Kanadas Campusproblem: 96 Prozent berichten von AntisemitismusKanadas Campusproblem: 96 Prozent berichten von Antisemitismus
Jüdische Studenten verstecken Symbole, schweigen im Unterricht und berichten sogar von Gewalt. Eine von der kanadischen Regierung beauftragte Studie zeichnet das Bild von Hochschulen, an denen Judenhass für viele Betroffene zum Alltag geworden ist.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Kanada hat ein Problem, das sich nicht mehr mit einzelnen Demonstrationen, geschmacklosen Parolen oder einigen besonders radikalen Aktivisten erklären lässt. Eine von der kanadischen Regierung beauftragte Untersuchung über Antisemitismus an HochschulenUniversitätsantisemitismus: Judenhass an HochschulenUniversitätsantisemitismus meint antisemitische Einstellungen, Parolen, Ausgrenzung oder Gewalt im Hochschulbereich. Dazu gehört auch israelbezogener Antisemitismus, wenn Israel dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen kommt zu einem Befund, der jede Universität des Landes beschäftigen müsste: 95,7 Prozent der befragten jüdischen Studenten und jungen Absolventen gaben an, innerhalb der vorausgegangenen zwölf Monate mindestens einmal Antisemitismus erlebt oder beobachtet zu haben. 84 Prozent betrachten Antisemitismus auf ihrem Campus als ernstes Problem. 68 Prozent sagen, ihre Hochschule sei für jüdische Studenten kein sicherer und einbeziehender Ort.
Das sind keine Zahlen über irgendeinen politischen Streit am Rand des Hochschulbetriebs. Sie beschreiben eine Veränderung des Alltags jüdischer Studenten. 72 Prozent der Befragten schränken dem Bericht zufolge ein, was sie im Unterricht über ihr Judentum sagen. 57 Prozent vermeiden aus Sorge um ihre Sicherheit das Tragen oder Zeigen jüdischer Symbole. Rund 40 Prozent berichten von akademischen Nachteilen, ungefähr ein Viertel hat wegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen darüber nachgedacht, die eigene Hochschule zu verlassen. 72 Prozent erklären, dass der Antisemitismus ihre seelische Gesundheit beeinträchtigt habe.
Wenn Studenten beginnen, einen Davidstern zu verstecken, ihre jüdische Identität im Seminar möglichst nicht anzusprechen oder ihre Studienentscheidung davon abhängig machen, wie viel Feindseligkeit ihnen entgegenschlägt, ist die Grenze zwischen einer kontroversen politischen Debatte und Diskriminierung längst überschritten. Eine Universität kann sich nicht glaubwürdig als Ort von Vielfalt und Freiheit präsentieren, wenn jüdische Studenten lernen, dass Unsichtbarkeit der einfachste Weg ist, Ärger zu vermeiden.
Nicht nur Parolen auf dem Campus
Die CASE-Studie, kurz für Campus Antisemitism and Student Experiences, wurde vom früheren kanadischen Sonderbeauftragten für die Bewahrung der Erinnerung an den HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen und die Bekämpfung des Antisemitismus in Auftrag gegeben. Rund 900 Antworten jüdischer Studenten und Absolventen gingen nach Prüfung in die Auswertung ein. Parallel wurden 755 Studenten aus der breiteren Hochschulbevölkerung befragt. Nach Darstellung der kanadischen Regierung handelt es sich um die bislang umfassendste landesweite Untersuchung dieser Art an kanadischen Hochschulen.
Die Erfahrungen reichen weit über beleidigende Kommentare hinaus. 71 Prozent der jüdischen Befragten berichteten von antisemitisch motiviertem Vandalismus, 54 Prozent von Einschüchterungen oder Drohungen gegen Juden. Besonders erschreckend ist eine weitere Zahl: 22 Prozent gaben an, körperliche Gewalt gegen JudenPogrom: Wenn Hass zur Jagd auf Juden wirdEin Pogrom ist eine kollektive Gewalttat gegen eine Minderheit, besonders gegen Juden. Der Begriff wurde durch antijüdische Gewalt im Russischen Reich bekannt, die Form der Gewalt ist jedoch viel älter.Mehr lesen auf ihrem Campus erlebt oder beobachtet zu haben. Das entspricht laut Bericht 198 Befragten.
Auch die Orte, an denen die Vorfälle stattfinden, zeigen, wie tief das Problem reicht. 34 Prozent nannten soziale Medien oder andere digitale Räume, 33 Prozent Studentenorganisationen oder Veranstaltungen, 25 Prozent Unterrichtsräume und Hörsäle. Damit lässt sich Antisemitismus nicht einfach als Begleiterscheinung einiger Demonstrationen vor den Universitätsgebäuden abtun. Er dringt nach den Aussagen der Betroffenen in Bereiche vor, in denen Studenten eigentlich lernen, forschen und miteinander arbeiten sollen.
Noch schwerer wiegt der Blick auf diejenigen, die an Hochschulen Verantwortung tragen. In 18 Prozent der geschilderten antisemitischen Vorfälle wurden Mitglieder des Lehrkörpers genannt, in jeweils sieben Prozent Lehrassistenten beziehungsweise Verwaltungsmitarbeiter. 36 Prozent der jüdischen Befragten stießen auf Lehrinhalte oder Diskussionen, die sie als antisemitisch oder voreingenommen wahrnahmen. 34 Prozent berichteten, Professoren hätten Juden, Judentum, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen oder ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen in Lehrveranstaltungen eingebracht, obwohl dies mit dem eigentlichen Thema des Kurses nichts zu tun hatte.
Einige der anonymisierten Aussagen im Regierungsbericht sind erschütternd. Studenten berichten davon, bespuckt worden zu sein, von der Beobachtung eines Angriffs auf einen jüdischen Studenten, von Ausgrenzung bei Gruppenarbeiten und von Kommilitonen, die wegen der jüdischen Identität eines Studenten nicht mit ihm im Labor arbeiten wollten. Ein Teilnehmer erklärte, er habe sein Studium abgebrochen, weil die Belastung zu groß geworden sei und sich niemand an der Hochschule darum gekümmert habe. Der Bericht enthält außerdem Aussagen über einen Professor, der Hitler als Helden bezeichnet haben soll, sowie über eine Lehrkraft, der zugeschrieben wird, zur Tötung von Zionisten aufgerufen zu haben. Die Studie behandelt diese offenen Antworten als persönliche Erfahrungsberichte und nicht als eigenständig überprüfte statistische Fälle.
Mindestens ebenso problematisch ist das fehlende Vertrauen in die Institutionen. 70 Prozent der Befragten sind der Auffassung, ihre Hochschule nehme Antisemitismus nicht ernst. Nur etwa ein Drittel meldete den jeweils beschriebenen Vorfall überhaupt. Von denjenigen, die eine Meldung machten, waren 63 Prozent mit dem Umgang der Hochschule damit unzufrieden. Mehr als die Hälfte derjenigen, die keinen Vorfall meldeten, ging davon aus, dass eine Beschwerde ohnehin nichts bewirken würde.
Das ist für Hochschulleitungen ein vernichtender Befund. Schutzregeln helfen wenig, wenn diejenigen, für die sie gedacht sind, nicht daran glauben, dass ihre Anwendung etwas verändert.
Kritik an der Studie ändert nichts an ihrer Warnung
Zur journalistischen Sorgfalt gehört allerdings auch eine Einschränkung. Die 95,7 Prozent dürfen nicht als mathematisch exakte Aussage über jeden jüdischen Studenten Kanadas verstanden werden. Die jüdischen Teilnehmer wurden über Studentenorganisationen, Gemeindenetzwerke und weitere Kanäle gewonnen. Die Stichprobe wurde nicht statistisch gewichtet. Der Bericht selbst erklärt ausdrücklich, dass die Ergebnisse deshalb beschreibend zu lesen seien und keine präzisen Schätzungen für die gesamte jüdische Studentenbevölkerung Kanadas darstellen.
Die Organisation Independent Jewish Voices Canada kritisierte genau diesen Punkt und bemängelte außerdem die Verwendung der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus sowie die Behandlung von Antizionismus innerhalb des Berichtes. Sie argumentiert, dass politischer Widerspruch gegen Israel und Judenfeindschaft stärker voneinander getrennt werden müssten. Zugleich verurteilt auch diese Organisation ausdrücklich antisemitische Belästigung, Drohungen, HolocaustleugnungHolocaustleugnung: Antisemitische GeschichtsfälschungHolocaustleugnung bezeichnet die vollständige oder teilweise Leugnung der Shoah. Sie bestreitet, verharmlost oder verfälscht die nationalsozialistische Ermordung von rund sechs Millionen Juden und gilt als zentrale Form antisemitischer Geschichtsfälschung.Mehr lesen und Diskriminierung und erklärt, die Erfahrungen der betroffenen Studenten müssten ernst genommen werden.
Diese methodische Debatte ist legitim. Sie beseitigt jedoch weder die Aussagen hunderter jüdischer Studenten noch Zahlen wie 57 Prozent, die jüdische Symbole aus Sicherheitsgründen meiden, oder 22 Prozent, die körperliche Gewalt gegen Juden erlebt oder beobachtet haben. Selbst eine Studie, deren Ergebnisse nicht eins zu eins auf sämtliche jüdischen Studenten Kanadas hochgerechnet werden dürfen, kann einen massiven institutionellen Warnruf liefern.
Auch Universities Canada, die landesweite Interessenvertretung der Universitäten, reagierte entsprechend. Sie erklärte am 6. August, die Ergebnisse bereiteten große Sorge. Jüdische Studenten und Mitarbeiter müssten lernen und arbeiten können, ohne Diskriminierung, Einschüchterung oder Angst um ihre Sicherheit. Die Organisation kündigte an, den Bericht und seine Empfehlungen gemeinsam mit Universitäten, Regierung und gesellschaftlichen Partnern zu prüfen.
Das Centre for Israel and Jewish Affairs, B'nai Brith Canada und das Friends of Simon Wiesenthal Center verlangen dagegen ein schnelleres und entschlosseneres Handeln. Sie verweisen darauf, dass jüdische Einrichtungen in Kanada bereits Ziel von Schüssen, Brandanschlägen und anderen antisemitischen Straftaten geworden sind. Nach ihrer Einschätzung zeigt die Studie nun, dass der Judenhass auch in öffentliche Institutionen vorgedrungen ist.
Kanadas Universitäten stehen deshalb vor einer Frage, die nicht mit weiteren Arbeitsgruppen und wohlklingenden Erklärungen beantwortet werden kann. Wenn jüdische Studenten ihr Judentum verbergen, aus Veranstaltungen fernbleiben, Freundschaften verlieren oder sogar ihr Studium abbrechen, hat eine Hochschule ihre elementare Aufgabe verfehlt. Meinungsfreiheit schützt harte Kritik, auch an Israel. Sie ist aber kein Freibrief für Bedrohung, Ausgrenzung, Gewalt oder die Erwartung, dass ein jüdischer Student sich zunächst politisch rechtfertigen muss, bevor er als gleichberechtigtes Mitglied einer Universität behandelt wird.
Eine Hochschule, an der Juden wieder darüber nachdenken müssen, wann es sicher ist, als Juden erkennbar zu sein, hat kein Kommunikationsproblem. Sie hat ein Antisemitismusproblem.
Autor: Redaktion
Samstag, 08 August 2026