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Schwere Anschuldigung aus Bidens innerem Kreis: Netanyahu soll Geiseldeal um sechs Monate verzögert haben

Schwere Anschuldigung aus Bidens innerem Kreis: Netanyahu soll Geiseldeal um sechs Monate verzögert haben


Phil Gordon wirft Benjamin Netanyahu vor, eine mögliche Einigung mit Hamas im Juli 2024 durch neue Bedingungen verhindert zu haben. Doch selbst innerhalb der früheren Biden-Regierung ist die Geschichte der gescheiterten Verhandlungen umstritten.

Schwere Anschuldigung aus Bidens innerem Kreis: Netanyahu soll Geiseldeal um sechs Monate verzögert haben
Bildnachweis: The White House / Quelle

Ein ehemaliger Spitzenberater der Biden-Regierung erhebt einen der schwersten Vorwürfe, die bislang aus Washington gegen Benjamin Netanyahus Umgang mit den Geiselverhandlungen erhoben wurden. Phil Gordon behauptet, der israelische Ministerpräsident habe im Juli 2024 eine greifbare Vereinbarung mit der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen durch neue Forderungen verhindert und damit den Krieg um weitere sechs Monate verlängert.

Gordon war während der Biden-Regierung Nationaler Sicherheitsberater von Vizepräsidentin Kamala Harris und nahm regelmäßig an Beratungen des Nationalen Sicherheitsrates teil. Er saß auch am 4. Juli 2024 im Weißen Haus, als Joe Biden mit Netanyahu über den damals diskutierten Geisel- und Waffenstillstandsplan telefonierte.

Seine Darstellung ist deshalb nicht die Einschätzung eines außenstehenden Kommentators. Gordon gehörte zum innersten außenpolitischen Kreis der Regierung.

Er widerspricht nun ausdrücklich Brett McGurk, Bidens damaligem Nahostkoordinator und einem der wichtigsten amerikanischen Unterhändler in den Geiselverhandlungen. McGurk hat in seinem neuen Buch „Brink“ und in mehreren Interviews ein wesentlich komplizierteres Bild gezeichnet. Danach scheiterten die Verhandlungen wiederholt an unvereinbaren Kernforderungen, vor allem an der Weigerung der Hamas, ihre Herrschaft in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen aufzugeben, und an ihrer Taktik bei der Freilassung der Geiseln.

Gordon hält diese Darstellung für unvollständig.

Nach seiner Version war Anfang Juli 2024 ein entscheidender Durchbruch erreicht. Hamas habe ihre Forderung aufgegeben, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen müsse bereits vor der Freilassung der ersten Geiseln verbindlich einem dauerhaften Kriegsende zustimmen. Damit sei ein wesentliches Hindernis gefallen.

Genau das lässt sich auch durch zeitgenössische Berichte bestätigen.

Am 4. Juli erklärte ein hochrangiger Vertreter der Biden-Regierung, Hamas habe ihre Position erheblich verändert. Washington sprach von einer „bedeutenden Öffnung“. Netanyahu genehmigte daraufhin die Rückkehr der israelischen Verhandlungsdelegation nach Doha.

Doch Gordon behauptet, Netanyahu habe anschließend Bedingungen hinzugefügt, die eine Einigung erneut unmöglich gemacht hätten.

Philadelphi und Netzarim wurden zum Streitpunkt

Besonders umstritten waren zwei Forderungen.

Netanyahu bestand darauf, dass Israel den Philadelphi-Korridor entlang der Grenze zwischen Gaza und Ägypten militärisch kontrolliert. Außerdem verlangte er einen Mechanismus, mit dem verhindert werden sollte, dass bewaffnete Hamas-Terroristen gemeinsam mit Zivilisten in den Norden des Gazastreifens zurückkehren.

Beide Forderungen hatten einen realen sicherheitspolitischen Hintergrund.

Der Philadelphi-Korridor war für Israel von entscheidender Bedeutung, weil über die ägyptische Grenze über Jahre Waffen, Material und möglicherweise Personal nach Gaza geschmuggelt worden waren. Die Kontrolle dieses Grenzstreifens sollte verhindern, dass die Hamas nach einer Feuerpause ihr militärisches System erneut aufbaut.

Auch die Forderung nach Kontrollen zwischen Süd- und Nordgaza war nicht aus der Luft gegriffen. Israel wollte verhindern, dass Terroristen nach einem Rückzug der IDF wieder in zuvor geräumte Gebiete zurückkehren und dort erneut militärische Strukturen errichten.

Die entscheidende Frage lautete jedoch nicht, ob diese Sicherheitsbedenken berechtigt waren.

Sie lautete, ob Israel dafür im Sommer 2024 einen möglicherweise erreichbaren Geiseldeal riskieren durfte.

Genau hier gingen Netanyahu und Teile der israelischen Sicherheitsführung auseinander.

Zeitgenössische israelische Berichte zeigen, dass Verteidigungsminister Yoav Gallant, Mossad-Chef David Barnea, Shin-Bet-Chef Ronen Bar und IDF-Generalstabschef Herzi Halevi eine vorübergehende Räumung Gazas für vertretbar hielten, wenn dadurch Geiseln freikommen würden. Sie argumentierten, Hamas könne sich während einer sechswöchigen ersten Phase nicht entscheidend neu bewaffnen.

Netanyahu teilte diese Einschätzung nicht.

Er machte mehrere Punkte zu nicht verhandelbaren Bedingungen und erklärte, Israel müsse verhindern können, dass bewaffnete Terroristen nach Nordgaza zurückkehren und dass die Hamas über Ägypten erneut Waffen erhält.

Damit ist ein wesentlicher Teil von Gordons Vorwurf durch zeitgenössische Quellen gestützt: Netanyahu verschärfte seine Bedingungen tatsächlich, nachdem Hamas Anfang Juli ihre Position verändert hatte.

Aber daraus folgt noch nicht automatisch, dass am 4. Juli ein fertiges Abkommen existierte, das Netanyahu lediglich hätte unterschreiben müssen.

Das sagte damals nicht einmal die Biden-Regierung selbst.

In einer ausführlichen Pressekonferenz nach dem Telefonat zwischen Biden und Netanyahu erklärte ein hochrangiger amerikanischer Regierungsvertreter ausdrücklich, dass noch erhebliche Arbeit notwendig sei. Die offenen Fragen beträfen vor allem die konkrete Umsetzung. Ein Abschluss sei nicht allein von Israel abhängig, sondern ebenso von Hamas und den Vermittlern Katar und Ägypten.

Das Weiße Haus sprach von einer Chance.

Nicht von einem fertigen Vertrag.

Auch Bidens eigener Chefunterhändler widerspricht der einfachen Schuldzuweisung

Genau deshalb ist Brett McGurks Darstellung heute so wichtig.

McGurk beschreibt Hamas in seinem neuen Buch über lange Phasen als zentrales Hindernis für eine Vereinbarung. Schon beim ersten Geiseldeal Ende 2023 habe die Terrororganisation entgegen vorheriger Zusagen die Freilassung junger Frauen verweigert. Die israelische Seite habe damals geschlossen darauf bestanden, diese Frauen nicht einfach zurückzulassen.

Auch im Frühjahr und Sommer 2024 habe Hamas wiederholt Bedingungen gestellt oder Informationen über die Geiseln nicht geliefert.

Nach der Ermordung von sechs Geiseln Ende August 2024 kam McGurk nach eigener Darstellung sogar zu dem Schluss, dass eine Vereinbarung kaum möglich sein werde, solange Hamas-Chef Yahya Sinwar am Leben sei.

Das passt nur schwer zu der These, Netanyahu allein habe im Juli einen bereits praktisch fertigen Deal um sechs Monate verhindert.

Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch.

Gordon wirft Netanyahu heute vor, die Freilassung der Geiseln nicht an die erste Stelle gesetzt zu haben. McGurk beschreibt dagegen ein grundsätzlich anderes Dilemma: Israel wollte die Geiseln zurückholen, durfte dafür aber nicht akzeptieren, dass die Hamas anschließend wieder jene Machtstellung erhält, aus der heraus sie das Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen vorbereitet hatte.

Dieser Konflikt war real.

Hamas verlangte letztlich die Beendigung des Krieges und ihr politisches wie militärisches Überleben in Gaza. Israel wollte verhindern, dass genau jene Terrororganisation, die rund 1.200 Menschen ermordet und etwa 250 weitere verschleppt hatte, nach einem Abkommen wieder an Israels Grenze steht.

Ein Deal war deshalb niemals nur eine Frage von Namen auf einer Austauschliste.

Es ging gleichzeitig um Geiseln, militärischen Rückzug, den Philadelphi-Korridor, die Rückkehr nach Nordgaza, palästinensische Gefangene und vor allem um die Frage, ob Hamas nach dem Ende der Kämpfe weiterregieren darf.

Das entlastet Netanyahu nicht automatisch von politischen Fehlentscheidungen.

Seine Auseinandersetzungen mit der eigenen Sicherheitsführung sind dokumentiert. Dass hochrangige israelische Verantwortliche im Sommer 2024 zu größeren Zugeständnissen bereit waren, um Geiseln zurückzuholen, ist ebenso belegt. Auch die später im Januar 2025 erzielte Vereinbarung enthielt Bedingungen, bei denen Israel von früheren Positionen abrückte.

Gordon hat daher einen legitimen und schwerwiegenden Punkt: Es muss untersucht werden, ob Netanyahus zusätzliche Bedingungen Geiseln wertvolle Monate kosteten.

Doch seine Behauptung, Netanyahu habe einen möglichen Deal um exakt sechs Monate verhindert, bleibt seine politische und historische Bewertung.

Die Dokumente vom Juli 2024 zeigen keinen fertigen Vertrag, den nur Netanyahu ablehnte.

Sie zeigen einen Durchbruch, eine ungewöhnlich günstige Gelegenheit und gleichzeitig noch ungelöste Kernfragen.

Vor allem zeigen sie etwas anderes: Selbst ehemalige Spitzenvertreter derselben US-Regierung können sich zwei Jahre später nicht darauf einigen, warum die Verhandlungen damals scheiterten.

Gordon sieht Netanyahu als entscheidenden Bremser.

McGurk beschreibt Hamas als einen Gegner, dessen zentrale Forderung mit dem israelischen Kriegsziel grundsätzlich unvereinbar war.

Beides gehört zur Geschichte.

Wer heute behauptet, der lange Gaza-Krieg und der Tod weiterer Geiseln ließen sich auf eine einzige Entscheidung oder eine einzige Person reduzieren, macht es sich deshalb zu einfach.

Die entscheidende historische Frage bleibt jedoch bestehen: Hätte Israel im Juli 2024 mehr Risiko eingehen müssen, um die Geiseln früher nach Hause zu holen?

Phil Gordon beantwortet sie eindeutig mit Ja.

Benjamin Netanyahu entschied damals anders.




Autor: Redaktion
Sonntag, 11 Oktober 2026

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