Netanjahu bestreitet Treffen mit Geheimdienstchef, ein offizielles Foto widerspricht ihmNetanjahu bestreitet Treffen mit Geheimdienstchef, ein offizielles Foto widerspricht ihm
Israels Ministerpräsident erklärt, er habe als Regierungschef niemals einen ausländischen Geheimdienstchef getroffen. Doch ein Foto und eine Mitteilung seines eigenen Büros belegen das Gegenteil. Der Widerspruch verschärft den Streit um Warnungen vor dem Hamas-Massaker.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich mit einer Aussage über seine Kontakte zu ausländischen Geheimdienstchefs in erhebliche Erklärungsnot gebracht. In einem Fernsehinterview am Dienstagabend, dem 13. Oktober 2026, behauptete er, während seiner Amtszeit als Regierungschef noch niemals persönlich einen ausländischen Geheimdienstchef getroffen zu haben. Doch ausgerechnet sein eigenes Büro hatte ein solches Treffen bereits am 30. Mai 2021 offiziell bekannt gegeben. Damals empfing Netanjahu den ägyptischen Geheimdienstchef Abbas Kamel in seiner Residenz in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Es existieren eine Regierungsmitteilung, offizielle Fotografien und Videoaufnahmen der Begegnung.
Der Widerspruch ist deshalb besonders brisant, weil Netanjahus Aussagen im Zusammenhang mit einer der zentralen ungeklärten Fragen des 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen stehen: Hatte IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen vor dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker konkrete Warnungen aus Ägypten erhalten, und wenn ja, welche Regierungs- und Sicherheitsvertreter wurden darüber informiert?
In der Sendung „The Patriots“ des regierungsnahen israelischen Fernsehsenders Channel 14 bestätigte Netanjahu erstmals ausdrücklich, dass ein ägyptisches Flugzeug im September 2023, wenige Tage vor dem Terrorangriff der Hamas, in Israel gelandet war. Zugleich bestritt er erneut, den damaligen Geheimdienstchef Abbas Kamel während dieses Besuchs persönlich getroffen zu haben. Er habe sich zu diesem Zeitpunkt bei einer Gedenkveranstaltung für gefallene israelische Soldaten befunden.
Diese konkrete Darstellung ist bislang nicht widerlegt. Es gibt keinen öffentlich gesicherten Beleg dafür, dass Netanjahu am 26. September 2023 tatsächlich mit Kamel zusammentraf. Allerdings ist inzwischen bestätigt, dass der Besuch stattgefunden hat. Damit stellt sich umso dringlicher die Frage, wen der ägyptische Geheimdienstchef in Israel traf und welche Informationen er übermittelte.
Netanjahu selbst erklärte im Interview, er wolle wissen, mit wem Kamel damals gesprochen habe. Zugleich äußerte er den Verdacht, andere Beteiligte wollten ihm die Verantwortung für möglicherweise übermittelte Warnungen zuschieben. Belege für eine solche gezielte Schuldzuweisung nannte er dabei nicht.
Sein Versuch, die eigene Darstellung mit dem Hinweis zu untermauern, dass Geheimdienstchefs normalerweise nicht persönlich mit Regierungschefs zusammenträfen, führte jedoch zu einem nachweisbaren Widerspruch.
Ein Treffen, das Netanjahus eigenes Büro dokumentierte
Am 30. Mai 2021 empfing Netanjahu den damaligen Leiter des ägyptischen Allgemeinen Nachrichtendienstes, Abbas Kamel, in seiner offiziellen Residenz in Jerusalem. Der Besuch war keineswegs geheim. Das Büro des Ministerpräsidenten veröffentlichte noch am selben Tag eine Mitteilung über die Begegnung und machte den Inhalt der Gespräche zumindest in Grundzügen öffentlich.
Demnach besprachen beide Seiten die Zusammenarbeit zwischen Israel und Ägypten sowie sicherheitspolitische und diplomatische Entwicklungen in der Region. Ein besonders wichtiger Punkt war die Lage im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen nach den vorangegangenen Kampfhandlungen zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas.
Netanjahu brachte damals unter anderem die Forderung nach der Rückkehr israelischer Soldaten und Zivilisten zur Sprache, die von der Hamas im Gazastreifen festgehalten wurden. Außerdem ging es um Möglichkeiten, einen erneuten militärischen Aufbau der Hamas zu verhindern und sicherzustellen, dass für die Zivilbevölkerung bestimmte Hilfsgüter und finanzielle Mittel nicht zur Stärkung der Terrororganisation missbraucht würden.
An den Gesprächen nahmen auch der damalige israelische Geheimdienstminister Eli Cohen und der damalige nationale Sicherheitsberater Meir Ben-Shabbat teil. Kamel war mit einer Delegation hochrangiger ägyptischer Vertreter nach Jerusalem gereist.
Das offizielle Regierungsfoto zeigt Netanjahu und Kamel beim Händedruck. Weitere Aufnahmen dokumentieren das Treffen. Bereits am Tag der Begegnung berichteten israelische und ägyptische Medien ausführlich darüber.
Damit steht fest: Netanjahus pauschale Behauptung, er habe als Ministerpräsident niemals einen ausländischen Geheimdienstchef getroffen, ist in dieser Form falsch.
Das bedeutet allerdings nicht, dass auch seine Aussage über den fehlenden persönlichen Kontakt mit Kamel im September 2023 falsch sein muss. Zwischen einem dokumentierten Treffen im Jahr 2021 und dem umstrittenen Besuch kurz vor dem Hamas-Massaker liegen mehr als zwei Jahre. Eine journalistisch belastbare Bewertung muss diesen Unterschied ausdrücklich berücksichtigen.
Hinzu kommt, dass Netanjahu während des Gaza-Krieges 2024 auch mit dem damaligen amerikanischen CIA-Direktor William Burns zusammentraf. Burns war an den Bemühungen um eine Waffenruhe und die Freilassung der von der Hamas verschleppten Geiseln beteiligt. Auch diese Begegnungen widersprechen der allgemeinen Behauptung, ein Regierungschef treffe sich grundsätzlich nicht mit ausländischen Geheimdienstleitern.
Warum Netanjahu trotz dieser öffentlich dokumentierten Kontakte eine derart weitreichende Aussage machte, ist nicht geklärt.
Was wusste Israel vor dem 7. Oktober?
Die aktuelle Kontroverse reicht weit über eine unzutreffende Aussage in einem Fernsehinterview hinaus. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Warnungen, die israelische Behörden und politische Verantwortliche vor dem 7. Oktober 2023 möglicherweise erhalten hatten.
Eine umfangreiche Recherche des amerikanischen Magazins The Atlantic berichtete Ende September 2026, dass Abbas Kamel am 26. September 2023 mit einem eigens gecharterten Flugzeug nach Israel gereist sei. Der Besuch soll nur ungefähr eine Stunde gedauert haben. Nach Darstellung der Recherche wollte der ägyptische Geheimdienstchef vor einer größeren militärischen Aktion der Hamas warnen.
Die amerikanische Journalistin Vivian Salama stützte ihre Recherchen nach eigenen Angaben auf Kontakte in Ägypten, Israel, den Vereinigten Staaten und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Demnach gab es in mehreren arabischen Staaten bereits vor dem 7. Oktober Sorgen über eine mögliche Eskalation aus dem Gazastreifen.
Auch Israel Hayom berichtete unter Berufung auf ägyptische Quellen über entsprechende Warnungen. Diese Quellen schilderten, dass israelische Vertreter auf die zunehmende Gefahr aufmerksam gemacht worden seien.
Netanjahu hat jedoch wiederholt bestritten, selbst eine konkrete Warnung vor dem bevorstehenden Hamas-Angriff erhalten zu haben. Sein Büro bezeichnete entsprechende Berichte als falsch und warf politischen Gegnern und Medien vor, mit unzutreffenden Anschuldigungen die Verantwortung für das Versagen der israelischen Sicherheitsbehörden auf ihn zu konzentrieren.
Der Ministerpräsident geht inzwischen auch juristisch gegen bestimmte Veröffentlichungen vor. Im September kündigte er rechtliche Schritte wegen Berichten an, wonach ihn der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, persönlich vor einem größeren Hamas-Angriff gewarnt habe. Später wurde über eine entsprechende Klage gegen mehrere Medien und Journalisten berichtet.
Die Vorwürfe bleiben umstritten. Das bestätigte Eintreffen eines ägyptischen Geheimdienstflugzeugs beweist für sich genommen weder den genauen Inhalt der Gespräche noch eine persönliche Kenntnis Netanjahus. Ebenso wenig kann allein aus der heutigen Bestreitung eines Treffens geschlossen werden, dass keine Warnung an andere israelische Stellen übermittelt wurde.
Gerade deshalb ist die vollständige Rekonstruktion der damaligen Ereignisse entscheidend. Wer nahm den ägyptischen Geheimdienstchef in Empfang? Welche Behörden waren über die Reise informiert? Gab es schriftliche Vermerke, Gesprächsprotokolle oder nachrichtendienstliche Berichte? Wurden Warnungen weitergeleitet, und falls ja, an wen?
Die Antworten darauf müssen sich aus überprüfbaren Unterlagen und Zeugenaussagen ergeben, nicht aus politischen Behauptungen.
Für die israelische Gesellschaft ist die Aufarbeitung von besonderer Bedeutung. Am 7. Oktober 2023 durchbrachen Hamas-Terroristen und weitere bewaffnete Angreifer die Grenzanlagen zum Gazastreifen, überfielen israelische Ortschaften und Militärstützpunkte, ermordeten rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln. Die Angriffe offenbarten ein schweres Versagen der Sicherheits- und Verteidigungsstrukturen.
Die Verantwortung für Planung und Durchführung des Massakers liegt bei der Hamas und den beteiligten Terroristen. Davon unabhängig muss Israel untersuchen, weshalb seine Sicherheitsinstitutionen den Angriff nicht verhindern konnten, obwohl zuvor verschiedene Hinweise auf ungewöhnliche Aktivitäten und mögliche Gefahren vorlagen.
In den vergangenen Tagen haben weitere frühere Sicherheitsverantwortliche die Debatte verschärft. Der frühere militärische Sekretär Netanjahus, Avi Gil, berichtete über den Umgang mit Aufzeichnungen zu den Stunden vor dem Angriff und erhob Vorwürfe im Zusammenhang mit einer möglichen nachträglichen Veränderung amtlicher Dokumentationen. Die betreffenden Anschuldigungen sind bislang nicht abschließend geklärt.
Auch frühere Verantwortliche des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet widersprachen öffentlichen Darstellungen über die damalige Informationslage. Sie beschrieben Warnungen und Sicherheitsbesprechungen, die aus ihrer Sicht für die Beurteilung des Regierungsversagens relevant seien.
Die unterschiedlichen Aussagen verdeutlichen, weshalb eine umfassende, unabhängige Untersuchung weiterhin von erheblichem öffentlichem Interesse ist. Sie müsste sowohl die Verantwortung der politischen Führung als auch die Entscheidungen von Armee, Militärgeheimdienst und Schin Bet untersuchen.
Netanjahu wiederum verweist auf das Versagen der Sicherheitsdienste und bestreitet, rechtzeitig von konkreten Angriffsplänen informiert worden zu sein. Ob und in welchem Umfang Warnungen tatsächlich seine persönliche Ebene erreichten, bleibt eine zentrale Streitfrage.
Die nun aufgetauchte Diskrepanz zwischen seiner Fernsehaussage und den offiziellen Unterlagen aus dem Jahr 2021 beantwortet diese Frage nicht. Sie unterstreicht aber, wie wichtig es ist, öffentliche Erklärungen anhand nachvollziehbarer Dokumente zu überprüfen.
Für einen Ministerpräsidenten, der sich weiterhin auf seine sicherheitspolitische Erfahrung beruft, wiegt ein solcher Widerspruch besonders schwer. Ein offiziell bekannt gegebenes Treffen mit einem ausländischen Geheimdienstchef lässt sich nicht mit der Behauptung vereinbaren, eine solche Begegnung habe während seiner Amtszeit niemals stattgefunden.
Die israelische Öffentlichkeit hat ein berechtigtes Interesse daran, dass die Ereignisse vor dem 7. Oktober vollständig aufgeklärt werden. Das gilt unabhängig davon, welche politischen Folgen eine Untersuchung für einzelne Regierungsmitglieder, Generäle oder Geheimdienstchefs haben könnte.
Es geht nicht darum, die Verantwortung der Hamas für das Massaker zu relativieren. Es geht darum, jene staatlichen Fehler und Versäumnisse zu erkennen, die es den Terroristen ermöglichten, den schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit der SchoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen auszuführen.
Die offizielle Aufnahme aus dem Mai 2021 widerlegt keine Erklärung Netanjahus über einen angeblichen Besuch Kamels im September 2023. Sie widerlegt jedoch seine grundsätzliche Behauptung, ausländische Geheimdienstchefs hätten sich während seiner Amtszeit niemals mit ihm getroffen.
Gerade bei einer derart folgenschweren sicherheitspolitischen Kontroverse muss zwischen erwiesenen Widersprüchen, plausiblen Hinweisen und noch ungeklärten Vorwürfen unterschieden werden. Eine verlässliche Aufarbeitung des 7. Oktober kann nur auf dieser Grundlage gelingen.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 14 Oktober 2026