Drohne gegen Drohne: Israels HawkGuard soll die Kostenfalle der Luftabwehr brechenDrohne gegen Drohne: Israels HawkGuard soll die Kostenfalle der Luftabwehr brechen
Keine Rakete, kein Sprengkopf: Israel Aerospace Industries hat in Washington HawkGuard vorgestellt. Das System soll angreifende Drohnen mit einer anderen Drohne direkt aus der Luft schlagen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Auf den Schlachtfeldern der vergangenen Jahre hat sich ein militärisches Missverhältnis entwickelt, das selbst hochgerüstete Armeen vor enorme Probleme stellt. Eine vergleichsweise billige Angriffsdrohne kann einen Panzer treffen, Soldaten töten oder strategische Infrastruktur beschädigen. Wer sie mit einer teuren Flugabwehrrakete abschießt, gewinnt zwar das Gefecht, kann aber langfristig eine wirtschaftlich kaum tragbare Rechnung produzieren.
IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen Aerospace Industries will genau dieses Problem mit einem neuen System angehen.
Auf der Rüstungsmesse AUSA 2026 in Washington hat der israelische Konzern am Montag erstmals HawkGuard vorgestellt. Das System kombiniert Radar, elektrooptische Sensoren und eine KI-gestützte Kommando- und Kontrollsoftware mit speziellen Abfangdrohnen.
Der entscheidende Unterschied zu vielen klassischen Abwehrsystemen: HawkGuard verwendet keine Rakete und keinen explosiven Gefechtskopf.
Die Abfangdrohne soll das feindliche Fluggerät durch einen direkten kinetischen Treffer neutralisieren.
Vereinfacht gesagt: Eine Drohne jagt die andere und schlägt sie aus dem Himmel.
Nach Angaben von IAI hat HawkGuard bereits eine Serie von Tests erfolgreich absolviert und dabei unterschiedliche Drohnenbedrohungen erkannt, verfolgt und neutralisiert. Genauere Leistungsdaten veröffentlichte das Unternehmen jedoch nicht. Reichweite, Geschwindigkeit, Trefferwahrscheinlichkeit und konkrete Kosten eines einzelnen Abfangvorgangs sind bislang nicht bekannt.
Auch ob HawkGuard bereits bei den israelischen Streitkräften oder einem anderen Militär operativ eingesetzt wird, ließ IAI offen.
Das ist eine wichtige Einschränkung. HawkGuard ist eine vielversprechende neue Fähigkeit, aber noch kein öffentlich belegtes Allheilmittel gegen die Drohnenbedrohung.
Der Feind kostet Tausende, die Abwehr darf nicht Millionen verschlingen
Das eigentliche Problem, das HawkGuard lösen soll, ist längst bekannt.
Drohnen haben die moderne Kriegsführung verändert, weil sie relativ billig, flexibel und in großen Stückzahlen einsetzbar sind. Die Ukraine und Russland verbrauchen enorme Mengen kleiner FPV-Drohnen. Iran, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und die HuthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen-Terroristen nutzen unterschiedliche unbemannte Systeme ebenfalls als Angriffswaffen.
Israel hat die Folgen selbst erlebt.
Hisbollah-Drohnen konnten tief nach Israel eindringen, Soldaten und Zivilisten treffen und selbst hochgesicherte Gebiete erreichen. Im aktuellen Libanon-Konflikt setzt die Terrororganisation zusätzlich Drohnen ein, die teilweise nur schwer elektronisch zu stören sind.
Auch haOlam berichtete in den vergangenen Monaten mehrfach darüber, wie sich diese Gefahr weiterentwickelt. Im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen verfügt die Hamas nach israelischer Einschätzung inzwischen ebenfalls über FPV-Systeme mit Glasfasersteuerung. Solche Drohnen kommunizieren nicht wie herkömmliche Modelle über eine störbare Funkverbindung mit ihrem Piloten. Sie können deshalb gegen klassische elektronische Gegenmaßnahmen deutlich widerstandsfähiger sein.
Gerade hier zeigt sich das Grundproblem bisheriger Abwehrkonzepte.
Elektronische Störung funktioniert nicht gegen jede Drohne.
Laser benötigen Sichtkontakt und geeignete atmosphärische Bedingungen.
Maschinenkanonen haben begrenzte Reichweiten und stellen in bestimmten Umgebungen selbst ein Risiko dar.
Flugabwehrraketen wiederum können technisch hervorragend funktionieren, sind aber teuer.
Wenn ein Gegner hunderte oder tausende günstige Drohnen produziert, kann er versuchen, ein wesentlich teureres Verteidigungssystem wirtschaftlich zu überlasten.
HawkGuard setzt deshalb nicht auf einen einzigen universellen Schutzschild, sondern soll eine weitere Ebene in einem mehrschichtigen System bilden.
IAI spricht ausdrücklich von einer zusätzlichen kinetischen Abfangmöglichkeit innerhalb seiner bestehenden Counter-UAS-Architektur. Dazu gehören bereits Radar, optische Sensoren, elektronische Kampfführung, Identifikation und zentrale Gefechtsführung.
Das neue Element ist nun die Abfangdrohne selbst.
Sie benötigt keinen Sprengkopf und soll damit auch jene Risiken reduzieren, die beim Abschuss eines explosiven Abfangkörpers entstehen können. Gerade über eigenen Truppen, Fahrzeugkolonnen, militärischen Einrichtungen oder dicht bebauten Gebieten können Splitter und Druckwellen einer Abfangrakete ein zusätzliches Problem darstellen.
Ein direkter kinetischer Treffer vermeidet zumindest diesen Teil der Gefahr.
HawkGuard soll mit den Truppen mitfahren
Besonders interessant ist die geplante Mobilität.
HawkGuard ist nach Angaben des Herstellers kompakt und modular aufgebaut. Das System soll nicht nur feste Anlagen schützen, sondern auch auf gepanzerten Fahrzeugen und anderen mobilen Plattformen installiert werden können.
Damit richtet sich IAI direkt auf eine Entwicklung ein, die auf modernen Schlachtfeldern immer gefährlicher wird.
Drohnen greifen nicht mehr nur Flugplätze, Kraftwerke oder Kommandozentralen an. Kleine FPV-Systeme verfolgen einzelne Fahrzeuge, kreisen über Infanterieeinheiten und suchen gezielt nach Panzern, Versorgungskolonnen oder Soldaten.
Eine klassische stationäre Luftverteidigung reicht dagegen nicht aus.
Der Schutz muss sich mit der Einheit bewegen.
Genau hier soll HawkGuard ansetzen: Radar und optische Sensoren entdecken eine herannahende Drohne, die KI-gestützte Gefechtsführung bewertet und verfolgt das Ziel, anschließend startet eine Abfangdrohne und zerstört den Angreifer durch direkten Zusammenstoß.
IAI erklärt zudem, das System könne mehrere Bedrohungen gleichzeitig bearbeiten.
Wie viele Ziele parallel verfolgt und tatsächlich bekämpft werden können, veröffentlichte das Unternehmen nicht.
Auch deshalb sollte man bei Begriffen wie „Revolution“ vorsichtig sein.
Die Idee ist technisch überzeugend. Entscheidend wird aber sein, ob sie auch unter Gefechtsbedingungen funktioniert: bei sehr kleinen Zielen, extrem niedrigen Flughöhen, hoher Geschwindigkeit, elektronischer Störung und vor allem bei mehreren gleichzeitig angreifenden Drohnen.
Genau darauf zielen moderne Gegner.
Nicht eine einzelne Drohne ist das gefährlichste Szenario, sondern ein Schwarm beziehungsweise eine Welle verschiedener Flugkörper, die ein Verteidigungssystem gleichzeitig beschäftigen und überlasten soll.
Israel reagiert auf eine Bedrohung, die bereits Menschenleben gekostet hat
Dass IAI HawkGuard gerade jetzt präsentiert, ist deshalb kein Zufall.
Israel hat in den vergangenen drei Jahren eine außergewöhnlich breite praktische Erfahrung mit Drohnenangriffen gesammelt.
Hisbollah setzte Aufklärungs- und Angriffsdrohnen aus dem Libanon ein. Iran verwendete unbemannte Systeme in seinen Angriffswellen. Huthi-Terroristen griffen Israel aus dem Jemen mit Langstreckendrohnen an. Hamas versucht, die Technik für den Nahbereich weiterzuentwickeln.
Im Norden Israels zeigte sich besonders deutlich, wie schwierig die Abwehr kleiner, tieffliegender Ziele bleibt.
haOlam berichtete Ende Mai über einen Angriff, bei dem eine Drohne ein israelisches Fahrzeug regelrecht verfolgte. In anderen Fällen trafen Sprengdrohnen Soldaten im Südlibanon oder drangen in israelischen Luftraum ein, bevor sie bekämpft werden konnten.
Israel entwickelt deshalb gleichzeitig mehrere unterschiedliche Antworten.
Rafael treibt mit Iron Beam die Laserabwehr voran. Elektronische Systeme sollen Funkverbindungen stören. Radar- und Sensortechnik wird verbessert. Herkömmliche Flugabwehr bleibt für größere und gefährlichere Ziele unverzichtbar.
HawkGuard ergänzt dieses Konzept nun um eine relativ einfache Idee:
Gegen eine kleine Drohne muss nicht zwangsläufig eine große Rakete fliegen.
Man schickt ihr eine andere Drohne entgegen.
Genau darin könnte der eigentliche Wert des Systems liegen.
Nicht weil HawkGuard Iron Dome, Laser oder elektronische Kampfführung ersetzt. Sondern weil Israel für jede Bedrohung die wirtschaftlich und technisch passende Abwehr benötigt.
Der moderne Luftkrieg wird nicht nur dadurch entschieden, wer die bessere Rakete besitzt.
Er wird zunehmend auch dadurch entschieden, wer länger genügend Abfangmittel produzieren, bezahlen und einsetzen kann.
Eine Terrororganisation oder feindliche Armee darf nicht dadurch gewinnen können, dass sie zehntausend billige Drohnen baut und den Gegner zwingt, zehntausend extrem teure Raketen darauf zu verschießen.
HawkGuard ist Israels Versuch, diese Rechnung zu verändern.
Ob das System den Anspruch im Ernstfall erfüllt, muss sich noch zeigen.
Die erfolgreiche Testserie ist ein wichtiger Schritt. Der entscheidende Beweis kommt jedoch erst dort, wo eine kleine Angriffsdrohne mit hoher Geschwindigkeit auf einen israelischen Panzer, Soldaten oder eine strategische Anlage zufliegt und HawkGuard nur Sekunden bleiben, um sie zu stoppen.
Autor: Redaktion
Dienstag, 13 Oktober 2026