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Juden weltweit unter Druck: Eine israelische Studie schlägt Alarm

Juden weltweit unter Druck: Eine israelische Studie schlägt Alarm


Jüdische Gemeinden erleben zunehmende Anfeindungen, politische Isolation und tiefe innere Konflikte. Eine neue Untersuchung des israelischen Sicherheitsinstituts INSS beschreibt eine Entwicklung, bei der der Nahostkonflikt längst den Alltag jüdischer Menschen außerhalb Israels verändert hat.

Juden weltweit unter Druck: Eine israelische Studie schlägt Alarm
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Jüdische Menschen verbergen ihre religiöse Identität, Synagogen benötigen bewaffneten Schutz, Studenten werden wegen ihrer Herkunft angefeindet und jüdische Organisationen müssen sich für ihre Verbindungen zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen rechtfertigen. Was in demokratischen Gesellschaften selbstverständlich sein sollte, das Recht, offen und ohne Angst als Jude zu leben, ist für viele Betroffene längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Eine neue Untersuchung des israelischen Institute for National Security Studies (INSS) beschreibt diese Entwicklung mit großer Sorge. Doch ihre Schlussfolgerungen werfen selbst eine grundsätzliche Frage auf: Weshalb richtet sich der Blick bei antisemitischer Feindseligkeit immer wieder auf das Verhalten Israels, statt konsequent auf diejenigen, die Juden bedrohen, ausgrenzen und angreifen?

Die am 10. Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung trägt den Titel „No Longer on the Sidelines: How the Israeli-Palestinian Conflict Impacts DiasporaDiaspora: Jüdisches Leben außerhalb IsraelsDiaspora bezeichnet die Zerstreuung eines Volkes außerhalb seiner historischen Heimat. In jüdischem Zusammenhang meint der Begriff besonders die jüdischen Gemeinschaften außerhalb Israels. Die jüdische Diaspora entstand durch Exil, Vertreibung, Migration und jahrhundertelanges Leben als Minderheit.Mehr lesen Jews“. Die Autoren Theodore Sasson und Avishay Ben Sasson-Gordis führten über sechs Monate Gespräche mit Vertretern jüdischer Organisationen in den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Großbritannien und Südamerika. Sie beschreiben vier miteinander verbundene Entwicklungen: die zunehmende gesellschaftliche Ablehnung Israels, wachsende Meinungsverschiedenheiten innerhalb jüdischer Gemeinschaften, schwindenden politischen Einfluss und eine Verschärfung antisemitischer Bedrohungen.

Das sind ernste Befunde. Problematisch ist jedoch, welche politische Verantwortung daraus teilweise abgeleitet wird. Die Autoren argumentieren, dass Entscheidungen und Äußerungen israelischer Politiker die Lage jüdischer Gemeinden im Ausland verschärfen könnten. Sie empfehlen deshalb, die israelische Regierung müsse die Auswirkungen ihrer Politik auf die Diaspora stärker berücksichtigen und ihre öffentliche Kommunikation verändern.

Dass Regierungen die internationalen Folgen ihrer Entscheidungen bedenken sollten, ist selbstverständlich. Doch zwischen einer umstrittenen politischen Entscheidung in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen und einem antisemitischen Angriff in Berlin, Paris oder Toronto besteht ein grundlegender Unterschied: Für den Angriff verantwortlich ist der Täter. Nicht der israelische Ministerpräsident, nicht ein israelischer Soldat und schon gar nicht ein jüdischer Mensch, der Tausende Kilometer entfernt lebt.

Diese Unterscheidung darf nicht verloren gehen. Andernfalls entsteht eine gefährliche Logik, nach der Israel sein Verhalten ändern müsse, damit andere aufhören, Juden zu bedrohen. Eine solche Erwartung würde antisemitischen Akteuren Einfluss auf die Sicherheitsentscheidungen eines souveränen Staates verschaffen.

Wenn Juden ihre Identität verstecken müssen

Die Zahlen zur Bedrohung jüdischen Lebens sind erschreckend. Nach einer Untersuchung des American Jewish Committee (AJC) für das Jahr 2025 betrachten 93 Prozent der befragten amerikanischen Juden AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen als gesellschaftliches Problem. Unter der allgemeinen amerikanischen Bevölkerung sind es 70 Prozent. Mehr als die Hälfte der jüdischen Befragten gab an, im vergangenen Jahr aus Angst vor Antisemitismus das eigene Verhalten verändert zu haben.

Das sind keine abstrakten politischen Meinungen. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die bestimmte Orte meiden, ihre religiöse Zugehörigkeit nicht offen zeigen oder überlegen, ob sie jüdische Veranstaltungen überhaupt noch besuchen können. Nach Angaben des AJC fühlten sich 91 Prozent der befragten amerikanischen Juden aufgrund antisemitischer Gewalttaten des Jahres 2025 weniger sicher.

Die INSS-Untersuchung beschreibt vergleichbare Entwicklungen in Europa und Kanada. Jüdische Einrichtungen müssen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen finanzieren, Gemeinden stehen unter gesellschaftlichem Druck und Familien überlegen, wie sichtbar sie ihre jüdische Identität noch leben können.

Besonders bedrückend ist, dass die Forscher von einer zunehmenden „Marranisierung“ sprechen. Der Begriff erinnert an eine historische Zeit, in der Juden auf der Iberischen Halbinsel ihre religiöse Identität wegen Verfolgung verbergen mussten. Die heutigen Verhältnisse sind mit dieser Geschichte nicht gleichzusetzen. Doch allein die Tatsache, dass Wissenschaftler auf einen solchen Begriff zurückgreifen, verdeutlicht, wie schwerwiegend sie die gegenwärtige Entwicklung einschätzen.

Dabei sollten wir uns eine Frage stellen, die im politischen Streit über Israel häufig untergeht: Weshalb muss ein jüdischer Mensch im Jahr 2026 überhaupt darüber nachdenken, ob er auf der Straße einen Davidstern tragen kann?

Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada und die Vereinigten Staaten sind keine Staaten, in denen die israelische Regierung über die öffentliche Sicherheit entscheidet. Es sind Demokratien mit eigenen Gesetzen, Polizeibehörden, Gerichten und Regierungen. Wenn jüdische Menschen dort eingeschüchtert werden, ist zunächst die jeweilige Gesellschaft gefordert, diesen Zustand zu beenden.

Ein jüdischer Student in Berlin ist nicht verantwortlich für eine israelische Militäroperation. Eine Synagoge in Toronto ist keine Außenstelle des israelischen Verteidigungsministeriums. Ein jüdisches Kind in London hat keinen Einfluss auf Entscheidungen der Knesset.

Wer solche Menschen dennoch als Stellvertreter Israels behandelt, macht ihre jüdische Identität zum Anlass politischer Feindschaft. Genau darin liegt eines der zentralen Probleme des gegenwärtigen Antisemitismus.

haOlam.de berichtete in den vergangenen Monaten wiederholt über diese Entwicklung. In Norwegen verbergen jüdische Menschen aus Angst ihre religiösen Symbole. An westlichen Universitäten geraten jüdische Studenten unter Druck. In Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen werden Fälle antisemitischer Diskriminierung bekannt. Zuletzt wurde in Istanbul eine israelisch-türkische Staatsbürgerin von antiisraelischen Aktivisten bedrängt und als Terroristin beschimpft.

Diese Ereignisse unterscheiden sich in ihrem konkreten Ablauf und müssen jeweils einzeln beurteilt werden. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass Menschen wegen ihrer jüdischen oder israelischen Identität zur Zielscheibe werden.

Der Hinweis auf den Krieg im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen erklärt nicht, weshalb jemand eine Synagoge bedroht. Die Kritik an israelischen Militäroperationen erklärt nicht, weshalb ein jüdischer Student beschimpft wird. Und die Ablehnung der israelischen Regierung erklärt nicht, weshalb jüdische Einrichtungen mit zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen geschützt werden müssen.

Antisemitismus hat eine jahrhundertelange Geschichte. Er existierte lange vor der Staatsgründung Israels und lange vor dem gegenwärtigen Nahostkonflikt. Wer heute behauptet, die Feindseligkeit gegenüber Juden sei vor allem eine Folge israelischer Politik, übersieht diese historische Kontinuität.

Israels Sicherheit darf nicht vom Wohlwollen seiner Gegner abhängen

Die INSS-Studie beschreibt einen deutlichen Rückgang der Zustimmung zu Israel in westlichen Gesellschaften. Nach einer Erhebung des Pew Research Center vom Frühjahr 2026 haben 60 Prozent der befragten amerikanischen Erwachsenen eine negative Meinung über Israel. Unter jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren liegt dieser Anteil bei etwa 75 Prozent.

Eine negative Meinung über einen Staat ist für sich genommen kein Antisemitismus. Bürger dürfen Regierungen kritisieren, militärische Entscheidungen ablehnen und politische Veränderungen fordern. Auch Israel ist davon nicht ausgenommen.

Entscheidend ist jedoch, welche Vorstellungen hinter einer solchen Ablehnung stehen und welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Kritik an einer konkreten Regierungspolitik ist etwas anderes als die grundsätzliche Ablehnung des jüdischen Staates. Wer Israel andere Rechte zugesteht als vergleichbaren Staaten, seine Existenz grundsätzlich infrage stellt oder Juden weltweit für israelische Entscheidungen verantwortlich macht, bewegt sich nicht mehr innerhalb gewöhnlicher außenpolitischer Kritik.

Dabei wird häufig ein wesentlicher Teil der israelischen Realität ausgeblendet. Israel befindet sich seit Jahrzehnten in einer Sicherheitslage, die mit der Situation der meisten westlichen Demokratien kaum vergleichbar ist.

Die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen hat am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen rund 1.200 Menschen ermordet und zahlreiche Geiseln verschleppt. Die Terrororganisation führte ein Massaker an Zivilisten durch, überfiel Wohnorte und griff Menschen an, die keinerlei Verantwortung für politische oder militärische Entscheidungen trugen.

Die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen hat über Jahrzehnte ein umfangreiches Raketenarsenal aufgebaut und Israel wiederholt angegriffen. Das iranische Regime unterstützt bewaffnete Organisationen, entwickelt ballistische Raketen und bedroht den jüdischen Staat seit Langem. Für Israel sind solche Gefahren keine theoretischen Szenarien, sondern konkrete sicherheitspolitische Herausforderungen.

Diese Vorgeschichte muss berücksichtigt werden, wenn über israelische Militäroperationen gesprochen wird. Sie bedeutet nicht, dass jede Entscheidung der israelischen Regierung automatisch richtig oder jede militärische Maßnahme gerechtfertigt wäre. Aber sie erklärt, weshalb Israel seine Sicherheit nicht allein auf diplomatische Zusagen oder internationale Sympathie stützen kann.

Besonders problematisch wird es, wenn die Verteidigung gegen terroristische Bedrohungen selbst zum Anlass genommen wird, jüdische Menschen außerhalb Israels einzuschüchtern.

Soll Israel auf die Bekämpfung der Hamas verzichten, weil andernfalls jüdische Einrichtungen in Europa bedroht werden könnten? Soll Jerusalem iranische Raketenprogramme weniger entschlossen bekämpfen, weil sich dadurch die öffentliche Meinung in westlichen Ländern verschlechtert? Soll die israelische Regierung notwendige Sicherheitsentscheidungen davon abhängig machen, wie radikale Aktivisten an amerikanischen Universitäten reagieren?

Solche Fragen zeigen, weshalb eine direkte Verknüpfung zwischen Israels Sicherheitsentscheidungen und dem Schutz jüdischer Gemeinden im Ausland gefährlich werden kann. Die Sicherheit israelischer Bürger und der Schutz jüdischen Lebens außerhalb Israels dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Natürlich soll die israelische Regierung mit jüdischen Gemeinden im Ausland sprechen, ihre Erfahrungen berücksichtigen und ihre außenpolitischen Entscheidungen verständlich erklären. Israel und die Diaspora sind durch Geschichte, Religion, Familienbeziehungen und eine gemeinsame kulturelle Identität eng miteinander verbunden.

Daraus folgt jedoch nicht, dass Israel die Verantwortung für antisemitische Reaktionen anderer Menschen übernehmen müsste.

Die Verantwortung für einen Angriff auf eine jüdische Einrichtung liegt bei den Angreifern. Die Verantwortung für antisemitische HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen liegt bei denjenigen, die sie verbreiten. Und die Verantwortung für den Schutz jüdischer Bürger liegt bei den Staaten, in denen diese Menschen leben.

Diese einfache Zuordnung ist entscheidend, weil andernfalls Täter und Verantwortliche aus dem Blick geraten.

Auch innerhalb jüdischer Gemeinschaften gibt es unterschiedliche politische Ansichten über Israel. Manche unterstützen die israelische Regierung, andere kritisieren sie scharf. Einige befürworten eine Zweistaatenlösung, andere halten sie angesichts der Erfahrungen mit Terrorismus und gescheiterten Verhandlungen für gegenwärtig nicht realistisch.

Diese Unterschiede gehören zu einer vielfältigen jüdischen Gesellschaft. Sie berechtigen jedoch niemanden dazu, jüdische Menschen nach ihrer politischen Haltung gegenüber Israel in akzeptable und nicht akzeptable Juden einzuteilen.

Gerade an Universitäten ist eine solche Entwicklung problematisch. Wenn jüdische Studenten das Gefühl erhalten, ihre Zugehörigkeit zu einer politischen oder akademischen Gemeinschaft hänge davon ab, dass sie sich öffentlich von Israel distanzieren, entsteht eine Form der Ausgrenzung, die mit freier Meinungsbildung wenig zu tun hat.

Jüdische Identität darf nicht unter dem Vorbehalt politischer Zustimmung stehen. Niemand muss seine Verbundenheit mit Israel aufgeben, um in einer demokratischen Gesellschaft gleichberechtigt behandelt zu werden.

Die INSS-Forscher stellen zudem fest, dass jüdische Organisationen durch die gesellschaftliche Polarisierung politischen Einfluss verlieren. Auch innerhalb der Gemeinden wachsen Meinungsverschiedenheiten darüber, wie Israel unterstützt oder kritisiert werden sollte.

Das ist eine ernst zu nehmende Entwicklung. Sie sollte allerdings nicht dazu führen, die Verantwortung für die zunehmende gesellschaftliche Feindseligkeit überwiegend bei Israel zu suchen.

Denn die grundlegende Frage lautet nicht, weshalb jüdische Organisationen ihre Unterstützung für Israel schwieriger vermitteln können. Die grundlegende Frage lautet, weshalb die Unterstützung des Existenzrechts Israels in manchen gesellschaftlichen Milieus überhaupt zum Problem geworden ist.

Der jüdische Staat ist Mitglied der Vereinten Nationen, besitzt eine Bevölkerung von Millionen Menschen und hat das Recht, seine Bürger vor bewaffneten Angriffen zu schützen. Dieses Recht verliert er nicht dadurch, dass seine Regierung kritisiert wird oder internationale Mehrheiten bestimmte politische Entscheidungen ablehnen.

Wer jüdische Menschen dafür unter Druck setzt, dass sie sich mit Israel verbunden fühlen, macht aus einem außenpolitischen Streit eine Frage ihrer gesellschaftlichen Zugehörigkeit.

Genau hier zeigt sich die Bedeutung der aktuellen Untersuchung. Sie dokumentiert, dass der Konflikt um Israel längst weit über diplomatische Auseinandersetzungen hinausreicht. Jüdische Menschen werden mit Erwartungen konfrontiert, die anderen Minderheiten in vergleichbarer Form häufig nicht auferlegt werden.

Von ihnen wird verlangt, sich öffentlich zu erklären, politische Distanz zu demonstrieren oder Verantwortung für Handlungen eines Staates zu übernehmen, dessen Regierung sie möglicherweise nicht einmal unterstützen.

Diese Erwartungen sind nicht Ausdruck besonderer politischer Sensibilität. Sie können vielmehr eine Form kollektiver Zuschreibung darstellen, gegen die demokratische Gesellschaften entschieden eintreten müssen.

Besonders schwer wiegt, dass sich dieser Druck nicht nur in politischen Debatten zeigt, sondern konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben besitzt. Wenn jüdische Familien Veranstaltungen meiden, wenn Studenten ihre Identität verbergen und wenn Gemeinden große Teile ihrer Mittel für Sicherheitsmaßnahmen einsetzen müssen, hat die gesellschaftliche Entwicklung bereits eine gefährliche Richtung eingeschlagen.

Die entscheidende Verantwortung liegt deshalb bei den Regierungen und Institutionen der jeweiligen Länder. Sie müssen gewährleisten, dass jüdische Menschen ihre Religion, Kultur und Verbundenheit mit Israel ohne Angst leben können. Sie müssen antisemitische Straftaten konsequent verfolgen und verhindern, dass Einschüchterung an Universitäten, auf Straßen oder in öffentlichen Einrichtungen zur Normalität wird.

Deutschland trägt dabei aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung. Doch historische Verantwortung erschöpft sich nicht in Gedenkveranstaltungen und politischen Bekenntnissen. Sie muss sich im Schutz der Menschen zeigen, die heute wegen ihres Judentums angefeindet werden.

Der 7. Oktober 2023 hat auf erschütternde Weise gezeigt, welche Folgen antisemitische Vernichtungsfantasien haben können, wenn Terroristen die Möglichkeit erhalten, sie in die Tat umzusetzen. Dass nach diesem Massaker weltweit auch die Feindseligkeit gegenüber jüdischen Menschen zunahm, gehört zu den verstörendsten Entwicklungen der vergangenen Jahre.

Die Hamas-Terroristen ermordeten Juden, weil sie Juden waren, und weitere Menschen, weil sie sich in ihrem Machtbereich befanden. Dennoch mussten sich anschließend jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen in vielen Ländern erneut gegen Anfeindungen und Bedrohungen schützen.

Dieser Umstand sollte viel stärker im Mittelpunkt der internationalen Diskussion stehen.

Nicht Israel muss erklären, weshalb Juden in Europa sicher leben dürfen. Nicht jüdische Gemeinden müssen begründen, weshalb sie Beziehungen zu Jerusalem pflegen. Und nicht jüdische Studenten müssen ihre politische Unbedenklichkeit beweisen, bevor sie gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Die neue INSS-Studie enthält wichtige Erkenntnisse über die wachsende Unsicherheit jüdischer Menschen weltweit. Ihre Empfehlungen zur besseren Zusammenarbeit zwischen Israel und der Diaspora verdienen Aufmerksamkeit. Wo jedoch die Gefahr entsteht, antisemitische Feindseligkeit vor allem als Reaktion auf israelisches Handeln zu betrachten, ist eine klare Unterscheidung notwendig.

Politische Entscheidungen können kritisiert werden. Antisemitismus kann dadurch weder legitimiert noch entschuldigt werden.

Israel ist nicht dafür verantwortlich, dass Menschen in anderen Ländern Juden hassen. Seine Regierung trägt Verantwortung für das Handeln des israelischen Staates. Die Verantwortung für antisemitische Gewalt und Hetze tragen diejenigen, die sie ausüben und verbreiten.

Am Ende steht deshalb eine Frage, die weit über die Ergebnisse der Untersuchung hinausgeht: Was sagt es über unsere Demokratien aus, wenn jüdische Menschen wieder überlegen müssen, ob sie ihre Identität öffentlich zeigen dürfen?

Eine Gesellschaft, in der Juden ihre Herkunft aus Angst verbergen, hat kein Problem mit der Außenpolitik Israels. Sie hat ein Problem mit dem eigenen Umgang mit jüdischem Leben.

Und dieses Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass man von Israel verlangt, weniger Angriffsfläche für seine Gegner zu bieten. Es lässt sich nur lösen, indem Antisemitismus als das behandelt wird, was er ist: eine Bedrohung für jüdische Menschen und für die demokratischen Grundwerte der gesamten Gesellschaft.




Autor: Redaktion
Mittwoch, 21 Oktober 2026

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