Palästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische Identität

Der Begriff Palästinenser bedeutete nicht immer dasselbe. Heute steht er meist für palästinensische Araber, historisch war er deutlich breiter.

Was bedeutet Palästinenser?

Der Begriff Palästinenser hat seine Bedeutung im Laufe der Geschichte deutlich verändert. Heute bezeichnet er in der Regel Angehörige einer arabischen Bevölkerungsgruppe mit eigener palästinensischer nationaler Identität. Diese heutige Bedeutung darf jedoch nicht einfach auf alle früheren Zeiten übertragen werden. Besonders während des britischen Mandats konnte „Palestinian“ allgemein einen Bewohner des Mandatsgebiets Palästina meinen. Dazu gehörten Juden, Araber, Christen und andere Gruppen.

Gerade dieser Punkt ist für eine genaue Einordnung entscheidend. Jüdische Institutionen im Mandatsgebiet verwendeten den Begriff „Palestine“ ebenfalls. Die heutige „Jerusalem Post“ erschien bis 1950 unter dem Namen „The Palestine Post“. Auch andere Einrichtungen trugen damals den Namen Palestine, ohne damit eine arabisch-palästinensische Nationalbewegung im heutigen Sinn zu meinen. Der Begriff war in dieser Zeit häufig geografisch oder verwaltungssprachlich gemeint. Er bezog sich auf das Mandatsgebiet, nicht automatisch auf eine bestimmte ethnische oder nationale Gruppe.

Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts verengte sich die politische Bedeutung zunehmend auf die arabische Bevölkerung des früheren Mandatsgebiets und auf die daraus hervorgegangene palästinensische Nationalbewegung. Wenn heute von Palästinensern gesprochen wird, sind meist palästinensische Araber im Gazastreifen, in Judäa und Samaria, in Ostjerusalem, in Israel oder in der Diaspora gemeint. Historisch sauber ist deshalb die Unterscheidung zwischen der älteren, breiteren Mandatsverwendung des Begriffs und der heutigen nationalpolitischen Bedeutung.

Arabische Bevölkerung und jüdische Kontinuität

Arabische Bevölkerung lebte seit Jahrhunderten in der Region. Diese Menschen hatten Familien, Dörfer, Städte, religiöse Zugehörigkeiten, lokale Bindungen und eine eigene Lebenswirklichkeit. Viele verstanden sich lange vor allem über Religion, Herkunftsort, Familie, regionale Zugehörigkeit oder die weitere arabische Welt. Ein moderner souveräner Staat Palästina existierte jedoch weder in osmanischer Zeit noch während des britischen Mandats.

Gleichzeitig bestand eine sehr viel ältere jüdische Verbindung zum Land. Jüdisches Leben hatte dort nie vollständig aufgehört. Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias spielten für das jüdische Volk eine besondere Rolle. Die religiöse, geschichtliche und nationale Bindung des jüdischen Volkes an das Land Israel reicht weit in die Antike zurück. Sie wurde durch Fremdherrschaft, Vertreibungen, Verfolgungen und demografische Veränderungen geschwächt, aber nicht ausgelöscht.

Seit dem späten 19. Jahrhundert verstärkte die moderne zionistische Bewegung die jüdische Rückkehr in das Land. Dazu gehörten Einwanderung, Landkauf, der Aufbau landwirtschaftlicher Siedlungen, die Wiederbelebung des Hebräischen als Alltagssprache, Bildungseinrichtungen, Selbstverwaltungsstrukturen und politische Vertretung. Wer über Palästinenser spricht, muss deshalb beides klar nebeneinander sehen: die arabische Bevölkerung der Region und die tiefe jüdische historische, religiöse und nationale Verbindung zu demselben Land.

Entstehung der modernen palästinensischen Identität

Die moderne palästinensische nationale Identität entwickelte sich vor allem im 20. Jahrhundert. Sie entstand nicht aus dem Nichts, aber sie war auch nicht identisch mit einem jahrtausendealten palästinensischen Staatswesen. Sie bildete sich unter den Bedingungen des zerfallenden Osmanischen Reiches, des britischen Mandats, der jüdischen nationalen Rückkehrbewegung, des arabischen Widerstands gegen den Zionismus und der späteren Kriege gegen Israel heraus.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet britisches Mandatsgebiet. Das Mandat wurde 1922 vom Völkerbund bestätigt und nahm Bezug auf die Balfour-Erklärung von 1917, in der Großbritannien die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk unterstützte. Diese Erklärung knüpfte an die historische Verbindung des jüdischen Volkes zum Land an. Zugleich lebten im Mandatsgebiet arabische Gemeinschaften, die jüdische Einwanderung und jüdische politische Selbstbestimmung zunehmend ablehnten.

In der Mandatszeit verschärften sich die Spannungen. Die jüdische Gemeinschaft baute Institutionen auf, die später für den Staat Israel zentral wurden. Auf arabischer Seite wuchs Widerstand gegen den Zionismus, gegen jüdische Einwanderung und gegen die Aussicht auf jüdische Staatlichkeit. Daraus entwickelte sich schrittweise ein palästinensisch-arabisches politisches Bewusstsein. Diese Entwicklung war eng mit dem Konflikt verbunden und kann nicht losgelöst von ihm erklärt werden.

Der UN-Teilungsplan von 1947 und der Krieg von 1948

1947 schlugen die Vereinten Nationen vor, das Mandatsgebiet westlich des Jordan in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Jerusalem sollte eine besondere internationale Stellung erhalten. Die jüdische Führung akzeptierte den Teilungsplan trotz schwerer Zugeständnisse. Die arabische Seite lehnte ihn ab.

Nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 griffen mehrere arabische Staaten den neuen jüdischen Staat an. Der Krieg endete mit dem Überleben Israels, aber nicht mit der Gründung eines arabisch-palästinensischen Staates. Jordanien kontrollierte danach Judäa und Samaria einschließlich Ostjerusalems. Ägypten kontrollierte den Gazastreifen. Ein souveräner palästinensischer Staat entstand auch unter dieser jordanischen und ägyptischen Kontrolle nicht.

Für viele arabische Bewohner des früheren Mandatsgebiets hatte der Krieg von 1948 schwere Folgen. Viele flohen oder wurden im Zuge des Krieges vertrieben. Diese Erfahrung wird in der palästinensischen Erinnerung als Nakba bezeichnet. Sie ist ein zentraler Bestandteil palästinensischer Identität geworden. Zugleich wurden in den folgenden Jahren Hunderttausende Juden aus arabischen und muslimisch geprägten Ländern vertrieben oder zur Flucht gezwungen. Viele fanden in Israel eine neue Heimat. Eine seriöse Einordnung muss beide Flüchtlingsgeschichten benennen, auch wenn sie unterschiedliche Ursachen, Verläufe und politische Folgen hatten.

PLO, Fatah und politische Vertretung

Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO wurde 1964 gegründet, also vor dem Sechstagekrieg von 1967. Sie verstand sich als Vertretung der Palästinenser und wurde später international als solche anerkannt. Innerhalb der PLO gewann die Fatah unter Jassir Arafat die führende Rolle. Lange war die PLO mit bewaffnetem Kampf, Terroranschlägen und der Ablehnung Israels verbunden. Erst im Rahmen des Oslo-Prozesses erkannte die PLO Israel an und trat in direkte Verhandlungen ein.

Der Sechstagekrieg von 1967 veränderte die politische Lage grundlegend. Israel übernahm die Kontrolle über den Gazastreifen, Judäa und Samaria, Ostjerusalem, die Golanhöhen und den Sinai. Seitdem stehen die palästinensischen Gebiete im Zentrum internationaler Verhandlungen und politischer Debatten. Für Palästinenser wurde 1967 zu einem weiteren zentralen Bezugspunkt ihrer nationalen Erzählung. Für Israel sind dieselben Gebiete zugleich mit Sicherheit, strategischer Tiefe, historischen Stätten und der Abwehr weiterer Angriffe verbunden.

1988 rief die PLO den Staat Palästina aus. Seit den Oslo-Abkommen der 1990er Jahre existiert die Palästinensische Autonomiebehörde, die in Teilen von Judäa und Samaria Verwaltungsaufgaben übernahm. Diese Struktur war als Übergangsregelung gedacht. Die endgültigen Streitfragen blieben ungelöst: Grenzen, Jerusalem, Flüchtlinge, Sicherheit, Siedlungen, gegenseitige Anerkennung und das Ende aller Ansprüche.

Hamas und die Spaltung der palästinensischen Politik

Ein zentraler Punkt ist die politische Spaltung der Palästinenser. Die Fatah dominiert die Palästinensische Autonomiebehörde in Teilen von Judäa und Samaria. Die Terrororganisation Hamas übernahm 2007 gewaltsam die Kontrolle über den Gazastreifen. Seitdem gibt es keine einheitliche palästinensische Führung, die zugleich demokratisch legitimiert, politisch handlungsfähig und in allen palästinensischen Gebieten durchsetzungsfähig wäre.

Diese Spaltung hat enorme Folgen. Sie schwächt die palästinensische Gesellschaft, erschwert Verhandlungen und prägt Israels Sicherheitsbewertung. Für Israel ist nicht nur die Frage entscheidend, ob Palästinenser politische Selbstbestimmung beanspruchen. Entscheidend ist auch, wer ein künftiges palästinensisches Gemeinwesen kontrollieren würde. Ein friedlicher palästinensischer Staat neben Israel wäre etwas anderes als ein Raum, der von Terrororganisationen beherrscht wird und aus dem Raketenangriffe, Tunnelkrieg, Geiselnahmen oder iranisch unterstützte Gewalt ausgehen.

Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat diese Sorge weiter verschärft. Für Israelis ist die Angst vor einem feindlichen Machtzentrum an den eigenen Grenzen keine Theorie, sondern eine konkrete Erfahrung. Zugleich bleibt es wichtig, palästinensische Zivilisten nicht pauschal mit der Hamas gleichzusetzen. Palästinenser sind Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, religiösen Prägungen, Lebenswegen und Erfahrungen. Eine genaue Sprache muss Bevölkerung, politische Führung, bewaffnete Gruppen und Terrororganisationen klar unterscheiden.

Palästinenser in Israel und in der Diaspora

Nicht alle Palästinenser leben im Gazastreifen oder in Judäa und Samaria. Viele leben in Ostjerusalem, in Israel, in Jordanien, im Libanon, in Syrien, in den Golfstaaten, in Europa, Nordamerika und Lateinamerika. Die Lebenslagen sind sehr unterschiedlich. Manche besitzen Staatsbürgerschaften ihrer Aufenthaltsländer, andere leben seit Generationen in schwierigen rechtlichen und sozialen Verhältnissen.

Besonders wichtig ist die palästinensische Flüchtlingsfrage. Das UN-Hilfswerk UNRWA behandelt palästinensische Flüchtlinge anders als viele andere Flüchtlingsgruppen im internationalen System, weil der registrierte Flüchtlingsstatus häufig an Nachkommen weitergegeben wird. Dadurch ist die Zahl der registrierten palästinensischen Flüchtlinge über Generationen stark gewachsen. Aus palästinensischer Sicht bleibt die Flüchtlingsfrage ein zentraler Bestandteil der eigenen Geschichte. Aus israelischer Sicht wäre ein umfassendes sogenanntes Rückkehrrecht für Millionen Nachkommen in das heutige Israel eine existenzielle Bedrohung für den jüdischen Charakter des Staates.

Auch arabische Bürger Israels werden in Debatten unterschiedlich bezeichnet. Manche verstehen sich als arabische Israelis, manche als palästinensische Bürger Israels, manche nutzen beide Bezeichnungen je nach Zusammenhang. Auch hier sind pauschale Formulierungen ungenau. Identität ist in diesem Bereich oft politisch, familiär, religiös und persönlich geprägt.

Begriffliche Genauigkeit

Der Begriff Palästinenser darf nicht verwendet werden, um jüdische Geschichte im Land zu verdrängen. Ebenso wenig sollte er benutzt werden, um heutigen palästinensischen Menschen ihre Identität abzusprechen. Beides wäre falsch. Die moderne palästinensische Identität ist historisch jünger als die jüdische Verbindung zum Land Israel, aber sie ist heute eine reale nationale Identität vieler Menschen.

Genaue Sprache unterscheidet deshalb mehrere Ebenen. In der Mandatszeit konnte „Palestinian“ allgemein Bewohner des Mandatsgebiets bezeichnen, auch Juden. Heute meint Palästinenser meist palästinensische Araber. Arabische Bevölkerung lebte seit Jahrhunderten in der Region. Ein souveräner Staat Palästina existierte vor 1948 jedoch nicht. Die jüdische Verbindung zum Land ist wesentlich älter und blieb auch in Zeiten von Fremdherrschaft und Vertreibung bestehen. Die heutige palästinensische Politik ist nicht einheitlich, sondern tief gespalten zwischen Fatah, Palästinensischer Autonomiebehörde, Hamas und weiteren Gruppen.

Besonders problematisch wird der Begriff dort, wo er gegen Israel ausgespielt wird. Wenn „Palästina“ oder „Palästinenser“ so verwendet werden, dass Israel als jüdischer Staat verschwinden soll, handelt es sich nicht mehr um eine neutrale Selbstbeschreibung. Dann wird eine nationale Identität zur politischen Waffe gegen das Existenzrecht Israels. Umgekehrt ist es ebenfalls falsch, aus berechtigter Kritik an palästinensischer Politik oder an Terrororganisationen eine pauschale Abwertung palästinensischer Menschen abzuleiten.

Quellen

  1. https://www.britannica.com/topic/Palestinian britannica.com/topic/Palestinian
  2. https://www.britannica.com/topic/Palestine-Liberation-Organization britannica.com/topic/Palestine-Liberation-Organization
  3. https://www.britannica.com/place/Palestine britannica.com/place/Palestine
  4. https://www.britannica.com/event/Balfour-Declaration britannica.com/event/Balfour-Declaration
  5. https://www.un.org/unispal/history/ un.org/unispal/history/
  6. https://digitallibrary.un.org/record/829707 digitallibrary.un.org/record/829707
  7. https://history.state.gov/milestones/1993-2000/oslo history.state.gov/milestones/1993-2000/oslo
  8. https://www.un.org/unispal/document/auto-insert-185434/ un.org/unispal/document/auto-insert-185434/
  9. https://www.cia.gov/the-world-factbook/countries/west-bank/ cia.gov/the-world-factbook/countries/west-bank/
  10. https://www.cia.gov/the-world-factbook/countries/gaza-strip/ cia.gov/the-world-factbook/countries/gaza-strip/
  11. https://www.jpost.com/about-us jpost.com/about-us

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