Sinaloa versinkt im Kartellkrieg: Der Verrat an El Mayo zerreißt Mexikos DrogenmachtSinaloa versinkt im Kartellkrieg: Der Verrat an El Mayo zerreißt Mexikos Drogenmacht
Ein interner Machtkampf im Sinaloa-Kartell verwandelt Culiacán in eine Stadt der Angst. Tausende Tote, verschwundene Menschen und politische Korruption zeigen, wie tief das organisierte Verbrechen Mexiko erfasst hat.

Bildnachweis: Symbolbild
Der Krieg, der Mexikos berüchtigtes Sinaloa-Kartell zerreißt, begann nicht mit einer offenen Kriegserklärung, sondern mit einem Verrat an der Spitze. Was über Jahrzehnte als eines der mächtigsten und gefährlichsten Drogenimperien der Welt galt, ist in einen internen Machtkampf gestürzt, der ganze Städte lähmt, Familien zerstört und den mexikanischen Staat erneut vorführt. Im Zentrum steht Culiacán, die Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa. Dort, wo das Kartell seit Generationen nicht nur als kriminelle Organisation, sondern als Schattenmacht in Wirtschaft, Politik und Alltag wirkte, bestimmen heute Straßensperren, Schüsse, Entführungen, Folter und Angst das Leben vieler Menschen.
Auslöser der blutigen Fehde war nach vorliegenden Berichten ein Vorgang, der in der Logik der Kartellwelt als unverzeihlicher Bruch gilt. Joaquín Guzmán López, einer der Söhne des in den USA inhaftierten Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán, soll Ismael „El Mayo“ Zambada zu einem Treffen gelockt haben. Offiziell soll es um eine Vermittlung in einem lokalen politischen Streit gegangen sein. Tatsächlich wurde Zambada nach den Berichten überwältigt, entführt und an die Vereinigten Staaten ausgeliefert, wo ihn amerikanische Behörden festnahmen. Für die Anhänger Zambadas war das mehr als ein taktischer Zug. Es war ein Angriff auf die innere Ordnung des Kartells, auf alte Loyalitäten und auf jene ungeschriebenen Regeln, mit denen kriminelle Macht über Jahrzehnte stabil gehalten wurde.
Seit diesem Bruch stehen sich zwei Lager gegenüber: die „Chapitos“, also die Söhne El Chapos, und die „Mayitos“, die Gefolgsleute Zambadas. Was zunächst wie ein Machtkampf innerhalb einer kriminellen Elite wirken könnte, hat sich zu einem Krieg entwickelt, der nach den Berichten bereits rund 3000 Menschen das Leben gekostet hat. Etwa 3600 weitere gelten als verschwunden. Unter den Opfern sind nicht nur Bewaffnete der rivalisierenden Gruppen, sondern auch zahlreiche Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten, verschleppt werden oder schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort sind. In Culiacán werden Leichen an Straßenrändern gefunden, Drohbotschaften öffentlich angebracht, ganze Viertel von bewaffneten Gruppen kontrolliert.
Die Stadt selbst ist längst nicht mehr nur Kulisse dieses Konflikts, sondern Teil des Systems. In Culiacán sollen improvisierte Labore zur Herstellung von Fentanyl nahezu offen betrieben werden. Illegale Überwachungskameras, Beobachter auf Motorrädern, Drohnen und technische Aufklärung dienen dazu, Bewegungen von Militär und Sicherheitskräften frühzeitig zu erkennen. Die Kartelle handeln wie feindliche Milizen in einem urbanen Kriegsraum. Sie beobachten, warnen, greifen an, verschwinden und schlagen an anderer Stelle wieder zu. Der Staat ist präsent, aber nicht überall durchsetzungsfähig. Seine Uniformen sind sichtbar, seine Autorität bleibt jedoch brüchig.
Der Verrat an Zambada hat die Kräfteverhältnisse verschoben. Die Chapitos galten lange als Erben der von El Chapo aufgebauten Macht. Doch ihr Griff auf das Kartell scheint schwächer geworden zu sein. Viele alte Netzwerke in Sinaloa sollen die Auslieferung Zambadas als Überschreitung einer Grenze betrachtet haben. Dadurch gelang es den Mayitos offenbar, neue Verbündete zu gewinnen und in Bereiche vorzudringen, die zuvor von den Chapitos dominiert wurden. Berichte beschreiben, wie Anhänger der Mayitos niedrigere Mitglieder der Gegenseite entführen, Informationen unter schwerster Gewalt erzwingen und Gegner anschließend töten. Die Brutalität ist nicht nur Mittel der Ausschaltung, sondern Botschaft an alle, die noch zögern, auf welcher Seite sie stehen.
Gleichzeitig verstärkt die mexikanische Regierung den Druck auf die Chapitos. Diese gelten als zentrale Akteure beim Schmuggel von Fentanyl in die Vereinigten Staaten, einer Droge, die dort eine verheerende Krise mit zehntausenden Toten pro Jahr verschärft hat. Teile des Netzes um Iván Archivaldo Guzmán, einen der einflussreichsten Söhne El Chapos, sollen bereits zerschlagen worden sein. Vertraute wurden getötet, festgenommen oder wechselten offenbar die Seite. Doch jeder Schlag gegen eine Kartellstruktur schafft nicht automatisch Ordnung. Oft öffnet er neue Räume für Rivalen, Nachfolger und noch brutalere Fraktionen.
Besonders schwer wiegt der Verdacht, dass der Krieg nicht nur zwischen Kriminellen und Sicherheitskräften verläuft, sondern tief in politische und wirtschaftliche Strukturen hineinreicht. In den USA wurde nach den vorliegenden Angaben Anklage gegen den Gouverneur von Sinaloa, Rubén Rocha Moya, sowie gegen weitere aktuelle und frühere Amtsträger erhoben. Sie sollen Bestechungsgelder von den Chapitos angenommen haben, um deren Aktivitäten zu schützen. Rocha Moya weist die Vorwürfe zurück und spricht von einem politischen Angriff gegen die Regierungspartei Morena. Auch Präsidentin Claudia Sheinbaum erklärte, die von den USA vorgelegten Beweise reichten nicht für eine Auslieferung und Festnahme. Doch unabhängig vom Ausgang solcher Verfahren bleibt der Eindruck einer gefährlichen Verflechtung: Wo Kartellgeld Politik, Polizei und lokale Wirtschaft durchdringt, wird Kriminalität nicht mehr nur bekämpft, sondern zugleich verwaltet, geduldet oder genutzt.
Genau darin liegt die Tragödie von Sinaloa. Das organisierte Verbrechen ist dort nicht nur ein äußerer Feind des Staates. Es ist in Teile der Gesellschaft eingesickert. Geschäftsleute, Restaurantbesitzer, lokale Politiker, Polizisten und Vermittler lebten jahrelang in einem Raum, in dem das Geld der Drogenwirtschaft Wohlstand, Schutz, Einfluss und Abhängigkeit zugleich erzeugte. Nun, da die Kartellordnung zerbricht, werden auch diese Netzwerke in die Gewalt hineingezogen. Wer gestern noch profitierte, kann heute Ziel sein. Wer gestern Schutz genoss, wird morgen erpresst, entführt oder beseitigt.
Der Mythos El Chapo wirkt dabei weiter. Der aus Armut aufgestiegene Kartellchef, der heute in den Vereinigten Staaten lebenslang plus weitere Jahrzehnte Haft verbüßt, bleibt in Teilen Sinaloas eine fast volkstümliche Figur. Sein Bild erscheint auf Kleidungsstücken, seine Geschichte in Liedern, sein Name in der lokalen Erzählung. Diese Verklärung ist gefährlich, weil sie das tatsächliche Erbe verdeckt: ein System aus Angst, Korruption, Drogen, Mord und gebrochener Staatlichkeit. Die Söhne, die seine Macht fortführen sollten, kämpfen nun um Reste einer Ordnung, die immer auf Gewalt beruhte.
Der Satz, der neben einem der grausamsten Funde dieses Krieges hinterlassen worden sein soll, fasst die neue Phase der Gewalt zynisch zusammen: „Willkommen im neuen Sinaloa.“ Gemeint ist kein politischer Neuanfang, sondern eine Warnung. Die alte Hierarchie des Kartells zerfällt, aber an ihre Stelle tritt nicht Frieden. Es entsteht ein noch unübersichtlicheres Machtfeld, in dem Rivalen sich gegenseitig auslöschen, der Staat Vertrauen verliert und die Bevölkerung den Preis zahlt.
Mexiko steht damit erneut vor der bitteren Wahrheit, dass der Kampf gegen Kartelle nicht allein durch Festnahmen einzelner Bosse gewonnen wird. Solange kriminelle Ökonomie, politische Schutzräume, internationale Drogennachfrage und lokale Abhängigkeiten zusammenwirken, entstehen aus jeder Enthauptung neue Kämpfe. Der Verrat an El Mayo hat Sinaloa nicht befreit. Er hat einen Bürgerkrieg im Inneren eines Kartells ausgelöst, dessen Folgen weit über Mexiko hinausreichen. Denn Fentanyl, Geldwäsche, Waffenhandel und Korruption kennen keine lokalen Grenzen. Was in Culiacán auf den Straßen ausgetragen wird, ist auch ein Spiegel einer internationalen Ordnung, in der Drogenmärkte, schwache Institutionen und organisierte Gewalt sich gegenseitig nähren.
Autor: Redaktion
Dienstag, 19 Mai 2026