Die vergessenen Juden Somalilands, was Israels Anerkennung über eine verdrängte Geschichte offenlegtDie vergessenen Juden Somalilands, was Israels Anerkennung über eine verdrängte Geschichte offenlegt
Die Anerkennung Somalilands durch Israel wird als sicherheitspolitischer Schachzug gelesen. Doch jenseits von Häfen, Militärpräsenz und Iran-Abwehr führt sie in eine fast ausgelöschte Vergangenheit. Eine jüdische Geschichte am Horn von Afrika, die nie verschwunden ist sondern verdrängt wurde.
Die Entscheidung Israels, Somaliland offiziell anzuerkennen, wird vor allem geopolitisch erklärt. Lage am Golf von Aden, Nähe zur Bab-al-Mandab-Meerenge, strategische Tiefe gegenüber den Huthi im Jemen und dem iranischen Einfluss. All das ist richtig. Aber es greift zu kurz. Denn diese Anerkennung berührt eine Dimension, die kaum diskutiert wird und dennoch von besonderer Bedeutung ist: die jüdische Geschichte Somalilands.
Bevor Diplomaten Verträge schlossen, bevor Staaten Grenzen zogen, bevor Begriffe wie Sicherheitspartnerschaft existierten, waren Juden bereits Teil dieser Region. Nicht als Kolonialherren, nicht als Missionare, sondern als Händler, Mittler, Nachbarn. Ihre Spuren sind leise, brüchig, oft absichtlich übersehen - aber sie existieren.
Jüdisches Leben am Rand der bekannten Diaspora
Die jüdische Präsenz auf der Somali-Halbinsel galt lange als Randnotiz, wenn sie überhaupt erwähnt wurde. Doch historische Forschung zeigt heute klar: Über Jahrhunderte hinweg lebten Juden in Somaliland, handelten dort und praktizierten ihren Glauben. Mal offen, mal im Verborgenen, oft abhängig von den politischen und religiösen Machtverhältnissen.
Somaliland lag an einem der wichtigsten Knotenpunkte des antiken Handels. Karawanen und Schiffe verbanden Ostafrika mit Südarabien, Indien und dem gesamten Indischen Ozean. Städte wie Zeila und Berbera waren Umschlagplätze von Waren, Ideen und Kulturen. Jüdische Händler, vor allem aus Aden und dem Jemen, waren Teil dieser Netzwerke. Sie handelten mit Textilien, Gewürzen, Metallen und Luxusgütern - und hinterließen dabei mehr als wirtschaftliche Spuren.
Zeila, Berbera und die stummen Zeugnisse
Zeila, einer der ältesten Häfen am Horn von Afrika, war zeitweise Teil eines Einflussraums, der auch das äthiopische Hochland umfasste. Mit dieser Verbindung gelangten nicht nur christliche, sondern auch jüdische Einflüsse in die Region. Archäologische Funde und kulturelle Überreste deuten darauf hin, dass jüdisches Leben dort nicht episodisch, sondern strukturell verankert war.
Besonders eindrücklich ist der Hinweis auf das Dorf Dhubato in der Nähe von Hargeisa. Dort befinden sich alte Friedhöfe mit eingravierten Davidsternen. Keine Legenden, keine mündlichen Überlieferungen, sondern sichtbare Grabsteine. Sie belegen, dass Juden hier ihre Toten nach jüdischem Brauch bestatteten - offen genug, um Symbole zu verwenden, dauerhaft genug, um Jahrhunderte zu überdauern.
Auch Berbera bewahrt Spuren dieser Vergangenheit. Jüdische Familien lebten dort bis ins 20. Jahrhundert, unterhielten eine Synagoge, besaßen einen eigenen Stadtteil. Der Name dieses Viertels ist bis heute bekannt: Sakatul Yuhuud, die Gasse der Juden. Die Synagoge selbst ist verfallen, der Name aber blieb. Erinnerung ohne Erinnerungskultur.
Die stille Auswanderung nach Israel
Mit der Gründung des Staates Israel verließen fast alle Juden Somaliland. Sie schlossen sich der großen Alija der jemenitischen und adeni-jüdischen Gemeinden an. Bereits 1949 wurde berichtet, dass es in britischem und italienischem Somaliland keine Juden mehr gebe. Wenige verbliebene Familien folgten bald.
Damit verschwand jüdisches Leben aus der Region - aber nicht seine Geschichte. Sie blieb zurück in Ortsnamen, Ruinen und in einer sozialen Gruppe, die bis heute existiert und zugleich marginalisiert ist: die Yibir.
Die Yibir - Juden ohne Judentum
Die Yibir stehen am unteren Rand der somalischen Gesellschaft. Sie werden gefürchtet, gemieden, diskriminiert. Traditionell übernehmen sie rituelle Aufgaben bei Geburten und Hochzeiten, sprechen Segensformeln, verteilen Schutzamulette. Doch hinter dieser Rolle verbirgt sich eine tiefere Zuschreibung: In der somalischen Tradition gelten die Yibir als Nachkommen von Juden.
Der Name selbst wird von einigen Forschern als Ableitung von „Hebräer“ verstanden. Historische und ethnografische Hinweise legen nahe, dass ihre Vorfahren aus Ostäthiopien stammen - aus Regionen, die seit Jahrhunderten mit jüdischen Gemeinschaften verbunden waren. Ihre religiösen Praktiken zeigen Spuren eines synkretistischen Glaubens, der möglicherweise jüdische Elemente bewahrte, bevor sie vergleichsweise spät zum Islam übertraten.
Dass sie dennoch bis heute als „israelitisch“ gebrandmarkt werden, hat reale Konsequenzen. Sie werden sozial ausgegrenzt, als verflucht betrachtet, benachteiligt. Antijüdische Stereotype wirken hier fort - auch dort, wo kaum jemand noch weiß, was Judentum eigentlich bedeutet.
Warum diese Geschichte jetzt zählt
Israels Anerkennung Somalilands geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie verbindet zwei Gesellschaften, deren Geschichte sich längst gekreuzt hat. Sie rückt eine jüdische Präsenz ins Licht, die nie Teil der großen Erzählungen war, aber dennoch real.
Diese Geschichte erweitert das Verständnis jüdischer Diaspora. Sie zeigt, dass jüdisches Leben nicht nur in Europa, Nordafrika oder Äthiopien existierte, sondern tief im Horn von Afrika verwurzelt war. Anpassungsfähig, verletzlich, oft unsichtbar - und dennoch überdauernd.
Für Somaliland bedeutet diese Anerkennung mehr als internationale Legitimität. Sie verweist auf eine Vergangenheit kultureller Vielfalt, die heute fast vergessen ist. Für Israel ist sie eine Erinnerung daran, dass jüdische Geschichte nicht nur mit Staaten, sondern mit Wegen, Handel, Begegnungen und Überleben zu tun hat.
Von verwitterten Grabsteinen bis zu einer verachteten Gemeinschaft mit hebräischem Namen erzählt Somaliland eine jüdische Geschichte, die nie überleben sollte - und es dennoch tat. Gerade deshalb verdient sie Aufmerksamkeit.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Aljabakphoto - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82382307
Samstag, 17 Januar 2026