Nova: Sie tanzten im Morgengrauen. Dann begann die MenschenjagdNova: Sie tanzten im Morgengrauen. Dann begann die Menschenjagd
378 Menschen wurden ermordet, 44 nach Gaza verschleppt. Drei Jahre später ist Nova nicht nur ein Tatort des 7. Oktober, sondern einer jener Orte, an denen man begreift, was das Wort Massaker wirklich bedeutet.

In der Nacht zum 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen tanzten mehr als 3.000 Menschen auf einem Festivalgelände bei Re’im. Es war das Ende einer langen Nacht. Freunde standen zusammen, Menschen lernten sich kennen, einige legten sich erschöpft auf den Boden, andere wollten noch nicht nach Hause. Dann kamen die Raketen. Die Musik verstummte, das Festival wurde abgebrochen, Menschen liefen zu ihren Autos. Viele dachten zunächst, sie müssten nur weg vom offenen Gelände und den nächsten Schutzraum erreichen.
Sie wussten noch nicht, dass Männer mit Sturmgewehren, Granaten und Panzerfäusten bereits auf israelischem Gebiet waren.
Sie wussten nicht, dass die Straße, auf der sie fliehen wollten, wenige Minuten später voller Leichen und ausgebrannter Autos liegen würde. Sie wussten nicht, dass Schutzräume, in die sie vor Raketen flüchteten, zu Fallen werden würden. Sie wussten nicht, dass Menschen auf Motorrädern hinter ihnen herfahren würden, um auf sie zu schießen.
Und vor allem wussten sie nicht, dass Hilfe für viele von ihnen erst Stunden später kommen würde.
Die Untersuchung der IDF zeichnete später ein Bild, das selbst nach allem, was inzwischen über den 7. Oktober bekannt ist, kaum auszuhalten ist. 378 Menschen wurden im Zusammenhang mit dem Nova-Massaker getötet, darunter 344 Zivilisten und 34 Angehörige der Sicherheitskräfte. 44 Menschen wurden nach GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen verschleppt. 171 Menschen starben auf dem Festivalgelände und dem unmittelbar angrenzenden Straßenabschnitt. Weitere 207 wurden über ein Gebiet von rund 52 Kilometern hinweg ermordet, während sie versuchten zu entkommen.
Sie starben also nicht nur dort, wo die Musik gespielt hatte.
Sie starben auf ihrer Flucht.
Menschen, die zunächst glaubten, sie hätten es geschafft, fuhren direkt in weitere Terrorgruppen. Auf der Route 232 wurden Autos beschossen. An Kreuzungen warteten Bewaffnete. Wer wenden wollte, traf anderswo auf Terroristen. Wer das Auto verließ, rannte in Felder. Wer sich versteckte, musste hoffen, nicht gefunden zu werden.
Es gab irgendwann keine erkennbare Richtung mehr, die Sicherheit bedeutete.
Sie versteckten sich unter Leichen und hörten, wie andere gefunden wurden
Die Untersuchungskommission der Vereinten Nationen dokumentierte später, wo Menschen zu sterben versuchten: unter der Bühne des Festivals, in mobilen Toiletten, in geparkten Autos, in Müllcontainern, in Feldern und in den kleinen Betonunterständen entlang der Straße. Menschen rannten nicht zu militärischen Stellungen. Sie suchten irgendeinen Ort, an dem eine Kugel sie vielleicht nicht erreichen würde.
Auch diese Orte wurden systematisch angegriffen.
Die UN-Kommission untersuchte vier öffentliche Schutzräume nahe Re’im, Be’eri und Alumim. Terroristen warfen Granaten hinein und feuerten mit automatischen Waffen auf die Menschen im Inneren. Auf jeden, der versuchte hinauszulaufen, wurde geschossen. An einem der Schutzräume kam zusätzlich eine Panzerfaust zum Einsatz.
Überlebende berichteten den Ermittlern, dass sie stundenlang unter den Körpern Ermordeter lagen.
Man muss diesen Satz nicht ausschmücken.
Menschen lagen unter toten Menschen und mussten regungslos bleiben, weil eine Bewegung bedeuten konnte, selbst erschossen zu werden.
Sie hörten Schüsse. Sie hörten Explosionen. Sie hörten Menschen schreien. Sie hörten Terroristen draußen. Manche wussten nicht, ob der Mensch neben ihnen noch lebte. Manche wagten nicht, auf ein Telefon zu schauen. Andere schrieben ihren Eltern oder Geschwistern Nachrichten, weil sie glaubten, dass dies die letzten Worte ihres Lebens sein würden.
In einem dieser Schutzräume befand sich der 22-jährige Aner Shapira. Als Terroristen Granaten hineinwarfen, nahm er sie auf und schleuderte sie wieder hinaus. Eine nach der anderen. Sieben Mal gelang es ihm. Die achte Granate explodierte.
Aner wurde getötet.
Hinter ihm überlebten Menschen, weil er immer wieder mit bloßen Händen nach einer Granate griff, obwohl jedem in diesem Betonraum klar gewesen sein muss, dass irgendwann eine zu früh explodieren würde.
Sein Freund Hersh Goldberg-Polin befand sich ebenfalls dort. Bei der Explosion wurde ihm ein Teil des Arms abgerissen. Ein Video zeigte später, wie der schwer verletzte Hersh von Terroristen auf einen Pickup gezwungen und nach Gaza verschleppt wurde.
Fast elf Monate lang warteten seine Eltern auf ihn.
Dann wurde Hersh gemeinsam mit fünf weiteren Geiseln tot in einem Tunnel gefunden. Nach israelischen Erkenntnissen waren sie kurz vor dem Eintreffen der Soldaten von ihren Bewachern ermordet worden.
Auch andere Schutzräume wurden zu Orten, von denen Menschen später nur durch Aufnahmen und Nachrichten erzählen konnten.
Die junge Journalistin Ayelet Arnin zeichnete über Stunden mit ihrem Telefon auf, was in einem Schutzraum geschah. Die Menschen darin wussten nicht, ob jemand zu ihnen kommen würde. Auf den Aufnahmen sind Schüsse und Explosionen zu hören. Verwundete werden versorgt. Menschen versuchen, einander ruhig zu halten. Irgendwann verabschieden sie sich voneinander.
Nicht symbolisch.
Sie verabschiedeten sich, weil sie glaubten, gleich ermordet zu werden.
Ayelet Arnin überlebte den Morgen nicht.
Dasselbe geschah draußen auf den Straßen und Feldern. Die UN-Kommission dokumentierte Menschen, die beim Rennen durch ein Feld erschossen wurden, Menschen, die sich hinter Fahrzeugen versteckten und dort gefunden wurden, Menschen in stehenden Autos und Menschen, die glaubten, ein Betonunterstand werde sie schützen.
Ein Festivalgelände, auf dem wenige Stunden zuvor getanzt worden war, verwandelte sich in ein Gebiet, in dem Menschen versuchten, sich möglichst klein zu machen und möglichst leise zu atmen.
Das Grauen von Nova liegt auch darin, wie lange es dauerte.
Die IDF-Untersuchung stellte fest, dass HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terroristen das Festival zunächst offenbar gar nicht als geplantes Angriffsziel kannten. Eine Gruppe von mehr als 100 Terroristen aus dem Raum Nuseirat stieß während des Angriffs darauf. Als sie erkannten, dass sich dort Tausende Menschen befanden, begann das Massaker. Die meisten Tötungen ereigneten sich nach Angaben der Untersuchung zwischen etwa 9.15 und 11.30 Uhr. Größere militärische Verstärkung traf erst gegen 15.30 Uhr ein.
Stundenlang befanden sich Menschen damit in einem Gebiet, durch das Terroristen zogen.
Das ist einer der Punkte, an denen der 7. Oktober auch für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen selbst unerträglich bleibt. Die Menschen bei Nova wurden nicht nur Opfer der Hamas. Sie wurden von einem Staat nicht rechtzeitig geschützt, dessen Armee und Sicherheitsapparat genau dazu existieren.
Die IDF hat dieses Versagen inzwischen selbst festgestellt.
Das Festival war genehmigt worden. Doch relevante militärische Kräfte entlang der Grenze waren teilweise nicht darüber informiert worden, dass dort Tausende Menschen feierten. Armee und Polizei waren unzureichend koordiniert. Zeitweise ging das Militär sogar fälschlicherweise davon aus, das Gelände sei bereits geräumt.
Währenddessen versteckten sich dort noch Menschen.
Sie warteten auf Soldaten, die nicht wussten, dass sie auf sie warteten.
Auch das Töten war nicht alles
Zu Nova gehört noch eine weitere Wahrheit, die jahrelang geleugnet, relativiert und politisch bekämpft wurde: sexualisierte Gewalt.
Die UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten und ihr Team überprüften mehr als 5.000 Fotos, rund 50 Stunden Videomaterial, Zeugenaussagen und Tatorte. Ihre Schlussfolgerung war nicht, jede nach dem Massaker verbreitete Behauptung zu bestätigen. Im Gegenteil, einzelne Vorwürfe an anderen Orten wurden ausdrücklich verworfen.
Gerade deshalb wiegt das Ergebnis für Nova schwer.
Die UN-Mission sah begründeten Anlass zu der Annahme, dass auf und rund um das Festivalgelände, entlang der Route 232 und bei Re’im Vergewaltigungen und Gruppenvergewaltigungen stattfanden. Nach den ausgewerteten Informationen wurden Opfer in mehreren Fällen anschließend getötet oder während der Tat ermordet. Die Ermittler dokumentierten zudem Frauenleichen, die teilweise oder vollständig unbekleidet, gefesselt und erschossen aufgefunden wurden.
Auch die unabhängige UN-Untersuchungskommission kam später zu dem Ergebnis, dass sexuelle Gewalt am Nova-Festival und weiteren Tatorten des 7. Oktober stattgefunden hat.
Man muss daraus keine grausamen Bilder in Worten erzeugen.
Es reicht zu verstehen, was diese Feststellung bedeutet.
Ein Mensch flieht vor Männern, die ihn erschießen wollen. Er wird eingeholt. Und selbst das Töten ist für einige Täter noch nicht genug.
Das ist Nova.
Nicht nur Tote.
Nicht nur Entführte.
Nicht nur brennende Autos.
Es ist die Erkenntnis, dass Menschen, die Minuten zuvor getanzt hatten, plötzlich in einer Welt erwachten, in der jemand sie verfolgen, erniedrigen, verschleppen oder töten konnte, einfach weil die Grenze geöffnet worden war und fast niemand da war, um sie aufzuhalten.
44 Menschen wurden von Nova nach Gaza verschleppt. Einige wurden lebend zurückgebracht. Andere kamen als Leichen nach Israel zurück. Menschen wurden verwundet auf Motorräder und Fahrzeuge gezerrt. Familien sahen später Videos ihrer Kinder in den Händen der Terroristen, lange bevor sie von irgendeiner Behörde wussten, ob diese überhaupt noch lebten.
Drei Jahre später sind erstmals alle Geiseln wieder in Israel.
Das bedeutet nicht, dass alle nach Hause gekommen sind.
Manche kamen zu ihren Familien zurück.
Andere zu ihren Gräbern.
Am heutigen Abend kehren Überlebende, Familien und ehemalige Geiseln nach Re’im zurück. Um 18.29 Uhr beginnt dort das Gedenken der Nova-Gemeinschaft. An demselben Ort, an dem damals die Musik gespielt hatte.
Heute stehen dort Fotos.
Gesichter.
Namen.
378 Menschen.
Es ist leicht, eine solche Zahl zu lesen und zur nächsten Nachricht weiterzugehen. Deshalb muss man sich manchmal zwingen, sie wieder in Menschen zurückzuverwandeln.
378 Menschen bedeuteten 378 Leben, die an diesem Morgen irgendwohin weitergehen sollten. Arbeit am nächsten Tag. Eltern, die auf eine Nachricht warteten. Freunde, die gemeinsam nach Hause fahren wollten. Beziehungen, die vielleicht gerade erst begonnen hatten. Urlaube, Geburtstage, Streit, Pläne, vollkommen gewöhnliche Zukunft.
Für 378 Menschen gab es diese Zukunft nicht mehr.
Manche starben dort, wo sie getanzt hatten.
Andere starben Kilometer entfernt, nachdem sie geglaubt hatten, sie seien entkommen.
Einige starben in einem Schutzraum, der sie eigentlich retten sollte.
Andere wurden lebend nach Gaza gebracht und dort später ermordet.
Deshalb ist Nova auch drei Jahre später mehr als ein Gedenkort.
Es ist ein Ort, an dem man begreifen kann, was am 7. Oktober geschah, wenn man das politische Vokabular für einen Augenblick beiseitelässt.
Dort waren keine Armeen aufeinandergetroffen.
Dort waren junge Menschen auf einem Musikfestival.
Sie hörten die Musik verstummen.
Sie rannten.
Sie versteckten sich.
Sie riefen ihre Eltern an.
Sie verabschiedeten sich.
Und dann kamen die Männer, die sie suchten.
Autor:
Mittwoch, 07 Oktober 2026