Fatah ist die wichtigste Kraft in PLO und Autonomiebehörde. Ihre Geschichte führt von bewaffnetem Kampf über Oslo bis zur heutigen Krise der palästinensischen Führung.
Fatah ist eine palästinensische nationalistische Bewegung und Partei. Ihr arabischer Name geht auf Harakat al Tahrir al Watani al Filastini zurück, also Palästinensische Nationale Befreiungsbewegung. Die Organisation wurde Ende der 1950er Jahre von Jassir Arafat, Khalil al Wazir, auch Abu Jihad genannt, und weiteren palästinensischen Aktivisten gegründet. Britannica beschreibt Fatah als politische und militärische Organisation palästinensischer Araber, die in ihrer frühen Phase auf Guerillakrieg setzte und später eine zentrale Rolle im Oslo-Prozess spielte.
Fatah ist nicht identisch mit der PLO und nicht identisch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis entscheidend. Die PLO ist die Dachorganisation der palästinensischen Nationalbewegung. Fatah ist die stärkste und historisch prägendste Fraktion innerhalb der PLO. Die Palästinensische Autonomiebehörde entstand erst nach den Oslo-Abkommen der 1990er Jahre als Verwaltungsstruktur für Teile der palästinensischen Gebiete. In der Praxis überschneiden sich diese Machtkreise jedoch stark: Fatah dominiert die PLO, prägt die Autonomiebehörde und stellte mit Jassir Arafat und Mahmud Abbas die wichtigsten palästinensischen Führungsfiguren der vergangenen Jahrzehnte. ECFR beschreibt Fatah als säkular-nationalistische Organisation, die bis heute von Mahmud Abbas geführt wird, und nennt sie zugleich die größte und dominierende Kraft innerhalb der PLO.
Die Fatah steht für einen zentralen Widerspruch der palästinensischen Politik. Sie war lange eine Bewegung des bewaffneten Kampfes gegen Israel, wurde später aber zum wichtigsten palästinensischen Verhandlungspartner im Oslo-Prozess. Sie trug zur Entstehung der Palästinensischen Autonomiebehörde bei, verlor jedoch mit der Zeit an Glaubwürdigkeit, demokratischer Legitimation und politischer Energie. Heute ist Fatah für viele Beobachter weniger eine lebendige Befreiungsbewegung als eine alte Machtpartei, die Verwaltung, Sicherheitsapparate und Patronagenetze kontrolliert, aber kaum noch eine überzeugende Zukunftsstrategie bietet.
Gründung und frühe Ausrichtung
Fatah entstand in einer Zeit, in der das palästinensische Nationalbewusstsein politisch immer stärker wurde. Die Bewegung wurde nicht erst nach dem Sechstagekrieg von 1967 gegründet, sondern bereits Ende der 1950er Jahre. Das ist wichtig, weil Israel damals Judäa und Samaria, Ostjerusalem und den Gazastreifen noch nicht kontrollierte. Judäa und Samaria standen unter jordanischer Kontrolle, der Gazastreifen unter ägyptischer Kontrolle. Fatah richtete sich in ihrer frühen Ideologie also nicht nur gegen die israelische Kontrolle über die später sogenannten besetzten Gebiete, sondern gegen Israel als Ergebnis des Krieges von 1948 und als jüdischen Staat.
Die frühe Fatah setzte auf bewaffneten Kampf. Sie verstand Gewalt als Mittel nationaler Befreiung und präsentierte sich als eigenständige palästinensische Kraft, nicht nur als Werkzeug arabischer Staaten. Das unterschied sie von älteren arabischen Strukturen, in denen die palästinensische Frage häufig von Kairo, Amman, Damaskus oder anderen Hauptstädten aus gelenkt wurde. Fatah wollte die Palästinenser selbst zum handelnden politischen Subjekt machen.
Diese Selbstermächtigung hatte jedoch von Anfang an eine dunkle Seite. Der bewaffnete Kampf richtete sich nicht nur gegen Soldaten. Palästinensische Gruppen aus dem Umfeld der PLO und ihrer Fraktionen waren über Jahrzehnte mit Anschlägen, Entführungen und Gewalt gegen Zivilisten verbunden. Fatah selbst entwickelte sich zwar später stärker in Richtung Diplomatie, doch ihre Geschichte bleibt ohne diese Phase nicht verständlich.
Fatah und die PLO
1969 wurde Jassir Arafat, der Führer der Fatah, Vorsitzender der PLO. Damit verschob sich das Machtzentrum der palästinensischen Nationalbewegung. Die PLO, 1964 gegründet, wurde unter Arafat stärker von Fatah geprägt. Fatah blieb dabei nicht einfach eine Partei unter mehreren, sondern wurde zur tragenden Säule der PLO. Ihre Kader, Netzwerke und Loyalitäten bestimmten über Jahrzehnte die palästinensische Politik.
Diese Dominanz hatte Folgen. Fatah konnte nach außen als pragmatischere Kraft auftreten als radikalere Gruppen wie die Volksfront zur Befreiung Palästinas oder später die Hamas. Zugleich bedeutete ihre Vorherrschaft, dass PLO, Fatah und palästinensische Verwaltung in der öffentlichen Wahrnehmung oft miteinander verschmolzen. Das ist bis heute ein Problem, weil Verantwortlichkeiten unklar werden. Wer entscheidet wirklich? Die PLO? Die Fatah? Die Autonomiebehörde? Mahmud Abbas persönlich? Diese Vermischung ist kein Nebenthema, sondern Teil der politischen Krise.
Fatah gewann internationale Bedeutung, weil sie den palästinensischen Nationalanspruch in Diplomatie übersetzte. Sie blieb aber lange mit der Vorstellung verbunden, Israel durch Kampf und Druck zu überwinden. Der Wandel hin zur Anerkennung Israels war nicht geradlinig, sondern Ergebnis militärischer Niederlagen, internationaler Veränderungen, arabischer Interessen, innerpalästinensischer Rivalitäten und wachsender Erschöpfung.
Oslo und der Übergang zur Autonomiebehörde
Der Oslo-Prozess machte Fatah zur zentralen politischen Kraft der neuen palästinensischen Selbstverwaltung. Am 13. September 1993 wurde in Washington die Grundsatzerklärung über vorläufige Selbstverwaltungsregelungen unterzeichnet. Die PLO erkannte Israels Recht an, in Frieden zu existieren, und sagte dem Terrorismus ab. Israel erkannte die PLO als Vertreterin der Palästinenser an. Das US-Außenministerium beschreibt Oslo als den Moment, in dem Israel die PLO als Vertreterin der Palästinenser akzeptierte und die PLO Terrorismus abschwor sowie Israels Existenzrecht anerkannte.
Für Fatah war Oslo ein historischer Aufstieg. Aus einer Bewegung des Exils wurde eine Machtorganisation mit Behörden, Sicherheitskräften, Ministerien, Posten und Geldströmen in den palästinensischen Gebieten. Arafat kehrte zurück und wurde zum Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Fatah bestimmte Verwaltung, Sicherheitsapparate und politische Kultur der neuen Ordnung.
Für Israel war dieser Schritt mit erheblichen Risiken verbunden. Der Gedanke hinter Oslo war, dass die palästinensische Führung Verantwortung übernimmt, Terror eindämmt, Institutionen aufbaut und schrittweise eine Verhandlungslösung ermöglicht. Die entscheidende Frage lautete jedoch von Anfang an, ob Fatah und PLO bereit und fähig waren, den bewaffneten Kampf nicht nur taktisch zurückzustellen, sondern politisch endgültig hinter sich zu lassen. Genau an dieser Frage zerbrach bei vielen Israelis später das Vertrauen.
Die Zweite Intifada und der Vertrauensbruch
Die Zweite Intifada ab 2000 traf Israel mit einer Welle schwerer Gewalt. Selbstmordanschläge, Schießereien, Bombenanschläge und Angriffe auf Zivilisten zerstörten bei vielen Israelis die Hoffnung, Oslo habe eine neue Zeit begonnen. Die Gewalt traf Busse, Cafés, Restaurants, Hotels, Straßen und Einkaufszentren. Für israelische Familien war das keine diplomatische Krise, sondern Alltag aus Angst, Beerdigungen und der Frage, ob der nächste Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen tödlich enden könnte.
Fatah war in dieser Zeit politisch und moralisch tief belastet. Aus ihrem Umfeld entstanden bewaffnete Gruppen wie die Al Aqsa Märtyrerbrigaden, die während der Zweiten Intifada Anschläge verübten. Auch wenn Fatah nicht einfach mit jeder einzelnen bewaffneten Struktur gleichgesetzt werden kann, gehört diese Nähe zur Geschichte der Bewegung. Für Israel verfestigte sich der Eindruck, dass die palästinensische Führung entweder nicht willens oder nicht fähig war, Terror wirksam zu unterbinden.
Nach Arafats Tod 2004 übernahm Mahmud Abbas die Führung. Er galt international als gemäßigter als Arafat und sprach sich wiederholt gegen bewaffnete Intifada-Strategien aus. Doch auch unter Abbas blieb die politische Wirklichkeit widersprüchlich: Sicherheitskoordination mit Israel auf der einen Seite, innenpolitische Hetze, Märtyrerverehrung, Korruptionsvorwürfe und fehlende demokratische Erneuerung auf der anderen Seite.
Fatah gegen Hamas
Der wichtigste Einschnitt für Fatah nach Oslo war der Aufstieg der Hamas. Die Hamas ist islamistisch, lehnt Israel grundsätzlich ab und ist als Terrororganisation verantwortlich für schwere Angriffe auf israelische Zivilisten. 2006 gewann sie die palästinensischen Parlamentswahlen. 2007 übernahm sie gewaltsam die Kontrolle über den Gazastreifen. Seitdem ist die palästinensische Politik faktisch geteilt: Fatah dominiert die Palästinensische Autonomiebehörde in Teilen von Judäa und Samaria, Hamas herrscht in Gaza.
Diese Spaltung hat die palästinensische Nationalbewegung schwer beschädigt. Fatah beansprucht weiter, die staatstragende Kraft eines künftigen Palästina zu sein, kontrolliert aber Gaza nicht. Hamas behauptet, Widerstand zu verkörpern, hat Gaza jedoch in ein Machtgebiet verwandelt, aus dem Terror, Raketenangriffe, Tunnelkrieg und der Angriff vom 7. Oktober 2023 hervorgingen. Für Israel ist diese Spaltung ein Kernproblem jeder politischen Lösung. Selbst wenn Fatah oder die Autonomiebehörde Abkommen schließen, bleibt offen, ob sie diese im Gazastreifen überhaupt durchsetzen könnten.
Fatah und Hamas haben wiederholt Einigungsabkommen angekündigt. In der Praxis scheiterten diese Versuche immer wieder an Machtfragen, Sicherheitsapparaten, Ideologie, Geld, Kontrolle über Gaza und dem Verhältnis zu Israel. Damit bleibt die palästinensische Politik in zwei Machtblöcke geteilt, die beide für sich beanspruchen, für die Palästinenser zu sprechen, aber beide keine erneuerte demokratische Legitimation für das ganze palästinensische Volk besitzen.
Die heutige Fatah unter Mahmud Abbas
Mahmud Abbas prägt Fatah, PLO und Palästinensische Autonomiebehörde seit vielen Jahren. Er wurde 2005 zum Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde gewählt. Reguläre neue Präsidentschaftswahlen fanden seither nicht statt. Das ist eines der größten Legitimationsprobleme der palästinensischen Führung. Eine Bewegung, die einst nationale Befreiung versprach, wirkt heute auf viele Palästinenser wie ein geschlossenes politisches System aus alten Funktionären, Sicherheitsapparaten, Familiennetzwerken und inneren Rivalitäten.
Fatah leidet unter Überalterung, Korruptionserwartungen, Nachfolgestreit und wachsender Distanz zur eigenen Bevölkerung. Jüngere Palästinenser sehen in ihr oft keine glaubwürdige politische Kraft mehr. Viele werfen ihr vor, zwar die Autonomiebehörde zu kontrollieren, aber keine klare Strategie gegen Besatzung, Gewalt, wirtschaftliche Not, Korruption und die Spaltung mit der Hamas zu haben. Aus israelischer Sicht wiederum bleibt Fatah trotz aller Schwächen ein weniger gefährlicher Akteur als die Hamas, aber kein verlässlicher Garant für Frieden.
Die Nachfolge von Abbas ist eine der großen offenen Fragen. Namen wie Hussein al Sheikh, Marwan Barghouti, Mohammed Dahlan und andere werden immer wieder genannt. Jeder dieser Namen steht für andere Netzwerke, Hoffnungen und Risiken. Barghouti genießt in Teilen der palästinensischen Bevölkerung hohes Ansehen, sitzt aber wegen seiner Rolle während der Zweiten Intifada in Israel in Haft. Hussein al Sheikh gilt als Mann der bestehenden Machtstruktur. Dahlan hat eigene Netzwerke, ist aber innerhalb der offiziellen Fatah-Strukturen hoch umstritten. Diese ungelöste Nachfolgefrage zeigt, wie fragil die politische Ordnung hinter der Fassade staatlicher Institutionen ist.
Unterschied zwischen Fatah, PLO und Autonomiebehörde
Für ein Lexikon ist die klare Trennung besonders wichtig. Fatah ist eine Bewegung und Partei. Die PLO ist die Dachorganisation der palästinensischen Nationalbewegung. Die Palästinensische Autonomiebehörde ist eine Verwaltungsstruktur, die aus dem Oslo-Prozess entstand. Fatah dominiert beide, ist aber nicht mit ihnen identisch.
Diese Unterscheidung hilft, politische Aussagen genauer zu verstehen. Wenn Mahmud Abbas spricht, kann er als Vorsitzender der Fatah, als Vorsitzender der PLO oder als Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde auftreten. Diese Rollen überschneiden sich, sind aber formal verschieden. Gerade diese Ämterballung ist ein Grund, warum die palästinensische Politik so schwer durchschaubar und so wenig erneuert wirkt.
Für Israel zählt am Ende weniger die formale Bezeichnung als die praktische Frage: Wer kontrolliert Sicherheitskräfte? Wer verhindert Terror? Wer stoppt Hetze? Wer kann Abkommen umsetzen? Wer spricht verbindlich für Judäa und Samaria, Gaza und die Diaspora? Fatah kann auf viele dieser Fragen keine überzeugende Antwort mehr geben.
Einordnung für Israel
Aus israelischer Sicht ist Fatah ein schwieriger, aber zentraler Akteur. Sie ist nicht Hamas. Sie verfolgt keine islamistische Herrschaftsideologie wie Hamas und Islamischer Dschihad. Sie ist in internationale Diplomatie eingebunden und war über die PLO Teil der gegenseitigen Anerkennung mit Israel. Zugleich ist ihre Geschichte mit bewaffnetem Kampf, Terror, Verherrlichung von Tätern und politischer Doppelzüngigkeit verbunden.
Israel hat mit Fatah-geprägten Sicherheitsstrukturen immer wieder zusammengearbeitet, besonders in Judäa und Samaria. Diese Sicherheitskoordination hat Anschläge verhindert und Stabilität geschaffen. Gleichzeitig bleibt sie in der palästinensischen Öffentlichkeit unpopulär und wird von Gegnern der Fatah als Zusammenarbeit mit Israel angegriffen. Fatah steht damit zwischen internationalem Erwartungsdruck, eigener Bevölkerung, innerer Schwäche, Rivalität mit Hamas und der Notwendigkeit, nicht völlig die Kontrolle zu verlieren.
Gerade deshalb kann Fatah nicht romantisiert werden. Sie ist weder eine reine Friedenspartei noch eine Terrororganisation wie Hamas. Sie ist eine alte nationalistische Machtbewegung mit Gewaltgeschichte, diplomatischer Rolle, institutioneller Dominanz und tiefer Krise. Ihre Zukunft wird mitentscheiden, ob es irgendwann eine palästinensische Führung geben kann, die nicht nur internationale Anerkennung sucht, sondern auch Verantwortung übernimmt.