Hollywood schweigt zu lange und spricht dann doch Irans Blut klebt längst an den Händen des RegimesHollywood schweigt zu lange und spricht dann doch Irans Blut klebt längst an den Händen des Regimes
Mehr als zwei Wochen nach Beginn der tödlichen Repressionen in Iran melden sich erstmals prominente Stimmen aus der internationalen Filmwelt zu Wort. Ihr spätes Entsetzen wirft eine unbequeme Frage auf: Warum brauchte es tausende Tote, bis Moral wieder salonfähig wurde?
Es hat gedauert. Viel zu lange. Während in Iran Menschen auf offener Straße erschossen wurden, während Jugendliche verschwanden, Familien nachts zum Schweigen gezwungen und Leichen heimlich begraben wurden, blieb es in der internationalen Kulturszene auffallend still. Erst jetzt, mehr als zwei Wochen nach Beginn der massiven Proteste und der brutalen Reaktion des Regimes, melden sich rund achthundert Filmschaffende mit einer gemeinsamen Erklärung zu Wort.
Unter den Unterzeichnern befinden sich bekannte Namen wie Juliette Binoche, Marion Cotillard, Camille Cottin und der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos. In ihrem Schreiben verurteilen sie erstmals öffentlich das Vorgehen der Islamischen Republik gegen die eigene Bevölkerung. Sie sprechen von organisierten Verbrechen, von systematischer Gewalt und von einer moralischen Verantwortung, die sie nicht länger ignorieren könnten.
Dass diese Worte nun fallen, ist wichtig. Dass sie so spät fallen, ist beschämend.
In der Erklärung beschreiben die Unterzeichner ein Land, das auf legitime Proteste nicht mit Dialog reagierte, sondern mit scharfer Munition, Massenverhaftungen, Folter, Entführungen und der gezielten Abschaltung des Internets. Sie berufen sich auf unabhängige Berichte, nach denen mehr als dreitausend Menschen getötet worden sein sollen, darunter Frauen, Jugendliche und Kinder. Der Versuch, die digitale Kommunikation zu kappen, wird als bewusste Strategie bezeichnet, um Verbrechen unsichtbar zu machen.
Diese Beschreibung deckt sich mit Berichten aus Iran selbst. Menschen, die nur kurz telefonieren konnten. Stimmen, die aus dunklen Wohnungen flüsterten. Familien, die angewiesen wurden, still zu beerdigen. Ein Staat, der nicht nur tötet, sondern auch das Erinnern kontrollieren will.
Und dennoch schwieg Hollywood.
Während bei anderen Konflikten binnen Stunden Solidaritätsvideos veröffentlicht werden, während Boykottaufrufe, Hashtags und rote Teppiche politisiert werden, blieb Iran lange außerhalb des moralischen Blickfelds. Zu kompliziert, zu riskant, zu unbequem. Das Regime in Teheran war nie ein einfacher Gegner für die Kulturindustrie, denn es wird bis heute von Teilen des internationalen Kulturbetriebs als missverstandene Macht betrachtet, als Staat, mit dem man „im Gespräch bleiben“ müsse.
Genau diese Haltung wird nun erstmals offen infrage gestellt.
In der Erklärung fordern die Unterzeichner internationale Filmfestivals, Kulturinstitutionen und Branchenverbände dazu auf, ihre Beziehungen zu offiziellen iranischen Stellen zu überprüfen. Nicht symbolisch, sondern real. Nicht mit Worten, sondern mit Konsequenzen. Denn, so heißt es sinngemäß, kein politisches System habe das Recht, das eigene Volk zu massakrieren, um an der Macht zu bleiben.
Dass diese Forderung ausgerechnet jetzt formuliert wird, zeigt die innere Zerrissenheit eines Milieus, das sich gern moralisch versteht, aber oft selektiv handelt. Die Empörung kommt spät, aber sie ist deutlich. Sie benennt das iranische Regime nicht mehr als abstrakte Autorität, sondern als Verantwortlichen für Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung.
Besonders bemerkenswert ist, dass auch iranische Filmschaffende die Erklärung unterzeichnet haben. Menschen, die genau wissen, was ein solcher Schritt bedeutet. In einem Staat, in dem bereits ein kritischer Satz zur Existenzfrage werden kann, ist jede öffentliche Distanzierung ein Akt persönlicher Gefahr.
Unter den Unterzeichnern befindet sich auch der israelische Regisseur Nadav Lapid sowie jüdische Produzenten aus den Vereinigten Staaten. Ihre Beteiligung unterstreicht, dass es hier nicht um geopolitische Lager geht, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wie viel Gewalt ist die Welt bereit zu übersehen, solange sie politisch unbequem ist?
Die Erklärung spricht von einer systematischen Verletzung grundlegender Menschenrechte. Vom Recht auf Leben, auf Würde, auf Freiheit. Worte, die in vielen politischen Erklärungen inflationär verwendet werden, gewinnen hier eine andere Schwere. Denn sie stehen im Kontrast zu Bildern von Blut auf Asphalt, zu Berichten über Scharfschützen, zu Kindern, die nicht mehr zurückkehrten.
Und dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack.
Denn während sich nun Schauspielerinnen, Regisseure und Produzenten äußern, sind viele der Opfer längst tot. Die Stimmen aus Iran wurden nicht erst gestern laut. Sie schrien seit Tagen, seit Wochen, seit Jahren. Der Unterschied ist nur: Jetzt hört man ihnen zu, weil bekannte Namen sprechen.
Diese Diskrepanz ist Teil des Problems.
Der Fall Iran zeigt erneut, wie selektiv Empörung im Westen funktioniert. Wie sehr Moral vom kulturellen Umfeld abhängt. Wie schnell sie aktiviert wird, wenn sie politisch opportun erscheint und wie lange sie schweigt, wenn sie unbequem ist.
Dass die Erklärung dennoch Bedeutung hat, steht außer Frage. Sie durchbricht ein Schweigen, das gefährlich geworden war. Sie zwingt Institutionen, Stellung zu beziehen. Und sie macht deutlich, dass das iranische Regime seine Gewalt nicht länger hinter diplomatischen Floskeln verstecken kann.
Doch sie erinnert auch daran, wie spät der Kulturbetrieb reagiert, wenn Opfer nicht in das gewohnte moralische Raster passen.
Iran brennt nicht erst seit zwei Wochen. Aber erst jetzt wird hingesehen.
Autor: Redaktion
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Donnerstag, 22 Januar 2026