Antisemitismus in der französischen Gegenwart – vom French Carmel aus betrachtet.

Antisemitismus in der französischen Gegenwart – vom French Carmel aus betrachtet.




von Carolin Mothes

Während ein Teil Europas zur Wahlurne ging, hat ein anderer deutlich gemacht was er von europäischen Werten hält: der antisemitische Anschlag in Brüssel folgte auf schauderhafte Attentate, die in den letzten Jahren in Frankreich passierten und häufig eine Verbindung zu radikal islamischen wie antizionistischen Ansichten hatten.

Haifa in der Woche nach der Europawahl. Zum Mittag saß ich mit meiner Kollegin Dana* auf der Sonnenterasse unweit unseres Büros an der geographischen Spitze des French Carmel. Wir plauderten über dies und jenes, da sie gerade von einem zwei wöchigen Aufenthalt in Südamerika zurück gekommen war, gab es einiges auszutauschen. Das intensivste Thema waren jedoch die Geschehnissen des vergangenen Wochenende in Europa. Sie zieht aus ihnen Bestätigung für einen bereits gefassten Entschluss. Sie wird in einem Monat Israel verlassen und gemeinsam mit ihrem Partner nach Großbritannien ziehen. Wenn die beiden in einigen Wochen in Europa sein werden, wird sie es vermeiden zu bemerken, dass sie jüdisch ist und er wird mit seinem zweiten Pass, mit seiner französischen Staatsbürgerschaft anstatt als Israeli auftreten. Beide wollen keine Angst haben müssen, als Jüdin, als Israeli – in Europa.

Mit dieser Angst sind sie zwar noch weit von Europa entfernt, aber bei weitem nicht alleine. Die Zahl der Jüdinnen und Juden in Frankreich, die aus Angst um ihre Sicherheit an Auswanderung (nach Israel) denken stieg in den letzten Jahren stark an. Vielleicht kann man nach dem Attentat eines radikalen Muslims aus Frankreich auf das jüdische Museum in Brüssel und der mit Schlagring besetzten Prügelattacke auf zwei aus einer Synagoge kommenden Männer in Paris am selben Tag am letzten Wochenende, den 24. Mai 2014, nicht mehr davon sprechen, dass die Umfrage zur Situation der jüdischen Gemeinde in Frankreich aktuell ist. Denn erst vor gut zwei Wochen hatte die Befragung durch die Organisation der sephardischen Jüdinnen und Juden in Frankreich „Siona“, ergeben, dass es 74,2% der jüdischen Gemeinden in Betracht ziehen auszuwandern. Als Begründung gaben 29,9% Antisemitismus an und weitere 24% den Wunsch ihre jüdische Identität aufrecht erhalten zu können. Der Rest findet schlicht Gefallen an anderen Ländern oder hat ökonomische Beweggründe. In der gesamten Studie, die von Mitte April bis Mitte Mai durchgeführt wurde, stellt Siona fest, dass 95,2% die Situation des Antisemitismus in Frankreich als „besorgniserregend“ bis „sehr besorgniserregend“ eingeschätzt haben. Etwas mehr als die Hälfte, 57,5%, sehen keine Zukunft für Jüdinnen und Juden in Land (1).

Diese Stimmungsabfrage korreliert mit einer deutlichen Migrationsbewegung oder dem „Exodus aus Frankreich“ wie die Frankfurter Rundschau es bezeichnet (2): Nach Angabe der Jewish Agency hat sich die Anzahl der von Frankreich nach Israel ausgewanderten Jüdinnen und Juden von Januar bis März 2014 im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht. Waren es 2013 noch 353, wurden in diesem Jahr allein bereits 1407 Auswanderinnen und Auswanderer bestätigt. Insgesamt haben im Jahr 2013 etwa 3280 Personen ihre französische Heimat verlassen, 2012 waren es noch 1907 (3). Mit Blick auf die verschiedenen Vorfälle der letzten Jahre, die antisemitisch motiviert waren, lässt einen das fast mit einer niederschmetternden Geste des „zum Glück“ zurück. Zum Glück sind sie zum Notwendigen bereit, denn offenkundig sind Jüdinnen und Juden ihrer körperlichen Unversehrtheit, geschweige denn ihres jüdischen Lebens in Frankreich schlicht nicht mehr sicher.

Antisemitismus in Frankreich: eine Amalgambildung.

In vierzig Prozent der erfassten Fälle sogenannter „gewaltsamer Hasskriminalität“ waren Jüdinnen oder Juden das Ziel, so Roger Cukierman, der Präsident der CRIF, der Dachverband aller jüdischen Organisationen in Frankreich (4). Dabei ergänzen sich einzelne Elemente des klassischen und des islamischen im Antisemitismus der französischen Gegenwart. Anhand einer Auswahl erschaudernder Beispiele und einem Blick auf ihrer Hintergründe lässt sich das nachzeichnen.

Ilan Halimi: von „Barbaren“ gepeinigt.
Die brutale Entführung und Ermordung des jüdischen Handyverkäufers Ilan Halimi aus Paris im Januar 2006 bedeutete einen Wendepunkt in der antisemitischen Krise, die bereits im vollen Gange war. Er wurde von einer französisch-iranischen Frau in eines der Banlieues von Paris gelockt, wo ihn eine Bande von wenigstens 16 muslimischen Männern entführte, die sich selbst als die „Gang der Barbaren“ bezeichneten. Sie ließen ihn für 24 Tage in einem Keller hungern und verstümmelten ihn mit Messerstichen und glühenden Zigaretten. Er wurde nackt ausgezogen, mit entflammbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet. Freundinnen und Nachbaren kamen der Bande als Wache zu Hilfe, beteiligten sich an den Folterungen oder kamen als Schaulustige in den Keller. Niemand informierte die Behörden. Als man Halimi in einem Pariser Vorort fand, war er nackt und in Handschellen gefesselt. Ihm fehlten ein Ohr und ein Zeh. Mit Säure wurde sein Körper verätzt, was die Spuren verwischen sollte. Er erlag im Krankenwagen seinen Verletzungen.

 

Als Reaktion auf die Ermordung von Ilan Halimi sel. A. demonstrieren in Paris Tausende gegen Antisemitismus. Foto: von Olivier Lévy (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

 

Acht Jahre später widmet sich der Film „24 jours“ („24 Tage“) diesem Fall. Interessant ist, dass in einer Besprechung der „jungle world“ vom 15. Mai 2014 (5) nur ein Aspekt der antisemitischen Motivation aufgegriffen wird. Der Autor Bernhard Schmid verweist zurecht auf die Auswahl des Opfers. Zuvor hatte die „Gang der Barbaren“ bereits versucht nicht-jüdische weiße und schwarze Franzosen als Geiseln zu nehmen, um Lösegeld zu erpressen. Die Auswahl eines Juden als Geisel erläutert der Anführer der „Barbaren“ in Telefonaten mit der Familie des Entführten: da Juden bekanntermaßen gut mit Geld könnten, raffinierte Schlitzohren seien und schon irgendwie an Geld kämen oder wenigstens finanzielle Unterstützung in der Familie suchen könnten, weil Juden ja immer zusammen hielten, fiel die Wahl auf den Juden Ilan Halimi. Außerdem verschickte er „ein Forderungsschreiben an einen beliebig ausgewählten Rabbiner“ (Schmid). Dies erfasst ein Element der antisemitischen Motivation, das Tjark Kunstreich in einem zeitnahen Artikel mit einem recht treffenden Zitat des damaligen französischen Innenministers Nicolas Sarkozy ergänzt: „Die Gangster waren gierig nach Geld – und sie waren der Überzeugung, dass ›Juden Geld haben‹, und dass, selbst wenn die Opfer selbst kein Geld hätten, die Familie und die jüdische Gemeinschaft zusammenhalten würden. Das nennt sich Antisemitismus durch Amalgambildung“ (6).

Was Bernhard Schmid weder in diesem Artikel noch in seinem Beitrag vom 7. Mai 2009 (7) oder dem vom 1. März 2006 (8) bemerkt ist, dass der Anführer der Bande, Youssouf Fofana, ein selbst erklärter Antisemit ivorischer Herkunft, im Gerichtsprozess das „Weltjudentum“ verantwortlich macht. Noch weitaus relevanter scheint mir aber anderer Aspekt, einer der erst jetzt in der Gegenwart der Attentate zeitnah zur Europawahl 2014 präsenter wird: die Hausdurchsuchungen bei Mitgliedern der „Gang der Barbaren“ brachte eine ansehnliche Ausstattung mit radikal islamischer Literatur zu Tage (9). Im Gegensatz zu Schmid hat Kunstreich bereits im März 2006 das angedeutet was im Antisemitismus im Frankreich der Gegenwart also eine tragende Rolle spielt: Der „´Antisemitismus als Amalgambildung´ ist eben nicht die merkwürdige Vermischung von Vorurteilen – das Amalgam ist die Islamisierung der Vorstädte“ (10).
Antisemitismus in der europäischen Gegenwart ist komplexer, aber nicht weniger gefährlich geworden. Es mischen sich Motive. Nicht nur die klassischen Stereotype bestimmen das Bild, sondern eben auch der Einfluss radikal islamischer Bewegungen sowie antizionistischer und palästinensischer Propanga und Projektionen auf den Staat Israel, die insbesondere im sog. „Westen“ nicht selten Anschluss findet an sich als aufgeklärt, reflektiert verstehende Akademikerinnen und Akademiker. Die „Nazijägerin“ Beate Klarsfeld spielte schon kurz nach dem Öffentlichwerden der grausamen Tat an Ilan Halimi nicht ohne gesellschaftlichspolitische Einbettung mit dem Gedanken, dass „der Bandenchef, sicherlich einer [ist], der die Hamas unterstützen und Israel als Kolonialmacht bezeichnen würde“ (11).

Toulouse: ein Wendepunkt.

Im Jahr 2013 sagte Ariel Kandel, der Vorsitzende der Jewish Agency in Frankreich, dass er heute versteht, dass „das was mit Halimi passierte kein isolierter Akt war, sondern ein Teil von weitaus Ernsterem und wie ernst, das haben wir jetzt in Toulouse gesehen“ (12).
In der südfranzösischen Stadt wurden am 19. März 2012 in der jüdischen Schule Ozar Hotarah ein Rabbi sowie drei Kleinkinder erschossen (13). Der 23jährige radikale Muslim Mohammad Merah französisch-algerischer Herkunft, attackierte die jüdische Schule um „Rache für palästinensische Kinder“ zunehmen (14).
Auch in diesem Fall wird das Attentat in der jungle world von Bernhard Schmid kommentiert. Dieses Mal wird er nicht auf das antisemitische Heldensyndrom des Täters eingehen oder es überhaupt erwähnen, aber man muss sagen, immerhin bemüht er sich zu bemerken, dass Mohammed Merah einiges unternommen hat ein astreiner Jihadist zu werden (15).
Hatte man im antideutschen Wochenblatt also wenigstens den Hauch einer Ahnung der Motivation des Täters erwittert und grobschlächtigt verarbeitet, wird in den hohen Rängen der EU die Welt weiterhin verdreht gesehen. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton erdreistet sich in einem Kommentar zum Attentat in Toulouse statt Anteilnahme ihre politische Persepktive einzuflechten. Bei einem Treffen mit palästinensischen Jugendlichen in Brüssel äußerte sie sich derartig: „Wenn wir daran denken, was heute in Toulouse passiert ist, erinnern wir uns daran, was letztes Jahr in Norwegen passiert ist, wir wissen was momentan in Syrien passiert und wir sehen, was in Gaza und an anderen Orten passiert, wir denken an junge Menschen und Kinder, die ihr Leben verloren haben“ (16). So schafft es die Chefdiplomatin Europas in nur einem Satz gleichzeitig den Opfern sowie Hinterbliebenen rhetorisch ins Gesicht zu spucken und dem Täter in seiner Motivation beizupflichten – man muss ja auch an die Kinder in Gaza denken, wenn man sich jüdischen Kindern widmet.
Nach angebrachter öffentlicher Aufregung bekam sie Unterstützung von den Geistern die sie rief: der hochrangige Repräsentant der Hamas, Izzat al-Rishq, rief auf seiner Facebook-Page dazu auf, sich bei ihr zu bedanken, dafür, dass sie trotz dem vorauszusehenen Aufruhr die Kinder von Gaza erwähnte: „Ashtons Erklärung ist Anerkennung und Unterstützung wert, wenn man die Versuche Israels in Betracht zieht, sie unter Druck zu setzen“ (17). Gleichzeitig veröffentlich die EU eine veränderte Version der Rede Ashtons, in der nun neben Gaza auch Sderot erwähnt wird. Den Nobelpreis für Literatur wird die EU mit derartigen, wenn auch in Europa beliebten Relativitätskonstrukten nicht ergattern. Aber für dieses Ressort hat man ja auch Günter Grass im Herzen Europas zu hause.

Post-Toulose: Antizionismus, der Antisemitismus der für Interpretationen offen ist.

Wenige Monate später, im Juli 2012, wurde ein 17jähriger Schüler der Toulouser Ozar Hotarah Schule in einem Zug zwischen Toulouse und Lyon zunächst verbal aber dann auch physisch attackiert. Er trug „religiös eindeutige Symbole“, kommentierte der französische Innenminister (18). Nur kurze Zeit nach diesen antisemitischen Vorfällen in Toulouse veröffentlich die „Anti Defimation League“ eine Umfrage, die zeigt, dass ein Drittel der Befragten aus 10 europäischen Ländern „bösartige antisemitische Überzeugungen“ haben (19). Dabei wird auch dokumentiert, dass 45% der Befragten in Frankreich die Gewalt gegen europäische Jüdinnen und Juden eher mit antisemitischen als mit anti-israelischen Ansichten verbinden – diese Zahl nahm zu, von 39% in Jahr 2009.

Ein Jahr später zeigte der Bericht der „Sicherheitseinheit der Jüdischen Gemeinden Frankreich“ (SPCJ), dass im Jahr 2012 614 antisemitische Taten dokumentiert wurden. Im Vergleich: 2011 waren es 389. Das ist ein Anstieg um 58% (20). Vorfälle in denen die Opfer physisch or verbal auf offener Straße belästigt wurden stiegen um 82% von 177 im Jahr 2011 auf 315 im Jahr 2012 an. Die physischen Attacken haben sich von 57 im Jahr 2011 auf 96 im jahr 2012 fast verdoppelt. Bei einem Viertel der 96 physischen Angriffe war eine Waffe involviert. Für das Jahr 2012 konnte das SPCJ leider auch zwei „Hochsaisons“ ausmachen: in den 10 Tagen die auf das Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse folgten wurden 90 Vorfälle vermerkt. Nach dem Bombenattentat auf einen koscheren Supermarkt in Sardelles am 6. Oktober 2012 wurden 28 Vorfälle in den darauf folgenden acht Tagen vermerkt.

Noch nicht mit hineingerechnet in die Statistik ist ein Trend, der Ende 2012 vom Comedian Dieudonné M´bala M´bala ins Leben gerufen wurde. Die sogenannte „quenelle“-Geste wurde von ihm in einem zunächst unpolitischen Bühnenprogramm als eine andere Geste des „Stinkefingers“ kreiiert. 2009 gibt er sich und seine Geste für ein Wahlplakat einer „anti-zionistischen Liste“ zur Europawahl her (21). Er wollte damit ausdrücken: „schiebt euch den Zionismus in den Hintern“ (22). Auch hat Dieudonné M´bala M´bala wiederholt in seinen Shows über den 2006 ermorderten Ilan Halimi gescherzt und öffentlich gefordert, dass einer der Täter Youssouf Fofana frei gelassen wird. Seine idiotischen Aussagen, Interpretationen der Geste, Verschwörungstheorien und enge Freundschaft zu Extremrechten, die ihren eigenen Rassismus gegenüber Kameruner dank dessen Antizionimus hinten anstellen (23), hin oder her: der quenelle-Gruß wird mittlerweile über die Grenzen Frankreichs hinaus genutzt, um vor Orten des jüdischen Leidens damit zu posieren und auf „eigentlich“ gegen die französische Regierung protestierenden Demonstrationen gemeinsam mit Rufen wie „Juden raus aus Frankreich“ und „die Gaskammern waren Fake“ dargeboten.

Wahlplakat der „Liste Antisioniste“ mit quenelle-Gruß
source: http://www.israelogie.de/2013/frankreich-neue-antisemitische-geste-auf-dem-vormarsch/

 

 

Im Februar 2014 fand in Toulouse eine Demonstration gegen „Antisemitismus und andere Formen des Rassismus“ statt. Nicht nur dass Antisemitismus mit dem fast pathologisch folgenden Nebensatz „und andere Formen des Rassismus“ als eine Sonderform von Rassismus deklariert wird und somit anti-rassistisch Organisierte häufig dem wirklich sehr kurzen Kurzschluss anheim fallen, dass sie nicht antisemitisch sein oder agieren könnten. Nein, dem theoretischen Unterbau nicht genug. Bei dieser konkreten Demonstration, die an das Attentat an die jüdische Schule erinnern sollte, wurde skandiert, dass die Vertreterinnen und Vertretern jüdischer Organisationen wie dem bereits erwähnten CRIF, sowie die in einem Atemzug assoziierten „Faschisten und Zionisten“ abhauen sollten. Es wurde also Jüdinnen und Juden von einer Demonstration ausgeschlossen, die sich gegen Antisemitismus richten wollte (24).

 

 Demonstrant in Brüssel, dt: „Zionisten, Faschisten! Ihr seid Terroristen!“, 11.01.2009

 

 Im März dieses Jahres wird ein religiöser Jude von arabischen Männern in der Pariser Metro geschlagen. Die vier Angreifer drücken den Juden zu Boden, strangulieren ihn und schlagen ihm ins Gesicht, während sie ihm sagen, „du hast kein Land“ (25).

Vor zwei Wochen wurden an verschiedenen Stellen in Toulouse Graffiti mit Aussagen wie „SS“, „Hitler hat 6 Millionen Juden verbrannt und hat die Hälfte vergessen“ und „Lang lebe Palästina“ gesprüht (26).

Am vergangenen Wochenende erlebte Europa nun sein vorerst letztes Highlight in der Negation demokratischer Werte. Nicht nur dass am 25. Mai die Europawahlen mit einigen Sitzen für antisemitische, rechtsextreme, gar neo-nazistische Parteien wie der Jobbik (Ungarn), der „goldenen Morgenröte“ (Griechenland), der NPD (Deutschland) und dem Front National (Frankreich) bestückt wurde. Am Tag zuvor ging ein mit einer AK-47 bewaffneter Mann in das Jüdisches Museum von Belgien in Brüssel und erschoss vier Menschen. Darunter ein israelisches Ehepaar, ein Angestellter und eine Französin, die aus Angst vor dem Antisemitismus in Frankreich nach Belgien ging und freiwillig im Museum arbeitete (27).
Der Täter flüchtete, konnte später in Marseilles bei einer ´Routinekontrolle´ aufgegriffen werden. Ein Franzose namens Medhi Nemmouche, der frisch aus dem syrischen Bürgerkrieg zurück kam, in dem er für ISIL, „Islamic State of Iraq and the Levant“, kämpfte (28).

Post-Brüssel: Tote Juden machen noch keinen Antisemitismus.

Jetzt, Anfang Juni, blicke ich auf die deutsche Öffentlichkeit und stelle ohne Überraschung fest, dass man zu diesem Thema eher spärlich eine Auseinandersetzung sehen kann. Eine der häufigsten Bildunterschriften ist „Ein antisemitischer Hintergrund wird vermutet“. Der Schweizer Professor für Islamische Studien der Gegenwart an der Universität Oxford Tariq Ramadan übt sich sogar in Spekulationen, ob die belgischen Behörden nicht einer Verschwörung anheim fallen: es handele sich hierbei nicht um einen antisemitische Attacke, sondern das ermordete israelische Ehepaar sei viel mehr israelische Agenten gewesen sein (29). In solchen Inszenierungen hat er im Übrigen Übung: bereits nach dem Anschlag in Toulouse verteidigte er den Attentäter Merah, der nichts mit Antisemitismus oder Rassismus am Hute gehabt habe, sonern jediglich Symbole attackiert habe, nämlcihe „die Armee und Juden“ (29a). Im Fall Brüssel verurteilt dagegen selbst die Türkei diesen Vorfall (vorsichtig) als antisemitisch (30). Der tschechische Präsident Milos Zeman scheint der Einzige auf dem europäischen Parkett zu sein, der die brisante Problemlage anerkennt. So hat er bereits am 1. Juni – und noch vor Bekanntwerden der Aktivitäten des Täters in Syrien – noch weiter geht und islamistische Ideologie für den Anschlag in Brüssel verantwortlich macht (31).

Ist all das ein Produkt des deutschen oder europäischen Diskurses zu Formen der Diskriminierung und der Arbeit dagegen? Alle Formen der identitätsbezogenen Menschenverachtung in einer Reihe zu nennen, zu sagen „Antisemitismus und andere Formen des Rassismus“ oder „und andere Formen der Diskriminierung“, verkennt die einzelnen Elemente und Schwierigkeit der jeweiligen Form? Relativiert es vielleicht sogar das Gefühl der Bedrohung der einzelnen Betroffenen?

Ich erinnere mich an eine Tagung zum Thema Antisemitismus und Nahostkonflikt in Nürnberg im September 2013 auf der durchweg von verschiedenen, gleichwertigen Narrativen und unterschiedlichen, vielen Wahrheiten gesprochen wurde. Micha Brumlik äußerte in seinem Vortrag auf dieser Tagung sogar, dass das Narrativ der Nakba in deutschen Schulen genauso erzählt werden soll wie das der Shoah. Ist das das diskursive Beet in dem eine unklare Form, eine unförmige Gestalt der Toleranz gewachsen ist? Ist es das, was gemeint ist mit „verschobenen Diskursrahmen“? Verschoben hin zu etwas, dass radikalen Muslim(inn)en das Gefühl gibt, dass ihre Ansichten auf eine gesellschaftliche Akzeptanz oder wenigstens geringen, uneffektiven Widerstand treffen?

Mir ist es unangenehm diesen Vergleich aufzumachen, nicht weil es wie das Ziehen des letzten rhetorischen Strohhalms ist, sondern weil ihm auch immer etwas von Relativierung beiwohnt. Dennoch: wären Ilan Halimi oder die Jüdinnen und Juden in Toulouse und Brüssel von einer Person mit, nunja, „klassischen“ rechtsextremen Ansichten, gepeinigt worden, die Anerkennung des Problems würde sich anders gestalten. Sie würde an die Debatte um den Rechtsruck in Europa gehängt und nach Ursachen, Problemen und Lösungsansätzen gefragt. Vollkommen zurecht. In diesen Fällen, in denen der Täter oder die Täterinnen aber einem islamisch geprägten Faschismus an den Tag gelegt haben, blieb die Welle der Forderungen oder wenigstens der Empörung aus. Stattdessen tauchen alternative Deutungsweisen wie die von Tariq Ramadan auf, wird antisemitische Motivation bezweifelt, werden aus Syrien zurückkehrenden Jihadisten abstrakt als Problem für Europa nicht als konkretes Problem für eine spezifische Gruppe verstanden – ist das was mit verschiedenen Wahrheiten oder Narrativen gemeint ist?

93% der von „Siona“ befragten Jüdinnen und Juden in Frankreich gaben an, dass der französische Staat keine effizienten Möglichkeiten hat, dem „islamischen Sogstrukturen und pro-palästinensischer Propaganda“ etwas entgegen zu setzen während 93,4% der Meinung sind, dass die französischen Massenmedien zum Teil für das Problem des Antisemitismus in Frankreich verantwortlich sind“ (32).
An dieser Überlegung muss weiter gedacht werden. Denn es ist nicht zuletzt besorgniserregend wie offen Paris Vertreter des islamischen Antisemitismus empfängt. Bei einer großen Islamkonferenz äußerte der prominente Schweizer Iman Hani Ramadan vor einem tausendköpfigen Publikum, dass „alles Böse in der Welt von den Juden und der zionistischen Barbarei erzeugt wird“ (33). Ganz recht, Hani ist ein Bruder vom bereits erwähnten Professor Tariq Ramadan.

Während also die Hälfte der Französinnen und Franzosen Gewalt gegenüber europäischen Jüdinnen und Juden zunehmend eher mit antisemitischen als mit anti-israelischen Ansichten verbindet, verkennen sie wie für islamische Topgelehrte wie für öffentlichkeitswirksame Komiker diese Verbindung überhaupt nicht zur Debatte steht. Wie ganz natürlich konstruieren und perpetuieren sie ein Bild der Jüdinnen und Juden, des Staates Israel und des Zionismus als das „Böse“. Eingekleidet in islamische und antizionistische Rhetorik – beides entfernt von jeglicher Realität.

 

Demonstration in Frankreich, 10.01.2009 (Foto: Flickr)
source: https://www.flickr.com/photos/souwar/3186169018

 

Dieser nonchalante Status quo des Antisemitismus ist es auch, der Absurditäten wie radikal islamische Mörder als französische Ehrenbürger hervorbringen lässt. Der Stadtrat von Bagnolet, östlich von Paris, hat den Libanesen Georges Ibrahim Abdallah im Dezember 2013 zum Ehrenbürger erkoren und ihn als „kommunistischen Aktivisten“, einen „politischen Gefangenen“ bezeichnet, der zur „Widerstandsbewegung seines Landes“ gehöre. Abdallah hat in der Tat die terroristische Gruppe „Lebanese Armed Revolutionary Faction“ (LARF) gegründet, die aus dem Zusammenbruch der „Popular Front for the Liberation of Palestine-External Operations“ (PFLP-EO) hervorging. Er wurde 1984 gefangen genommen und 1987 von einem französischen Gericht zu lebenslänglicher Haft wegen seiner Mittäterschaft bei der Ermordung von Diplomaten aus den USA und Israel im Jahr 1982 verurteilt (34).

Knapp zwei Wochen nach Brüssel bietet Christian Böhme im Berliner Tagesspiegel Anlass zur Hoffnung, dass dieser Anschlag nicht ohne adäquate Anerkennung in das Narrativ der verschiedenen Wahrheiten eingeht: „Dass der „Gotteskrieger“ Nemmouche das Feuer in einem jüdischen Museum eröffnete, war kein Zufall. Wer eine derartige Einrichtung mit einer Kalaschnikow betritt und sofort um sich schießt, will ein Zeichen setzen: Die Juden sind mein Feind, sind der Feind aller „Gläubigen“. Und der Franzose wird gehofft haben, dass seine mörderische Botschaft ankommt. Alles an den Haaren herbeigezogen? Wohl kaum. Judenfeindschaft gepaart mit Hass auf Israel ist fester Bestandteil des militanten Islamismus.

Wie überhaupt Antisemitismus unter Muslimen weiter verbreitet ist, als manch einer wahrhaben will. Anderes zu behaupten, zeugte bestenfalls von Unkenntnis oder einem großen Willen, zu verdrängen. Der alltägliche Antisemitismus äußert sich zwar glücklicherweise selten in Gewalt, brutal bleibt er trotzdem. Es ist überfällig, dies ohne ideologische Scheuklappen zur Kenntnis zu nehmen und einzuschreiten, wo immer sich diese Art der Judenfeindschaft zeigt – auch auf dem Schulhof.“ (35)

Antisemitismus als Warnung an Europa.

In Kürze werde ich selbst Eretz Israel verlassen. Wer einmal in diesem Land war wird verstehen, dass ich viele verschiedene Erfahrungen und Gedanken mit zurück bringe. Unter dem Eindruck der vergangenen Wochen, mit distanziertem Blick auf Europa, werde ich nicht zuletzt hoffen, dass Europa sich die israelische Kultur des Miteinanders aneignet. Trotz des Lebens ohne dauerhaften Frieden, hat sich eine Gesellschaft entwickelt, die sich der Herausforderung des Zusammenlebens verschiedenster Menschen gestellt hat – oder stellen musste. Und es funktioniert. Nicht geradlinig, nicht einfach, aber es funktioniert. Vielleicht weil diese Gesellschaft zuforderst auf ´Dialog´ denn auf ´Vergleich´ setzt. Wie in jedem anderen Staat ist nicht alles perfekt – traurig, dass man das immer wieder sagen muss, weil man den allgemeinen Israelkritiker und seine Verwandten schon im Ohr hat. Aber das Miteinander ist von Dialog geprägt. Von einer Form des Zusammenlebens welches das Gegenüber bei sich lässt und respektiert, mit der Voraussetzung des vice versa, mit dem man Gemeinsames sucht, Interessen, Persönlichkeiten, Mentalitäten und auch Probleme teilt.
Der Antisemitismus in Europa, freilich nicht nur der in Frankreich, ist eine Herausforderung für Europa. An dessen Umgang sich die europäischen Werte in der Praxis messen lassen (36).

Wenn der Kontinent sein Projekt Europa ernst nimmt kann er nicht ignorieren, dass es weiterhin antisemitische Tendenzen und lebensbedrohliche Entwicklungen gibt, die zwar Schock aber kaum noch Überraschung auslösen. Von diesem traurigen Status quo muss sich Europa entfernen, wenn es nicht am eigenen Anspruch und dem Anspruch der Menschlichkeit zerbrechen will.

 

Verweise:

* Name von der Autorin geändert
(1) http://www.jpost.com/Jewish-World/Jewish-News/Poll-Three-out-of-four-French-Jews-mull-leaving-France-352779
(2) http://www.fr-online.de/politik/frankreich-exodus-aus-frankreich,1472596,27237342.html
(3) http://www.timesofisrael.com/74-of-french-jews-mulling-emigration-poll-shows/#ixzz33II57B8p
(4) http://www.timesofisrael.com/for-jews-its-not-so-pleasant-living-in-france/
(5) http://jungle-world.com/artikel/2014/20/49879.html
(6) http://jungle-world.com/artikel/2006/09/16984.html
(7) http://jungle-world.com/artikel/2009/19/34443.html
(8) http://jungle-world.com/artikel/2006/09/16980.html
(9) http://online.wsj.com/news/articles/SB114064452021880485?mg=reno64-wsj&url=http%3A%2F%2Fonline.wsj.com%2Farticle%2FSB114064452021880485.html
(10) http://jungle-world.com/artikel/2006/09/16984.html
(11) http://jungle-world.com/artikel/2006/09/16983.html
(12) http://www.timesofisrael.com/halimi-movie-portrays-turning-point-in-french-anti-semitism/
(13) http://www.timesofisrael.com/four-reported-killed-at-jewish-school-in-france/#ixzz33QSPDveA
(14) http://news.sky.com/story/4606/siege-of-french-gunman-into-second-day
(15) http://jungle-world.com/artikel/2012/13/45134.html
(16) http://www.welt.de/politik/ausland/article13932088/Ashton-vergleicht-Opfer-von-Toulouse-mit-Gaza-Toten.html
(17) http://www.timesofisrael.com/hamas-official-ashtons-comments-on-children-are-worthy/#ixzz33fF6QFuL
(18) http://www.timesofisrael.com/yeshiva-student-attacked-on-french-train/#ixzz33QJlH8uA
(19) http://www.timesofisrael.com/study-reveals-rising-anti-semitism-in-europe/#ixzz33QQxHyst
(20) http://www.timesofisrael.com/study-finds-sharp-rise-in-anti-semitic-attacks-in-france/#ixzz33QOTiIUf
(21) frz Original: http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2013/12/30/01016-20131230ARTFIG00404-d-o-vient-la-quenelle-de-dieudonne.php
(22) frz Original http://www.lejdd.fr/Politique/Actualite/Dieudonne-tient-sa-liste-38643
(23) http://jungle-world.com/artikel/2014/01/49073.html
(24) http://www.timesofisrael.com/jews-told-to-get-lost-at-toulouse-anti-racism-rally/#ixzz33Q4kn8M8
(25) http://www.timesofisrael.com/arab-men-beat-religious-jew-in-paris-train/#ixzz33INGN8F7
(26) http://antisemitism.org.il/article/87348/antisemitic-graffiti
(27) http://www.haaretz.com/jewish-world/jewish-world-news/1.595509
(28) http://www.timesofisrael.com/france-was-warned-in-advance-about-brussels-killer/
(29) http://forward.com/articles/199177/brussels-may-be-lying-about-museum-shootings-profe/#ixzz33DCGI8tJ
(29a) http://www.dailykos.com/story/2012/03/29/1078903/-White-Washing-Anti-Semitism-after-the-Toulouse-Attacks
(30) http://www.timesofisrael.com/turkey-denounces-brussels-jewish-museum-attack/
(31) http://www.timesofisrael.com/czech-president-radical-islam-behind-brussels-attack/
(32) http://www.jpost.com/Jewish-World/Jewish-News/Poll-Three-out-of-four-French-Jews-mull-leaving-France-352779
(33) http://www.timesofisrael.com/major-islam-conference-said-mired-by-anti-semitism/#ixzz33IMAqQXE
(34) http://www.timesofisrael.com/french-town-honors-killer-of-us-israeli-diplomats/#ixzz33gl94LjR
(35) http://www.tagesspiegel.de/meinung/anschlag-in-bruessel-gotteskrieger-stellen-auch-fuer-europa-eine-grosse-gefahr-dar/9986932.html
(36)
http://blogs.timesofisrael.com/the-antisemitism-in-europe-is-a-warning-to-europeans-themselves/#ixzz33KBzNVXZ

 

 

Carolin Mothes, lebt derzeit in Haifa, sonst in Berlin. Arbeitet als Bloggerin, Referentin und Trainerin in der Erwachsenenbildung zu demokratischer Alltagskultur, gegen Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und für Frauenrechte. / Foto: Antisemitisches Schild in einem französischen Geschäft während der deutschen Okkupation (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-S59096 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons)

 

Carolin Mothes bei haOlam.de:

 

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Autor: fischerde
Bild Quelle:


Montag, 16 Juni 2014






Komplexes Thema gut komprimiert und anschaulich dargestellt. Chapeau!

Wilhelm der I.