Trump rückt von Patriot-Zusage ab: Kiews wichtigster Schutz bleibt in Washingtons HandTrump rückt von Patriot-Zusage ab: Kiews wichtigster Schutz bleibt in Washingtons Hand
Noch im Juli versprach Trump der Ukraine eine Lizenz zum Bau eigener Patriot-Abfangraketen. Nun ist er plötzlich „nicht sicher“ – während Russland weiter mit ballistischen Raketen auf ukrainische Städte zielt

Bildnachweis: Sgt. Alexandra Shea /
QuelleDie Ukraine glaubte, eine der wichtigsten Zusagen seit Beginn des russischen Angriffskrieges erhalten zu haben. Beim NATO-Gipfel in Ankara erklärte US-Präsident Donald Trump öffentlich, Washington werde Kiew eine Lizenz zur Herstellung von Patriot-Abfangraketen geben. Die Botschaft war unmissverständlich: Die Ukraine sollte nicht länger ausschließlich darauf warten müssen, dass die Vereinigten Staaten oder europäische Verbündete genügend Flugkörper aus ihren eigenen Beständen abgeben. Sie sollte einen Teil des dringend benötigten Schutzes gegen russische ballistische Raketen künftig selbst herstellen können.
Nur wenige Wochen später ist dieses Versprechen wieder offen. In einem Interview mit der „Financial Times“ erklärte Trump, er sei „nicht sicher“, ob die Ukraine tatsächlich eine Lizenz erhalten werde. Die Angelegenheit werde geprüft. Das Patriot-System sei eine außergewöhnliche Waffe, und die Vereinigten Staaten müssten vorsichtig sein, wem sie eine Herstellungserlaubnis erteilten. Zugleich betonte Trump, sein Ziel sei nicht die Lieferung weiterer Raketen, sondern ein Ende des Krieges.
Diese Vorsicht wäre nachvollziehbar, hätte Trump die Genehmigung nicht zuvor selbst öffentlich zugesagt. In Ankara sagte er der Ukraine ausdrücklich eine Lizenz zu und verband dies mit dem Hinweis, Kiew könne die Abfangraketen künftig selbst herstellen, statt sich über unzureichende Lieferungen zu beklagen. Präsident Wolodymyr Selenskyj behandelte die Erklärung anschließend nicht als unverbindliche Gesprächsidee, sondern als politische Entscheidung. Auch die offizielle ukrainische Präsidialverwaltung sprach mehrfach von einer erreichten Vereinbarung über Lizenzen für die Patriot-Produktion.
Nach einem weiteren Treffen mit Trump in Washington erklärte Selenskyj erneut, der amerikanische Präsident habe der Erteilung der Lizenzen zugestimmt. Am selben Tag führte er Gespräche mit amerikanischen Rüstungskonzernen. Die ukrainische Seite begann damit bereits, aus Trumps Wort ein industrielles Vorhaben zu machen. Kiew sprach über Produktionsstandorte, technische Zusammenarbeit und die Voraussetzungen für eine gemeinsame Fertigung.
Der Rückzug in die Formulierung, man prüfe die Angelegenheit noch, ist deshalb keine beiläufige Präzisierung. Trump stellt eine Zusage infrage, auf deren Grundlage die Ukraine bereits mit amerikanischen Unternehmen und Regierungsstellen verhandelte. Für ein Land, das nahezu jede Nacht mit Raketen und Drohnen angegriffen wird, ist diese Unberechenbarkeit kein diplomatisches Ärgernis. Sie betrifft unmittelbar die Frage, wie viele Menschen bei der nächsten russischen Angriffswelle geschützt werden können.
Patriot entscheidet über Leben und Tod
Die Ukraine kann inzwischen große Mengen eigener Drohnen produzieren. Sie entwickelt Marschflugkörper, elektronische Kampfsysteme und zunehmend auch eigene Waffen für Angriffe auf weit entfernte russische Ziele. Gegen moderne ballistische Raketen besitzt sie jedoch weiterhin nur wenige wirksame Mittel. Gerade für die Abwehr russischer Iskander-Raketen und anderer schnell fliegender Geschosse sind Patriot-Systeme mit PAC-3-Abfangraketen von zentraler Bedeutung.
Der Flugkörper PAC-3 Missile Segment Enhancement wird von Lockheed Martin hergestellt. Anders als ältere Flugabwehrraketen zerstört er sein Ziel durch einen direkten Treffer. Diese Fähigkeit macht ihn besonders wichtig gegen ballistische Raketen, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf Städte, Kraftwerke oder militärische Anlagen zubewegen. Die weltweite Nachfrage ist entsprechend hoch. Lockheed Martin lieferte 2025 nach eigenen Angaben eine Rekordzahl von 620 PAC-3-MSE-Raketen aus und vereinbarte mit der amerikanischen Regierung Anfang 2026 eine deutliche Steigerung der Produktionskapazität.
Selbst eine sofort erteilte Lizenz würde den akuten Mangel der Ukraine nicht innerhalb weniger Monate lösen. Der Bau solcher Raketen verlangt spezialisierte Anlagen, geschultes Personal, geschützte Lieferketten, amerikanische Technologie und eine strenge Kontrolle sensibler Komponenten. Die ukrainische Botschafterin in Washington, Olha Stefanishyna, erklärte, die Verhandlungen mit dem Pentagon beträfen die Produktion von PAC-3-Raketen. Bis ukrainische Anlagen tatsächlich liefern könnten, könne es jedoch zwischen zwölf Monaten und fünf Jahren dauern.
Gerade deshalb war Trumps ursprüngliche Zusage so bedeutsam. Sie sollte nicht die Raketen ersetzen, die Kiew in diesem Winter benötigt. Sie sollte verhindern, dass die Ukraine auch in einigen Jahren noch bei jeder russischen Angriffswelle von politischen Entscheidungen in Washington abhängig bleibt. Eine eigene oder gemeinsame Produktion hätte aus einer fortwährenden Bitte um Hilfe eine dauerhafte Verteidigungsfähigkeit machen können.
Für die unmittelbare Versorgung prüft Kiew mehrere Wege. Dazu gehören direkte amerikanische Lieferungen, langfristige Kaufverträge und der mögliche Tausch von Positionen in den Warteschlangen der Hersteller. Ein anderer Patriot-Kunde könnte seine früheren Produktionsplätze an die Ukraine abtreten und dafür später beliefert werden. Mitarbeiter von RTX, zu dessen Unternehmen Raytheon gehört, waren nach Angaben der ukrainischen Botschafterin bereits in der Ukraine. Auch Lockheed Martin bereitete die Entsendung von Fachleuten vor.
Selenskyj traf am 23. Juli zudem eine Delegation von Raytheon. Nach Angaben seines Büros erklärte das Unternehmen seine Bereitschaft, die Zusammenarbeit bis hin zur gemeinsamen Herstellung von Patriot-Abfangraketen auszubauen. Die ukrainische Seite verwies dabei ausdrücklich auf das vorausgegangene Gespräch zwischen Trump und Selenskyj in Ankara.
Die Industrie war damit weiter als Trumps jüngste Äußerung vermuten lässt. Unternehmen prüften bereits konkrete Möglichkeiten, die ukrainische Regierung sprach mit dem Pentagon, und amerikanische Vertreter behandelten das Vorhaben als Teil der künftigen Verteidigungszusammenarbeit. Nun hängt alles wieder an der Frage, ob Trump sein öffentlich gegebenes Wort als politische Entscheidung oder lediglich als spontane Äußerung betrachtet.
Frieden wird nicht durch schutzlose Städte geschaffen
Trump begründet seine neue Zurückhaltung mit seinem Wunsch, den Krieg zu beenden. Er suche nicht nach Raketen, sondern nach Frieden. Der Satz klingt überzeugend, löst aber das eigentliche Problem nicht. Patriot ist keine Angriffswaffe, mit der die Ukraine russische Gebiete erobern könnte. Das System dient dazu, Raketen abzufangen, bevor sie in Wohnhäusern, Krankenhäusern oder Kraftwerken einschlagen.
Selbst Trump hatte dies in Ankara hervorgehoben. Patriot sei eine Verteidigungswaffe, und genau das gefalle ihm besser als die Lieferung offensiver Systeme. Die nun geäußerte Sorge, die Vereinigten Staaten müssten vorsichtig sein, wem sie eine Lizenz geben, passt nur schwer zu dieser früheren Begründung. Die Ukraine nutzt Patriot seit Jahren im Kampf gegen russische Angriffe und unter amerikanischen Sicherheitsauflagen. Es geht nicht um die Weitergabe an einen unbekannten oder feindlichen Staat, sondern an ein Land, das bereits mit dem System kämpft und dessen Soldaten dafür ausgebildet wurden.
Auch eine Friedensinitiative macht die Luftabwehr nicht überflüssig. Verhandlungen können scheitern, sich über Monate hinziehen oder von Moskau zur Vorbereitung neuer Angriffe genutzt werden. Die ukrainische Botschafterin warnte, Russland setze seine Raketenangriffe fort und Kiew benötige gerade vor dem kommenden Winter dringend zusätzliche Flugkörper. Nach ihren Angaben wurden bei jüngsten nächtlichen Angriffswellen erneut große Zahlen ballistischer Raketen eingesetzt.
Die naheliegende Schlussfolgerung ist deshalb das Gegenteil von Trumps Darstellung: Eine Ukraine, die ihre Städte schützen kann, geht nicht geschwächt und unter unmittelbarem Beschuss in Verhandlungen. Eine Ukraine ohne ausreichende Abfangraketen wird dagegen erpressbarer. Moskau hätte einen zusätzlichen Anreiz, zivile Infrastruktur und Energieanlagen zu bombardieren, um Kiew zu politischen Zugeständnissen zu zwingen. Das ist eine Bewertung, aber sie folgt aus der militärischen Funktion der Patriot-Systeme und aus Russlands fortgesetztem Einsatz ballistischer Raketen.
Die Vereinigten Staaten dürfen selbstverständlich festlegen, unter welchen Bedingungen sie empfindliche Militärtechnik weitergeben. Eine Patriot-Lizenz kann nicht ohne Sicherheitsprüfungen, Schutz geistigen Eigentums und klare Vereinbarungen über Bauteile und Produktion erteilt werden. Doch genau diese Fragen hätten geklärt werden müssen, bevor Trump öffentlich eine Zusage verkündete.
Für die Ukraine ist das wiederholte Schwanken besonders gefährlich. Kiew muss Fabriken planen, Fachkräfte ausbilden, Lieferverträge schließen und enorme Investitionen absichern. Kein Rüstungsunternehmen baut eine Produktionslinie auf, wenn die politische Genehmigung jederzeit durch eine neue Äußerung des amerikanischen Präsidenten infrage gestellt werden kann.
Trump hat die Lizenz bislang nicht endgültig verweigert. Er sagt, die Entscheidung werde geprüft. Damit besteht weiterhin die Möglichkeit, dass Washington die Genehmigung erteilt und das Vorhaben lediglich mit strengeren Bedingungen versieht. Doch schon die öffentliche Kehrtwende verursacht Schaden. Sie zeigt der Ukraine, dass selbst eine vor Kameras ausgesprochene Zusage nicht zwingend Planungssicherheit bedeutet.
Kiew benötigt jetzt beides: sofort verfügbare Patriot-Abfangraketen für die kommenden Monate und eine langfristige Erlaubnis, diese Waffen gemeinsam mit amerikanischen Unternehmen selbst herzustellen. Frieden und Luftabwehr sind keine Gegensätze. Solange Russland Raketen auf ukrainische Städte abschießt, ist die Fähigkeit, diese Geschosse abzufangen, eine Voraussetzung dafür, dass Verhandlungen nicht unter dem Druck brennender Wohnhäuser geführt werden.
Autor: Redaktion
Sonntag, 02 August 2026