Juden gegen Ukrainer ausspielen: Russische KI-Fakes erfinden „Massenansiedlung“ in Uman

Juden gegen Ukrainer ausspielen: Russische KI-Fakes erfinden „Massenansiedlung“ in Uman


KI-Videos behaupten, Juden würden für eine dauerhafte Ansiedlung in der Ukraine bezahlt und sollten Uman übernehmen. Die ukrainische Desinformationsabwehr sieht dahinter eine gezielte Kampagne, die Antisemitismus schüren soll.

Juden gegen Ukrainer ausspielen: Russische KI-Fakes erfinden „Massenansiedlung“ in Uman
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Mehr als 51.000 jüdische Pilger kamen in diesem Jahr zu Rosch Haschana nach Uman, um am Grab von Rabbi Nachman von Bratslaw zu beten. Es war eine der größten Wallfahrten seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Genau diese Bilder von zehntausenden Juden in einer ukrainischen Stadt werden nun für eine antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen aufgeladene Desinformationskampagne benutzt: In KI-generierten Videos treten angebliche Pilger auf, die behaupten, dauerhaft in die Ukraine ziehen zu wollen, dafür 200.000 Hrywnja vom Staat zu erhalten und an Plänen beteiligt zu sein, Uman in ein eigenständiges jüdisches Gebiet zu verwandeln. Das ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von DesinformationDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen, CCD, ordnet die verbreitenden TikTok-Netzwerke Russland zu und bezeichnet die Geschichten vollständig als erfunden.

Die Methode ist perfide, weil sie nicht auf eine vollkommen frei erfundene Welt setzt. Uman gibt es, die jüdische Wallfahrt gibt es, israelische Polizisten waren tatsächlich vor Ort und arbeiteten gemeinsam mit ukrainischen Sicherheitskräften. Und sogar eine staatliche Zahlung von exakt 200.000 Hrywnja existiert. Nur hat sie mit Juden, Israelis oder Uman überhaupt nichts zu tun: Das ukrainische Gesundheitsministerium zahlt diese Summe jungen Ärzten, die sich verpflichten, mehrere Jahre in medizinisch unterversorgten ländlichen oder frontnahen Regionen zu arbeiten. Aus einzelnen echten Bausteinen wird so eine Geschichte konstruiert, die nie stattgefunden hat.

Aus einer Wallfahrt wird eine jüdische „Übernahme“

Nach Angaben des CCD wurden während und nach Rosch Haschana Netzwerke russisch kontrollierter TikTok-Konten eingesetzt, um künstlich erzeugte Interviews mit angeblichen chassidischen Pilgern zu verbreiten. Darin ist von „Sonderprivilegien“, staatlichem Geld und einer dauerhaften Ansiedlung die Rede. Schon einige Tage zuvor hatte das Zentrum vor KI-generierten Bildern und Beiträgen gewarnt, die Juden gegenüber Ukrainern als privilegierte Gruppe darstellen sollten. Ziel sei es, Konflikte zwischen einheimischer Bevölkerung und Pilgern zu provozieren und antisemitische Ressentiments gezielt zu verstärken.

Die tatsächlichen Behördenmaßnahmen ergeben ein völlig anderes Bild. Die ukrainische Polizei hatte sich bereits Monate vorher auf die jährliche Wallfahrt vorbereitet. Während Rosch Haschana galten verstärkte Sicherheitskontrollen, Kontrollpunkte und besondere Verkehrsregelungen. Israelische Polizisten unterstützten ihre ukrainischen Kollegen wie bereits in früheren Jahren bei der Sicherung der Pilgerbereiche. Von einem staatlichen Ansiedlungsprogramm, Grundstücksübertragungen oder finanziellen Anreizen für jüdische Einwanderer ist in den offiziellen ukrainischen Unterlagen nichts zu finden. Stattdessen endete die Wallfahrt nach wenigen Tagen, wie jedes Jahr.

Das israelisch-ukrainische Medium Nikk hat die Erzählung über einen längeren Zeitraum verfolgt. Demnach wurde das Motiv einer angeblich bevorstehenden jüdischen Massenansiedlung nicht erst im September erfunden. Bereits zuvor kursierten unterschiedliche Varianten: Mal sollte die Ukraine Israelis angeblich an der Einreise nach Uman hindern, dann tauchten Geschichten über „Bevölkerungsaustausch“ auf, später wurde die diesjährige Wallfahrt zur vermeintlichen Generalprobe für die Ansiedlung von Millionen Israelis erklärt. Im September kamen schließlich die KI-Videos hinzu, in denen angebliche Pilger selbst die erfundenen Zahlungen und Umsiedlungspläne „bestätigen“.

Das Muster ist alt, nur die Technik ist neu. Juden werden als geschlossene Gruppe dargestellt, die angeblich mit Regierungen geheime Absprachen trifft, finanzielle Sonderrechte erhält und sich fremdes Land aneignet. Statt eines anonymen Flugblatts oder manipulierten Fotos können heute künstlich erzeugte Menschen vor einer Kamera scheinbar persönlich bestätigen, was nie geschehen ist. Gerade dadurch erhält eine klassische antisemitische VerschwörungserzählungProtokolle der Weisen von Zion: Die tödlichste Fälschung des modernen AntisemitismusDie „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine antisemitische Fälschung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie behaupten wahrheitswidrig, Juden planten die Weltherrschaft, und wurden weltweit zur Rechtfertigung von Judenhass benutzt.Mehr lesen den Anschein eines Augenzeugenberichts.

haOlam hatte bereits im Juli beschrieben, wie erstaunlich langlebig solche Konstruktionen sind: Krisen und politische Konflikte wechseln, die angebliche jüdische Verschwörung bleibt. Im russischen Krieg gegen die Ukraine werden Juden je nach Bedarf als Drahtzieher in Kiew, Washington oder IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen dargestellt. Der neue Uman-Komplex fügt lediglich eine weitere Variante hinzu: Diesmal sollen Juden angeblich nicht die Regierung kontrollieren, sondern gleich ein Stück Ukraine übernehmen.

Besonders wirksam ist diese Propaganda, weil sie reale Spannungen benutzt. Mehr als 51.000 Besucher innerhalb weniger Tage bedeuten für eine Stadt wie Uman erhebliche Belastungen für Verkehr, Sicherheit und Infrastruktur. Darüber darf gestritten werden. Auch über Kosten und das Verhalten einzelner Pilger kann berichtet werden. Aus diesen realen Alltagskonflikten jedoch eine geheime jüdische Kolonisierung der Ukraine zu konstruieren, ist keine Kritik an einer Wallfahrt. Es ist eine antisemitische Verschwörungserzählung.

Die ukrainische Seite hat ein offensichtliches eigenes Interesse daran, russische Informationsoperationen öffentlich zu machen; ihre Zuschreibungen müssen deshalb als solche kenntlich bleiben. In diesem Fall lassen sich jedoch zentrale Bestandteile unabhängig überprüfen: Die angebliche 200.000-Hrywnja-Prämie gilt für junge Ärzte, nicht für Juden. Die israelischen Polizisten waren offiziell zur Sicherung einer zeitlich begrenzten Wallfahrt vor Ort. Mehr als 51.000 Pilger kamen für Rosch Haschana nach Uman, nicht im Rahmen eines Einwanderungsprogramms. Ausgerechnet die überprüfbaren Teile der Geschichte zeigen damit, wie die Fälschung gebaut wurde.

Künstliche Intelligenz hat den Antisemitismus nicht erfunden. Sie macht seine ältesten Lügen nur billiger, schneller und glaubwürdiger. Früher musste ein Propagandist einen angeblichen Zeugen erfinden und hoffen, dass ihm jemand glaubt. Heute kann er ihn gleich als Video produzieren.




Autor: Redaktion
Mittwoch, 23 September 2026

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