27 Prozent der befragten muslimischen US-Amerikaner geben Israel die Schuld an 9/1127 Prozent der befragten muslimischen US-Amerikaner geben Israel die Schuld an 9/11
25 Jahre nach den Anschlägen zeigt eine neue Umfrage ein erschreckendes Ausmaß historischer Verfälschung: Nur 23,6 Prozent der befragten muslimischen Amerikaner nannten Al-Qaida als Verantwortlichen. 27,4 Prozent machten dagegen „Zionisten“ beziehungsweise Israel verantwortlich.

Bildnachweis: Courtesy of the Prints and Photographs Division. Library of Congress /
QuelleFast 3.000 Menschen wurden am 11. September 2001 ermordet. Vier Passagiermaschinen wurden von 19 Terroristen entführt. Das FBI stellte fest, dass sämtliche Entführer von Al-Qaida ausgebildet worden waren. Die überparteiliche 9/11-Kommission rekonstruierte Planung, Vorbereitung und Durchführung des Anschlags durch Osama bin Ladens Terrornetzwerk detailliert.
25 Jahre später scheint diese historische Tatsache für einen erheblichen Teil der amerikanischen Bevölkerung dennoch verhandelbar geworden zu sein.
Eine am Sonntag veröffentlichte Untersuchung des JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Center for Security and Foreign Affairs kommt zu einem besonders alarmierenden Ergebnis: Von 416 befragten muslimischen Amerikanern nannten lediglich23,56 Prozent Al-Qaida als Verantwortlichen für die Anschläge. Dagegen entschieden sich27,40 Prozent für die Behauptung, „Zionisten“ beziehungsweise IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hätten hinter 9/11 gestanden. Weitere 18,51 Prozent machten die CIA oder die amerikanische Regierung verantwortlich.
Das bedeutet nicht, dass „die Muslime in Amerika“ an eine Israel-Verschwörung glauben. Die Untersuchung umfasst 416 muslimische Befragte und weist für diese Gruppe selbst eine Fehlermarge von ungefähr fünf Prozentpunkten aus. Die Ergebnisse rechtfertigen deshalb keine Pauschalurteile über Millionen muslimische Amerikaner. Aber 114 von 416 Befragten, die Israel oder „Zionisten“ für einen der am besten untersuchten Terroranschläge der modernen Geschichte verantwortlich machen, lassen sich ebenso wenig als statistische Randerscheinung abtun.
Aus Al-Qaida wird plötzlich Israel
Gerade die Gegenüberstellung ist bemerkenswert. In der Vergleichsgruppe von 429 nichtmuslimischen Befragten nannten 62,24 Prozent Al-Qaida als Täter. Unter den muslimischen Befragten waren es weniger als ein Viertel.
Dabei gibt es über die grundsätzliche Täterschaft keinen seriösen historischen Streit. Die 9/11-Kommission beschreibt Khalid Sheikh Mohammed als Hauptarchitekten der Operation und Osama bin Laden als denjenigen, der das Vorhaben billigte und Al-Qaida-Personal dafür bereitstellte. Das FBI hält fest, dass alle 19 Flugzeugentführer durch Al-Qaida ausgebildet worden waren. Bin Laden selbst räumte später seine Rolle bei den Anschlägen ein.
Die Behauptung einer israelischen oder „zionistischen“ Urheberschaft gehört dagegen zu den langlebigsten antisemitischen Verschwörungserzählungen rund um den 11. September. Sie verschiebt die Verantwortung von einer islamistischen Terrororganisation auf Juden beziehungsweise Israel und hält sich trotz eines gewaltigen Bestandes an Ermittlungsakten, Zeugenaussagen, Finanzspuren, Kommunikationsdaten und Geständnissen.
Die neue Studie zeigt zugleich, dass das Problem keineswegs ausschließlich muslimische Amerikaner betrifft. Auch in der allgemeinen amerikanischen Stichprobe nannten nur 55,17 Prozent Al-Qaida. 16,76 Prozent entschieden sich für die „zionistische“ Verschwörungsthese, 9,36 Prozent für CIA beziehungsweise US-Regierung.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei jungen Erwachsenen. Unter den Befragten unter 30 Jahren wussten nur 40 Prozent, dass Al-Qaida verantwortlich war. 28,57 Prozent antworteten, sie seien sich überhaupt nicht sicher.
25 Jahre nach 9/11 wird aus dokumentierter Geschichte damit zunehmend eine Frage persönlicher Meinung.
Wenn Erinnerung ohne Täter auskommt
Die Autoren Irwin Mansdorf und Charles Jacobs sehen darin vor allem ein Bildungsproblem. Jedes Jahr erinnern die Vereinigten Staaten an die Opfer des 11. September. Namen werden verlesen, Schweigeminuten abgehalten und Bilder der zerstörten Türme gezeigt. Über die Täter, ihre Ideologie und die Entstehung des Anschlags werde dagegen deutlich weniger gesprochen.
Die Ergebnisse zur Schulbildung passen dazu. 62 Prozent der nichtmuslimischen Vergleichsgruppe befürworteten einen verbindlichen Unterricht über den 11. September. Unter den muslimischen Befragten waren es 44,71 Prozent; mehr als ein Drittel wählte eine neutrale Antwort.
Auch die Reaktion auf die Aussage des politischen Kommentators Hasan Piker, Amerika habe den 11. September „verdient“, fällt deutlich auseinander. 71,33 Prozent der nichtmuslimischen Befragten widersprachen beziehungsweise widersprachen entschieden. Unter den muslimischen Amerikanern waren es 47,11 Prozent. 28,13 Prozent stimmten der Aussage zumindest teilweise zu.
Diese Zahlen sollten sorgfältig gelesen werden. Die Untersuchung stammt vom Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs, einem israelischen sicherheitspolitischen Forschungsinstitut. Sie ist keine staatliche US-Statistik und auch keine Pew-Erhebung. Die Forscher geben für die muslimische Stichprobe eine Fehlermarge von etwa fünf Prozentpunkten an. Entscheidend ist deshalb weniger, ob eine einzelne Zahl exakt 27,4 oder einige Punkte höher beziehungsweise niedriger liegt. Entscheidend ist die Größenordnung.
Denn selbst am unteren Ende der angegebenen Fehlermarge bliebe ein erheblicher Anteil von Befragten, der eine antisemitische VerschwörungserzählungProtokolle der Weisen von Zion: Die tödlichste Fälschung des modernen AntisemitismusDie „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine antisemitische Fälschung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie behaupten wahrheitswidrig, Juden planten die Weltherrschaft, und wurden weltweit zur Rechtfertigung von Judenhass benutzt.Mehr lesen einer umfassend dokumentierten historischen Tatsache vorzieht.
Gleichzeitig gehört zur Realität auch, dass muslimische Amerikaner seit dem 11. September selbst erhebliche Diskriminierung erfahren haben. Eine aktuelle Pew-Untersuchung dokumentiert weiterhin starke anti-muslimische Ressentiments in den Vereinigten Staaten. Das eine hebt das andere nicht auf. Diskriminierung von Muslimen ist falsch. Antisemitische Verschwörungserzählungen werden dadurch aber nicht wahrer.
Genau darin liegt die eigentliche Warnung dieser Umfrage.
Wenn selbst die Täterschaft von Al-Qaida 25 Jahre später für Millionen Menschen zu einer bloßen Erzählvariante unter mehreren wird, geht mehr verloren als historisches Wissen. Dann entsteht ein Raum, in dem jede politische Gruppe ihre eigene Vergangenheit erfinden kann.
Beim 11. September wissen wir jedoch, wer die Täter waren.
Sie waren keine Israelis. Keine „Zionisten“. Und keine CIA-Agenten.
Es waren 19 von Al-Qaida ausgebildete Terroristen.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 30 September 2026