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2023 warnte sie vor Druck auf Hamas, jetzt sagt die Rotes-Kreuz-Chefin: Mehr Leben hätten gerettet werden können

2023 warnte sie vor Druck auf Hamas, jetzt sagt die Rotes-Kreuz-Chefin: Mehr Leben hätten gerettet werden können


Mehr als drei Jahre lang erhielt das Rote Kreuz keinen Zugang zu den israelischen Geiseln der Hamas. Nun räumt IKRK-Präsidentin Mirjana Spoljaric ein, früherer Druck hätte womöglich „viel mehr Leben“ retten können.

2023 warnte sie vor Druck auf Hamas, jetzt sagt die Rotes-Kreuz-Chefin: Mehr Leben hätten gerettet werden können
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Es ist ein Satz, der für die Familien israelischer Geiseln kaum bitterer klingen könnte.

Mirjana Spoljaric, Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, sagt heute rückblickend, dass früher stärkerer Druck in den Verhandlungen um die von der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen verschleppten Israelis hätte ausgeübt werden müssen. Man hätte dadurch möglicherweise mehr Leben retten können, „viel mehr Leben“.

Drei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen ist das mehr als eine beiläufige Selbstkritik.

Denn ausgerechnet Spoljaric hatte im Dezember 2023 gegenüber Benjamin Netanyahu davor gewarnt, öffentlichen Druck auf die Hamas auszuüben.

Damals forderte der israelische Ministerpräsident sie bei einem Treffen in Tel Aviv auf, das Rote Kreuz müsse seine Möglichkeiten nutzen, um von der Terrororganisation Zugang zu den Geiseln zu verlangen. Netanyahu zeigte ihr sogar eine versiegelte Kiste mit Medikamenten und Erste-Hilfe-Material für die Verschleppten.

Spoljarics Antwort war eindeutig: Öffentlicher Druck werde bei Hamas nicht funktionieren. Je mehr Druck man öffentlich ausübe, desto eher könne die Organisation „die Tür schließen“.

Netanyahu widersprach ihr damals unmittelbar und fragte sinngemäß: Warum versuchen Sie es dann nicht?

Heute klingt Spoljaric anders.

In einem Interview mit der New York Times, über das N12 und Ynet berichten, erklärt sie, der Druck in den Verhandlungen hätte früher aufgebaut werden müssen. Je länger Geiseln festgehalten würden, desto schwieriger werde ihre Rettung. Rückblickend hätte man dadurch nach ihrer Einschätzung erheblich mehr Menschen retten können.

Die Frage, die daraus entsteht, lässt sich nicht einfach wegmoderieren:

Wenn früherer Druck Leben hätte retten können, warum erklärte die Präsidentin des Roten Kreuzes ausgerechnet in den entscheidenden ersten Monaten, solcher Druck könne kontraproduktiv sein?

Drei Jahre ohne einen einzigen Besuch bei den Geiseln

Spoljaric bestätigte in dem Interview erneut, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz während der Gefangenschaft keinen Zugang zu den von Hamas festgehaltenen israelischen Geiseln erhielt.

Keine regelmäßigen Besuche.

Keine unabhängige Überprüfung ihres Gesundheitszustands.

Keine Möglichkeit, selbst festzustellen, unter welchen Bedingungen Kinder, Frauen, ältere Menschen, Verwundete und Kranke gefangen gehalten wurden.

Keine verlässliche medizinische Versorgung durch das IKRK.

Die Verantwortung dafür liegt in erster Linie bei der Hamas. Die Terrororganisation verschleppte am 7. Oktober 2023 rund 250 Menschen aus IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, ermordete etwa 1.200 Menschen und verweigerte dem Roten Kreuz den Zugang zu ihren Gefangenen.

Das IKRK konnte nicht einfach bewaffnet in die Tunnel der Hamas eindringen. Es besitzt weder Polizeigewalt noch militärische Mittel, um Zugang zu erzwingen.

Das muss bei jeder seriösen Bewertung gesagt werden.

Aber genau hier beginnt die Kritik und endet nicht.

Denn das Rote Kreuz besitzt etwas anderes: internationale Autorität, Zugang zu Regierungen, diplomatischen Einfluss und eine Stimme, die weltweit gehört wird. Und gerade die Frage, wie offensiv diese Stimme gegenüber Hamas eingesetzt wurde, beschäftigte die Geiselfamilien bereits wenige Wochen nach dem 7. Oktober.

Das IKRK erklärte stets, man arbeite mit vertraulicher Diplomatie. Von Beginn an habe man gegenüber Hamas die sofortige und bedingungslose Freilassung der Geiseln, Informationen über ihren Zustand und direkten Zugang verlangt.

Diese Bemühungen hat es zweifellos gegeben.

Spoljaric reiste nach Katar und traf persönlich die damalige Hamas-Führung um Ismail Haniyeh. Sie traf Netanyahu, israelische Regierungsvertreter und Angehörige der Geiseln. Das IKRK vermittelte später bei zahlreichen Übergaben freigelassener Israelis.

Aber es konnte seine wohl wichtigste Schutzaufgabe während der Gefangenschaft nicht erfüllen: die Menschen selbst erreichen.

Und nun sagt seine Präsidentin, früherer Druck hätte mehr Leben retten können.

Das damalige Argument klingt heute anders

Im Dezember 2023 verteidigte Spoljaric gerade die Zurückhaltung des Roten Kreuzes.

Öffentliche Konfrontation mit Hamas könne den vorhandenen Gesprächskanal beschädigen. Das IKRK verwies auf jahrzehntelange Erfahrung, wonach vertrauliche Gespräche hinter verschlossenen Türen häufig mehr bewirkten als öffentliche Verurteilungen.

Das ist grundsätzlich ein nachvollziehbares humanitäres Konzept.

Doch jede Strategie muss sich an ihrem Ergebnis messen lassen.

Die Hamas gewährte dem Roten Kreuz trotzdem keinen Zugang.

Geiseln wurden ausgehungert.

Menschen mit schweren Vorerkrankungen erhielten nicht zuverlässig ihre Medikamente.

Freigelassene Israelis berichteten von Misshandlungen, Isolation, Hunger und teilweise extremen Haftbedingungen.

Einige Geiseln überlebten ihre Gefangenschaft nicht.

Bereits Ende November 2023 kehrte die damals 84-jährige Elma Avraham in lebensbedrohlichem Zustand aus GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen zurück. Ihre Familie warf dem Roten Kreuz damals vor, sie im Stich gelassen zu haben. Angehörige hatten versucht, Medikamente für Avraham übergeben zu lassen. Das IKRK erklärte seinerseits, ohne Zustimmung und Zugang durch Hamas könne es solche Hilfe nicht einfach zustellen.

Das Problem bestand also nicht darin, dass niemand wusste, welche Gefahr bestand.

Die Gefahr war bekannt.

Die Familien schrien sie heraus.

Israel forderte Druck.

Und Hamas verweigerte weiterhin den Zugang.

Vor diesem Hintergrund bekommt Spoljarics heutiger Satz ein erhebliches Gewicht.

Sie sagt nicht, das Rote Kreuz hätte Hamas militärisch zwingen können.

Aber sie sagt selbst, dass früherer Druck möglicherweise Leben gerettet hätte.

Damit stellt sie rückblickend zumindest jene Strategie infrage, die ihre Organisation damals verteidigte.

Eine historische Frage, der sich das Rote Kreuz selbst stellt

Bemerkenswert ist auch ein anderer Teil des Interviews.

Spoljaric wurde mit dem historischen Versagen des Roten Kreuzes während des HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen konfrontiert und mit der grundsätzlichen Frage, ob Neutralität in Situationen extremer Gewalt irgendwann in Passivität umschlagen kann.

Es wäre falsch, die Situation der Geiseln in Gaza mit dem Holocaust gleichzusetzen.

Aber die historische Frage nach der Grenze humanitärer Neutralität ist legitim.

Das IKRK selbst bezeichnet seine Untätigkeit gegenüber den Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik bis heute als sein größtes historisches Versagen. Auf seiner eigenen Internetseite schreibt die Organisation, sie sei damals nicht in der Lage gewesen, entschieden zu handeln oder öffentlich Stellung zu beziehen.

Gerade deshalb ist die Debatte von 2023 bis 2026 keine Nebensache.

Neutralität bedeutet, Opfer unabhängig von ihrer Nationalität oder politischen Zugehörigkeit zu schützen.

Sie bedeutet nicht, Täter und Opfer moralisch gleichzustellen.

Und sie darf nicht bedeuten, dass eine Terrororganisation Geiseln jahrelang unsichtbar in Tunneln festhalten kann, während jene internationale Organisation, deren Emblem weltweit für Schutz in Krieg und Gefangenschaft steht, aus Sorge um ihre Gesprächskanäle auf maximalen öffentlichen Druck verzichtet.

Die Hamas trägt die Verantwortung für die Entführungen, die Haftbedingungen und den verweigerten Zugang.

Daran gibt es nichts zu relativieren.

Aber internationale Organisationen müssen sich daran messen lassen, was sie in einer solchen Situation mit ihren vorhandenen Möglichkeiten tun.

Das Rote Kreuz konnte die Hamas nicht zwingen.

Es konnte sie nicht militärisch überwinden.

Es konnte keine Tunnel stürmen.

Aber seine eigene Präsidentin sagt heute, dass früherer Druck möglicherweise „viel mehr Leben“ gerettet hätte.

Damit bleibt eine Frage zurück, die besonders die Familien der Geiseln stellen dürfen:

Warum kam dieser Druck nicht früher?

Und warum wurde Israel damals erklärt, gerade dieser Druck könne schaden?

Drei Jahre später ist die Erkenntnis da.

Für einige Geiseln kommt sie zu spät.





Autor: Redaktion
Sonntag, 11 Oktober 2026

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