Boykott statt Zuhören: Netanyahu rechnet bei der UN ab

Boykott statt Zuhören: Netanyahu rechnet bei der UN ab


Dutzende Delegierte verlassen demonstrativ den Saal. Netanyahu kontert mit Iran, dem 7. Oktober, dem Genozidvorwurf und einem offenen Vorwurf der Heuchelei.

Boykott statt Zuhören: Netanyahu rechnet bei der UN ab
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Noch bevor Benjamin Netanyahu seine Rede vor der UN-Generalversammlung richtig begonnen hatte, war der Konflikt sichtbar: Zahlreiche Delegierte standen auf und verließen demonstrativ den Saal. Netanyahu reagierte sofort. Wer von den „moralischen Feiglingen“ noch geblieben sei, könne ebenfalls gehen. Dann drehte er den Protest gegen seine Kritiker: IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen habe mit den Angriffen auf Irans Nuklearprogramm nicht nur sich selbst geschützt, sondern auch viele jener Staaten, deren Vertreter gerade hinausgingen. Mehrere ihrer Regierungschefs hätten ihm hinter verschlossenen Türen für Israels Vorgehen gedankt. Öffentlich demonstrativ den Saal verlassen und Israel gleichzeitig privat für die Schwächung Irans danken, bezeichnete Netanyahu als kaum noch zu überbietende Heuchelei.

Iran bildete den ersten großen Block seiner Rede. Netanyahu erinnerte an seine berühmte rote Linie vor der UN vor 14 Jahren und sagte, die Zerstörung iranischer Nuklearanlagen sei militärisch schwierig, politisch für ihn aber eine der einfachsten Entscheidungen gewesen. Ohne diesen Schritt hätte Israel nach seiner Darstellung vor einer existenziellen Gefahr gestanden. Damit verband er den heutigen Konflikt mit einer älteren israelischen Erfahrung: Schon 1967 habe Israel um seine Existenz kämpfen müssen, obwohl es damals weder GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen noch Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen noch die Golanhöhen kontrollierte. Der Konflikt, so seine Botschaft, könne deshalb nicht einfach auf die nach 1967 kontrollierten Gebiete reduziert werden.

Danach kehrte Netanyahu zum 7. Oktober zurück. Er erinnerte an das HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker mit rund 1.200 Toten und die Entführung von 251 Menschen. Zum Zeitpunkt des Angriffs habe sich kein einziger israelischer Soldat und kein israelischer Zivilist im Gazastreifen befunden. Trotzdem seien israelische Gemeinden überfallen, Menschen ermordet, vergewaltigt und verschleppt worden. Seitdem, sagte Netanyahu, kämpfe Israel auf sieben Fronten. Auch Judäa und Samaria bezog er ein und erinnerte an den wenige Tage zuvor ermordeten sechsfachen Vater Netanel Shakron sowie den schwer verletzten ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen Neria Leiter. Gewalt extremistischer jüdischer Täter verurteilte er ebenfalls, warf internationalen Medien jedoch vor, diese vergleichsweise kleine Zahl von Straftaten wesentlich stärker herauszustellen als die Vielzahl palästinensischer Terrorangriffe.

Die „achte Front“: Kampf um Israels Bild in der Welt

Neben den militärischen Fronten gebe es inzwischen eine achte, sagte Netanyahu: den Krieg um die Wahrheit. Katar griff er wegen seiner Finanzierung von Al Jazeera und westlichen Universitäten an. Damit sei über Jahre ein politisches und mediales Umfeld geschaffen worden, das junge Menschen gegen Israel und den Westen beeinflusse. Auch Recep Tayyip Erdoğan attackierte Netanyahu scharf. Er bezeichnete den türkischen Präsidenten als Tyrannen, verwies auf dessen Unterstützung für Hamas-Funktionäre, die Inhaftierung von Oppositionellen und Journalisten sowie die türkische Politik in Zypern und Syrien. Als Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa den Golan als syrisches Gebiet bezeichnete, reagierte Netanyahu mit einem historischen Seitenhieb: Juden hätten bereits seit biblischer Zeit auf den Golanhöhen gelebt, al-Sharaa könne dies in der Bibel nachlesen.

Besonders deutlich wurde Netanyahu beim Genozidvorwurf gegen Israel. Er bezeichnete ihn als die „Lüge des Jahrhunderts“. Israel habe keinen Genozid begangen, sondern einen verhindert, weil Hamas nach dem 7. Oktober weiterhin die Vernichtung Israels angestrebt habe. Netanyahu verwies auf Warnungen an die Bevölkerung Gazas, Polio-Impfungen und umfangreiche Hilfslieferungen. Bei der von ihm genannten Menge unterscheiden sich die Berichte von N12 und JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post, weshalb eine konkrete Tonnage nicht als gesichert übernommen werden sollte. Unstrittig ist, dass Netanyahu humanitäre Hilfen ausdrücklich als Gegenargument zum Genozidvorwurf anführte.

Auch New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani griff Netanyahu direkt an. Er warf ihm vor, mit Personen und Positionen verbunden zu sein, die Hamas verharmlosten und antisemitische oder gegen Israel gerichtete Aussagen unterstützten. Die konkreten Vorwürfe sind Netanyahus Aussagen und müssen als solche behandelt werden. Seine politische Botschaft war dennoch eindeutig: Israel werde seine Entscheidungen nicht davon abhängig machen, wie populär sie bei politischen Gegnern im Ausland seien.

Starlink für Teheran

Das stärkste Symbol seiner Rede sparte Netanyahu für den Schluss auf. Er hielt ein Starlink-Terminal hoch und erklärte, solche Geräte ermöglichten Iranern Zugang zu Informationen jenseits der staatlichen Zensur. Er werde das Gerät auf dem Rednerpult zurücklassen, damit es der iranischen Delegation übergeben werden könne. Das Regime in Teheran habe weniger Angst vor Israel als vor seinem eigenen Volk, sagte Netanyahu. Eines Tages werde Iran frei sein und das Regime fallen.

Der demonstrative Auszug zahlreicher Delegierter zeigte, wie isoliert Israel in Teilen der UN inzwischen behandelt wird. Vollständige diplomatische Isolation bedeutet das jedoch nicht. Netanyahu führte am Rand der Generalversammlung weitere Gespräche mit internationalen Regierungschefs. Gerade dieser Gegensatz prägte seinen Auftritt: öffentlicher Protest im Saal, private Gespräche außerhalb und ein Premierminister, der seine Kritiker nicht beschwichtigen wollte, sondern ihnen offen widersprach.

Netanyahus Rede war damit keine versöhnliche Ansprache und sollte es offensichtlich auch nicht sein. Iran, Hamas, Katar, Erdoğan, Mamdani, internationale Medien und der Genozidvorwurf wurden von ihm zu Teilen eines größeren Konflikts verbunden: Israel kämpfe nicht nur militärisch um seine Sicherheit, sondern zugleich darum, wie dieser Kampf weltweit dargestellt werde.

Die Delegierten, die den Saal verließen, wollten ein politisches Zeichen setzen. Netanyahu machte genau daraus sein eigenes: Israel werde seine Sicherheit nicht davon abhängig machen, wer in New York sitzen bleibt und wer demonstrativ hinausgeht.




Autor: Redaktion
Freitag, 25 September 2026

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