg für ein System, in dem der Schutz palästinensischer Zivilisten gegenüber der Geschwindigkeit und Menge militärischer Angriffe zunehmend zurückgetreten sei.
Gerade diese unterschiedlichen Positionen müssen auseinandergehalten werden. Der Guardian ist in diesem Fall nicht nur ein Medium, das über einen fremden Film berichtet. Er gehört zu dessen Produzenten und verteidigt damit ein eigenes journalistisches Projekt.
Auch beim Genozidvorwurf geht „NAZA“ weit über Kritik an einzelnen israelischen Angriffen hinaus. Im Film wird ein anonymer Gesprächspartner ausdrücklich gefragt, ob er das Vorgehen in Gaza als Genozid bewertet. Die IDF hält eine solche Aussage für rechtlich bedeutungslos. Der betreffende Mitarbeiter habe weder an den politischen noch an den obersten militärischen Entscheidungen teilgenommen und könne deshalb keine spezifische staatliche Vernichtungsabsicht belegen.
Genau diese Absicht ist für den juristischen Tatbestand des Genozids zentral. Eine hohe Zahl ziviler Opfer, schwere Zerstörungen oder sogar mögliche Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht reichen für sich allein nicht aus, um Genozid nachzuweisen.
haOlam berichtete erst vor wenigen Tagen über eine wissenschaftliche Arbeit von Philippe Karpe und Günther Jikeli, die ebenfalls zu dem Ergebnis kommt, dass der Genozidvorwurf nach den untersuchten rechtlichen Kriterien nicht nachgewiesen sei. Auch diese Studie ist kein Gerichtsurteil. Sie verdeutlicht jedoch, warum zwischen einer moralischen Bewertung des Gazakrieges und einem konkreten völkerrechtlichen Tatbestand unterschieden werden muss.
Die neue IDF-Stellungnahme beweist umgekehrt nicht, dass jeder israelische Angriff im Gazastreifen rechtmäßig war. Die Armee erklärt selbst, dass konkrete Verdachtsfälle untersucht werden und Verstöße disziplinarische oder strafrechtliche Folgen haben können. Auch die enormen zivilen Folgen des Krieges werden durch eine Widerlegung einzelner Filmbehauptungen nicht beseitigt.
Doch der Nachrichtenwert der neuen Stellungnahme liegt genau darin, dass „NAZA“ nun erstmals auf der Ebene seiner konkreten Kernbehauptungen beantwortet wird.
Bei der Premiere stand auf der einen Seite ein preisgekrönter Film mit 24 anonymen israelischen Zeugen. Auf der anderen Seite stand eine Armee, die erklärte, sie kenne weder den vollständigen Film noch ausreichend konkrete Vorwürfe.
Diese Situation besteht nicht mehr.
Die IDF hat den Film gesehen. Sie bestreitet die angebliche 500-Zivilisten-Freigabe. Sie bestreitet eine 200-Toten-Regel. Sie bestreitet, dass „Lavender“ Menschen automatisch zu Angriffszielen gemacht habe. Und sie bestreitet, dass die anonymen Geheimdienstmitarbeiter aufgrund ihrer Funktionen den gesamten Entscheidungsprozess beurteilen konnten.
Damit sind die Vorwürfe von „NAZA“ nicht aus der Welt.
Aber sie können nach dieser Antwort auch nicht mehr seriös präsentiert werden, ohne die konkreten Einwände Israels mitzuerwähnen.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 01 Oktober 2026