Antisemitische Nachrichten auf dem Handy: New York klagt Messerangreifer wegen Hassverbrechen an

Antisemitische Nachrichten auf dem Handy: New York klagt Messerangreifer wegen Hassverbrechen an


Ein Mann mit Kippa wurde vor einer Synagoge mit einem Schraubenzieher in die Brust gestochen, wenige Minuten zuvor traf ein Messer einen zweiten Passanten. Jetzt sprechen die Ermittler von einem antisemitischen Angriff auf beide Männer. Auf dem Handy des Beschuldigten fanden sie weitere belastende Nachrichten.

Antisemitische Nachrichten auf dem Handy: New York klagt Messerangreifer wegen Hassverbrechen an
Bildnachweis: Pixabay

Aus einem zunächst untersuchten möglichen Hassverbrechen ist in New York eine umfassende AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen-Anklage geworden. Die Staatsanwaltschaft von Manhattan hat den 51-jährigen Raul Morales wegen zweier Angriffe auf der Upper West Side unter anderem wegen versuchten Mordes als Hassverbrechen angeklagt. Entscheidend für die neue Bewertung sind nicht allein die Tatorte nahe zweier Synagogen oder die während der Angriffe gerufenen Parolen. Ermittler fanden nach Angaben der Staatsanwaltschaft auf Morales' Mobiltelefon Textnachrichten mit antisemitischen Äußerungen.

Die Angriffe ereigneten sich am 23. Juli mitten am Tag. Gegen 13.31 Uhr ging ein 57 Jahre alter asiatisch-amerikanischer Mann auf der West 84th Street in Richtung Westen. In der Nähe einer Synagoge soll Morales ihn von hinten ohne vorherige Auseinandersetzung mit einem Messer in den Rücken gestochen haben. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft rief er dabei "Allahu Akbar". Als er anschließend an der Synagoge an der West 83rd Street und Central Park West vorbeiging, soll er sinngemäß "Gerechtigkeit für den Islam" gerufen haben. Das Opfer wurde später mit dem noch im Rücken steckenden Messer ins Krankenhaus gebracht. Das Messer musste operativ entfernt werden.

Nur zwölf Minuten später folgte der zweite Angriff. Gegen 13.43 Uhr soll Morales in der Nähe einer weiteren Synagoge an der West 86th Street und Amsterdam Avenue auf einen 50 Jahre alten jüdischen Mann zugegangen sein. Das Opfer trug sichtbar eine Kippa. Morales soll ihm ohne vorherige Provokation einen Schraubenzieher in die Brust gestochen haben. Auch nach dieser Tat soll "Allahu Akbar" gerufen worden sein. Der Mann erlitt eine Stichverletzung im Brustbereich und musste ebenfalls ins Krankenhaus.

Im Juli war das Motiv noch offen

haOlam hatte unmittelbar nach den Angriffen darüber berichtet. Damals war Zurückhaltung notwendig. Zwar waren der Ruf "Allahu Akbar", die Nähe zu jüdischen Einrichtungen und der Angriff auf einen sichtbar jüdischen Mann bekannt. Gleichzeitig war das erste Opfer nicht jüdisch, sondern asiatischer Herkunft. Polizeichefin Jessica Tisch erklärte damals außerdem, psychische Probleme könnten bei den Taten eine Rolle gespielt haben. Ein antisemitisches Motiv war zu diesem Zeitpunkt Gegenstand der Ermittlungen, aber noch nicht abschließend mit zusätzlichen Beweisen unterlegt.

haOlam berichtete damals ausführlich über den Messerangriff und die offenen Fragen zum Motiv.

Diese Lage hat sich geändert.

Nach Durchsuchungsbeschlüssen werteten Ermittler Morales' Telefon aus. Dabei fanden sie laut Bezirksstaatsanwalt Alvin Bragg Textnachrichten, die ausdrücklich antisemitische Einstellungen erkennen lassen sollen. Bragg erklärte, die weiteren Ermittlungen hätten zusätzliche Beweise hervorgebracht, wonach Morales spezifisch antisemitische Ansichten hege.

Auch die zunächst auffällige Tatsache, dass eines der beiden Opfer asiatisch-amerikanisch ist, erhält dadurch eine neue Einordnung. Polizeichefin Tisch erklärte nach der Anklage, Morales habe die beiden Männer nach dem Tatvorwurf angegriffen, weil er sie für jüdisch gehalten habe. Die Staatsanwaltschaft behandelt deshalb beide Attacken als Teil eines antisemitisch motivierten Angriffs. Das bleibt ein Vorwurf, über dessen strafrechtliche Beweisbarkeit letztlich ein Gericht entscheiden muss. Morales bekannte sich nach Medienberichten nicht schuldig.

Die Anklageschrift umfasst zehn Punkte. Darunter befinden sich vier Anklagepunkte wegen versuchten Mordes zweiten Grades als Hassverbrechen, zwei wegen schwerer Körperverletzung ersten Grades als Hassverbrechen, zwei wegen versuchter schwerer Körperverletzung und zwei weitere wegen Körperverletzung zweiten Grades, jeweils mit dem Vorwurf eines Hassmotivs.

Nach den Angriffen floh Morales nach Darstellung der Ermittler in ein nahegelegenes Wohnhaus. Ein Zeuge folgte ihm und half der Polizei, seinen Aufenthaltsort festzustellen. Morales weigerte sich zunächst, seine Wohnung zu verlassen, ergab sich später jedoch. Die Ermittler werfen ihm außerdem vor, in der Wohnung seine Kleidung gewechselt zu haben. Am Ort des zweiten Angriffs wurde ein Schraubenzieher sichergestellt.

Juden bleiben Hauptziel von Hassverbrechen in New York

Der Fall steht nicht isoliert. Die aktuellen Zahlen des New York Police Department zeigen eine Entwicklung, die für die jüdische Bevölkerung der Stadt besonders beunruhigend ist. In den ersten acht Monaten des Jahres 2026 bestätigte die Polizei 425 Hassverbrechen. 229 davon richteten sich gegen Juden. Gegenüber dem gleichen Zeitraum 2025 stieg die Zahl antisemitischer Hassverbrechen damit um rund acht Prozent. Juden stellen nur ungefähr zehn Prozent der New Yorker Bevölkerung, sind aber weiterhin Ziel von mehr als der Hälfte aller bestätigten Hassverbrechen.

haOlam hatte bereits Anfang August über 205 bestätigte antisemitische Straftaten allein in den ersten sieben Monaten berichtet. Seither ist die Zahl weiter gestiegen.

Dabei verbessert sich die allgemeine Sicherheitslage New Yorks in mehreren Bereichen. Die Polizei meldet historisch niedrige Werte bei Schießereien und Tötungsdelikten. Antisemitische Straftaten folgen diesem positiven Trend nicht. Genau dieser Gegensatz macht die Situation jüdischer New Yorker so auffällig: Die Stadt kann insgesamt sicherer werden und gleichzeitig für Menschen gefährlich bleiben, die wegen einer Kippa, einer Synagoge oder einer vermeintlich jüdischen Identität ausgesucht werden.

Wenige Wochen nach dem Angriff auf der Upper West Side wurde zudem ein Mann nach einem gewaltsamen Vorfall während des Schabbat-Gottesdienstes in der Central Synagogue wegen Hassverbrechen angeklagt. Auch darüber berichtete haOlam. Vor den jüdischen Feiertagen hat das NYPD deshalb seine Schutzmaßnahmen erneut verstärkt. Polizeichefin Tisch erklärte am 9. September, antisemitische Hassverbrechen seien in den ersten acht Monaten des Jahres weiter gestiegen.

Der Fall Raul Morales zeigt dabei besonders deutlich, warum Ermittlungen zum Tatmotiv nicht bei der ersten Vermutung stehen bleiben dürfen. Im Juli gab es Indizien. Zwei Angriffe innerhalb weniger Minuten, Synagogen in unmittelbarer Nähe, ein sichtbar jüdisches Opfer und religiöse Rufe während der Taten. Trotzdem blieb offen, was den Beschuldigten tatsächlich antrieb.

Nun liegt nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein weiteres Puzzlestück vor: antisemitische Nachrichten auf seinem eigenen Telefon.

Aus dem Verdacht ist damit noch kein Gerichtsurteil geworden. Aber die Behauptung, Antisemitismus sei lediglich vorschnell in den Fall hineingelesen worden, ist angesichts der neuen Beweise kaum noch aufrechtzuerhalten.

Ein Mann mit Kippa wurde mitten in Manhattan in die Brust gestochen.

Der zweite Mann wurde mit einem Messer im Rücken ins Krankenhaus gebracht.

Und nach monatelangen Ermittlungen sagt die Staatsanwaltschaft nun: Der Beschuldigte hielt beide für Juden.




Autor: Redaktion
Freitag, 11 September 2026

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