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Kanadas geheime Nazi-Akten: US-Dienste schleusten Verdächtige trotz Sicherheitsrisiken ins Land

Kanadas geheime Nazi-Akten: US-Dienste schleusten Verdächtige trotz Sicherheitsrisiken ins Land


Fast 40 Jahre blieben entscheidende Passagen eines kanadischen Berichts unter Verschluss. Nun zeigen die freigegebenen Akten, wie amerikanische Geheimdienste problematische Nachkriegsagenten nach Kanada brachten und Sicherheitskontrollen umgehen konnten.

Kanadas geheime Nazi-Akten: US-Dienste schleusten Verdächtige trotz Sicherheitsrisiken ins Land
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Fast vier Jahrzehnte lang waren entscheidende Teile eines kanadischen Regierungsberichts geschwärzt. Jetzt wird sichtbar, weshalb die Dokumente so brisant waren: Amerikanische Geheimdienste betrieben nach dem Zweiten Weltkrieg ein organisiertes Programm, mit dem frühere Agenten und andere Personen mit problematischem Hintergrund in sichere Drittstaaten gebracht wurden. Mindestens 35 von ihnen gelangten auf diesem Weg nach Kanada.

Als die kanadische Bundespolizei RCMP die betreffenden Personen später überprüfte, kam sie nach dem nun freigegebenen Bericht zu dem Schluss, dass nahezu alle aus Sicherheitsgründen eigentlich hätten abgewiesen werden müssen.

Noch schwerer wiegt eine weitere Feststellung der Historikerin Alti Rodal: Amerikanische Geheimdienstmitarbeiter befanden sich in einer Position, in der sie Menschen mit möglichem Kriegsverbrecherhintergrund bei der Einwanderung nach Kanada helfen konnten. Sie konnten ihnen falsche Dokumente verschaffen und kanadischen Visabeamten bei Sicherheitsüberprüfungen mitteilen, es lägen keine belastenden Erkenntnisse vor.

Das bedeutet nicht, dass alle 35 Personen nachweislich Nazi-Kriegsverbrecher waren. Eine solche Feststellung geben die Akten nicht her.

Doch genau diese Unterscheidung macht den Vorgang nicht harmloser.

Die Dokumente zeigen, dass westliche Geheimdienste in den ersten Jahren des Kalten Krieges Menschen mit Sicherheitsproblemen und teilweise möglichem nationalsozialistischem Hintergrund für eigene Zwecke einsetzten und anschließend halfen, sie in anderen Staaten unterzubringen.

Kanada wurde dabei offenbar zu einem Zielland.

Der Kalte Krieg wurde wichtiger als die Vergangenheit

Die Informationen stammen aus dem 618 Seiten umfassenden Rodal-Bericht „Nazi War Criminals in Canada: The Historical and Policy Setting from the 1940s to the Present“. Rodal verfasste die Studie 1986 als historische Grundlage für die Deschênes-Kommission, die untersuchen sollte, wie viele mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher und Kollaborateure nach dem Krieg nach Kanada gelangt waren.

Der Bericht selbst war nicht völlig unbekannt. Eine stark geschwärzte Fassung wurde bereits 1987 veröffentlicht. Weitere Passagen wurden später freigegeben, zuletzt 2024.

Ausgerechnet Abschnitte über amerikanische Geheimdienstaktivitäten blieben jedoch unter Verschluss.

Erst ein jahrelanger Kampf von B’nai Brith Canada führte im September 2026 zu einer Entscheidung des kanadischen Bundesgerichts. Richter Simon Fothergill kam zu dem Schluss, dass der historische Wert der Akten, der enorme zeitliche Abstand und die unzureichende Begründung der Regierung gegen eine weitere Geheimhaltung sprachen.

Ottawa hatte unter anderem argumentiert, eine Veröffentlichung könne die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten belasten.

Das Gericht ließ dieses Argument weitgehend nicht gelten.

Die kanadische Regierung verzichtete anschließend auf eine Berufung. Anfang Oktober erhielten B’nai Brith und schließlich die Öffentlichkeit eine nahezu vollständig entschwärzte Fassung.

Darin findet sich ein Vorgang aus dem Jahr 1954.

Kanadische Stellen entdeckten damals ein „aktives und organisiertes Programm“ der Research and Resettlement Branch der US-Armee in Europa. Diese Einrichtung war nach dem Bericht Tarnung beziehungsweise Instrument für die CIA und weitere amerikanische Nachrichtendienste.

Ihre Aufgabe bestand darin, Überläufer aus dem kommunistischen Machtbereich sowie frühere Agenten, die für amerikanische Dienste gearbeitet hatten, in anderen Staaten unterzubringen.

Ein amerikanischer Funktionär räumte gegenüber kanadischen Behörden ein, dass sich darunter auch Menschen mit Vorstrafen befanden. Genannt wurden Fälle sogenannter „moral turpitude“. Zu dieser problematischen Gruppe wurden auch Nazi-Kollaborateure gerechnet.

Der amerikanische Vertreter übergab Kanada schließlich eine Liste von 35 Personen, die mit Hilfe des Programms bereits ins Land gelangt waren.

Nachträgliche Prüfungen der RCMP ergaben laut Rodal: Fast alle wären unter normalen Sicherheitskriterien nicht einreiseberechtigt gewesen.

Damit wird deutlich, wie stark sich die Prioritäten nach 1945 verschoben hatten.

Nicht mehr nationalsozialistische Vergangenheit stand für westliche Sicherheitsbehörden an erster Stelle, sondern der beginnende Konflikt mit der Sowjetunion.

Rodal stellte bereits vor 40 Jahren fest, dass die kanadischen Sicherheitsprüfungen in den 1950er Jahren schrittweise gelockert wurden. Behörden konzentrierten sich stärker darauf, mögliche kommunistische Agenten abzuwehren, als ehemalige Angehörige nationalsozialistischer Organisationen und Kollaborateure aufzuspüren.

Ausgerechnet Menschen, die für westliche Nachrichtendienste gegen den Kommunismus gearbeitet hatten, konnten dadurch einen besonderen Schutz genießen.

Kanada kennt bis heute nicht die ganze Wahrheit

Der Fall besitzt für Kanada eine zusätzliche politische Brisanz.

Das Land hat sich jahrzehntelang mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie zahlreiche mutmaßliche NS-Täter und Kollaborateure nach 1945 einreisen konnten und warum so wenige von ihnen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurden.

Die Deschênes-Kommission wurde 1985 genau deshalb eingesetzt.

Library and Archives Canada bestätigt, dass die Kommission nicht nur einzelne Fälle untersuchte, sondern umfangreiche Namenslisten bearbeitete. Eine Hauptliste umfasste ungefähr 800 Personen. Hinzu kamen weitere Gruppen mutmaßlich belasteter Personen.

Der öffentlich zugängliche erste Teil des Abschlussberichts empfahl anschließend Änderungen im Strafrecht, bei Auslieferungen sowie bei Ausbürgerung und Abschiebung.

Der zweite Teil blieb jedoch geheim.

Er enthält individuelle Bewertungen, Erkenntnisse und Empfehlungen zu 29 mutmaßlichen Kriegsverbrechern, die die Kommission in nicht öffentlichen Sitzungen untersuchte.

B’nai Brith kämpft deshalb weiter um dessen Veröffentlichung.

Dass Kanada überhaupt noch im Jahr 2026 vor Gericht gezwungen werden musste, zentrale Teile dieser Geschichte offenzulegen, ist bemerkenswert. Die betroffenen Vorgänge liegen mehr als sieben Jahrzehnte zurück. Viele Täter, Zeugen und Entscheidungsträger sind längst tot.

Trotzdem versuchte Ottawa noch zuletzt, Teile der Dokumente mit möglichen Schäden für die Beziehungen zu Washington geheim zu halten.

Gerade für HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen-Überlebende und ihre Familien ist das schwer zu vermitteln.

Kanada schränkte vor und während des Holocaust die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge massiv ein. Nach dem Krieg fanden dagegen Menschen mit nationalsozialistischer Vergangenheit oder möglicher Beteiligung an NS-Verbrechen Wege ins Land.

Dass westliche Geheimdienste einige solcher Einwanderungswege zusätzlich erleichtert haben könnten, verschärft dieses historische Versagen.

Dabei muss auch hier präzise formuliert werden: Der jetzt veröffentlichte Bericht beweist nicht, dass jeder Teilnehmer des US-Programms ein NS-Kriegsverbrecher war.

Er beweist etwas anderes, das bereits schwer genug wiegt.

Es existierte ein geheimes amerikanisches Umsiedlungsprogramm. Personen mit erheblichen Sicherheitsproblemen gelangten darüber nach Kanada. Die RCMP stellte später fest, dass nahezu alle überprüften Personen normalerweise hätten zurückgewiesen werden müssen. Und die für die Deschênes-Kommission arbeitende Historikerin hielt es aufgrund der verfügbaren Akten ausdrücklich für möglich, dass amerikanische Nachrichtendienste auch Menschen mit Kriegsverbrecherhintergrund bei ihrer Einwanderung unterstützten.

Die vollständige historische Aufarbeitung ist damit noch immer nicht beendet.

Der Rodal-Bericht zeigt vielmehr, wie lange demokratische Staaten bereit waren, diese Vergangenheit hinter Geheimhaltungsinteressen zu verstecken.

Für die Opfer des Nationalsozialismus ist die Veröffentlichung keine späte Wiedergutmachung.

Aber sie beseitigt einen Teil der Schwärzungen, hinter denen sich fast 40 Jahre lang eine unbequeme Wahrheit verbarg: Im Kalten Krieg konnten ehemalige Helfer und mögliche Täter des nationalsozialistischen Systems für westliche Geheimdienste plötzlich nützlich werden.

Und manchmal war diese Nützlichkeit offenbar wichtiger als die Frage, wen man damit nach Kanada brachte.




Autor: Redaktion
Dienstag, 13 Oktober 2026

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