Rosch Haschana 5787: Das jüdische Volk begrüßt ein neues Jahr

Rosch Haschana 5787: Das jüdische Volk begrüßt ein neues Jahr


Mit Sonnenuntergang beginnt für Juden weltweit das Jahr 5787. Rosch Haschana verbindet Familie und jahrtausendealte Tradition mit Rückschau, Umkehr und der Hoffnung, dass das kommende Jahr friedlicher und süßer werden möge.

Rosch Haschana 5787: Das jüdische Volk begrüßt ein neues Jahr
Bildnachweis: Pixabay

An diesem Freitagabend beginnt für jüdische Familien und Gemeinden rund um den Globus Rosch Haschana. Von JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen bis Berlin, von London und Paris bis New York, Buenos Aires und Sydney beginnt mit dem 1. Tischri das jüdische Jahr 5787. Der Feiertag dauert zwei Tage und endet am Sonntagabend.

„Rosch Haschana“ bedeutet wörtlich „Kopf des Jahres“. Doch das jüdische Neujahr unterscheidet sich grundlegend von dem Jahreswechsel, wie ihn die meisten Menschen vom 31. Dezember kennen. Feuerwerk und ausgelassene Mitternachtsfeiern stehen nicht im Mittelpunkt. Rosch Haschana verbindet Festlichkeit mit Ernsthaftigkeit. Familien kommen zusammen, Synagogen füllen sich, festliche Mahlzeiten werden vorbereitet. Zugleich beginnt eine Zeit der Selbstprüfung.

Nach jüdischer Tradition ist Rosch Haschana ein Tag des Gerichts. Menschen schauen auf das vergangene Jahr zurück, auf Entscheidungen, Fehler, Versäumnisse und gute Taten. Mit dem Feiertag beginnen zugleich die zehn ehrfurchtsvollen Tage, die Aseret Jemei Teschuwa, die Tage der Umkehr. Sie führen zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag, der in diesem Jahr am Abend des 20. September beginnt.

Der Wunsch, mit dem sich Juden in diesen Tagen begegnen, ist ebenso schlicht wie umfassend:

Schana Towa uMetuka. Ein gutes und süßes Jahr.

Äpfel, Honig und der Ruf des Schofars

Kaum ein Bild ist so eng mit Rosch Haschana verbunden wie ein Stück Apfel, das in Honig getaucht wird. Es steht für den Wunsch nach einem süßen neuen Jahr. Der Brauch lässt sich bereits in mittelalterlichen aschkenasischen Gemeinden nachweisen und ist heute weit über diese Tradition hinaus verbreitet. Auch die Challa erhält zu Rosch Haschana häufig eine besondere Form. Statt des üblichen geflochtenen Brotes wird sie rund gebacken, als Symbol für den Kreislauf des Jahres und des Lebens.

Granatäpfel gehören ebenfalls auf viele Festtafeln. Ihre zahlreichen Kerne stehen symbolisch für Fülle und gute Taten. Sephardische und mizrachische Familien pflegen weitere Traditionen mit Datteln, Kürbis, Lauch, Rüben oder anderen symbolischen Speisen. Die einzelnen Bräuche unterscheiden sich von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde und oft sogar von Familie zu Familie. Was sie verbindet, ist der Blick nach vorn und die Hoffnung auf Segen, Gesundheit und Frieden.

Das bekannteste religiöse Symbol des Feiertages ist das Schofar. Der eindringliche Klang des Widderhorns ist kein musikalischer Schmuck. Er soll aufrütteln. Er erinnert daran, innezuhalten, das eigene Handeln zu überprüfen und neu zu beginnen.

Das Jahr 5787 weist dabei eine Besonderheit auf. Der erste Tag von Rosch Haschana fällt auf einen Schabbat. Deshalb wird das Schofar am Samstag nicht geblasen. Der traditionelle Schofarruf erklingt in diesem Jahr am Sonntag, dem zweiten Feiertag. Auch der Brauch Taschlich, bei dem Gebete an einem Gewässer gesprochen werden und symbolisch das Fehlverhalten des vergangenen Jahres zurückgelassen wird, wird in vielen Gemeinden entsprechend auf den zweiten Tag verschoben.

Rosch Haschana ist deshalb zugleich persönlich und gemeinschaftlich. Es geht um die Frage, was jeder Einzelne ändern kann, aber auch darum, was eine Gemeinschaft zusammenhält. Die Jewish Agency beschreibt ihre Neujahrsbotschaft in diesem Jahr ausdrücklich als Gruß an die weltweite jüdische Familie, verbunden mit den Wünschen nach Hoffnung, Gesundheit und Frieden. Sie arbeitet heute in mehr als 65 Ländern mit jüdischen Gemeinschaften.

Ein neues Jahr unter schwierigen Bedingungen

Der Wunsch nach Frieden hat vor diesem Rosch Haschana besonderes Gewicht. Jüdisches Leben steht in vielen Ländern weiterhin unter erheblichen Sicherheitsbelastungen. Synagogen, Schulen und Gemeindezentren müssen geschützt werden. Antisemitische Gewalt und Bedrohungen haben in zahlreichen Staaten ein Niveau erreicht, das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar erschien.

Der aktuelle Bericht der sieben großen jüdischen Diasporagemeinschaften dokumentiert für 2025 mehr als 23.000 antisemitische Vorfälle in Argentinien, Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Diese Länder repräsentieren mehr als 90 Prozent der jüdischen DiasporaDiaspora: Jüdisches Leben außerhalb IsraelsDiaspora bezeichnet die Zerstreuung eines Volkes außerhalb seiner historischen Heimat. In jüdischem Zusammenhang meint der Begriff besonders die jüdischen Gemeinschaften außerhalb Israels. Die jüdische Diaspora entstand durch Exil, Vertreibung, Migration und jahrhundertelanges Leben als Minderheit.Mehr lesen. 2025 war zugleich das Jahr mit den meisten Todesopfern durch antisemitische Gewalt außerhalb Israels seit mehr als drei Jahrzehnten.

Auch in Deutschland prägt diese Entwicklung den Alltag. Der Zentralrat der Juden befragte 2026 insgesamt 102 jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen und Landesverbände. 68 Prozent bewerteten das Leben in Deutschland als unsicherer als vor dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023. Jede fünfte Gemeinde musste innerhalb eines Jahres Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen. Gleichzeitig berichteten viele Gemeinden von einem Rückzug jüdischen Lebens aus dem öffentlichen Raum.

Bundeskanzler Friedrich Merz nahm in seiner diesjährigen Grußbotschaft zu Rosch Haschana ausdrücklich darauf Bezug. Er versprach den jüdischen Gemeinden, die Bundesregierung werde sich dafür einsetzen, dass Juden in Deutschland sicher leben können.

Doch Rosch Haschana besteht nicht nur aus der Erinnerung an Bedrohung und Verlust.

Gerade darin liegt vielleicht eine seiner stärksten Botschaften.

Das jüdische Jahr beginnt nicht mit der Behauptung, alles sei gut. Es beginnt mit der Aufforderung, genau hinzusehen. Zurückzublicken, Verantwortung zu übernehmen und trotzdem daran zu glauben, dass Veränderung möglich ist.

Seit Generationen feiern jüdische Familien dieses Fest in sehr unterschiedlichen Welten. In Freiheit und unter Verfolgung, in großen Gemeinden und kleinen Gemeinschaften, in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und in der Diaspora. Sprachen, Speisen und Melodien unterscheiden sich. Der Wunsch ist geblieben.

Ein gutes Jahr.

Ein friedliches Jahr.

Ein Jahr der Gesundheit und des Lebens.

Und ein süßes Jahr.

Wenn an diesem Abend die Kerzen entzündet werden und Familien auf mehreren Kontinenten zusammenkommen, beginnt deshalb nicht einfach eine neue Zahl im jüdischen Kalender.

Es beginnt erneut die jahrtausendealte Hoffnung, dass Menschen Fehler korrigieren können, dass schwere Zeiten nicht ewig dauern und dass das kommende Jahr besser sein kann als das vergangene.

Schana Towa uMetuka.

Wir wünschen unseren jüdischen Leserinnen und Lesern, ihren Familien und jüdischen Gemeinden überall auf der Welt ein gutes, gesundes, friedliches und süßes Jahr 5787.




Autor: Redaktion
Freitag, 11 September 2026

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