Neturei Karta wirkt auf Demonstrationen größer, als sie ist. Die antizionistische Gruppe zählt nur wenige Tausend Anhänger, aktiv sind offenbar weit weniger.
Was ist Neturei Karta?
Neturei Karta ist eine kleine ultraorthodoxe jüdische Gruppe, die den Staat Israel aus religiösen Gründen ablehnt. Der Name stammt aus dem Aramäischen und wird meist mit „Wächter der Stadt“ übersetzt. Die Gruppe entstand Ende der 1930er Jahre in Jerusalem und vertritt die Ansicht, jüdische Staatlichkeit dürfe erst mit dem Kommen des Messias entstehen.
Entscheidend ist ihre geringe Größe. Neturei Karta spricht nicht für „die Juden“, nicht für „die Orthodoxen“ und auch nicht für die Mehrheit der ultraorthodoxen Juden. Je nach Quelle ist von etwa 5.000 Anhängern die Rede. Noch wichtiger: Die Anti-Defamation League schätzt, dass weniger als 100 Mitglieder der Gemeinschaft aktiv an antiisraelischem Aktivismus teilnehmen. Genau diese kleine Zahl wird in der öffentlichen Darstellung oft völlig verzerrt.
Warum die Gruppe so sichtbar ist
Neturei Karta ist medial auffällig, weil ihre Mitglieder bei antiisraelischen Demonstrationen in traditioneller ultraorthodoxer Kleidung auftreten. Auf Fotos und Videos erzeugt das eine starke Wirkung. Israelgegner nutzen diese Bilder gern, um zu behaupten: „Sogar Juden sind gegen Israel.“ Das ist irreführend.
Eine winzige Randgruppe wird dadurch zur scheinbaren jüdischen Autorität aufgeblasen. Die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse im Judentum verschwinden. Die jüdische Welt ist vielfältig, aber Neturei Karta steht nicht für sie. Auch viele ultraorthodoxe Juden lehnen die Auftritte der Gruppe ab oder haben mit ihr nichts zu tun.
Religiöser Antizionismus
Neturei Karta lehnt Israel nicht vor allem aus palästinensischer Solidarität ab, sondern aus einer eigenen religiösen Deutung. Nach ihrer Auffassung ist ein jüdischer Staat vor dem messianischen Zeitalter religiös unzulässig. Daraus folgt eine grundsätzliche Ablehnung des Zionismus und des Staates Israel.
Diese Position unterscheidet sich von anderer ultraorthodoxer Israelkritik. Viele haredische Gruppen sind nicht klassisch zionistisch, leben aber in Israel, wählen, betreiben Schulen, nutzen staatliche Strukturen oder arbeiten politisch mit dem Staat. Neturei Karta geht deutlich weiter und stellt Israels Legitimität grundsätzlich infrage.
Politische Instrumentalisierung
Problematisch ist vor allem die Instrumentalisierung der Gruppe. Neturei-Karta-Mitglieder werden auf antiisraelischen Demonstrationen, in sozialen Medien und in Propagandabildern vorgeführt, um Israelhass jüdisch erscheinen zu lassen. Dadurch entsteht der falsche Eindruck, die Ablehnung Israels sei eine breite orthodox-jüdische Haltung.
Besonders schwer wiegen Kontakte und Auftritte im Umfeld extremer Israelfeinde, darunter auch iranische Veranstaltungen. Das iranische Regime bedroht Israel seit Jahrzehnten und verbreitete immer wieder Holocaustleugnung oder Holocaustverzerrung. Wenn Neturei Karta in solchen Zusammenhängen auftritt, liefert die Gruppe Gegnern Israels eine jüdische Fassade.