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Aus Angst vor Benachteiligung verschweigen Juden in Australiens Kliniken ihre Identität

Aus Angst vor Benachteiligung verschweigen Juden in Australiens Kliniken ihre Identität


Eine Untersuchung sammelt Berichte über schmerzhafte Eingriffe, verweigerte Schmerzmittel und antisemitische Ausfälle. Vieles ist nicht bewiesen, doch das Vertrauen jüdischer Patienten in das Gesundheitswesen bricht sichtbar weg.

Aus Angst vor Benachteiligung verschweigen Juden in Australiens Kliniken ihre Identität
Bildnachweis: Pixabay

Jüdische Patienten in Australien berichten, dass sie ihre Herkunft oder Religion bei Krankenhausaufenthalten lieber verschweigen. Nicht aus Scham, sondern aus Angst, medizinisches Personal könne sie wegen ihrer jüdischen Identität oder einer vermuteten Nähe zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen schlechter behandeln. Eine umfangreiche Untersuchung der Zeitung „The Australian“, für die mehr als 30 Ärzte, Pflegekräfte, Hebammen und weitere Beschäftigte des Gesundheitswesens befragt wurden, zeichnet das Bild eines Systems, in dem der Krieg gegen Israel längst in Behandlungsräume, Personalbesprechungen und medizinische Hochschulen vorgedrungen ist.

Die geschilderten Vorfälle sind schwerwiegend. Einige Betroffene vermuten, dass ihnen bewusst Schmerzen zugefügt oder notwendige Hilfe vorenthalten wurde. Andere berichten von HolocaustleugnungHolocaustleugnung: Antisemitische GeschichtsfälschungHolocaustleugnung bezeichnet die vollständige oder teilweise Leugnung der Shoah. Sie bestreitet, verharmlost oder verfälscht die nationalsozialistische Ermordung von rund sechs Millionen Juden und gilt als zentrale Form antisemitischer Geschichtsfälschung.Mehr lesen, Beschimpfungen am Arbeitsplatz, politischer Einschüchterung und der Sorge, eine Beschwerde könne die eigene berufliche Laufbahn zerstören.

Nicht jeder einzelne Vorwurf lässt sich unabhängig beweisen. Gerade deshalb ist eine präzise Unterscheidung notwendig. Es gibt bislang keinen allgemeinen Nachweis dafür, dass jüdische Patienten in australischen Kliniken systematisch medizinisch misshandelt werden. Doch wenn Patienten überzeugt sind, ihre Religion verbergen zu müssen, weil sie dem Personal nicht mehr vertrauen, ist bereits etwas Grundlegendes zerbrochen.

Schmerzen, Misstrauen und der Verdacht absichtlicher Behandlung

Charlotte Frajman, die Tochter eines Überlebenden von AuschwitzShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen, berichtete über einen Krankenhausaufenthalt in Melbourne. Nachdem eine muslimische Pflegekraft gesehen habe, dass in ihren Unterlagen „jüdisch“ als Religion eingetragen war, habe diese viermal schmerzhaft versucht, einen Zugang zu legen. Frajman erlitt nach eigener Aussage starke Schmerzen und großflächige Blutergüsse. Sie erklärte, bei späteren Aufenthalten Ähnliches erlebt zu haben.

Orit Brand, eine israelische Patientin, schilderte einen vergleichbaren Vorfall. Eine Pflegekraft habe achtmal erfolglos versucht, einen intravenösen Zugang zu legen. Nachdem andere Beschäftigte die Behandlung übernommen hätten, sei der Zugang sofort und ohne größere Schmerzen gesetzt worden.

Die Untersuchung konnte nicht belegen, dass die misslungenen Versuche absichtlich erfolgten oder antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen motiviert waren. Medizinische Fachkräfte wiesen jedoch darauf hin, dass Kliniken normalerweise festlegen, wie oft dieselbe Person einen Zugang erfolglos setzen darf, bevor ein Kollege übernehmen muss. Der Verdacht der Patientinnen bleibt damit unbewiesen, aber nicht bedeutungslos. Ein Gesundheitswesen muss nicht nur fachlich korrekt handeln. Es muss auch verhindern, dass Patienten nachvollziehbar den Eindruck gewinnen, ihre Identität könne die Behandlung beeinflussen.

Noch erschütternder ist der Bericht der Hebamme Sharon Stoliar. Sie schilderte den Fall einer jüdischen Frau, die nach einem Kaiserschnitt über Stunden keine ausreichenden Schmerzmittel erhalten habe. Die Patientin habe in einer Blutlache gelegen, während ihr Kind neben ihr weinte. Als schließlich eine Pflegekraft erschien, soll sie grob und ohne erkennbares Mitgefühl gehandelt haben. Auch dieser Bericht ist eine Zeugenaussage und keine gerichtlich festgestellte Tatsache. Er verlangt dennoch eine unabhängige Prüfung, die über eine interne Aktennotiz hinausgeht.

Eine jüdische Patientin auf einer Intensivstation in Adelaide berichtete wiederum, eine Pflegekraft habe in ihrer Gegenwart sowohl den Holocaust als auch das Massaker der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen geleugnet. Wer krank, verletzt oder nach einer Operation auf Hilfe angewiesen ist, kann einer solchen Situation nicht einfach entkommen. Er befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Menschen, denen er seinen Körper und häufig sein Leben anvertrauen muss.

Genau darin unterscheidet sich Antisemitismus im Krankenhaus von einer feindseligen Äußerung auf einer Demonstration. Patienten können nicht auf Abstand gehen, die Unterhaltung beenden oder den Raum verlassen. Sie müssen darauf vertrauen, dass Religion, Herkunft und politische Zuschreibungen bei der Behandlung keine Rolle spielen.

Wenn der politische Kampf den Behandlungsraum erreicht

Seit dem Massaker vom 7. Oktober berichten jüdische Ärzte, Studenten und Pflegekräfte von einem zunehmend feindseligen Arbeitsumfeld. Nach den Aussagen gegenüber „The Australian“ wurden einzelne Beschäftigte ausgegrenzt, beschimpft oder beruflich unter Druck gesetzt. Manche verzichteten auf formelle Beschwerden, weil sie Nachteile bei Ausbildung, Beförderung oder Zulassung fürchteten. Andere wollten ihre Namen nicht veröffentlicht sehen, weil sie um ihre persönliche Sicherheit besorgt waren.

Gleichzeitig wurde politische Agitation in Kliniken sichtbarer. Beschäftigte sollen Symbole getragen, Aufkleber mit der Parole „From the river to the seaFrom the river to the sea: Die Parole gegen Israels Existenz„From the river to the sea“ bezeichnet das Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer. In antiisraelischen Kontexten wird die Parole häufig als Forderung nach einem Palästina anstelle Israels verstanden.Mehr lesen“ verteilt und in sozialen Netzwerken Beiträge verbreitet haben, in denen der Krieg gegen die Hamas mit dem Holocaust verglichen oder Terrororganisationen verteidigt wurden. Kritik an Israel ist selbstverständlich kein Antisemitismus. Die Grenze wird jedoch überschritten, wenn jüdische Kollegen kollektiv verantwortlich gemacht, das Massaker vom 7. Oktober geleugnet oder Patienten wegen ihrer israelischen Herkunft zu Feinden erklärt werden.

Wie weit diese Entwicklung reichen kann, zeigte bereits der Fall zweier Beschäftigter des Bankstown Hospitals in Sydney. Ahmad Rashad Nadir und Sarah Abu Lebdeh waren in einem Videogespräch mit einem Israeli zu sehen. Darin fielen Äußerungen über die Verweigerung medizinischer Hilfe und die Tötung israelischer Patienten. Beide bestreiten die gegen sie erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe. Eine klinikinterne Überprüfung fand später keinen Beleg dafür, dass tatsächlich Patienten geschädigt worden waren.

Ein Gericht entschied im Juni 2026, dass die Aufnahme wegen eines Verstoßes gegen die australischen Vorschriften über heimliche Gesprächsaufzeichnungen nicht als Beweismittel verwendet werden dürfe. Diese Entscheidung besagt nicht, dass die Äußerungen nicht gefallen sind oder gesellschaftlich belanglos wären. Sie betrifft die rechtliche Verwertbarkeit der Aufnahme. Die Staatsanwaltschaft hat Rechtsmittel eingelegt, das weitere Verfahren ist offen.

Auch die medizinische Fortbildung wurde zum politischen Kampfplatz. Der israelische Traumamediziner Elon Glassberg, früher leitender Mediziner der israelischen Streitkräfte, sollte bei einer Fachveranstaltung in Perth über die Behandlung von Schussverletzungen, Explosionstraumata und zahlreichen gleichzeitig eintreffenden Verletzten sprechen. Nach Protestankündigungen antiisraelischer Gruppen wurde seine Teilnahme verhindert und die Veranstaltung schließlich abgesagt.

Damit traf der Boykott nicht nur einen israelischen Arzt. Australische Rettungskräfte und Kliniken verloren eine Gelegenheit, aus Erfahrungen zu lernen, die bei Terroranschlägen, Naturkatastrophen oder anderen Ereignissen mit vielen Verletzten Leben retten können. Medizinisches Wissen danach auszuwählen, welche Nationalität der Vortragende besitzt, ist kein Einsatz für Menschenrechte. Es ist die Unterordnung medizinischer Verantwortung unter politische Feindbilder.

Die Kinderärztin Carly Debinski zog schließlich von Australien nach Israel, weil sie die Atmosphäre gegenüber Juden als zunehmend unerträglich empfand. Heute arbeitet sie am Sheba Medical Center, wo jüdische, muslimische, christliche, drusische und arabische Beschäftigte gemeinsam Kinder behandeln, darunter Patienten aus GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Ihre Erfahrung stellt die verbreitete Behauptung infrage, ausgerechnet die Ausgrenzung israelischer Ärzte diene einer menschlicheren Medizin.

Die australische Gesundheitsaufsicht AHPRA hat inzwischen die Arbeitsdefinition der Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken als Hilfsmittel für die Bewertung antisemitischer Vorfälle übernommen. Die Behörde kündigte Fortbildungen, klarere Verfahren und besondere Fachkenntnisse für Beschwerden wegen Diskriminierung an. Diese Entscheidung löste Widerstand bei Teilen der Gewerkschaften und antiisraelischen Ärztegruppen aus, die eine Einschränkung politischer Äußerungen befürchten.

Niemand darf wegen sachlicher Kritik an der israelischen Regierung beruflich verfolgt werden. Doch diese Selbstverständlichkeit darf nicht als Vorwand dienen, antisemitische Beschimpfungen, Holocaustvergleiche oder die Ausgrenzung israelischer Kollegen zu schützen. Meinungsfreiheit verleiht Ärzten und Pflegekräften kein Recht, Patienten einzuschüchtern oder Zweifel an ihrer unparteiischen Versorgung zu wecken.

Der wichtigste Satz der gesamten Untersuchung stammt deshalb nicht aus einer politischen Erklärung. Er lautet sinngemäß: Sage lieber nicht, dass du jüdisch bist.

Ein Land, in dem Menschen vor einer medizinischen Behandlung zu einem solchen Rat gelangen, hat kein bloßes Kommunikationsproblem. Es hat eine Vertrauenskrise. Australiens Behörden müssen jeden konkreten Vorwurf sorgfältig prüfen, unbelegte Anschuldigungen von nachweisbarem Fehlverhalten trennen und dort konsequent handeln, wo berufliche Pflichten verletzt wurden.

Für jüdische Patienten reicht es nicht, wenn ihnen erklärt wird, dass ihre Angst statistisch nicht bewiesen sei. Wer im Krankenhaus liegt, muss sicher sein können, als Mensch behandelt zu werden. Ohne Misstrauen, ohne politische Prüfung und ohne die Sorge, ein Davidstern, ein israelischer Name oder der Eintrag „jüdisch“ in der Krankenakte könne Schmerzen, Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit auslösen.




Autor: Redaktion
Montag, 13 Juli 2026

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