Die Mauern der Postdemokratie

Die Mauern der Postdemokratie




von Dr. Nathan Warszawski

Eine Mauer trennt das deutsche Volk!“ Diesen Satz kennt die arbeitende Bevölkerung Deutschlands nicht mehr, höchstens deren Frührentner. Als es noch inklusionslose Volksschulen gab, wurden die Schüler von den Lehrerinnen verpflichtet, zu bestimmten Feiertagen Kerzen am Fenster anzuzünden, damit die Ossis, die damals „Zonis“ hießen, sich nicht in ihrer Verzweiflung und Unterdrückung einsam und vergessen fühlten. Es hat nicht geholfen: Nach dem Fall der Mauer sind sie trotzdem herübergekommen.

Heute hat unser Nachbar die gemeinsame Gartengrenze erneuert. Das welke Holz, an das wir uns gewöhnt haben, ist durch eine mannshohe hässliche und genveränderte Substanz ersetzt worden, das wie Plastik aussieht und auch so behandelt werden muss. In Bayern ist eine solch hohe undurchsichtige Mauer zwischen den Grundstücken verboten. In der Eifel legen Ökologen fest, was Recht ist. Wenn ich nahe genug zur Mauer rücke und dort meine Liege aufbaue, dann bin ich in der Lage eine Windkraftanlage in einem Abstand von 200 Metern und bis zu einer Höhe von 180 Metern zu übersehen. Zwar hat die demokratisch gewählte Ratsmehrheit beschlossen, keine weiteren Republik-Kraft-Türme zu bauen. Doch auch in der Eifel siegt die menschliche Gier über die transzendentale Moral.

Menschen brauchen eine Religion. Religionen erfordern Symbole und heilige Taten. Wenn Menschen den Glauben verlieren, wenden sie sich einer gottfreien Religion zu, in der der Mensch sein Schicksal in die Hand nimmt und seine Zukunft selber bestimmt. Marxisten, Klimawahr- und Vorhersager und andere Fundamentalisten kennen die Zukunft für die nächsten tausend Jahre. Der vernunftbegabte und demütige Mensch weiß, dass die Zukunft nicht vorherbestimmt werden kann.

Der Fall der Berliner Mauer ist Symbol und heilige Tat der gottfreien Religion. Die Deutschen des Ostens werden frei, ihre persönliche Wahrheit zu tun und zu denken. Viele unterdrückte Bürger in Mittel- und Osteuropa erfahren durch den Mauerfall einen verstärkenden Schub, ihre Tyrannen zu stürzen. Die freie Welt in Form von NATO und EU weitet sich nach Osten aus. Immer mehr Staaten verschreiben sich der Demokratie. Die Deutschen, plötzlich nur von Freunden, genauer: von Verbündeten umgeben, glauben an das Ende der Geschichte und aller Kriege. Sie rüsten ab, zerschlagen ihre bürgerliche Armee und werben allein erziehende Mütter mit Kita-Plätzen für den Militärdienst an. Heute wissen wir, dass der messianische Traum nicht der Wirklichkeit entspricht. Es wird noch Jahre dauern, bis wir es uns eingestehen.

Russland fühlt sich erstarkt und sucht seine alte Glorie zu erneuern. Ein bedeutender Krieg in Europa wird möglich. Der Westen Europas will und wird den Krieg vermeiden, indem es seine Verbündeten und seine Werte verrät. Bereits jetzt zeichnet sich innerhalb der Europäischen Union eine Absatzbewegung weg von der Demokratie. Die Frage, ob die EU überlebt, rückt in den Hintergrund. Das Zeitalter, welches Europa betritt, ist die Postdemokratie, wie auch immer künftige Historiker sie rufen mögen.

Die Mauer ist ein starkes und heiliges Symbol der gottfreien Postdemokratie. Wie in George Orwells „Farm der Tiere“ blöken die Schafe: „Mauer ist schlecht, keine Mauer ist gut!“ Da wagt es der unbedeutende Judenstaat, ohne Vorwarnung mitten in seinem Hoheitsgebiet eine Mauer aufzustellen, die Araber an ihrer freien Beweglichkeit hindert. Die Juden behaupten zwar, sie wollen arabische Terroristen daran hindern, Juden zu morden. Doch Fakt für die Europäer bleibt, dass Araber unter der Bewegungseinschränkung leiden. Arabische Freiheit ist in nicht nur in der Postdemokratie ein höherer Wert als jüdisches Leben.

Die Postdemokraten greifen Israel an. Sie würden gerne den Judenstaat vernichten. Doch neue Probleme verlangen nach Priorität. Innerarabische Kriege im Nahen Osten und Religions- und Stammeskriege in Afrika lösen eine Flüchtlingswelle in einem bisher unbekannten Ausmaß aus. Durch trickreiche Verträge mit seinen EU-Partnern und mit Hilfe des Europäischen Parlaments erreicht Deutschland, dass die Flüchtlinge in Griechenland, in Italien und in Spanien hängen bleiben. Trotzdem erreichen immer mehr Fliehende Deutschland.

Um der Flut der notleidenden Menschen Herr zu werden, bauen die Europäern an ihren Außengrenzen in Nordafrika und zur Türkei hin hohe Mauern, die mit rostfreiem Stacheldraht bewehrt sind. Der rostfreie Draht soll fieberhafte Entzündungen verhindern. Lange Zeit können die Mauern den Blicken der wegschauenden Europäern entzogen werden. Doch irgendwann kommt die Stunde der Wahrheit: Die Schafe wollen keine Mauer.

Wir brauchen die Stacheldraht geschmückte Mauer, sagen die wahren Europäer, um uns vor den Einwanderer zu schützen. Wir sind nicht besser als die Juden. Wir folgen ihrem Beispiel. Orwells Schafe sind unzufrieden. Doch bald stellen sie sich auf ihre Hinterbeine und blöken das neue Lied: „Judenmauer ist schlecht, Europa-Mauer ist besser!“

Die Mauer in Israel schützt die Bevölkerung von Attentaten. Befürchten die postdemokratischen Europäer, dass Flüchtlinge aus Asien und Afrika, die nach Europa des besseren Lebens wegen streben, Terror in Europa verbreiten werden? Nein! Die Europäer hängen an ihrem Reichtum, sie wollen ihn nicht teilen. Die Juden hängen an ihrem Leben, sie können es nicht teilen.

 

Numeri 24 : 9 - Foto: Nicht mehr da: Mauer in Berlin (Foto: von A.Unnewehr (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons)

 

Dr. Nathan Warszawski bei haOlam.de (Auswahl):

 


Autor: fischerde
Bild Quelle:


Dienstag, 27 Mai 2014